Gespenster am helllichten Tag

Es war ein schneidend klarer Morgen, durchsichtig und kühl. Die Hügelzüge am anderen Ufer der Tejomündung zeichneten sich deutlich ab. In der Regel verschwanden sie in einer schwefelgelben Dunstglocke. Die Fassade des Postgebäudes an der Rua Arsenal war schwarz von Autoabgasen.
Heute hatte ich mehr Glück als am Freitag. Die Frau am Postschalter händigte mir drei Briefe aus. Aber die Bücher waren noch nicht da.
Ich überquerte die Rua da Prata und schritt unter den Bögen der Praça do Commercío Richtung Café Martinho da Arcada.
In den engen Straßen der Baixa hingen Wolken von Abgasen. Unglaublich, die vielen Autos. Eine gelbe Trambahn rumpelte vorbei. Straßenhändler hatten auf Decken alte Postkarten, zerfledderte Bücher, Schlüsselanhänger und Ortspläne ausgebreitet. Eine Bettlerin klagte laut. Der monotone Gesang der Lotterielosverkäufer war zu hören. Eine dichte Menschenmasse bewegte sich auf den Trottoirs. Weiterlesen

Pariser Buchhandlungen

Wir wohnten oben im Belleville, am Rand des Chinesen-Viertels, an der Sambre-et-Meuse. Ein kleines Studio im vierten Stock, dunkles, braungestrichenes Treppenhaus, doppeltes Schloss. Wer in Paris einen großen Raum bewohnen will, braucht entweder viel Geld oder die Fähigkeiten eines Hochstaplers.
Wir verließen das Haus kurz nach zehn Uhr. Ein kühler Morgen. Die Sonne blass. Wir gingen den von Chinesen und Schwarzen bevölkerten Boulevard de Belleville hinunter zur Metrostation. Vorbei an den chinesischen Restaurants, dem chinesischen Supermarkt, den chinesischen Läden und den Süffeln, die auf dem breiten Mittelstreifen des Boulevards herumhingen. Die Luft schien voll unsichtbarer Zeichen zu sein. Weiterlesen

Rom im Januar

Die eisige Kälte fraß sich wie Rost durch die Kleider. Abhauen, dachte ich, weg von Scheisskälte und Schnee.
Wir flogen nach Rom.
Es war kühler, als wir erwartet hatten, ein rauchiges, winterliches Rom, aber man konnte die Tage draußen auf den Plätzen und in den Gassen verbringen. Und der Himmel war von einem intensiven Blau.
Ich packte Rom, Blicke von Rolf Dieter Brinkmann ein. Einst gehörte es zu DEN BÜCHERN. Ich hatte es immer wieder und wieder gelesen. Es ist ein heftiges, ausuferndes Buch. Ein wildes Schimpfen auf eine ausgelaugte Gegenwart, den Schrottzustand der Welt, die vergammelte Alltäglichkeit, auf Menschenmassen und den Gestank und Lärm der Autos. Es ist jedoch viel mehr als das! Wenn Brinkmann Zorn und Wut vergisst, einfach von dem schreibt, was er sieht, riecht, hört und erfährt, dann erhält seine Sprache eine dichte Sinnlichkeit, eine poetische Intensität, die ihm so rasch nicht einer nachmacht. Nichts Gekünsteltes, Gaghaftes, Gewundenes. Klar, direkt und unverschnörkelt kommt es dann. Weiterlesen

Der Philosophenturm

Im Bus fuhr ich durch das Rebhügel- und Kuhweidenuniversum des Périgord. Ein strahlender Morgen, der einen heißen Tag versprach. Leuchtende Wiesen. Das Laub des Weins. Mitten im Grün die alten, grauen Dörfer.
Ich ging einer hohen Mauer entlang. Schattige Bäume. Blumenrabatten. Lärmende Schulkinder auf dem Rasen. Ich trat durch das Tor und da war das Schloss, wuchtig, herrschaftlich, mit vielen Türmen, deren kegelförmige Dächer in der Junisonne dunkel glänzten. Seltsam. Im Prospekt, den ich im Touristenbüro in Bergerac erhalten hatte, war ein eleganter, leichter Renaissancebau abgebildet. Ich faltete den Prospekt nochmals auf und sah, dass es sich um das „Château de Matecoulon à Montepeyroux“ handelte, das meiner Meinung nach besser zu Michel de Montaigne gepasst hätte als dieser imposante und abweisende Protzbau da. Weiterlesen

Das Haiku braucht keine Hütte

Zen-Tempel - Bashô-Hütte im Hintergrund
Zen-Tempel – Bashô-Hütte im Hintergrund

In Kyoto gibt es mindestens drei Hütten, in denen sich Matsuo Bashô, der große Meister des Haiku-Gedichtes, aufgehalten haben soll. Bei einer kann man davon ausgehen, dass es so war, die zwei anderen sind lange nach seinem Tod gebaut worden. Als Bashô-an – Erinnerungsstätten, Eremitenklausen. Diese Orte strahlen die Stille einer verlorenen Zeit aus und verkörpern die bezaubernde und eigenartige Schönheit des alten Japans.
Es gibt zahlreiche solcher Stätten in Japan. Nicht nur in Kyoto. In alter Zeit wurde Bashô wie ein Gott verehrt. „Wir Japaner tragen Bashô in unserem Herzen“, sagte in Yamadera eine Frau zu mir. Weiterlesen

Eine Liebschaft im Schneeland

Der Schinkansen schoss aus dem langen Tunnel. Eine verhangene Berglandschaft war kurz zu sehen. Dann die riesige Bahnhofshalle von Echigo-Yuzawa. Es war ein enttäuschender Augenblick, und es ging sehr schnell. Ich hatte etwas ganz Anderes erwartet. Yuzawa liegt in der gebirgigen Zentralregion Japans. Ein Skiort. Heilbäder mit heißen Quellen. Im Winter blasen die kalten Winde von Sibirien herunter. Sie nehmen die Feuchtigkeit über dem japanischen Meer mit und laden sie als Schnee über dem Gebirge ab. Manchmal fallen über drei Meter Schnee.
Im Buch Yukiguni (dt. Schneeland) von Yasunari Kawabata dauert es, bis die Dampfeisenbahn im Bahnhof eintrifft. Ein Glück für den Leser, denn die ersten Seiten sind von einer außerordentlichen Schönheit. Weiterlesen

Buddhas lebendige Fresken

Der Tempelberg von Tsaparang
Der Tempelberg von Tsaparang

Die staubige Piste führte durch den Sutlej-Canyon nach Tsaparang. Die Wände des Canyons sahen wie Reihen von Mönchen aus, die sich in Steinstatuen verwandelt hatten und nun langsam verwittern.
A. entdeckte den Berg mit den Ruinen als erste. Ein gigantischer Felsen, der wie ein gestrandeter Riesendampfer in der wüstenähnlichen Landschaft steht.
Man konnte die Ruinen fast nicht vom Fels unterscheiden, sie waren Teil der bröckligen Berghänge geworden. Einzig die beiden Tempel auf halber Höhe und der Palast ganz oben auf der Kuppe waren noch intakt und hoben sich klar vom Felsen ab. Es gab dunkle Löcher, Höhlen, in denen die einfachen Leute gelebt hatten. Jahrhunderte später fand man darin die Gebeine von tausenden von Toten. Weiterlesen

Dichter, Landwirt, Dandy

Am Fuss der Alpes Côte d‘Azur wurden die Pinienwälder vom bunten Laub der Kastanien, Eichen und Weinfelder abgelöst. Auf den Hochebenen stand das matte Grün der riesigen Lavendelfelder. Die Landschaft der Provence mit ihren Weiten, muldenartigen Tälern und weissen Kreidefelsen hat ganz eigene Qualitäten.
Wir kamen ins breite Tal der Durance. Ein schönes Tal, eigentlich. Doch an vielen Orten zugemüllt: Autobahnen, Strassen, Supermärkte, Tankstellen, Bürohäuser, Lagerhallen, Wohnblöcke, Parkplätze. Die ganze hässliche Lieblosigkeit, die man Fortschritt nennt. Das ästhetische Empfinden heruntergekommen. Dem Preis geopfert. Hauptsache billig, Hauptsache schnell hin gehudelt. Geprägt von Kostenbewusstsein, ökonomischer Effizienz, Wachstum – dem ganzen Geschwätz von jenen ab den Eliteschulen. Ihre Vorstellung von Schönheit reicht nicht weiter als bis zum Krawattenknopf. Auf der anderen Seite des Tales konnten wir Manosque sehen, das kleine Städtchen am Südfuss der Haute-Provence. Weiterlesen

Im fernen Westen

Michel holte mich am Flughafen von Helena ab.
Ich hatte ihn im Restaurant au 35 an der Rue Jacob in Paris kennengelernt.
– Wenn du mal nach Montana kommen möchtest, lade ich dich gerne ein, sagte er.
Er unterrichtete Physik am College in Helena, wohnte aber ausserhalb, in der Nähe vom Canyon Ferry Lake in einem Trailer. Im Trailer nebenan wohnten Tante Lisa und Bob. Lisa war eine fahrende Buchhändlerin. Sie handelte mit Büchern über die Geschichte des Wilden Westens, ein beliebtes Studienobjekt für pensionierte College-Lehrer. Sie fuhr zu Symposien und Tagungen und baute da ihre Büchertische auf.
Als ich ihr erzählte, dass ich wegen James Willard Schultz nach Montana gekommen sei, verschwand sie im hinteren Teil des Trailers. Weiterlesen

Die Küste entlang

„Wieder habe ich diese klare, lebhafte Empfindung von der Küste. Ein erster Ort. Die nackte Schönheit von allem.“
Kenneth White

Der schottische Schriftsteller und Reisende Kenneth White lebt seit vielen Jahren an der Côtes-du-Nord der Bretagne, also ungefähr in der Mitte zwischen den Hebriden und Portugal. Er ist ein kosmopoetischer Nomade, ein solitärer Wanderer, der eine Wind- und Wellen-Philosophie praktiziert. Was zählt, ist der Raum, der Weg, die Bewegung.
„Nennen sie mich Ismael, einen intellektuellen Nomaden.“ Weiterlesen