Vier Uhr morgens. Es ist dunkel und still.
Ich liege auf der weinroten Recamière im Wohnzimmer und begleite Nina Sergejewna (eine Übersetzerin) auf ihren Spaziergängen durch den tief verschneiten Wald, den es in der Nähe des Sanatoriums für sowjetische Künstler gibt, wo sie ihren Urlaub verbringt. Das Sanatorium liegt etliche Bahnstunden von Moskau entfernt in einer abgelegenen, ländlichen Gegend. Februar 1949.
Sie hat ein Zimmer für sich allein, angenehm groß und geheizt. Sie muss nicht – wie in der Gemeinschaftswohnung in Moskau – dreimal am Tag den Schreibtisch in einen Esstisch verwandeln. Keine keifenden Weiber reißen sie aus der Konzentration. Im Gegensatz zum Leben in Moskau, wo ein chronischer Mangel am Notwendigen herrscht, fehlt es im Sanatorium an nichts. Sie kann sich ganz auf die eigenen Gedanken konzentrieren, das Buch schreiben, das man gerade liest. Weiterlesen
Allgemein
Die Reise nach Niederbipp
Was tut man an einem 11. November?
Man geht zum Bahnhof, löst eine Fahrkarte und steigt in den Zug. In Niederbipp steigt man wieder aus und inspiziert als erstes den Bahnhof-Kiosk.
Denn dieser Kiosk ist die Nabe der vier Amreiner-Romane von Gerhard Meier, ohne dass er darin je erwähnt würde. Hingegen kommt er in Das dunkle Fest des Lebens ausführlich zur Sprache, in den Gesprächen, die Werner Morlang mit dem Schriftsteller geführt hatte. Weiterlesen
Das Museum der Leere
Kanazawa liegt im Westen von Japan, ungefähr auf der Höhe von Tokio und drei Bahnstunden nördlich von Kyoto. Wir fuhren durch weite Reisfelder und bewaldete Berge, der Meeresküste entlang, durch kleine Städte und Dörfer. Die Bauernhäuser hatten blaue Dächer.
Kanazawa besteht aus einem alten Teil mit traditionellen dunklen Holzhäusern und einem neuen aus Beton, Glas und Stahl, der das alte Viertel wie ein riesiger Ring umschließt.
Es ist der Geburtsort des japanischen Gelehrten Daisetz Teitaro Suzuki. Die Popularität des Zens im Westen geht im Wesentlichen auf ihn zurück. Weiterlesen
Monets Garten
Gibt es etwas Phantasieloseres, als Monets Garten und Haus in Giverny zu besuchen, Magnet ganzer Touristenhorden? Und dann die Seerosen, mein Gott, wer kann sie noch sehen? Monet ist doch passé, was die Kunst angeht. Der Impressionismus perfekt, um an den Auktionen Höchstpreise zu erzielen. Trotzdem sind wir hingegangen. Trotzdem hat es sich gelohnt. Trotzdem war es ein Erlebnis. Weiterlesen
Scheiß-Ubu
An einem Novemberabend saßen wir im Atelier von Marc. Er wohnte an der Gibraltarstraße in einem alten abbruchreifen Haus. Mit seinem blonden Haar und der Brille sah er wie eine jugendliche Ausgabe von Andy Warhol aus.
In einer Ecke stand ein gusseiserner Ofen. Ungeheizt. Marc fragte uns ein paar Mal, ob er Feuer machen solle. Rainer und ich verneinten jedes Mal. Obwohl ich meinem Wintermantel nicht ablegt hatte, fror ich schrecklich. Weiterlesen
Bücherdiebstahl
Das Büro des Verlagsleiters lag im zweiten Stock eines bürgerlichen Hauses im Enge-Quartier von Zürich. Herr Classen, ein älterer Herr in Anzug und mit Fliege, war von kultivierter Vornehmheit, ein Schlag Buchhändler, der mittlerweile ausgestorben ist. Sein Sohn, der die Verlagsauslieferung leitete, in der ich für ein paar Wochen arbeitete, war das exakte Gegenteil von ihm. Sein Äußeres schien ihn wenig zu kümmern: Jeans, zerknittertes Hemd, aber exquisit-elegante Schuhe. Seine Interessen galten Comics, Phantasy und Esoterik, damit ging er auf Handelsreisen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich eines Tages zum alten Classen hinauf ins Büro musste. Meine Augen streiften über die hohen Buchregale, die es da gab, wie über eine unerhörte Gebirgslandschaft. Die Nervenwaage las ich auf einem Buchrücken. Es war wie ein Elektroschock. Nach diesem Buch suchte ich schon eine ganze Weile. Weiterlesen
Vom wahren Arbeiten
In jenem Herbst arbeitete ich in einer Fabrik, die chemische Produkte für die Baubranche herstellte. Ich war Ende September völlig abgebrannt aus Portugal zurückgekehrt und hatte dringend einen Job nötig.
Es war heiß und lärmig in der riesigen Halle, die Luft voller Teerdämpfe. Weiterlesen
Lebe schnell, sterbe jung
Wir kamen an einem sonnigen Nachmittag nach Swansea.
Die Stadtmitte sah so aus, als hätte sie ihren Platz mit der Peripherie vertauscht: Reizlose Betonklötze, Shopping-Malls und ein Busparkplatz so groß wie ein Fußballfeld mit gelben Karos darauf.
Ich habe mir diese „windzerfahrene Stadt“ viel mehr von gestern vorgestellt, lange schattige Häuserzeilen aus dem 19. Jahrhundert, die sich den Hang hochwinden, altes Kopfsteinpflaster, dunkle Pubs und Läden, in denen Sachen angeboten werden, die anderenorts schon vor zwanzig Jahren aus den Regalen verschwunden sind.
Im 2. Weltkrieg war das Zentrum von den Deutschen zerbombt worden, in den neunziger Jahren folgte der Niedergang der Eisen- und Kohleindustrie. Damit war das Schicksal des Hafens besiegelt. Weiterlesen
Einer auf der Durchreise
Neulich war ich an einer literarischen Veranstaltung. Ich gehe selten zu solchen Anlässen.
Bei Lesungen sitzt der Autor in der Regel vorne an einem Tisch, auf dem eine Wasserkaraffe und ein Glas steht. Von Zeit zu Zeit nimmt der Autor einen Schluck Wasser aus dem Glas, dann liest er weiter. Vor ihm sitzen die Zuhörer, wie Kirchenmäuse artig und still aufgereiht. Auf dem Trockenen, selbstverständlich.
Dieses Mal war es anders. Weiterlesen
Unter den Passatwinden
Nach dem Frühstück fuhren wir los, über die Hochebene westlich von Lannion. Richtung Morlaix. Eine Weile führte die Straße der Küste entlang, die grüne Wasseroberfläche war vom Regen grau schraffiert. Bei Sainte-Sève zweigten wir auf die D785 ab, ins Landesinnere, nach Huelgoat. Eine schmale Landstraße. Felder und Wiesen abgesoffen im Nebel und Regen. Düstere Granithäuser. Die Wälder bestanden aus Laub und Feuchtigkeit.
Wir waren unterwegs zum Grab eines der frühen Vertreter intellektueller Vagabunden, in dessen Adern mehr als nur drei Tropfen heidnisches Blut floss. Passatwinde, Meeresengen und Gebirgspässe waren sein Lebensinhalt. Weiterlesen
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