Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem hellen Nachmittag im Juni durch Zürich spazieren. Sie fangen beim Stauffacher an, marschieren über die Sihlbrücke, sehen das träge Wasser der Sihl, es hat die letzten Tage nicht geregnet, die grünen Uferstreifen, der Selnau-Bahnhof, der wie eine Flosse aus dem Fluss ragt, im Hintergrund ist der Kamm des Üetliberges zu sehen, die dunklen bewaldeten Hänge, ein wässriger Himmel darüber. Sie wenden sich nach links, gehen zum Glockenhof, durch die Füsslistraße zur Bahnhofstraße, zum Paradeplatz, zum Fraumünster, über die Brücke zur Wasserkirche. Sie sehen das Großmünster mit seinen zwei Stummeltürmen, den glänzenden See und dahinter die weiß schimmernden Berge. Sie gehen das Limmatquai hinauf bis zum Bellevue.
Na und? Werden Sie denken. Was soll daran besonderes sein. Weiterlesen
Städtebilder
Der Überlebenskünstler
Wir kamen an einem späten Nachmittag im April in Triest an.
Im Taxi sahen wir auf der einen Seite das Meer und auf der anderen die hohen Prachtbauten und Paläste des Borgo Teresiano. Triest stand bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unter österreichischer Herrschaft, die wichtigste Hafenstadt der Donaumonarchie; sie hatte damals ihre Glanzzeit und war zu Reichtum gekommen. Es gab sogar eine direkte Bahnlinie zwischen Wien und Triest.
Wir wohnten im Hotel „Continentale“ an der Via San Nicolò. Schräg gegenüber war das Buchantiquariat „Umberto Saba“. Ein dunkles Lokal mit hohen, nackten Bücherwänden. Während ich mich darin umsah, fragte ich mich, wie viele der Bücher schon in den Regalen gestanden haben mochten, als Umberto Saba die Buchhandlung 1919 gekauft hatte. Weiterlesen
Gespenster am helllichten Tag
Es war ein schneidend klarer Morgen, durchsichtig und kühl. Die Hügelzüge am anderen Ufer der Tejomündung zeichneten sich deutlich ab. In der Regel verschwanden sie in einer schwefelgelben Dunstglocke. Die Fassade des Postgebäudes an der Rua Arsenal war schwarz von Autoabgasen.
Heute hatte ich mehr Glück als am Freitag. Die Frau am Postschalter händigte mir drei Briefe aus. Aber die Bücher waren noch nicht da.
Ich überquerte die Rua da Prata und schritt unter den Bögen der Praça do Commercío Richtung Café Martinho da Arcada.
In den engen Straßen der Baixa hingen Wolken von Abgasen. Unglaublich, die vielen Autos. Eine gelbe Trambahn rumpelte vorbei. Straßenhändler hatten auf Decken alte Postkarten, zerfledderte Bücher, Schlüsselanhänger und Ortspläne ausgebreitet. Eine Bettlerin klagte laut. Der monotone Gesang der Lotterielosverkäufer war zu hören. Eine dichte Menschenmasse bewegte sich auf den Trottoirs. Weiterlesen
Pariser Buchhandlungen
Wir wohnten oben im Belleville, am Rand des Chinesen-Viertels, an der Sambre-et-Meuse. Ein kleines Studio im vierten Stock, dunkles, braungestrichenes Treppenhaus, doppeltes Schloss. Wer in Paris einen großen Raum bewohnen will, braucht entweder viel Geld oder die Fähigkeiten eines Hochstaplers.
Wir verließen das Haus kurz nach zehn Uhr. Ein kühler Morgen. Die Sonne blass. Wir gingen den von Chinesen und Schwarzen bevölkerten Boulevard de Belleville hinunter zur Metrostation. Vorbei an den chinesischen Restaurants, dem chinesischen Supermarkt, den chinesischen Läden und den Süffeln, die auf dem breiten Mittelstreifen des Boulevards herumhingen. Die Luft schien voll unsichtbarer Zeichen zu sein. Weiterlesen
Rom im Januar
Die eisige Kälte fraß sich wie Rost durch die Kleider. Abhauen, dachte ich, weg von Scheisskälte und Schnee.
Wir flogen nach Rom.
Es war kühler, als wir erwartet hatten, ein rauchiges, winterliches Rom, aber man konnte die Tage draußen auf den Plätzen und in den Gassen verbringen. Und der Himmel war von einem intensiven Blau.
Ich packte Rom, Blicke von Rolf Dieter Brinkmann ein. Einst gehörte es zu DEN BÜCHERN. Ich hatte es immer wieder und wieder gelesen. Es ist ein heftiges, ausuferndes Buch. Ein wildes Schimpfen auf eine ausgelaugte Gegenwart, den Schrottzustand der Welt, die vergammelte Alltäglichkeit, auf Menschenmassen und den Gestank und Lärm der Autos. Es ist jedoch viel mehr als das! Wenn Brinkmann Zorn und Wut vergisst, einfach von dem schreibt, was er sieht, riecht, hört und erfährt, dann erhält seine Sprache eine dichte Sinnlichkeit, eine poetische Intensität, die ihm so rasch nicht einer nachmacht. Nichts Gekünsteltes, Gaghaftes, Gewundenes. Klar, direkt und unverschnörkelt kommt es dann. Weiterlesen
Lisbon revisited

„Baixa“, „Bairro Alto“, „Chiado“, „Rossío“, „Terçeiro do Paço“, “Alfama”, “Praça dos Restauradores” – jeder Tourist kennt mittlerweile die Namen der Plätze und Quartiere Lissabons. Für mich haben sie immer noch den magischen Klang, dem ich vor vielen Jahren verfallen bin, ja, in ihrem Klang versteckt sich die Essenz Lissabons. Ich spreche sie leise vor mich hin und imitiere dabei den weichen, nasalen Tonfall der Portugiesen. Seltsamerweise ist es der Klang der Sprache, der mir die Wirklichkeit der Stadt näher bringt und mich an jenes Lissabon erinnert, das ich im Herbst 1978 zum ersten Mal besucht habe.
Im Museum der modernen Poesie, eines der ersten Bücher, das ich in meiner Buchhändlerlehre kaufte, stieß ich auf das Gedicht Lisbon Revisited von Fernando Pessoa. Es brachte mir die Stadt am Atlantik in die Schweizer Berge. Ich spürte den Wind, der vom Meer herkam. Weiterlesen
Auf den großen Boulevards
Es war früh am Morgen, als der Nachtzug aus Basel an der Gare de l’Est eintraf. Ich war müde und hellwach zugleich, als ich auf den Platz vor dem Bahnhof trat. Verrückt dachte ich, ich bin in Paris, verrückt. Ich betrachtete die hohen Häuser aus hellem Sandstein und die schmalen schmiedeisernen Balkons, die an den Fassaden klebten. Ich sah den Boulevard de Strasbourg, eine lange abwärtsgehende Gerade. Ich ging ins 9. Arrondissement, man hatte mir das Hotel du Nord an der Rue Faubourg Poissonnière empfohlen. Die Straßen lagen noch im Schatten, einzig die Hausdächer wurden von der Morgensonne vergoldet. Wasser strömte den Rinnstein hinunter, Sandsäcke kanalisierten es in die Schächte. Weiterlesen
Neue Schuhe

Heute habe ich mir ein Paar neue Schuhe gekauft und sie mitten ins Wohnzimmer gestellt. Halbhohe Stiefeletten zum Schnüren, aus weichem braunem Leder, das wie zerknittert aussieht, glänzende Spitzen, rahmengenäht. Wunderbare Schuhe. Ganz nach meinem Geschmack. Die Schuhe, so mitten im Wohnzimmer, haben wie ein Gedicht ausgesehen, ein Gedicht von Gottfried Benn oder Rainer Maria Rilke. Wobei Rilke Knöpfstiefel getragen haben muss, worum ich ihn beneide. Auf dem Heimweg war mir klar geworden, dass es auch anders ginge. Weiterlesen
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