Der Dandy aus der Unterwelt

Kurz bevor wir in den Tibet reisten, geriet ich an ein Buch, das wie ein Faustschlag in die Magengrube war. Eine geballte Ladung an Provokation, Anstößigem und Unverschämtheit und zugleich eine Mischung aus Schönheit und Scharfsinn, voll von boshaften Aphorismen: Dandy in der Unterwelt. Eine unautorisierte Autobiographie. Die desaströse Lebensgeschichte des Sebastian Horsley, von ihm selbst erzählt. Weiterlesen

In einem entlegenen Tessiner Bergtal

Campanile von Berzona

Berzona ist ein kleines Dorf im Onsernone, einem abgeschiedenen Tal nördlich des Lago Maggiore. Hier geht es entweder hinauf oder hinunter. Die Straße ist eng und kurvenreich.
Die herbstlichen Hänge leuchteten braun, gelb und rot. Darüber sah man die graue Schraffur der Berge und einen blassen Himmel.
Ich betrat den Friedhof, der am unteren Ende des Dorfes liegt. Vor zwei Thuja-Sträuchern sah ich zwei flache Granitplatten, die Grabstätten von Gisela und Alfred Andersch. Darauf Name, Geburts- und Todesjahr.
Das Künstlerpaar war 1958 nach Berzona gekommen. 1972 sind sie Schweizer Staatsbürger geworden. Im ganzen Dorf gibt es sonst keinen Hinweis darauf, dass sie hier gelebt haben. Für Max Frisch, der 1964 auf Rat von Andersch in Berzona ein Haus gekauft und umgebaut hatte, hängt eine Gedenktafel an der Friedhofsmauer. Für die Andersch nicht. War Frisch finanziell der Großzügigere gewesen? Die alte Dame zu Besuch? Weiterlesen

Ein Ort der Verbannung

 

Römische Ruinen bei Alière auf Korsika

Wir kamen von Porto Vecchio her und fuhren den Hügel hinauf nach Alière: La Ville antique. Alière war in der Römerzeit die Hauptstadt von Korsika, ein strategischer Außenposten im Mittelmeer.
Das Museum schloss gerade als wir hinein wollten. Mittagszeit. Wir setzten uns auf die Terrasse des Cafés, das es am Rand von Alière gibt. Hinter uns lärmte eine Schar Kinder. Über dem Dorf schwirrten Mauersegler wild kreischend umher. Ich kann diesen Künstlern der Lüfte stundenlang zu sehen, wie sie mit ihren pfeilschnellen Sturzflügen und Loopings durch die Luft jagen, mit kleinen Schwenks plötzlich die Richtung ändern, haarscharf an einer Dachkante vorbeischrammen, sich in den blauen Himmel winden, wieder hinabstürzen, vier oder fünf hintereinander her. Weiterlesen

Ein Brief an Paul Nizon

Lieber Paul Nizon

Irgendwo habe ich gelesen, dass Sie sich Riesenauflagen von Ihren Büchern wünschen. Verständlich! Sie wären dann richtig reich. Ein Auflagenmillionär à la Max Frisch oder Peter Handke. Darum nehme ich nicht an, dass es Sie schrecklich interessieren wird, was ich Ihnen zu schreiben habe, bei Riesenauflagen schielt man nach den Massen und hat nicht den einzelnen Leser im Auge.
Ich habe Sie erst spät entdeckt. Ich geriet an eines Ihrer Journale, fand darin eine Stelle über Elias Canetti, las mich fest. Weiterlesen

Dichterin und Rockrebellin

Das alte Städtchen Saint-Florent liegt an einer hellen Bucht im Nordwesten von Korsika.
Dort fand ich im Presseladen die französische Ausgabe der Zeitschrift Rolling Stone. Und darin ein Interview mit Patti Smith. Ich stelle sie locker neben Marcel Proust. Ein schickes Paar, nicht? Die Rockrebellin mit dem harten New-Jersey-Slang und der überfeinerte und hochgebildete Pariser Literat. Das Sonnenlicht flutete auf den Platz herab. Ich ging hinüber ins Café mit den wuchtigen Platanen, setzte mich an einen Tisch und bestellte einen schwarzen Kaffee.
„Jeux de Miroir“ heißt der Titel des Interviews, „das Spiegelspiel“, das Paola Genone mit Patti Smith geführt hat. M Train, ein weiterer Band Erinnerungen, kurz zuvor erschienen, war der Anlass dafür. Es ist ein weiträumiges Gespräch, voll eigensinniger Gedanken, das mich in eine aufrührerisch-träumerische Stimmung versetzte.  Weiterlesen

Ein Sommer mit Marcel Proust

Ein Sommer mit Proust  von Matthias Zschokke ist ein kleines freches Büchlein, gerade mal sechzig Seiten Umfang, was im krassen Missverhältnis zu den sieben dicken Bänden von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit steht. Ich habe es mit Vergnügen und mit Stirnrunzeln gelesen.
Der Titel ist ein mächtiger Appetitanreger. Man denkt an eine leichte Brise, glänzende Seen, Grands Hotels und eine betörende Lektüre. Die Tage sind lang und hell, die Seiten tragen einem fort. Ab und zu verändert man die Lage des Körpers, um ihn zu entspannen, dann taucht man wieder ein in diesen fliederfarbigen Lesestrom.
Doch bei Zschokke finden sich keine glänzende Seen, keine Sommerbrise, keine träumerischen Lektüreeindrücke. Weiterlesen

Wer alt werden will, muss nach Asien reisen

„Ins Unbekannte hinausziehen, das ist neues Leben. Alles ist Wiederbeginn, ich weiß nicht, was vor mir liegt.“ Ella Maillart

An einem strahlenden Septembermorgen kamen wir über den Furkapass. Das Wallis dehnte sich vor uns aus. Blaue Bergflanken, weiße Spitzen, Granit.
Wir sahen die Nadelkurven der Passstraße hinunter ins Tal, rechts davon der schwindsüchtige Rhônegletscher. Es folgte das satte Grün des Obergoms, weidende Kühe, dunkle Holzhäuser auf pilzartigen Steinsockeln. Bei Sierre hätten wir um ein Haar die Abbiegung ins Val d’Anniviers verpasst. Eine enge Straße führte am bewaldeten Westhang des Illhorns in eine Höhe von Zweitausend Metern über Meer. Dort liegt Chandolin auf einer schmalen, abschüssigen Terrasse.
Wir gingen zum alten Teil des Dorfes hinunter. Die Kapelle Sainte-Barbe ist jetzt ein Museum, in Erinnerung an Ella Maillart, einer der mutigsten Frauen in der Literatur. Weiterlesen

Gespenster am helllichten Tag

Es war ein schneidend klarer Morgen, durchsichtig und kühl. Die Hügelzüge am anderen Ufer der Tejomündung zeichneten sich deutlich ab. In der Regel verschwanden sie in einer schwefelgelben Dunstglocke. Die Fassade des Postgebäudes an der Rua Arsenal war schwarz von Autoabgasen.
Heute hatte ich mehr Glück als am Freitag. Die Frau am Postschalter händigte mir drei Briefe aus. Aber die Bücher waren noch nicht da.
Ich überquerte die Rua da Prata und schritt unter den Bögen der Praça do Commercío Richtung Café Martinho da Arcada.
In den engen Straßen der Baixa hingen Wolken von Abgasen. Unglaublich, die vielen Autos. Eine gelbe Trambahn rumpelte vorbei. Straßenhändler hatten auf Decken alte Postkarten, zerfledderte Bücher, Schlüsselanhänger und Ortspläne ausgebreitet. Eine Bettlerin klagte laut. Der monotone Gesang der Lotterielosverkäufer war zu hören. Eine dichte Menschenmasse bewegte sich auf den Trottoirs. Weiterlesen

Pariser Buchhandlungen

Wir wohnten oben im Belleville, am Rand des Chinesen-Viertels, an der Sambre-et-Meuse. Ein kleines Studio im vierten Stock, dunkles, braungestrichenes Treppenhaus, doppeltes Schloss. Wer in Paris einen großen Raum bewohnen will, braucht entweder viel Geld oder die Fähigkeiten eines Hochstaplers.
Wir verließen das Haus kurz nach zehn Uhr. Ein kühler Morgen. Die Sonne blass. Wir gingen den von Chinesen und Schwarzen bevölkerten Boulevard de Belleville hinunter zur Metrostation. Vorbei an den chinesischen Restaurants, dem chinesischen Supermarkt, den chinesischen Läden und den Süffeln, die auf dem breiten Mittelstreifen des Boulevards herumhingen. Die Luft schien voll unsichtbarer Zeichen zu sein. Weiterlesen

Rom im Januar

Die eisige Kälte fraß sich wie Rost durch die Kleider. Abhauen, dachte ich, weg von Scheisskälte und Schnee.
Wir flogen nach Rom.
Es war kühler, als wir erwartet hatten, ein rauchiges, winterliches Rom, aber man konnte die Tage draußen auf den Plätzen und in den Gassen verbringen. Und der Himmel war von einem intensiven Blau.
Ich packte Rom, Blicke von Rolf Dieter Brinkmann ein. Einst gehörte es zu DEN BÜCHERN. Ich hatte es immer wieder und wieder gelesen. Es ist ein heftiges, ausuferndes Buch. Ein wildes Schimpfen auf eine ausgelaugte Gegenwart, den Schrottzustand der Welt, die vergammelte Alltäglichkeit, auf Menschenmassen und den Gestank und Lärm der Autos. Es ist jedoch viel mehr als das! Wenn Brinkmann Zorn und Wut vergisst, einfach von dem schreibt, was er sieht, riecht, hört und erfährt, dann erhält seine Sprache eine dichte Sinnlichkeit, eine poetische Intensität, die ihm so rasch nicht einer nachmacht. Nichts Gekünsteltes, Gaghaftes, Gewundenes. Klar, direkt und unverschnörkelt kommt es dann. Weiterlesen