Die Lebensgeschichte eines Visionärs

Wenn ich als Knabe krank war, las ich nichts lieber als Bücher über die Indianer. Ich wäre gerne ein Indianerjunge gewesen, der auf den Rücken seines Ponys springt und in die Prärie hinaus galoppiert oder mit seinen Freunden in den Flüssen um die Wette schwimmt. Zwischen Fieberanfällen und Schlaf verfolgte ich die Lebensgeschichten der großen Häuptlinge, ihre Namen haben sich tief in meinem Inneren abgelagert: Tashunka Witko, Tatanka Yotanka, Mapya Luta, Gokhlayeh. Weiterlesen →

Gary Snyder: Die alten Pfade oder der letzte Beatnik

An der Kleinverlagsmesse in Zürich kaufte ich mir ein paar Nummern von NARACHAN, eine Zeitschrift für Ethnopoesie, die Thomas Kaiser herausgab. „Narachan heißt Schlangenplatz, ein keltisches Wort“, stand im Editorial. Der Untertitel der Zeitschrift lautete: „Lieder, Notierungen, Texte.“
Darin gab es auch ein Interview, das Peter Barry Chowka 1977 mit Gary Snyder geführt hatte.
Die Intensität des Gesprächs nahm mich sofort für Snyder ein. Ich erhielt ein starkes Bild von diesem Dichter, Zen-Buddhisten, Wanderer und schamanischen Intellektuellen. Weiterlesen →

Das Glück des Lesens

Es war Sommer. Ich arbeitete bei einer Versicherung, unten am See.
Meine Aufgabe war es, alte Policen auf ihre Vollständigkeit zu prüfen und nach Nummern zu sortieren, um sie später auf Mikrofilme zu kopieren. Man wollte Platz in den Ablagen schaffen. Ich hatte den Job durch ein Stellenvermittlungsbüro gekriegt. Ich brauchte Geld. Im Herbst wollte ich nach Portugal. Ich war nicht scharf auf eine feste Anstellung und schwach auf der Schreibmaschine. Weiterlesen →

Der Blues von gestern Abend

Gestern Abend bin ich auf den Blues gekommen. Buchstäblich. Vielleicht lag es an der Sendung über den afroamerikanischen Schriftsteller und Bürgerrechtsaktivisten James Baldwin, die ich am Radio gehört habe. Baldwin hielt sich anfangs der Fünfzigerjahre drei Mal in Leukerbad auf, um da seinen Roman Go tell it on the Montain zu Ende zu schreiben. Er kam im Februar an, alles war verschneit, seine schwarze Haut stach besonders hervor. Weiterlesen →

Dichterin und Rockrebellin

Das alte Städtchen Saint-Florent liegt an einer hellen Bucht im Nordwesten von Korsika.
Dort fand ich im Presseladen die französische Ausgabe der Zeitschrift Rolling Stone. Und darin ein Interview mit Patti Smith. Ich stelle sie locker neben Marcel Proust. Ein schickes Paar, nicht? Die Rockrebellin in zerrissenen Jeans und dem harten New-Jersey-Slang und der überfeinerte und hochgebildete Pariser Literat. Das Sonnenlicht flutete auf den Platz herab. Ich ging hinüber ins Café mit den wuchtigen Platanen, setzte mich an einen Tisch und bestellte einen schwarzen Kaffee.
„Jeux de Miroir“ heißt der Titel des Interviews, „das Spiegelspiel“, das Paola Genone mit Patti Smith geführt hat. M Train, ein weiterer Band Erinnerungen, kurz zuvor erschienen, war der Anlass dafür. Es ist ein weiträumiges Gespräch, voll eigensinniger Gedanken, das mich in eine aufrührerisch-träumerische Stimmung versetzte.  Weiterlesen →