Neulich war ich an einer literarischen Veranstaltung. Ich gehe selten zu solchen Anlässen.
Bei Lesungen sitzt der Autor in der Regel vorne an einem Tisch, auf dem eine Wasserkaraffe und ein Glas steht. Von Zeit zu Zeit nimmt der Autor einen Schluck Wasser aus dem Glas, dann liest er weiter. Vor ihm sitzen die Zuhörer, wie Kirchenmäuse artig und still aufgereiht. Auf dem Trockenen, selbstverständlich.
Dieses Mal war es anders. In der Mitte des Raumes stand eine Topfpflanze, warum blieb mir ein Rätsel, daneben ein hoher Bar-Tisch und Bar-Hocker. Es gab zwei aufblasbare, knallbunte Sofas und einen Plattenspieler, auf dem sich eine Platte drehte. Die Stühle für die Zuschauer waren im Kreis herum aufgestellt. Nachdem das Publikum Platz genommen hatte, wurde Weißwein ausgeschenkt. Auch während der Lesung wurde eifrig nachgeschenkt. Kein Wunder, denn ihr Titel war: „Durst ist auch nur ein Synonym für Leben“.
Drei Schauspieler lasen vor. Eine Frau, zwei Männer. Sie tigerten herum, legten sich auf den Boden oder in eines der Sofas, setzten sich auf einen der Hocker, tranken Weißwein oder Bier, zündeten sich Zigaretten an, rauchten. Dabei lasen sie von den Blättern, die sie in den Händen hielten. Sobald der darauf stehende Text gelesen war, segelte das Blatt zu Boden. Am Ende der Lesung war der Boden mit Blättern übersät.
Sie lasen aus Jörg Fausers autobiographischem Roman Rohstoff und einige seiner Gedichte.
Jörg Fauser. Jahrgang 1944. Ein gefährdetes Leben. Nach bürgerlichen Kriterien wohl gescheitert. Abitur nur knapp geschafft, Studium abgebrochen, Militärdienstverweigerer, Anarchist, Drogensucht, Aushilfsjobs, Randexistenz. Doch der Mann konnte schreiben. Er schrieb Gedichte, Krimis, Biographien, Drehbücher, Essays, Rezensionen, Porträts, Reportagen, Kolumnen, Songtexte.
Und vor allem schrieb er: Rohstoff.
Der eigentliche Stoff des Buches ist wie bei allen großen Sachen die Sprache. Sie ist schnell, präzise, kantig, genial. Und sie erzeugt eine wirkungsmächtige Realität. Die Sätze haben einen bestimmten Rhythmus, eine bestimmte Intonation, einen Sound. Darauf kommt es schließlich an. Wenn wir dem Zauber eines Buches erliegen, sind nicht Handlung, Tiefsinnigkeit oder gestapeltes Wissen entscheidend, sondern einzig und allein der Stil. Und Stil entsteht aus Rhythmus und Atemfluss.
Der Roman erzählt in lockeren Episoden von einem jungen Mann namens Harry Gelb, der sich in der linksalternativen Subkultur der späten 1960er und frühen 1970er Jahren bewegt und Schriftsteller werden will.
Die Geschichte beginnt in Istanbul. Harry und sein Kumpel Ede leben oberhalb der Blauen Moschee in einer winddurchlässigen Bude, die auf dem Dach eines alten Hotels aufgepfropft ist. Harry schreibt. Ede malt. Sie hängen beide an der Nadel und spritzen sich Rohopium in die Venen. Um an Geld zu kommen, nehmen sie Hippies aus, die auf dem Weg nach Indien in Istanbul Zwischenhalt machen.
Während Harry im Opium-Tran seine Wachstuchkladden vollkritzelt, gehen in Paris, Prag und Berlin die Studentenproteste los. Bei einer Großrazzia wird er von der türkischen Polizei verhaftet und nach Bulgarien abgeschoben. Er kehrt nach Deutschland zurück. Als er in Frankfurt bei den Eltern klingelt, erschrickt die Mutter, als sie die Tür öffnet. Er wiegt noch 45 Kilo. Am Ende des Buches hat er einen stattlichen Bierbauch. Nach einem kurzen Intermezzo in einer Berliner Kommune, wo man ihn anfänglich für einen Spion hält, lebt er mit Sarah in Göttingen in einer engen Dachkammer, bis sie von seiner Biertrinkerei und Heroinsucht die Nase voll hat. Er kehrt nach Frankfurt zurück und wird Redaktor eines Underground-Blattes, das von den Betreibern eines Rockschuppens herausgegeben wird. Weil die Nummer Zwei in ihren Augen viel zu radikal ist, lassen sie sie einstampfen, denn sie befürchten, die Stadt könnte sonst ihren Schuppen schließen.
Im Auftrag der Zeitschrift twen besucht er William S. Burroughs, den Autor von Naked Lunch, in London. Als Harry ihm erzählt, dass er Rohopium direkt in die Venen reingelassen hatte, schüttelt der alte Junkie mit einem schmalen Lächeln den Kopf: „Sie müssen völlig verrückt gewesen sein.“
Burroughs empfiehlt ihm, es mit Apomorphin zu versuchen, um vom Heroin wegzukommen. Apomorphin ist eigentlich ein Brechmittel bei Vergiftungen, eine Zeitlang galt es als probates Heilmittel gegen Opiate. Und es klappt. Harry kommt vom Junk runter und findet seine eigentlichen Drogen: Bier und Obstbrand.
Er mischt bei der Hausbesetzerszene in Frankfurt Westend mit und merkt bald, dass die kommunistischen Studenten, die in den besetzten Häusern das große Wort führen, richtige Spießer sind.
Gescheiterte Liebschaften, endlose Bierabende im Schmalen Handtuch, „wo der Klub der Arbeitsscheuen tagte“, Aushilfsjobs als Nachtwächter und bei der Gepäckabfertigung am Flughafen.
Wie gut kannte ich das! All die öden Scheissjobs, die man macht, um ein wenig Geld zu verdienen für Miete, Krankenkasse etc. und weil man keine Festanstellung will, die meist auch nicht viel besser ist, weil für anderes Ehrgeiz, Courage, Phantasie, Schulabschlüsse fehlen, oder weil man ganz einfach keine Lust auf irgendeine Arbeit hat, egal was es ist, ob Kulturredaktor, Chefbeamter, Hochschuldozent oder Fernsehmoderator.
Als „Bewohner der Randzonen“ fühlte sich Fauser bei Verlierern und Versagern zu Hause, bei Menschen, denen nicht alles gelingt auf ihrem Weg zum Glück. Er war wirklich Anti-Establishment, ein Rebell und Einzelkämpfer und nicht einer, der nur radikale Worte spuckte.
Rohstoff ist auch die Entstehungsgeschichte des ersten Buches von Jörg Fauser alias Harry Gelb. „Ich war Anfänger. Alles, was bisher geschrieben worden war, zählte nicht. Das war ja auch der Sinn des Umschwungs, der Revolution, an die ich trotz Berliner Depressionen nach wie vor glaubte. … Der traditionelle Roman war für das, was ich schreiben wollte, einfach untauglich. … Wir mussten neue Inhalte suchen und für sie neue Ausdrucksmöglichkeiten. Eine neue Literatur.“
So entstand Tophane, sein erster Roman (in Rohstoff heißt er Stamboul Blues), der den Junkie-Albtraum der frühen 1970er Jahre wiederspiegelt, aber nicht in einer linearen, sozialpsychologisch verbrämten Geschichte mit didaktischem Warnfinger. Es ist das in Kleinstsequenzen zersprungene Gedanken- und Wahrnehmungsprotokoll eines Süchtigen, in surrealen und fiebrigen Bildern rotierend und von Blut und Schmutz triefend.
Die großen Verlage lehnen alle ab, schließlich erscheint Stamboul Blues in einem kleinen Verlag.
Harry hält seine erste Lesung, bei einem katholischen Jugendverein draußen in der Provinz. Was mögen sich diese braven jungen Leute gedacht haben. Da sitzt kein Hippie-Typ in Jeans, schwarzem Rollkragenpullover und mit schulterlangem Haar, sondern jemand, der in weißem Hemd und Trevira-Hose eher bieder wirkt, Bier trinkt und schwitzt. Harry spürt, dass sie mit seinem „Bericht aus dem Inneren der Sucht“ komplett überfordert sind. Zurück in Frankfurt, stiefelt er stracks in eine Bar und versäuft die fünfzig Mark, die er für die Lesung erhalten hat, versäuft auch Geld, das er gar nicht in der Tasche hat und wird dafür unsanft auf die Straße befördert.
„Das war also das Pflaster. Es schmeckte nicht schlechter als vieles andere, aber gewöhnen wollte ich mich nicht daran. Ich suchte meine Brille, bis ich feststellte, dass ich sie in der Hand hielt. Ich setzte sie auf. Aus der Nähe sah dieses Pflaster interessant aus, es gab sogar einen Riss, der durch den Asphalt lief, und in dem Riss spross ein Grashalm. Wenn das so ist, dachte ich, kannst du auch aufstehn.“
Dem Namen Jörg Fauser bin ich das erste Mal zu Beginn meiner Buchhändlerlehre begegnet. In Tintenfisch 8, Jahrbuch für Literatur war das Gedicht Goethe, Trotzki und das Glück abgedruckt, der einzige Beitrag im ganzen Heft, an den ich mich später noch erinnern konnte. Kürzlich habe ich wieder einmal darin geblättert. Mit Ausnahme von Fausers Gedicht sind alle Beiträge schrecklich verstaubt. Einzig sein Gedicht kommt ohne literarische oder politische Rhetorik aus, es lebt von diesem schnörkellosen schnellen Fauser-Sound. Der Held lebt mit einer jungen französischen Trotzkistin („unglaublich schmale Hüften, blitzende Augen, flatterndes schwarzes Haar“) zusammen in einem besetzten Haus in Frankfurt Westend. Er möchte die Revolution sausen lassen, Bier trinken, hin und wieder ein Gedicht schreiben und die Liebe mit Louise genießen. Louise hat keinen Sinn für solche bourgeoisen Glücksvorstellungen. Das konnte nur schieflaufen zwischen den beiden. Und es lief schief. Jahre später begegnet er einer Genossin aus jener Zeit. Sie erzählt ihm, dass Louise nicht im Zentralkomitee sitzt, wie er vermutet, auch nicht mit Jean Paul Sartre verheiratet ist, sondern mit einem französischen Goetheforscher. An dem Abend trinkt er wie ein Lebensmüder. Im Roman Rohstoff wird die Geschichte nochmals ausführlicher erzählt. Louise heißt nun Bernadette.
Als ich im Sommer 1987 nach Berlin kam, kaufte ich mir den TIP, um zu erfahren, was in der Stadt los ist. Darin fand ich einen Nachruf auf Jörg Fauser. Was für eine beschissene Nachricht. Ich war bestürzt.
Er hatte zwischen 1981 und 1984 in Berlin gelebt und für den TIP gearbeitet.
Am frühen Morgen nach dem Fest zu seinem 43. Geburtstag ist Fauser bei München-Feldkirchen auf der Autobahneinfahrt von einem Lastwagen angefahren und 37 Meter weit mitgeschleift worden. Er war sofort tot. Wie er auf die Autobahn gekommen ist und was er dort vorhatte, weiß niemand. Ein deftiges Leben, ein deftiger Tod.
Ich erinnerte mich an das Trotzki-Goethe-Gedicht im Tintenfisch und ging anderntags in die Buchhandlung Kiepert an der Hardenberg-Straße beim Ernst-Reuter-Platz und kaufte mir Blues für Blondinen und Rohstoff. Für ein paar Tage vergaß ich, wo ich war, verließ die Wohnung an der Wilmersdorfer-Straße nur, um bei Hertie Schrippen und Tomaten zu kaufen und konzentrierte mich ganz auf die Lektüre. Ich wurde richtig neidisch beim Lesen. Dieser Mann konnte schreiben.
Mit siebzehn hatte er einen seinen ersten Text veröffentlicht: eine Rezension der Gedichte von Andreas Gryphius in den Frankfurter Heften. Beeindruckend, wie der Siebzehnjährige es verstand, Parallelen zwischen dem Albtraum des Dreißigjährigen Krieges und jenem des 20. Jahrhunderts (Weltkriege, Holocaust, Archipel Gulag) zu setzen und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Für Fauser war damals schon klar, was er wollte in seinem Leben: Schreiben.
Essays zur populären Kultur ist der Untertitel von Blues für Blondinen. Für Fauser gab es keine Trennung zwischen E- und U-Kultur. Und wenn er sich schon entscheiden musste, dann doch eher für U. Er liebte Rockmusik, schrieb über Boxkämpfe, Eddie Constantine und James Dean, zog Krimiautoren wie Graham Greene oder Eric Ambler jenen der Gruppe 47 vor. Die deutsche Nachkriegsliteratur war für ihn nichts als „fader Haferschleim“, was ihm die „Literaturverweser“ (Großkritiker und Meinungsmacher der Literatur) ziemlich übel nahmen. Er war sich nicht zu schade im LUI oder Playboy zu publizieren. Joseph Roth, Jack Kerouac und Hans Fallada waren seine Favoriten, alle drei schwere Trinker wie er selber, und Fauser verstand es, ihre persönliche Tragödie in packenden Essays darzustellen.
Blumen für die Mauer, der erste Essay in Blues für Blondinen war der richtige Einstieg für einen Neuankömmling in der damals noch geteilten Stadt. Darin macht sich Fauser über all die in Berlin ansässigen Wessis lustig, die so taten, als wären sie Berliner in der vierten Generation und die Mauer für sie keine Realität besäße. Er erzählt so, dass man bei der Lektüre den Eindruck hat, die Mauer bestünde immer noch, dreißig Jahre nach ihrem Fall. In Sakko, Schlips und gute Laune geht er für 98 Mark auf die große Berliner Nachttour. Früher seien 30 bis 40 Leute mit auf die Tour gekommen, sagte Maurice, der Leiter. An diesem Abend waren sie bloß zu sechst. Die Krise, fügte Maurice raunend hinzu, nur noch die Schweizer hätten Geld. Ich bin nie mit auf die große Tour für 98 Mark gegangen, solange ich in Berlin war. Hofbräuhäuser und Striplokale waren nicht meine Sache. Du bist halt verklemmt, hat einmal ein Vorgesetzter zu mir gesagt. Egal! Ich ging lieber ins Quasimodo an der oberen Kantstraße, wo es guten Jazz gab, oder ins Dralle‘s an der Schlüterstraße mit seinen vielen Juke-Boxen. Dort servierte Elke. Sie trug eine zerrissene Jeans. Ein Riss war genau dort, wo die rechte Pobacke eine Falte bildete.