Die Reise nach Niederbipp

Was tut man an einem 11. November?
Man geht zum Bahnhof, löst eine Fahrkarte und steigt in den Zug. In Niederbipp steigt man wieder aus und inspiziert als erstes den Bahnhof-Kiosk.
Denn dieser Kiosk ist die Nabe der vier Amreiner-Romane von Gerhard Meier, ohne dass er darin je erwähnt würde. Hingegen kommt er in Das dunkle Fest des Lebens ausführlich zur Sprache, in den Gesprächen, die Werner Morlang mit dem Schriftsteller geführt hatte.
Während Gerhard Meier zu Hause an seinen Gedichten und Romanen saß, arbeitete Dorli, seine Frau, am Kiosk, verkaufte Zeitungen, Heftchen, Zigaretten und Kaugummi. Sie brachte das Geld heim, weil er meinte, dieser brotlosen Sache namens Literatur nachlaufen zu müssen. Einer Literatur, von der man wusste, dass sie nicht die Bestsellerlisten hinauf stürmen würde. Am Mittag ging er mit Brötchen und Tupperware zum Bahnhof. Sie aßen zusammen in dem engen Raum. Am Abend, ermüdet von der Schreibarbeit, ging er wieder zum Bahnhof und half Dorli beim Schließen des Kioskes. Er schob die Ständer mit den Zeitungen und Postkarten in den engen Raum, half das Geld zählen, das manchmal nicht zu stimmen kam. Er wischte den Vorplatz sauber und kratzte die Kaugummis vom Asphalt weg, darunter welche, die Dorli verkauft hatte. „Geschieht dem Tropf recht, haben die Niederbipper wohl gedacht, warum musste er seine gute Stelle in der Lampenfabrik aufgeben“.
Der Kiosk ist geschlossen, die Rollläden für immer unten, der Bahnhof wirkt leer, vereinsamt.

Am Gerhard Meier-Weg

Es war ein warmer Tag, ein richtiger Martinisommer, als ich Niederbipp besuchte, das Dorf in der Ebene am Südfuß des Juras. Der Martinisommer ist die eigentliche Jahreszeit in Meiers Romanen.
Ich schritt den Gerhard Meier-Weg hinauf. Ich habe immer gedacht, sein Haus stünde südlich des Dorfes, dabei steht es am entgegengesetzten Ende. Es sieht struppig aus, so überwachsen mit Hecken, Büschen und Bäumen. Ich musste daran denken, dass Meier eine Vorliebe für Bäume, Sträucher und Blumen hatte, sie waren ihm soviel wie die Menschen in Amrein alias Niederbipp.
Gleich dahinter steht die Lampenfabrik, aus der Meier 1971 hinauskomplementiert worden war, als er fragte, ob er sein Arbeitspensum reduzieren könnte, um mehr Zeit fürs Schreiben zu haben. Meier revanchierte sich – Rache wäre ein zu deftiges Wort für ihn – in seinem literarischen Schaffen wird die Lampenfabrik und seine Arbeit dort mit keinem Wort erwähnt, als ob die Fabrik nicht zu Amrein gehören würde.
Oberhalb der Fabrik sah ich eine große Matte. Ich fragte mich, ob es wohl die des Eierhändlers gewesen sein mag, die die Jauchewagen des Joachim Schwarz regelmäßig mit Gülle übersprühten, in meiner Vorstellung ebenfalls am südlichen Ende des Dorfes gelegen. Im Norden erhoben sich die herbstlich-farbigen Wälder des Juras, im Osten die Lehnfluh.

Gerhard Meiers Haus

„Ich bin ein richtiger Provinzler“, sagt der Schriftsteller Gerhard Meier im Film Das Wolkenschattenboot. Niederbipp alias Amrein ist das Zentrum seiner Welt. Hier ist er am 20. Juni 1917 zur Welt gekommen, aufgewachsen und zur Schule gegangen, nach Abbruch des Technikums in Burgdorf ist er in seinen Geburtsort zurückgekehrt. Dreiunddreißig Jahre lang hatte er in der Lampenfabrik gearbeitet, zu Beginn an der Werkbank (schweißen, spritzen, formen), später war er für Kreationen und das Technische zuständig. Auch sein Vater war aus Niederbipp, die Mutter hingegen aus Rügen. Im Gegensatz zum Sohn, war der Vater in der Fremde gewesen, als Melker auf einem Rittergut auf der Ostseeinsel. Auf dem Weißenstein, dem Hausberg von Solothurn, hatten sich Gerhard und Dorli kennengelernt. Als die drei Kinder da waren, sind sie in sein Elternhaus am Lehnweg gezogen, dem heutigen Gerhard Meier-Weg. In jungen Jahren, als er noch am Technikum in Burgdorf war, hatte er Bücher gelesen und ein bisschen geschriftstellert, all die Jahre in der Lampenfabrik nahm er kein Buch mehr zur Hand und schrieb auch nicht mehr, aus Angst, er könnte Familie und Arbeit gefährden. Mit vierundfünfzig Lungenkrankheit, Kuraufenthalt in Heiligenschwendi ob Thun. Im Sanatorium entdeckte er die Gedichte von Silja Walter. Er beginnt selber Gedichte zu schreiben, es erscheinen kleine Bändchen von ihm.
Der Mensch brauche eine Heimat, einen Ort, wo er Wurzeln schlagen könne, sagt Meier im Film, erst dieses Heimatgefühl befähige ihn zu wirklich schöpferischer Arbeit, egal ob er Schreiber, Künstler oder Bauchredner sei. Heimatliche Wurzeln seien das Wichtigste für den Menschen überhaupt. Er fände es eine Tragödie, dass so viele auf der Welt auf der Flucht seien, wahrscheinlich für immer von der Heimat abgeschnitten. Das sagt er in der russischen Eisenbahn, auf dem Rückweg von Jasnaja Poljana, Tolstois Landhaus. Ich musste an Nicolas Bouvier denken, der von sich gesagt hat, ohne seine Reisen hätte er nie eine Zeile geschrieben, an andere ruhelose Wanderer, die erst unterwegs eine schöpferische Kraft entwickelten. Ich dachte an Joseph Brodsky, dessen literarische Arbeit auch im Exil nicht versiegte, der wie Joseph Conrad in englischer Sprache schrieb, nachdem er aus der Sowjetunion ausgebürgert worden war und sich in Amerika angesiedelt hatte.
Dann sagt Gerhard Meier etwas, das ihn mit den Wanderern verwandt macht. Die besten Gedanken kämen ihm beim Gehen, aber das meiste davon nähme der Wind mit. Beim Gehen sei seine Aufmerksamkeit geschärft, der Blick forschend wach. Seine Prosa lebe von den unscheinbaren Dingen, die er unterwegs wahrnimmt, beim Gehen.

Matte des Eierhändlers

In Toteninsel, dem ersten Band der Amreiner-Romane, machen zwei ältere Herren einen Spaziergang der Aare entlang nach Olten. Sie kennen sich aus der Militärdienstzeit im Zweiten Weltkrieg, dem sogenannten Aktivdienst. Sie werden zusammen durch alle vier Bände stromern. Es ist der 11. November 1977. Martinitag. Der eine heißt Kaspar Baur. Für ihn ist die Aare ein nordamerikanischer Fluss, die Grau-, Gelb- und Orangetöne sind indianische Töne. Er halluziniert ein Kanu auf die Aare mit dem letzten Mohikaner drin, der zwei, drei Federn im Haar hat. Der andere heißt Rudolf Bindschädler. Er hört zu, was Baur ihm erzählt, beobachtet, sinniert, erinnert sich. Er fragt kaum nach, vieles scheint ihm auf Anhieb klar zu sein, was Baur daher redet. Manchmal kommt einem Bindschädler wie der Schatten von Baur vor.
So wie die Aare sich in Biegungen und Mäandern ihren Weg sucht, so geht Baurs Erzählmonolog nicht einfach in gerader Richtung, sondern macht seltsame Sprünge und Windungen, wie der Fluss nimmt er vieles an Treibgut mit. Es sind alltägliche Geschichten aus dem Dorf Amrein, von denen die Rede ist. Meier liebt Kreis- und Spiralbewegungen, in seinen Augen wird die ganze Schöpfung von Wiederholungen bestimmt. So wie die Ereignisse in einem Dorf ihren Zyklus haben, so wiederholen und variieren sich die Geschehnisse in Meiers Büchern. Man müsste einmal nachzählen, wie oft die vier oder fünf Wagen des Joachim Schwarz ausfahren, um die Matte des Eierhändlers zu jauchen. Oder wie oft Ferdinand, ein Schwager von Baur, Zellulose-Kocher von Beruf, auf seiner Harley -Davidson angefahren kommt und sagt, er lasse keinen seiner Kirschbäume mehr in die Höhe wachsen, er säge jeden oben ab.
Wer Action und Tempo erwartet, ist bei Gerhard Meier an der falschen Adresse. Es sind handlungsarme Bücher. Wobei ich nicht weiß, ob es tatsächlich Romane sind, diese frei dahinströmende Prosa voll sonderbarer Biegungen und assoziativen Strudeln. Im Gewöhnlichen und Unspektakulären erkennt Meier die eigentliche Substanz seines Schaffens, nicht in den dramatischen Momenten, die sind ihm zu extravagant. Es gibt bei ihm sehr feine alltägliche Beobachtungen, die als Aufruf an den Leser verstanden werden können, die Augen zu öffnen, zu schauen, was es zu schauen gibt und nicht einfach durch ein von Gewohnheiten blind gewordenes Leben zu trotten. Er beobachtet wie eine kleine Spinne eine Schmeißfliege, die an der Fensterscheibe klebt, einspinnt, wie diese zappelt und sich aus den Fängen zu befreien versucht und sich dabei immer mehr in den feinen Fäden der kleinen Spinne verheddert. Er sieht wie eine große Spinne die Schmeißfliege attackiert und sie schließlich zu Tode beißt.

Ich habe mich in Amrein besser zurecht gefunden als an diesem sonnigen Herbsttag in Niederbipp. Niederbipp sperrt sich gegen meine Lektüreerinnerungen, ein weitläufiges zersiedeltes Dorf. Schon zu Baurs Zeiten ist vieles abgerissen und durch neues ersetzt worden, das rote Hotel zum Beispiel, dort steht jetzt der COOP, der Pfauen etwa, aus einem Möbelladen war eine katholische Kapelle geworden. Das Räberhus gibt es noch, auch das Restaurant Bären, es hat an diesem Tag Wirtesonntag. Beim Bären startet im zweiten der vier Romane, in Borodino, der fastnächtliche Kinderumzug, den Bindschädler, Baur und Katharina (Baurs Frau) sich zusammen ansehen. Bindschädler ist in Amrein zu Besuch. Es sind mehr als zwei Jahre vergangen, seit dem Spaziergang an der Aare nach Olten, wo Baur in einem Kanu einen Indianer mit zwei, drei Federn im Haar gesehen hatte.
Von Baur erfährt man nicht, was er beruflich machte, Bindschädler war Eisenbahner. Baur erzählt. Bindschädler hört zu, beobachtet, sinniert. Sie reden auch über manches, was nichts mit Amrein und seinen Bewohnern zu tun hat: Eindrücke aus der Malerei, Architektur, Musik und Literatur kommen zur Sprache. Die Bilder von Caspar David Friedrich, zum Beispiel. Das Ausschwingen des Juras erinnert Baur an die vierte Symphonie von Dimitri Schostakowitsch. Bindschädler kommen Bilder aus Krieg und Frieden von Tolstoi in den Sinn, jetzt hört Baur zu, die Liebschaft zwischen Natascha und Fürst Andrej Bolkonskij, die  Schlacht von Borodino, wo der Fürst tödlich verwundet wurde. Baur hält Marcel Proust für den intelligentesten Schriftsteller, weil Proust Unsagbares sagbar gemacht hat.

Haus aus den alten Tagen in Niederbipp

Es muss im Frühling 1985 gewesen sein. Ich arbeitete in der Verlagsauslieferung von Bücher Balmer, die ihre Büros über der Buchhandlung an der Neugasse in Zug hatte. Man musste durch die Buchhandlung gehen, um in die Büros zu kommen, da es kein separates Treppenhaus gab. Eine enge Holztreppe führte hinauf, vorbei an der Küche und einem großen Raum, der „das Bestellbuch“ genannt wurde. Dort wurden die Bestellungen und Lieferungen für die Buchhandlung abgewickelt. Auf den Tischen stapelten sich die Wareneingänge. Als ich eines Morgens am Bestellbuch vorbei ging, hielt mir Paul Glaser ein Buch hin und sagte, das müsse ich unbedingt lesen. Es war eine Sozialreportage. Inhalt und Titel habe ich vergessen. Ich blätterte ein bisschen darin und legte es auf den Stapel zurück. Dabei fiel mir ein Buch auf, dessen Titel mich faszinierte: Die Ballade vom Schneien. Ich nahm es in die Hand, las den ersten Satz, den zweiten, den dritten, die erste Seite, die zweite – unglaublich! Die Sprache war reines Strömen, wie man es selten zu Gesicht bekommt. Ich mag Texte leicht wie Spinnweben. Man muss aufpassen, beim Lesen zerreißen sie gerne. Ich streckte Paul das Buch hin und sagte: Schau dir das! Da passiert Sprache, da findet eine Verwandlung der Welt statt. Paul blätterte kurz darin, so wie ich vorher in seinem sozialkritischen Bericht geblättert hatte und legte es achselzuckend zurück. Was mich wunderte. Im Gegensatz zu mir besaß er eine wirklich umfassende Bildung, kannte die klassische Literatur aus dem Effeff, er stammte aus einer gutbürgerlichen Chemiker-Familie, besuchte regelmäßig Oper und Theater und konnte Dutzende von Gedichten und Texten von Schiller und Goethe auswendig, aber für Gerhard Meier war er nicht empfänglich.
Am Ende des Buches stirbt Baur. Er liegt im Spital. Bindschädler ist bei ihm. „Über Amrein trieb Nebel hin, der sich verfärbte in der aufgehenden Sonne.“

Heute ist der schöne Herbst mit dem ewig blauen Himmel und den milden Temperaturen zu Ende gegangen. Regen und Sturmböen den ganzen Tag. Ich liege auf der bordeauxroten Récamiére im Wohnzimmer und lausche auf die Geräusche, die Regen und Wind machen. Soeben habe ich Land der Winde, den letzten Band von Meiers Amreiner-Romanen zu Ende gelesen. Bindschädler ist bei Katherina, Baurs Frau, zu Besuch. Er beobachtet, sinniert, erinnert sich. Baur hält einen Monolog aus seinem Grab heraus, das auf dem Friedhof unter der großen Ulme liegt.
Durch Meiers Bücher inspiriert, gewinnen die Dinge an Schärfe, die Farben an Tiefe, die Wirklichkeit an Dichte. Regen und Wind sind nicht einfach nur zwei monotone gleichmäßige Geräusche, sie haben ihren eigenen Rhythmus, die Tonlagen verändern sich fortlaufend, Tempi und Kadenzen wechseln sich ab. Das Brausen des Windes schwillt an, dann wieder ab. Darin ist ein Pfeifen, Jammern, Ächzen, Klagen und Stöhnen zu hören, das plötzlich eine bedrohliche Wucht annimmt, sich wieder zu einen melodiösen Gesäusel besänftigt. Auch das Geräusch des Regens ist nicht einfach gleichmäßig. Es bildet einen Kontrast zu jenem des Windes. Darin ist das helle Geräusch vereinzelter Tropfen zu hören, die auf das eiserne Balkongeländer fallen.
Die Klänge verdichten sich zu einer eigentlichen Symphonie. Vielleicht zur vierten von Dimitri Schostakowitsch.