Die bisexuelle Weltkarte

„Aber ich wollte nicht nur weg.
Ich wollte auch wohin.
Ich wollte in die Welt.
Europa war mir kaum groß genug.
Der Äquator war meine Welt.
Ich war den Afrikanern verwandt, den Lappen, den Mizteken.
Lockstedt war nicht meine Welt.
Ich komme von weither.“

Diese Zeilen aus Hotel Garni (dem ersten Band von Die Geschichte der Empfindlichkeit) umreißen ein ganzes Leben, das Leben des Reisenden und Ethnopoeten Hubert Fichte. Er war „ein Entdeckungsfahrer ins Gebiet des Aberglaubens und der Geisterbeschwörung“ und bewegte sich auf der Grenzlinie zwischen magischer Realität und Tourismus. Er ging Mystifikationen und Riten nach, dabei hielt er sich nicht an die gängigen wissenschaftlichen Methoden, sondern entwickelte eigene Vorgehensweisen. Weiterlesen →

Die Späherin

Kurz vor Weihnachten 2022 ist sie gestorben.
Auf Fotos sieht Marie-Luise Scherer mit ihrem strähnigen Haar und der Zigarette zwischen den roten Lippen wie eine Femme Fatale aus. Sie war eine großartige Schriftstellerin. Was sie schrieb, ist gutsitzendes, elegantes Schuhwerk, rahmengenäht selbstverständlich. Für den feinfühligen literarischen Geschmack wohl zu hart, zu sehr an der Realität, sofern es das überhaupt gibt.
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Nächtliche Wanderung

„Ich bin ein Fußgänger, und weiter nichts“, schreibt Arthur Rimbaud in einem seiner Briefe.
Ich habe mich schon oft gefragt, ob dieser Satz nicht bestens zu Robert Walser passen würde, war er nicht ein Fußgänger ohnegleichen, einer, der sich aufs Wandern kapriziert hatte und in seinen Büchern oft auf Spaziergänge, Fußmärsche, auf das Gehen überhaupt zu sprechen kommt. Weiterlesen →

Porträt eines Vergessenen

Wer kennt ihn noch, den Schriftsteller Walter Kolbenhoff (1908-1993)? Seine Bücher sind vergessen. Was schade ist! Die Romane Von unserem Fleisch und Blut und Heimkehr in die Fremde sind bemerkenswerte Zeugnisse der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wenig gealtert, immer noch gut lesbar. Trümmerliteratur. Deutschland lag in Trümmern. Die Städte zerbombt. Die Misere groß.
Auch in der 1984 erschienenen Autobiographie Schellingstraße 48. Erfahrungen mit Deutschland  beschäftigt er sich vornehmlich mit den Nachkriegsjahren. In den 1980ern erlebte er eine kurze Renaissance, seine früheren Bücher wurden neu aufgelegt. Weiterlesen →

Beim alten Riesen

Wenn man heutzutage etwas über die Artenvielfalt erfahren will, geht man am besten in einen botanischen Garten. Genau das tat ich eines Nachmittags, als ich in Berlin war.  Mit der Vielzahl der Pflanzen stellt sich auch die der Tiere ein. Das Gezirp und Gezwitscher der Vögel war trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit unglaublich. Der Lärm der Grillen. Aber da mischten sich auch Verkehrslärm mit ein, Presslufthämmer, Bagger, Lastwagen, Autos und am Himmel die Flugzeuge. Weiterlesen →

Als Elias Canetti gestorben war

Der 15. August 1994 war ein Montag. Ich saß am Bürotisch. Das Telefon klingelte. Ein Buchhändler aus Zürich war dran. Er erzählte mir, dass Elias Canetti gestorben sei. Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, zog ich meine Jacke an und machte einen langen Spaziergang am See. Ich war ganz durcheinander ob dieser Nachricht und unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Im Geschäft wartete man auf mich. Eine Sitzung war anberaumt. Was ging mich der ganze Bürokram an. Ich ging schnell. Ein leichter Nieselregen fiel. Ich ging bis dorthin, wo der Weg hinauf zur Straße führte. Dann kehrte ich um. Der See sah grau und trostlos aus, darüber waberte Nebel. Das andere Ufer war nur schemenhaft zu erkennen. Meine Jacke war schon ganz nass. Auch die Schuhe begannen sich zu verfärben. Weiterlesen →

Canetti

Ich war siebenundzwanzigjährig, als ich Die Fackel im Ohr das erste Mal las, den zweiten Teil der dreibändigen Lebensgeschichte von Elias Canetti, das erste Buch von diesem Autor überhaupt. Ich musste zum Militärdienst einrücken, nach Losone im Maggiatal. Am Samstag zuvor war ich in einer Buchhandlung gewesen, um mir Lesestoff für die zwei Wochen zu besorgen, die der Dienst dauerte.
Das Kapitel über Isaak Babel, dessen Erzählungen ich mit Begeisterung gelesen hatte, war der Schlüssel zu dieser Tür. Weiterlesen →

Reise ohne Wiederkehr

Nach vielen Jahren lese ich wieder einmal Das Totenschiff, eines der ersten Bücher, das ich in meiner Buchhändlerlehre gekauft hatte, 1926 das erste Mal erschienen. Darin ist ein neuer, damals unerhörter Ton zu vernehmen. Der Ton eines Rebellen, der sich längstens keine Illusionen mehr macht: rau, ruppig, träfe, von beißender Ironie und schroffer Sozialkritik, in einem von Amerikanismen gespickten Deutsch. Carl von Ossietzky, Bertold Brecht und Kurt Tucholsky waren begeistert.
Trotz den trostlosen Zuständen, die das Buch schildert, strömt es Vitalität und Überlebenswillen aus, einen Humor, den nur jene kennen, die nichts zu verlieren haben.

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Gammler-Lokale

Hubert Fichte hatte seine Palette, ich mein Café Rio. Beides Gammler-Lokale. Die Gammler sind längstens aus dem gesellschaftlichen Bild verschwunden. Einst erregten sie mit ihren Jeans, Parkas, ausgeleierten Pullovern und langen Haaren den Zorn der fleißig arbeitenden und ordentlich gekleideten Bürger. Weiterlesen →