Der Mann mit den Sohlen aus Wind

1873 lässt ein neunzehnjähriger Gymnasiast seine Jugendgedichte unter dem merkwürdigen Titel Une Saison en Enfer drucken. Er verschickt ein paar Exemplare an ehemalige Schulkameraden und an Freunde in Paris. Der Rest der Auflage bleibt bei der Druckerei liegen. Er scheint augenblicklich das Interesse an der Sache verloren zu haben.

Warum hörte Arthur Rimbaud in einem Alter auf zu schreiben, in dem andere die ersten zaghaften Gedanken an eine Laufbahn als Schriftsteller wagen, um fortan ein Leben als Vagabund und Händler zu bestreiten? Weiterlesen

Die wilden Jahre in der Sahara

Man muss es sich klar vor Augen führen: Um das Jahr 1900 reist eine junge, hübsche Frau in arabischer Männerkleidung durch die algerische Wüste. Sie reist in Gesellschaft von Soldaten, Händlern und Nomaden durch Gebiete, in denen die Frau nichts zählt. Diese rauen Männer akzeptieren sie als ihresgleichen. Sie ist ungebunden und unerschrocken und will die ganze Freiheit. Zugleich verkörpert sie etwas Zielloses, Verlorenes, Gefährdetes. Weiterlesen

Ein bibliomanischer Vagabund

Ein fiebriger, unruhiger Geist – dieser Blaise Cendrars. Abenteurer, Weltreisender, Vagabund. Er war stets auf zwei Kontinenten unterwegs, auf allen Meeren und in allen Häfen der Welt. Du Monde entier heißt einer seiner Gedichtbände: Die ganze Welt! Er probierte vieles aus, zahlreiche Berufe, ohne dass sie ihn wirklich ausgefüllt hätten. Immer waren da ein Gefühl des Mangels und die Angst, woanders etwas Wichtigeres zu verpassen. Sein Reisefieber bezeichnete er als unheilbar.
Die ungewöhnliche, zerklüftete Physiognomie seines Gesichts ist wie eine Land- oder Reisekarte, eine Relief fremder und vertrauter Landschaften zugleich; es manifestiert Ruhelosigkeit und Konzentration in einem. Weiterlesen

Pariser Spaziergänge

Dieses Mal wohnten wir an der Rue de Vaugirard. Die Straße beginnt am Boulevard St. Michel, schneidet der Rue de Médicis den Weg ab, führt am Jardin du Luxembourg entlang und in einer langen Geraden hinauf zum Boulevard de Pasteur.
Für den Morgenkaffee gingen wir ins „Le Petit Suisse“, ein kleines Bistro an der Place Paul Claudel, wo, so schien es wenigstens, vor allem Leute aus dem Quartier ihren Kaffee tranken. Sie grüßten sich und schwatzten zusammen. Wir setzten uns draußen auf die Terrasse. Die Luft war kühl, der Himmel blau. Wir fühlten uns selber wie Pariser. Weiterlesen

Balzac beim Yoga

Während einer Yoga-Woche im buddhistischen Zentrum Felsentor auf der Rigi, las ich Verlorene Illusionen von Honoré de Balzac.
Das war ein hübscher Kontrast. Ein idealer Ausgleich! Da der Yogalehrer, der das Ego mit all seinen Affekten (Habgier, Stolz, Missgunst, Verblendung) verurteilte, weil es dem Streben nach Höherem im Weg stünde, dort die Figuren von Balzac, die nur Geld, Luxus und gesellschaftlichen Erfolg im Kopf haben. Weiterlesen

Scheiß-Ubu

An einem Novemberabend saßen wir im Atelier von Marc. Er wohnte an der Gibraltarstraße in einem alten abbruchreifen Haus. Mit seinem blonden Haar und der Brille sah er wie eine jugendliche Ausgabe von Andy Warhol aus.
In einer Ecke stand ein gusseiserner Ofen. Ungeheizt. Marc fragte uns ein paar Mal, ob er Feuer machen solle. Rainer und ich verneinten jedes Mal. Obwohl ich meinem Wintermantel nicht ablegt hatte, fror ich schrecklich. Weiterlesen

Bücherdiebstahl

Das Büro des Verlagsleiters lag im zweiten Stock eines bürgerlichen Hauses im Enge-Quartier von Zürich. Herr Classen, ein älterer Herr in Anzug und mit Fliege, war von kultivierter Vornehmheit, ein Schlag Buchhändler, der mittlerweile ausgestorben ist. Sein Sohn, der die Verlagsauslieferung leitete, in der ich für ein paar Wochen arbeitete, war das exakte Gegenteil von ihm. Sein Äußeres schien ihn wenig zu kümmern: Jeans, zerknittertes Hemd, aber exquisit-elegante Schuhe. Seine Interessen galten Comics, Phantasy und Esoterik, damit ging er auf Handelsreisen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich eines Tages zum alten Classen hinauf ins Büro musste. Meine Augen streiften über die hohen Buchregale, die es da gab, wie über eine unerhörte Gebirgslandschaft. Die Nervenwaage las ich auf einem Buchrücken. Es war wie ein Elektroschock. Nach diesem Buch suchte ich schon eine ganze Weile. Weiterlesen

Unter den Passatwinden

Nach dem Frühstück fuhren wir los, über die Hochebene westlich von Lannion. Richtung Morlaix. Eine Weile führte die Straße der Küste entlang, die grüne Wasseroberfläche war vom Regen grau schraffiert. Bei Sainte-Sève zweigten wir auf die D785 ab, ins Landesinnere, nach Huelgoat. Eine schmale Landstraße. Felder und Wiesen abgesoffen im Nebel und Regen. Düstere Granithäuser. Die Wälder bestanden aus Laub und Feuchtigkeit.
Wir waren unterwegs zum Grab eines der frühen Vertreter intellektueller Vagabunden, in dessen Adern mehr als nur drei Tropfen heidnisches Blut floss. Passatwinde, Meeresengen und Gebirgspässe waren sein Lebensinhalt. Weiterlesen