Unter dem Berg des Donnergottes

Wir fahren die kurvige Straße hinab. Der Beaume entlang. Das Flussbett ist voller Steine und Felsbrocken. Kastanienwälder die Berghänge hinauf. Auf kleinen Wiesen stehen einsame Häuser aus Granit. Nach so einem Haus suchen wir.
Hier muss es sein, sagt A. Sie stoppt den Wagen. Wir steigen aus und gehen den Weg zum Steg hinunter, der über den Fluss führt.
Dass wir das Tal wieder ein Stück hinab gefahren sind, durch das wir gestern hochgekommen waren, irritiert mich. Ich habe mir vorgestellt, Gourgounel liege nach Valgorge, rechts vom Fluss und der Tanargue im Süden. Tatsächlich ist es genau umgekehrt. Eine Gegend, die man von der Lektüre her kennt, besucht man nicht ohne Folgen. Sie berichtigt rücksichtslos die Bilder, die man sich von ihr beim Lesen gemacht hat. Geographische Kenntnisse helfen ein Buch besser zu verstehen, sie vertiefen die Lektüre, passt man nicht auf, werden die Bilder zerstört, die man sich beim Lesen gemacht hat. Weiterlesen

Lisbon revisited

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Auf dem Rossío in Lissabon

„Baixa“, „Bairro Alto“, „Chiado“, „Rossío“, „Terçeiro do Paço“, “Alfama”, “Praça dos Restauradores” – jeder Tourist kennt mittlerweile die Namen der Plätze und Quartiere Lissabons. Für mich haben sie immer noch den magischen Klang, dem ich vor vielen Jahren verfallen bin, ja, in ihrem Klang versteckt sich die Essenz Lissabons. Ich spreche sie leise vor mich hin und imitiere dabei den weichen, nasalen Tonfall der Portugiesen. Seltsamerweise ist es der Klang der Sprache, der mir die Wirklichkeit der Stadt näher bringt und mich an jenes Lissabon erinnert, das ich im Herbst 1978 zum ersten Mal besucht habe.
Im Museum der modernen Poesie, eines der ersten Bücher, das ich in meiner Buchhändlerlehre kaufte, stieß ich auf das Gedicht Lisbon Revisited von Fernando Pessoa. Es brachte mir die Stadt am Atlantik in die Schweizer Berge. Ich spürte den Wind, der vom Meer herkam. Weiterlesen

Cabourg – Balbec

Wer etwas erleben will, reist nicht nach Cabourg. Das einzige, was man hier tun kann, ist ausspannen, spazieren gehen und den Trabrennern oder den Surfern zuschauen. Die einen treiben ihre Pferde durch die auslaufende Brandung, die anderen versuchen sich weiter draussen auf den Wellen zu halten. Ausser dem endlosen Strand und der vier Kilometer langen Promenade hat der Ort nicht viel zu bieten. Wäre da nicht das Grand Hotel und hätte Marcel Proust hier nicht seine Sommerurlaube verbracht, ich wäre wohl nie auf die Idee gekommen, in das alte Seebad an der normannischen Küste zu reisen. Jede Reise ist eine Entzauberung. Weiterlesen

Auf den großen Boulevards

Es war früh am Morgen, als der Nachtzug aus Basel an der Gare de l’Est eintraf. Ich war müde und hellwach zugleich, als ich auf den Platz vor dem Bahnhof trat. Verrückt dachte ich, ich bin in Paris, verrückt. Ich betrachtete die hohen Häuser aus hellem Sandstein und die schmalen schmiedeisernen Balkons, die an den Fassaden klebten. Ich sah den Boulevard de Strasbourg, eine lange abwärtsgehende Gerade. Ich ging ins 9. Arrondissement, man hatte mir das Hotel du Nord an der Rue Faubourg Poissonnière empfohlen. Die Straßen lagen noch im Schatten, einzig die Hausdächer wurden von der Morgensonne vergoldet. Wasser strömte den Rinnstein hinunter, Sandsäcke kanalisierten es in die Schächte. Weiterlesen

Neue Schuhe

Neue Schuhe
Vor Bashôs Hütte in Tokyo

Heute habe ich mir ein Paar neue Schuhe gekauft und sie mitten ins Wohnzimmer gestellt. Halbhohe Stiefeletten zum Schnüren, aus weichem braunem Leder, das wie zerknittert aussieht, glänzende Spitzen, rahmengenäht. Wunderbare Schuhe. Ganz nach meinem Geschmack. Die Schuhe, so mitten im Wohnzimmer, haben wie ein Gedicht ausgesehen, ein Gedicht von Gottfried Benn oder Rainer Maria Rilke. Wobei Rilke Knöpfstiefel getragen haben muss, worum ich ihn beneide. Auf dem Heimweg war mir klar geworden, dass es auch anders ginge. Weiterlesen

Bücherdandy

Mit fünfzehn verließ ich die Schule. Acht Jahre habe ich es da ausgehalten. Ich war ein Halbstarker und mochte die Beatles. Ich mochte ihre laute, freche Musik, den unbekümmerten Leichtsinn mit dem sie die Dinge anpackten, ihre Frisuren, die Kleider. Sie standen für einen neuen Lebensstil. John Lennon und der Sioux-Indianer Crazy Horse waren meine Idole.
Der eine, weil er der ganzen Welt seinen nackten Hintern gezeigt hat und der andere, weil er sich geweigert hat, das freie Umherstreifen auf den Plains zugunsten eines sesshaften Daseins in der Welt der Weissen aufzugeben. Weiterlesen