Wenn ich als Knabe krank war, las ich nichts lieber als Bücher über die Indianer. Ich wäre gerne ein Indianerjunge gewesen, der auf den Rücken seines Ponys springt und in die Prärie hinaus galoppiert oder mit seinen Freunden in den Flüssen um die Wette schwimmt. Zwischen Fieberanfällen und Schlaf verfolgte ich die Lebensgeschichten der großen Häuptlinge, ihre Namen haben sich tief in meinem Inneren abgelagert: Tashunka Witko, Tatanka Yotanka, Mapya Luta, Gokhlayeh.
Als ich etwas älter war, schenkte mir die Mutter Ich rufe mein Volk von Schwarzer Hirsch. Leben, Visionen und Vermächtnis des letzten großen Sehers der Oglala-Lakota. Im Englischen heisst es schlicht Black Elk speaks. Jetzt lese ich das Buch wieder. Die Lektüre ruft Bilder in mir wach, grossartige und aufwühlende Bilder. Dichtung und Wahrheit sind in diesem Buch auf eine einzigartige Weise verwoben. Dieser Jäger, Krieger und Heiler war ein großartiger Poet. Das Tipi – Symbol einer verschwundenen Kultur, für mich eine der schönsten überhaupt. Ein naiver Romantizismus? Vielleicht. Weiterlesen
Indianer
Genealogie
Die Liebe zu den Büchern habe ich von meiner Mutter. Sie war eine leidenschaftliche Leserin. Mit zwanzig las sie den ganzen Shakespeare. Bei uns zu Hause gab es ein Regal voller Bücher, darunter etliche Bände von Jeremias Gotthelf. Sie haben mich nie interessiert. Was gingen mich die Emmentaler Bauern an? Ich wollte in die Welt. Die großen Städte waren für mich die Welt. Weiterlesen
Bücherdiebstahl
Das Büro des Verlagsleiters lag im zweiten Stock eines bürgerlichen Hauses im Enge-Quartier von Zürich. Herr Classen, ein älterer Herr in Anzug und mit Fliege, war von kultivierter Vornehmheit, ein Schlag Buchhändler, der mittlerweile ausgestorben ist. Sein Sohn, der die Verlagsauslieferung leitete, in der ich für ein paar Wochen arbeitete, war das exakte Gegenteil von ihm. Sein Äußeres schien ihn wenig zu kümmern: Jeans, zerknittertes Hemd, aber exquisit-elegante Schuhe. Seine Interessen galten Comics, Phantasy und Esoterik, damit ging er auf Handelsreisen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich eines Tages zum alten Classen hinauf ins Büro musste. Meine Augen streiften über die hohen Buchregale, die es da gab, wie über eine unerhörte Gebirgslandschaft. Die Nervenwaage las ich auf einem Buchrücken. Es war wie ein Elektroschock. Nach diesem Buch suchte ich schon eine ganze Weile. Weiterlesen