Wie ich Charles Bukowski kennenlernte

Ob ich schon mal was von Bukowski gelesen hätte, fragte mich Jimmy, ein Freund, auf einer Party.
Ja, sagte ich.
Jimmy erzählte mir, Bukowski sei ein ganzer harter Typ, der im Knast gesessen und Gedichte geschrieben habe, bevor er aus dem achten Stockwerk gesprungen sei. Ich war erstaunt, denn ich meinte, Bukowski zu kennen, doch davon hatte ich noch nie etwas gehört.
Wir mussten beide lachen, als wir merkten, dass wir von zwei ganz verschiedenen Bukowskis redeten. Er von einem Amerikaner mit diesem Namen, ich von Wladimir Bukowski, einem Russen, der Opposition. Eine neue Geisteskrankheit in der Sowjetunion geschrieben hatte, ein Bericht über sowjetische Intellektuelle, die aus politischen Gründen in Irrenanstalten eingesperrt und dort als Verrückte behandelt wurden. Weiterlesen

In Alberto Giacomettis Atelier

Im Grand Hotel in Cabourg lag in der Empfangshalle die New York Times auf. Ich hätte sie nicht geöffnet, wäre nicht auf der ersten Seite der Name Alberto Giacometti gestanden. So habe ich von der Ausstellung im renovierten Jugendstilgebäude an der Pariser Rue Victor Schoelcher oben beim Friedhof Montparnasse erfahren. Man habe da auch Giacomettis Atelier nachgebildet, hieß es im Artikel. Ich fragte mich, wozu dies gut sein sollte. Auch ein Museum kann die Zerstörungen durch die Zeit nicht aufhalten.

Sicht auf Giacomettis Atelier

Weiterlesen

Der Überlebenskünstler

Wir kamen an einem späten Nachmittag im April in Triest an.
Im Taxi sahen wir auf der einen Seite das Meer und auf der anderen die hohen Prachtbauten und Paläste des Borgo Teresiano. Triest stand bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unter österreichischer Herrschaft, die wichtigste Hafenstadt der Donaumonarchie; sie hatte damals ihre Glanzzeit und war zu Reichtum gekommen. Es gab sogar eine direkte Bahnlinie zwischen Wien und Triest.
Wir wohnten im Hotel „Continentale“ an der Via San Nicolò. Schräg gegenüber war das Buchantiquariat „Umberto Saba“. Ein dunkles Lokal mit hohen, nackten Bücherwänden. Während ich mich darin umsah, fragte ich mich, wie viele der Bücher schon in den Regalen gestanden haben mochten, als Umberto Saba die Buchhandlung 1919 gekauft hatte. Weiterlesen

Der Dandy aus der Unterwelt

Kurz bevor wir in den Tibet reisten, geriet ich an ein Buch, das wie ein Faustschlag in die Magengrube war. Eine geballte Ladung an Provokation, Anstößigem und Unverschämtheit und zugleich eine Mischung aus Schönheit und Scharfsinn, voll von boshaften Aphorismen: Dandy in der Unterwelt. Eine unautorisierte Autobiographie. Die desaströse Lebensgeschichte des Sebastian Horsley, von ihm selbst erzählt. Weiterlesen

In einem entlegenen Tessiner Bergtal

Campanile von Berzona

Berzona ist ein kleines Dorf im Onsernone, einem abgeschiedenen Tal nördlich des Lago Maggiore. Hier geht es entweder hinauf oder hinunter. Die Straße ist eng und kurvenreich.
Die herbstlichen Hänge leuchteten braun, gelb und rot. Darüber sah man die graue Schraffur der Berge und einen blassen Himmel.
Ich betrat den Friedhof, der am unteren Ende des Dorfes liegt. Vor zwei Thuja-Sträuchern sah ich zwei flache Granitplatten, die Grabstätten von Gisela und Alfred Andersch. Darauf Name, Geburts- und Todesjahr.
Das Künstlerpaar war 1958 nach Berzona gekommen. 1972 sind sie Schweizer Staatsbürger geworden. Im ganzen Dorf gibt es sonst keinen Hinweis darauf, dass sie hier gelebt haben. Für Max Frisch, der 1964 auf Rat von Andersch in Berzona ein Haus gekauft und umgebaut hatte, hängt eine Gedenktafel an der Friedhofsmauer. Für die Andersch nicht. War Frisch finanziell der Großzügigere gewesen? Die alte Dame zu Besuch? Weiterlesen

Ein Ort der Verbannung

 

Römische Ruinen bei Alière auf Korsika

Wir kamen von Porto Vecchio her und fuhren den Hügel hinauf nach Alière: La Ville antique. Alière war in der Römerzeit die Hauptstadt von Korsika, ein strategischer Außenposten im Mittelmeer.
Das Museum schloss gerade als wir hinein wollten. Mittagszeit. Wir setzten uns auf die Terrasse des Cafés, das es am Rand von Alière gibt. Hinter uns lärmte eine Schar Kinder. Über dem Dorf schwirrten Mauersegler wild kreischend umher. Ich kann diesen Künstlern der Lüfte stundenlang zu sehen, wie sie mit ihren pfeilschnellen Sturzflügen und Loopings durch die Luft jagen, mit kleinen Schwenks plötzlich die Richtung ändern, haarscharf an einer Dachkante vorbeischrammen, sich in den blauen Himmel winden, wieder hinabstürzen, vier oder fünf hintereinander her. Weiterlesen

Ein Brief an Paul Nizon

Lieber Paul Nizon

Irgendwo habe ich gelesen, dass Sie sich Riesenauflagen von Ihren Büchern wünschen. Verständlich! Sie wären dann richtig reich. Ein Auflagenmillionär à la Max Frisch oder Peter Handke. Darum nehme ich nicht an, dass es Sie schrecklich interessieren wird, was ich Ihnen zu schreiben habe, bei Riesenauflagen schielt man nach den Massen und hat nicht den einzelnen Leser im Auge.
Ich habe Sie erst spät entdeckt. Ich geriet an eines Ihrer Journale, fand darin eine Stelle über Elias Canetti, las mich fest. Weiterlesen

Dichterin und Rockrebellin

Das alte Städtchen Saint-Florent liegt an einer hellen Bucht im Nordwesten von Korsika.
Dort fand ich im Presseladen die französische Ausgabe der Zeitschrift Rolling Stone. Und darin ein Interview mit Patti Smith. Ich stelle sie locker neben Marcel Proust. Ein schickes Paar, nicht? Die Rockrebellin mit dem harten New-Jersey-Slang und der überfeinerte und hochgebildete Pariser Literat. Das Sonnenlicht flutete auf den Platz herab. Ich ging hinüber ins Café mit den wuchtigen Platanen, setzte mich an einen Tisch und bestellte einen schwarzen Kaffee.
„Jeux de Miroir“ heißt der Titel des Interviews, „das Spiegelspiel“, das Paola Genone mit Patti Smith geführt hat. M Train, ein weiterer Band Erinnerungen, kurz zuvor erschienen, war der Anlass dafür. Es ist ein weiträumiges Gespräch, voll eigensinniger Gedanken, das mich in eine aufrührerisch-träumerische Stimmung versetzte.  Weiterlesen

Ein Sommer mit Marcel Proust

Ein Sommer mit Proust  von Matthias Zschokke ist ein kleines freches Büchlein, gerade mal sechzig Seiten Umfang, was im krassen Missverhältnis zu den sieben dicken Bänden von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit steht. Ich habe es mit Vergnügen und mit Stirnrunzeln gelesen.
Der Titel ist ein mächtiger Appetitanreger. Man denkt an eine leichte Brise, glänzende Seen, Grands Hotels und eine betörende Lektüre. Die Tage sind lang und hell, die Seiten tragen einem fort. Ab und zu verändert man die Lage des Körpers, um ihn zu entspannen, dann taucht man wieder ein in diesen fliederfarbigen Lesestrom.
Doch bei Zschokke finden sich keine glänzende Seen, keine Sommerbrise, keine träumerischen Lektüreeindrücke. Weiterlesen

Wer alt werden will, muss nach Asien reisen

„Ins Unbekannte hinausziehen, das ist neues Leben. Alles ist Wiederbeginn, ich weiß nicht, was vor mir liegt.“ Ella Maillart

An einem strahlenden Septembermorgen kamen wir über den Furkapass. Das Wallis dehnte sich vor uns aus. Blaue Bergflanken, weiße Spitzen, Granit.
Wir sahen die Nadelkurven der Passstraße hinunter ins Tal, rechts davon der schwindsüchtige Rhônegletscher. Es folgte das satte Grün des Obergoms, weidende Kühe, dunkle Holzhäuser auf pilzartigen Steinsockeln. Bei Sierre hätten wir um ein Haar die Abbiegung ins Val d’Anniviers verpasst. Eine enge Straße führte am bewaldeten Westhang des Illhorns in eine Höhe von Zweitausend Metern über Meer. Dort liegt Chandolin auf einer schmalen, abschüssigen Terrasse.
Wir gingen zum alten Teil des Dorfes hinunter. Die Kapelle Sainte-Barbe ist jetzt ein Museum, in Erinnerung an Ella Maillart, einer der mutigsten Frauen in der Literatur. Weiterlesen