Die bisexuelle Weltkarte

„Aber ich wollte nicht nur weg.
Ich wollte auch wohin.
Ich wollte in die Welt.
Europa war mir kaum groß genug.
Der Äquator war meine Welt.
Ich war den Afrikanern verwandt, den Lappen, den Mizteken.
Lockstedt war nicht meine Welt.
Ich komme von weither.“

Diese Zeilen aus Hotel Garni (dem ersten Band von Die Geschichte der Empfindlichkeit) umreißen ein ganzes Leben, das Leben des Reisenden und Ethnopoeten Hubert Fichte. Er war „ein Entdeckungsfahrer ins Gebiet des Aberglaubens und der Geisterbeschwörung“ und bewegte sich auf der Grenzlinie zwischen magischer Realität und Tourismus. Er ging Mystifikationen und Riten nach, dabei hielt er sich nicht an die gängigen wissenschaftlichen Methoden, sondern entwickelte eigene Vorgehensweisen. Weiterlesen →

Bücherdiebstahl

Das Büro des Verlagsleiters lag im zweiten Stock eines bürgerlichen Hauses im Enge-Quartier von Zürich. Herr Classen, ein älterer Herr in Anzug und mit Fliege, war von kultivierter Vornehmheit, ein Schlag Buchhändler, der mittlerweile ausgestorben ist. Sein Sohn, der die Verlagsauslieferung leitete, in der ich für ein paar Wochen arbeitete, war das exakte Gegenteil von ihm. Sein Äußeres schien ihn wenig zu kümmern: Jeans, zerknittertes Hemd, aber exquisit-elegante Schuhe. Seine Interessen galten Comics, Phantasy und Esoterik, damit ging er auf Handelsreisen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich eines Tages zum alten Classen hinauf ins Büro musste. Meine Augen streiften über die hohen Buchregale, die es da gab, wie über eine unerhörte Gebirgslandschaft. Die Nervenwaage las ich auf einem Buchrücken. Es war wie ein Elektroschock. Nach diesem Buch suchte ich schon eine ganze Weile. Weiterlesen →

Im fernen Westen

Michel holte mich am Flughafen von Helena ab.
Ich hatte ihn im Restaurant au 35 an der Rue Jacob in Paris kennengelernt.
– Wenn du mal nach Montana kommen möchtest, lade ich dich gerne ein, sagte er.
Er unterrichtete Physik am College in Helena, wohnte aber ausserhalb, in der Nähe vom Canyon Ferry Lake in einem Trailer. Im Trailer nebenan wohnten Tante Lisa und Bob. Lisa war eine fahrende Buchhändlerin. Sie handelte mit Büchern über die Geschichte des Wilden Westens, ein beliebtes Studienobjekt für pensionierte College-Lehrer. Sie fuhr zu Symposien und Tagungen und baute da ihre Büchertische auf.
Als ich ihr erzählte, dass ich wegen James Willard Schultz nach Montana gekommen sei, verschwand sie im hinteren Teil des Trailers. Weiterlesen →