Ein Sommer mit Proust von Matthias Zschokke ist ein kleines freches Büchlein, gerade mal sechzig Seiten Umfang, was im krassen Missverhältnis zu den sieben dicken Bänden von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit steht. Ich habe es mit Vergnügen und mit Stirnrunzeln gelesen.
Der Titel ist ein mächtiger Appetitanreger. Man denkt an eine leichte Brise, glänzende Seen, Grands Hotels und eine betörende Lektüre. Die Tage sind lang und hell, die Seiten tragen einem fort. Ab und zu verändert man die Lage des Körpers, um ihn zu entspannen, dann taucht man wieder ein in diesen fliederfarbigen Lesestrom.
Doch bei Zschokke finden sich keine glänzende Seen, keine Sommerbrise, keine träumerischen Lektüreeindrücke.
Er schreibt, er hätte sich „auf die Recherche-Lesegaleere geschnallt“. Von dieser Qual scheint das ganze Leseabenteuer geprägt zu sein. Bereits im ersten Abschnitt gibt es eine Stelle, die mich irritiert hat. Er wünscht von seiner französischen Übersetzerin, dass sie ihm zum Vorhaben, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu lesen, beglückwünschen und ihn anfeuern soll, wenn Kräfte und Enthusiasmus nachlassen. Hatte er Angst, dass ihm der Schnauf nicht für die ganze Strecke reichen würde? Was wollte Zschokke mit diesem Kraftakt beweisen? Hat er das Werk nur gelesen, um zu zeigen, dass es eigentlich nicht lesbar und das Etikett „Jahrhundertwerk“ nicht verdient? Oder ist er über sich selber verärgert, weil er sich eine Pflicht auferlegte, die ihm zuwider war? Wenn einem ein Buch so verdrießt, verstehe ich nicht, warum man es überhaupt liest. Wobei er ehrlicherweise sagt, dass er durch die letzten zwei oder drei Bände nur hindurchgeglitten sei, über sie hinweg gelesen habe. Unter „als Ganzes lesen“ verstehe ich etwas anderes. Gehört er streng genommen nicht auch zu jenen, die ihre Proust-Lektüre vorzeitig abgebrochen haben?
Als Grund für die Lektüre gibt er folgendes an: „Doch die Schlinge zog sich in letzter Zeit enger um meinen Hals, und ich drohte aufzufliegen.“ Man könnte meinen, es ginge um Erpressung, Bankraub oder Drogenhandel. Schade dass er uns Lesern nicht verrät, wer ihm und warum diese Schlinge um den Hals gelegt hat. Es gibt im Text noch ein paar solche seltsamen Redewendungen. Kann ein Buch in seinem eigenen Saft schmoren?
Ich lese ein Buch, weil ich Lust darauf habe oder weil ich mir ein exquisites geistiges Vergnügen davon erhoffe, aber sicher nicht, weil es eine Pflicht ist. Da sind mir die Nora-Roberts-Leserinnen viel sympathischer, sie finden wenigstens Gefallen an ihrer Lektüre, auf die saure Idee, ein Buch zu lesen, weil jemand es zum Muss erklärt hat, würden sie nie kommen.
Wie viele Bücher aus der Weltliteratur gibt es, die man unbedingt einmal im Leben gelesen haben muss und von denen ich weiss, ich werde sie nie lesen, denn sie sind nicht für mich bestimmt.
In meinen Augen hätte er das ganze Unternehmen auch etwas gelassener angehen können. Das wäre seinen Nerven und Lektüreeindrücken besser bekommen. Ich verstehe nicht, weshalb er die knapp fünftausend Seiten in „ein paar Wochen“ lesen musste, wo doch ganz offensichtlich ist, dass es bei ihm Verdruss, Ärger und schlechte Laune erzeugt hat. Weshalb hat er die Lektüre nicht unterbrochen, wenn sie ihm zu viel wurde. Die Glocke klingeln lassen, Pause machen, Spazieren gehen, ein anderes Buch lesen. Einmal im Leben meint ja nicht, es in zwei Monaten tun zu müssen, außer man ist sterbenskrank und hat nur noch kurze zu Zeit leben, dann zählt natürlich jeder Tag.
Ich gehöre zu der von ihm verachteten Sorte Mensch, die Auf der Suche nach der verlorenen Zeit genial findet. In seinen Augen bin ich ein Lügner, ich weiß. Und wenn ich genial sage, so meine ich nicht, dass jede Zeile allerhöchste Meisterschaft sein muss. Auch Jahrhundertwerke dürfen ihre schwachen und geschwätzigen Seiten haben, umso mehr schätze ich die wirklich überragenden. Zschokke sagt ja selber, dass in diesem Riesenwerk „herrliche Passagen“, „phantastische Porträts“, „anbetungswürdige Szenen“, „stilistische Bravourstücke“, „betörend schöne Passagen“, „umarmenswerte Charaktere“, „Weisheiten“, „Einsichten“, „Erkenntnisse“, „erhaltenswerte Beobachtungen“ zu finden sind. Was will er mehr? Zugleich ist Auf der Suche nach der verlorenen Zeit mit seinem dunklen Glanz mehr als die Summe all der von ihm aufgezählten Elemente.
Mit siebenundzwanzig habe ich Auf der Suche zum ersten Mal gelesen. Es war ein berauschendes und prägendes Erlebnis. Ich befand mich oft in einem Taumel und konnte kaum glauben, dass es so was gibt. Diese sprachliche Intensität, die Meisterschaft der Beobachtung, da war ein besessener Schürfer am Werk. Ich hatte dieser Lektüre sogar eine Liebschaft geopfert. Trotz der Geduld, Ausdauer und Konzentration, die die Lektüre von mir abforderte, habe ich mich kein einziges Mal geärgert oder gelangweilt, weder „Widerstand“ noch „Ekel“ gespürt. Ich nahm alles so hin, wie es war, auch die langatmigen, weitschweifigen oder preziösen Passagen. Ich bin ein naiver und unbedarfter Leser und dachte, all das gehöre zu einem Meisterwerk. Ich hatte nicht den Furz, es in ein paar Wochen durchhaben zu müssen. Ich las es auch nicht in einem Rutsch. Wenn ich merkte, dass ich nicht mehr bei der Sache war und nur noch über die Zeilen hinweg glitt, unterbrach ich die Lektüre. Sobald ich spürte, jetzt ist die Zeit fürs Weiterlesen gekommen, fuhr ich damit fort. Duft und Klang der Lektüre waren köstlich und ich freute mich darauf, ihnen am nächsten Tag wieder zu begegnen. Manchmal musste ich mich richtig anstrengen, brauchte einen klaren Kopf, was Zschokke beklagt, man darf nicht müde sein, sonst versteht man nur Bahnhof. Im Gegensatz zu ihm verdross mich dieser Umstand nicht. Die Recherche bestraft jeden, der durch sie hindurch hastet und die Lektüre möglichst rasch hinter sich bringen will. Zugleich ist es eine vergnügliche, humorvolle Lektüre, voller Schalk und Witz. Sogar mit meiner geringen Bildung ein Genuss. Es braucht nur drei Dinge dafür: Zeit, Muße und Geduld.
Ich las das ganze Werk neben einem Acht-Stunden-Arbeitstag. Am Morgen musste ich den Zug um sieben Uhr nehmen, um pünktlich bei der Arbeit zu sein. Ich setzte mich immer im hintersten Wagen in ein leeres Abteil, um mich während der halben Stunde, die die Fahrt dauerte, voll auf die Lektüre zu konzentrieren. Nahm noch jemand anders Platz, stand ich auf und suchte mir ein anderes Abteil. Die Suche-Lektüre verträgt keinerlei Geräusche, keine unkonzentrierten Fahrgäste. Es ist gerade so, als ob sich Prousts Geräuschempfindlichkeit auf den Leser übertragen würde. Im Büro erwarteten mich Hans und Mario, zwei Kollegen, ihnen musste ich jeden Morgen von meiner Lektüre berichten. Sie waren enttäuscht, wenn ich einmal nichts zu sagen hatte.
Ich habe Auf der Suche nach der verlorenen Zeit seither drei Mal ganz gelesen. Etliche Bände sogar noch mehr. Wie bei allen Büchern sprechen mich gewisse Passagen mehr an und andere weniger. Warum darf das bei Proust nicht so sein?
Bei meiner Lektüre habe ich vieles anders wahrgenommen als der verärgerte Zschokke, vieles interpretiere ich anders als er. Ich hatte manchmal den Eindruck, er hätte ein anderes Werk als ich gelesen.
Nachdem Zschokke aufgezählt hat, was der Leser alles bei Proust erfährt und was nicht, schreibt er „die Sprache ist der Inhalt“. Für mich ist es nicht nur eine Frage der Sprache, als auch eine der gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit. Da war jemand mit einer ungeheuren Sensibilität und Beobachtungsgabe am Werk. Man könnte die Suche deshalb auch als eine Schule der Wahrnehmung bezeichnen. Seit der Lektüre schaue und höre ich genauer hin als vorher und schenke Empfindungen, Düften und Gerüchen eine grössere Aufmerksamkeit. Denn Proust spürte jenen feinstofflichen Dingen im Alltag nach, die wir gerne vernachlässigen. Er versucht dabei sprachlich so exakt wie möglich zu sein. Eine glasklare Sprache, die im Leser etwas anklingen lassen soll. Nichts von schwülem Pomp und dergleichen, wie Zschokke behauptet.
Er redet von „abmalen“ bei Proust, „Auspinselung der Details“. Genau das hat Proust nicht getan! Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist reich an Metaphern und Bildern, aber sie dienen dazu, etwas zu präzisieren und zu erweitern. Dabei hat Proust nicht einfach seine Vergangenheit beschrieben, sondern ihr eine vollkommen neue Gestalt gegeben.
Im Gegensatz zu Zschokke bin ich „von dieser Sucht das Who-is-Who der damaligen Hautevolee bis in die feinsten Schattierungen kennenlernen wollen und an seinen Wert zu glauben“ nie angesteckt worden. Es ist mir egal, welche Baronin oder Duchesse aus dem Bekanntenkreis von Proust das Vorbild für Figur von Madame Guermantes abgegeben hat. Solche Fragen sind für mich nutzlose und störende Informationen, reiner Ballast, sie lenken vom Eigentlichen ab, das „Allerheiligste“ ist das Werk. Die Herzogin von Guermantes ist für mich die wirklich reale Figur.
Zschokke bezeichnet Proust-Leser als snobistisch, eingebildet und arrogant. Bei mir drückt sich das darin aus, dass ich kaum zeitgenössische Literatur lese. Vieles, was heutzutage veröffentlicht wird, kommt mir so fade und armselig vor, dass ich dafür weder Geld noch Zeit verschwenden mag, denn dieses Plot gesteuerte Zeug nährt einfach nicht. Die Schriftsteller heutzutage möchten von ihren Erzeugnissen leben, was sich oft abträglich auf die Qualität ihrer Bücher auswirkt, denn sie sehen sich gezwungen alle zwei Jahre ein Buch zu veröffentlichen. Sie sind fleißig, aber nicht anregend, auf Wirkung bedacht, aber nicht obsessiv, braver Durchschnitt, aber nicht verrückt. Da plage ich mich lieber durch zwanzig Seiten von Proust. Er war obsessiv, manisch, irgendwie ein Spinner. Er wollte etwas ganz Bestimmtes ausdrücken mit seinen traumwandlerischen Streifzügen, und nur das! Chronologie, Kunstfertigkeit und Dramaturgie interessierten ihn nicht.