Bücherdiebstahl

Das Büro des Verlagsleiters lag im zweiten Stock eines bürgerlichen Hauses im Enge-Quartier von Zürich. Herr Classen, ein älterer Herr in Anzug und mit Fliege, war von kultivierter Vornehmheit, ein Schlag Buchhändler, der mittlerweile ausgestorben ist. Sein Sohn, der die Verlagsauslieferung leitete, in der ich für ein paar Wochen arbeitete, war das exakte Gegenteil von ihm. Sein Äußeres schien ihn wenig zu kümmern: Jeans, zerknittertes Hemd, aber exquisit-elegante Schuhe. Seine Interessen galten Comics, Phantasy und Esoterik, damit ging er auf Handelsreisen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich eines Tages zum alten Classen hinauf ins Büro musste. Meine Augen streiften über die hohen Buchregale, die es da gab, wie über eine unerhörte Gebirgslandschaft. Die Nervenwaage las ich auf einem Buchrücken. Es war wie ein Elektroschock. Nach diesem Buch suchte ich schon eine ganze Weile.
Antonin Artaud war eine Rarität damals. Schutzheiliger von ein paar verqueren Literaturliebhabern. Er war Schriftsteller, Dichter, Zeichner, Schauspieler, Regisseur, Visionär.
In dem Moment klingelte das Telefon. Herr Classen nahm den Hörer ab und drehte mir den Rücken zu, während er sprach. Ich machte einen raschen, präzisen Griff und das Buch verschwand unter meinem Hemd, dann fuhr ich mit der Hand über die Buchreihe, um die Lücke zu schließen.
Als Vierzehnjähriger hatte ich eine gewisse Geschicklichkeit im Klauen entwickelt. Ich liebte risikoreiche, brenzlige Situationen, in denen die Möglichkeit erwischt zu werden, groß war. In einem Warenhaus ließ ich ein teures Sackmesser vor den Augen der Verkäuferin und zwei Kunden mitlaufen, ohne dass sie es merkten. Meine Schulnoten waren miserabel. Ich hatte andere Talente. Vielleicht war ich der geborene Dieb. Später habe ich angefangen, Bücher zu lesen.

Die klassische bürgerliche Kultur ging mich nichts an! Kultur überhaupt! Diese lächerlichen Zerstreuungen.
Ich war jung. Auf der Suche nach etwas Neuem, der elementaren Kraft roher Materie, ein Raum zum Atmen. Nichts Gespreiztes. Nichts Gemästetes. Kein infantiler Manierismus. Keine gesuchte Sprache. Ich wollte eine dreckige Dichtung, außerhalb von allem und von Impulsen genährt, die nichts mit unserer Zivilisation zu tun hatten. Poesie sollte eine Revolte gegen die Behäbigkeit und Trägheit des Lebens sein. Sie sollte alle Sinne sprengen, entregeln, wie Arthur Rimbaud es gefordert hat. Vorstöße in unbekannte Terrains, ein nie zu stillender Hunger nach dem Abseitigen, der reinen Energie des Zorns, eine leuchtende, sich entäußernde erotische Kraft, das Tantra der wilden Gebärde.
Anfangs der Sechzigerjahre, die Beatles waren gerade dabei, berühmt zu werden, wurde Paul McCartney von einem Journalisten gefragt, ob das, was die Beatles machten, eine neue Kultur sei. „Kultur? Nein. Unsere Musik hat nichts mit Kultur zu tun, sie ist ein großes Gelächter“, gab McCartney zur Antwort. Wann ist jemals so viel Frische in die Welt gekommen wie mit den Beatles?

Die Nervenwaage ist eine Textsammlung des jungen Artaud, als er noch zur surrealistischen Gruppe gehörte und Mitglied des Théâtre de l‘Atelier von Charles Dullin war.
„Alles Geschriebene ist Sauerei“, lesen wir da.
„Ich habe Euch gesagt: keine Werke, keine Zunge, keine Sprache, kein Geist, nichts, nichts als eine schöne Nervenwaage.“
„Man muss mit dem Geist Schluss machen, wie mit der Literatur.“
Ein Satz, der mich als Buchhändler empören müsste, doch ich verstehe ihn nur zu gut. Wie viele tote Welten findet man zwischen zwei Buchdeckeln.

Rätselhafter, irrlichternder Artaud. War er ein Genie oder ein Verrückter? Das Oder ist eine Gemeinheit gegen die Poesie und das Denken.
Auf dem Foto von Man Ray schaut er mit dem zornigen Blick eines Halbstarken über seine Schulter.
War er nicht so etwas wie ein schrecklicher Schrei der Verneinung? Einer, der sich im hellen Feuer seiner Reinheit verbrannte?
Ich verstehe seine Dichtung oft nicht, aber ihre oszillierende Bewegung berührt mich. Artaud ging weit über das Mögliche hinaus, er verschob die Grenzen des Verstandes ins Unerträgliche.
Seine abgründige Klarheit. Seine surrealistischen Visionen. Die harten, jede Logik unterminierenden Sätze. Das Körperliche seiner Sprache. Bedingt durch Muskelkrämpfe, Spasmen, Neuralgien. Der Versuch, diese Verkrampfungen mit Drogen zu lockern. (Mit vier Jahren war er an einer Hirnhautentzündung erkrankt. Man gab ihm schmerzstillende Medikamente, vielleicht sogar Drogen. Mit neunzehn wieder unerträgliche Kopfscherzen. Klinik- und Kuraufenthalte bei Lourdes und Neuchâtel, vorzeitige Entlassung aus dem Militärdienst.)
Seine Texte sind Initiation in einen hellsichtigen Wahn. Eine Suche nach dem Paläolithikum des Geistes, dem Urzustand des nackten Seins. Artaud hat die Sprache umpflügt und damit unsere Vorstellung von der Welt. Seine Verrücktheit. Sein Verharren in dieser Verrücktheit als eine Form der Revolte. Ein schamanisches Aufbegehren gegen den gesunden Menschenverstand. Keine logischen Systeme mehr, sondern die trunkene Flut der Worte, eine am Wahn entlang schlitternde Poesie, ein Staunen und Torkeln im blendenden Morgenlicht, in dem die normale Ordnung als lebensfeindliches Zeichen wahrgenommen wird. Die Poesie ist das Unergründliche, die Kultur ihr Tod. Sie ist reale Imagination, imaginäre Realität, umherirrende Erscheinung, Osmose schwindelnder Gefühle, leuchtende Wortkaskaden, hungrige Wolfsschreie aus dem Inneren der Phantasie. Man muss an die Wurzeln der Worte gehen, um eine Gefühl für die Dichtung zu erhalten, für ihre polymorphe Trunkenheit. Blitz, Donner, hitzige Stöße, Chaos, Inkohärenz, nackte Rohheit, hellsichtige Einbildung.

Jean-Louis Barrault, Schauspieler und Regisseur, war mit Antonin Artaud befreundet. Er erzählt in seinen Erinnerungen für morgen, wie er und Artaud eines Abends bei einer reichen Pariser Dame zum Essen eingeladen waren, die versprochen hatte, ihr Theater finanziell zu unterstützen. Artaud war der ganze Reichtum und das Gehabe der Dame zuwider. Er zog sich aus und fing an, Yogaübungen zu machen. Die reiche Dame meinte, weil ihr nichts Besseres einfiel, es sei erstaunlich, dass Artaud mit seinem schauspielerischen Können noch nicht von der Comèdie Française entdeckt worden sei. Darauf schlug Artaud ihr mit einem Teelöffel auf den Kopf und sagte: „Madame, Sie gehen mir auf die Nerven.“
Artaud hatte sich intensiv mit fernöstlicher Philosophie und Yoga auseinandergesetzt. Damals hatte Yoga den Nimbus des Zwielichtigen. Er war noch nicht dieser spießbürgerliche fade Mainstream von heute.
Aus der Irrenanstalt Rodez schrieb er 1946:
„Wer unfähig ist zu wissen, ist, ohne es zu wissen, viel eher ein typischer Yogi als derjenige, der lernt, nichts zu wissen. Ich meine, wer es ablehnt zu wissen und es nicht ablehnen kann zu wissen, weil die Wissenschaft ihm zusetzt. Und ich kenne Kriegsverbrecher und Kriminelle aus Demenz, die viel mehr Yogi als jeder Yogi sind, indem sie töten, um nichts und um sich nicht ertragen zu müssen. Und ein derartiger selbstmörderischer Dichter hat, in dem er stirbt, seine Verzweiflung an den Dingen und seinen Yoga viel besser verwirklicht als solch ein Klosterschüler der Yogawissenschaft, und er hat verstanden, durch den Beweis den Gespenstern klar zu machen, wie er an nichts glaubte.“

Im Januar 1936 reiste Antonin Artaud nach Mexiko. Er folgte damit dem Aufruf seines Freundes und surrealistischen Mitstreiters, Michel Leiris, der den Pariser Intellektuellen und Künstlern nahe legte, zu Reisen aufzubrechen, um den mit Kultur vollgestopften Kopf auszulüften und sich von den sterilen Debatten über Kunst, Ästhetik und Politik zu befreien. Leiris war gerade von einer dreijährigen ethnologischen Forschungsreise zurückgekehrt, die ihn quer durch Afrika geführt hatte, von Dakar nach Djibouti, auf der er einige Male hart an seine Grenzen gekommen war.
Damit ein solches Unternehmen eine wirkliche Tragweite erhält, empfahl Leiris, nicht als blinde Touristen-Trottel zu reisen, sondern die Welt direkt und unvermittelt wahrzunehmen, Erfahrungen zu machen, die mit den wirklichen Impulsen und den verborgenen Kräften des Lebens zu tun haben.
Während seinem Aufenthalt in Mexiko ging Artaud zu den Tarahumara-Indianern in der Sierra Madre im Norden des Landes, „wo Mexikos rote Erde noch ihre echte Sprache spricht“.
Er hoffte in der Begegnung mit den Indianern etwas zu erfahren, das ihm bis anhin verborgen geblieben war und ihn selber weiter bringen würde.
Bis in die Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts hatten die Tarahumara kaum Kontakt zur weißen Zivilisation; für Artaud waren sie „eine ungeheure anachronistische Welt, die eine Herausforderung für unsere Zeit darstellt.“ Er sah in ihnen eine Urrasse, die der Natur noch nahe war und deren Geheimnis teilte, ein Volk von zäher Widerstandskraft, das sowohl körperliche Bequemlichkeiten wie materielle Annehmlichkeiten verachtete und unglaubliche Strecken zu Fuß zurücklegte. Sie lebten vom Ackerbau und der Jagd, praktizierten eine Art Urkommunismus. Sie benutzten den Peyotl, ein halluzinogener Kaktus, für die Aufführung ihrer Schöpfungs- und Heilungszeremonien. Peyotl heißt in ihrer Sprache jiculi oder hicuri, der Gott der Lüfte und der Winde.
Artaud wollte Peyotl ausprobieren, in der Hoffnung, darin eine Wahrheit zu entdecken, die dem Europäer in der Regel verwehrt ist. Er wollte zu den wahren Quellen zurückfinden. „Wenn man einen solchen visionären Zustand erfahren hat, ist es ausgeschlossen, dass man wie zuvor die Lüge mit der Wahrheit verwechselt. Man hat gesehen, woher man kommt und wer man ist, und man zweifelt nicht mehr an dem, was man ist. Es gibt keine Emotion und keinen äußeren Einfluss mehr, die einen davon ablenken können. …. Doch dahin kommt man nur, wenn man durch Zerrissenheit und Angst hindurchgegangen ist, und danach hat man das Gefühl, man sei gleichsam vom anderen Ufer der Dinge zurückgekehrt und zurückgeflutet, und man versteht die Welt, die man gerade verlassen hat nicht mehr.“

Im Jahr darauf kaprizierte sich Artaud auf Tarot, Akupunktur, Homöopathie, Hellseherei. Er glaubte, im Besitz des Stocks des Heiligen Patricks zu sein. Bei einem Aufenthalt in Irland wurde er verhaftet, wahrscheinlich wegen Zechprellerei und per Schub nach Le Havre überstellt, wo die Polizei ihn in Empfang nahm, in eine Zwangsjacke steckte und in die Anstalt Quatre-Mares in Sotteville-les-Rouen verfrachtete, die erste der fünf Anstalten, in denen er zwischen 1937 und 1946 eingesperrt blieb. Er wurde mit Elektroschocks ruhig gestellt.
In den Irrenanstalten schrieb er einige seiner wichtigsten Texte: Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft; Schluss mit dem Gottesgericht; Briefe aus Rodez. Dr. Gaston Ferdière, der leitende Arzt der Anstalt von Rodez, wollte die Veröffentlichung der Briefe verhindern. Sie erschienen im April 1946.
Artaud ist sitzend gestorben, mit einem Schuh in der Hand, in der Nervenheilanstalt von Ivry, zweiundfünfzigjährig.
Ein letzter surrealistischer Akt.
Wohin wollte er aufbrechen, an diesem kühlen Märzmorgen 1948?