An einem Novemberabend saßen wir im Atelier von Marc. Er wohnte an der Gibraltarstraße in einem alten abbruchreifen Haus. Mit seinem blonden Haar und der Brille sah er wie eine jugendliche Ausgabe von Andy Warhol aus.
In einer Ecke stand ein gusseiserner Ofen. Ungeheizt. Marc fragte uns ein paar Mal, ob er Feuer machen solle. Rainer und ich verneinten jedes Mal. Obwohl ich meinem Wintermantel nicht ablegt hatte, fror ich schrecklich. Weiterlesen
Autor: Daniel Luchs
Bücherdiebstahl
Das Büro des Verlagsleiters lag im zweiten Stock eines bürgerlichen Hauses im Enge-Quartier von Zürich. Herr Classen, ein älterer Herr in Anzug und mit Fliege, war von kultivierter Vornehmheit, ein Schlag Buchhändler, der mittlerweile ausgestorben ist. Sein Sohn, der die Verlagsauslieferung leitete, in der ich für ein paar Wochen arbeitete, war das exakte Gegenteil von ihm. Sein Äußeres schien ihn wenig zu kümmern: Jeans, zerknittertes Hemd, aber exquisit-elegante Schuhe. Seine Interessen galten Comics, Phantasy und Esoterik, damit ging er auf Handelsreisen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich eines Tages zum alten Classen hinauf ins Büro musste. Meine Augen streiften über die hohen Buchregale, die es da gab, wie über eine unerhörte Gebirgslandschaft. Die Nervenwaage las ich auf einem Buchrücken. Es war wie ein Elektroschock. Nach diesem Buch suchte ich schon eine ganze Weile. Weiterlesen
Das Glück des Lesens
Es war Sommer. Ich arbeitete bei einer Versicherung, unten am See.
Meine Aufgabe war es, alte Policen auf ihre Vollständigkeit zu prüfen und nach Nummern zu sortieren, um sie später auf Mikrofilme zu kopieren. Man wollte Platz in den Ablagen schaffen. Ich hatte den Job durch ein Stellenvermittlungsbüro gekriegt. Ich brauchte Geld. Im Herbst wollte ich nach Portugal. Ich war nicht scharf auf eine feste Anstellung und schwach auf der Schreibmaschine. Weiterlesen
Vom wahren Arbeiten
In jenem Herbst arbeitete ich in einer Fabrik, die chemische Produkte für die Baubranche herstellte. Ich war Ende September völlig abgebrannt aus Portugal zurückgekehrt und hatte dringend einen Job nötig.
Es war heiß und lärmig in der riesigen Halle, die Luft voller Teerdämpfe. Weiterlesen
Lebe schnell, sterbe jung
Wir kamen an einem sonnigen Nachmittag nach Swansea.
Die Stadtmitte sah so aus, als hätte sie ihren Platz mit der Peripherie vertauscht: Reizlose Betonklötze, Shopping-Malls und ein Busparkplatz so groß wie ein Fußballfeld mit gelben Karos darauf.
Ich habe mir diese „windzerfahrene Stadt“ viel mehr von gestern vorgestellt, lange schattige Häuserzeilen aus dem 19. Jahrhundert, die sich den Hang hochwinden, altes Kopfsteinpflaster, dunkle Pubs und Läden, in denen Sachen angeboten werden, die anderenorts schon vor zwanzig Jahren aus den Regalen verschwunden sind.
Im 2. Weltkrieg war das Zentrum von den Deutschen zerbombt worden, in den neunziger Jahren folgte der Niedergang der Eisen- und Kohleindustrie. Damit war das Schicksal des Hafens besiegelt. Weiterlesen
Einer auf der Durchreise
Neulich war ich an einer literarischen Veranstaltung. Ich gehe selten zu solchen Anlässen.
Bei Lesungen sitzt der Autor in der Regel vorne an einem Tisch, auf dem eine Wasserkaraffe und ein Glas steht. Von Zeit zu Zeit nimmt der Autor einen Schluck Wasser aus dem Glas, dann liest er weiter. Vor ihm sitzen die Zuhörer, wie Kirchenmäuse artig und still aufgereiht. Auf dem Trockenen, selbstverständlich.
Dieses Mal war es anders. Weiterlesen
Unter den Passatwinden
Nach dem Frühstück fuhren wir los, über die Hochebene westlich von Lannion. Richtung Morlaix. Eine Weile führte die Straße der Küste entlang, die grüne Wasseroberfläche war vom Regen grau schraffiert. Bei Sainte-Sève zweigten wir auf die D785 ab, ins Landesinnere, nach Huelgoat. Eine schmale Landstraße. Felder und Wiesen abgesoffen im Nebel und Regen. Düstere Granithäuser. Die Wälder bestanden aus Laub und Feuchtigkeit.
Wir waren unterwegs zum Grab eines der frühen Vertreter intellektueller Vagabunden, in dessen Adern mehr als nur drei Tropfen heidnisches Blut floss. Passatwinde, Meeresengen und Gebirgspässe waren sein Lebensinhalt. Weiterlesen
Der Luchs mit dem purpurroten Hut
Der Luchs liegt dösend auf einem Felsen in der warmen Herbstsonne. Ein Reh springt durch den Lidwinkel seines Traums. Ein Jäger findet später das tote Reh. Der Rücken und ein Hinterlauf sind abgefressen. Der Jäger denkt: Luchs, wenn ich dich vor die Flinte kriege, wird es dir nichts nützen, den Mönch zu spielen. Kutten sind nicht kugelsicher.
Am anderen Tag trägt der Luchs einen purpurroten Hut. Weiterlesen
Meinen Sie Zürich zum Beispiel
Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem hellen Nachmittag im Juni durch Zürich spazieren. Sie fangen beim Stauffacher an, marschieren über die Sihlbrücke, sehen das träge Wasser der Sihl, es hat die letzten Tage nicht geregnet, die grünen Uferstreifen, der Selnau-Bahnhof, der wie eine Flosse aus dem Fluss ragt, im Hintergrund ist der Kamm des Üetliberges zu sehen, die dunklen bewaldeten Hänge, ein wässriger Himmel darüber. Sie wenden sich nach links, gehen zum Glockenhof, durch die Füsslistraße zur Bahnhofstraße, zum Paradeplatz, zum Fraumünster, über die Brücke zur Wasserkirche. Sie sehen das Großmünster mit seinen zwei Stummeltürmen, den glänzenden See und dahinter die weiß schimmernden Berge. Sie gehen das Limmatquai hinauf bis zum Bellevue.
Na und? Werden Sie denken. Was soll daran besonderes sein. Weiterlesen
Sils Maria
Ein kleines, gelbgestrichenes, zweistöckiges Haus. Es steht zurückversetzt, am Fuss eines Abhanges, im Kieferschatten. Hier wohnt einer, der den Menschen den Rücken zugekehrt hat, dachte ich, als ich es das erste Mal sah. Einst wohnte Friedrich Nietzsche da. Jetzt ist es ein kleines Museum zu seinem Gedenken. Unter Glasvitrinen liegen Erstdrucke seiner Bücher, meist billige, zerfledderte Broschüren. An den Wänden hängen Fotos von ihm und von seinen Vorfahren. Die strenge Mutter am Arm ihres Sohnes. Eine Büste aus weißen Marmor. Nietzsche soll sie während der Entstehung liebevoll gestreichelt haben. Weiterlesen
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