Der Luchs mit dem purpurroten Hut

Der Luchs liegt dösend auf einem Felsen in der warmen Herbstsonne. Ein Reh springt durch den Lidwinkel seines Traums. Ein Jäger findet später das tote Reh. Der Rücken und ein Hinterlauf sind abgefressen. Der Jäger denkt: Luchs, wenn ich dich vor die Flinte kriege, wird es dir nichts nützen, den Mönch zu spielen. Kutten sind nicht kugelsicher.
Am anderen Tag trägt der Luchs einen purpurroten Hut. Weiterlesen

Meinen Sie Zürich zum Beispiel

Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem hellen Nachmittag im Juni durch Zürich spazieren. Sie fangen beim Stauffacher an, marschieren über die Sihlbrücke, sehen das träge Wasser der Sihl, es hat die letzten Tage nicht geregnet, die grünen Uferstreifen, der Selnau-Bahnhof, der wie eine Flosse aus dem Fluss ragt, im Hintergrund ist der Kamm des Üetliberges zu sehen, die dunklen bewaldeten Hänge, ein wässriger Himmel darüber. Sie wenden sich nach links, gehen zum Glockenhof, durch die Füsslistraße zur Bahnhofstraße, zum Paradeplatz, zum Fraumünster, über die Brücke zur Wasserkirche. Sie sehen das Großmünster mit seinen zwei Stummeltürmen, den glänzenden See und dahinter die weiß schimmernden Berge. Sie gehen das Limmatquai hinauf bis zum Bellevue.
Na und? Werden Sie denken. Was soll daran besonderes sein. Weiterlesen

Sils Maria

Ein kleines, gelbgestrichenes, zweistöckiges Haus. Es steht zurückversetzt, am Fuss eines Abhanges, im Kieferschatten. Hier wohnt einer, der den Menschen den Rücken zugekehrt hat, dachte ich, als ich es das erste Mal sah. Einst wohnte Friedrich Nietzsche da. Jetzt ist es ein kleines Museum zu seinem Gedenken. Unter Glasvitrinen liegen Erstdrucke seiner Bücher, meist billige, zerfledderte Broschüren. An den Wänden hängen Fotos von ihm und von seinen Vorfahren. Die strenge Mutter am Arm ihres Sohnes. Eine Büste aus weißen Marmor. Nietzsche soll sie während der Entstehung liebevoll gestreichelt haben. Weiterlesen

Lynx – Die Luchsreportage

Was ist das für ein Tier, von dem ich meinen Namen habe?
Eine Frage der Genealogie, die nicht ihrem Stammbaum folgt, sondern mitten ins Tierreich führt.
Meine Vorfahren mussten etwas Wildes, Katzenhaftes an sich gehabt haben. Waren sie scheue Einzelgänger, Wanderer, die abseits lebten und deshalb den Spitznamen „Luchs“ erhielten? Handelte es sich bei ihnen um Verwandlungskünstler, die es verstanden haben, in die Gestalt eines Tieres zu schlüpfen? Weiterlesen

Der Wind der Straße

Als ich für ein paar Monate nach Berlin fuhr, hatte ich zwei Bücher des schottischen Reisenden und Schriftstellers Kenneth White im Gepäck. Im Zug las ich Der blaue Weg. Eine Reise nach Labrador. „Vielleicht ist die Idee die, soweit wie möglich zu gehen bis ans Ende deiner Selbst – bis zu einem Territorium, wo die Zeit Raum wird, wo die Dinge in ihrer ganzen Nacktheit erscheinen und der Wind weht, anonym.“ Das waren neue, für mein Ohr ungewohnte Töne. Ich hatte plötzlich den Wunsch, weiterzureisen. Dieser ungeheuer weite Raum von Labrador, sein Atem, weckte in mir den Wunsch, weiter zu gehen, immer weiter. Ich fuhr dann doch nach Berlin. Weiterlesen

Propheten des Untergangs

Ich fuhr über das endlose Wüstenplateau im Norden Arizonas. Mattgrüne Salbeibüschel sprenkelten die graue Fläche. Im Westen schwamm ein Tafelberg in der Ebene, ebenfalls grau und porös der extremen Witterungsverhältnisse wegen, die hier herrschen. Einkerbungen auf seinem Buckel. Das musste Walpi sein. „The Sky Village“. „Einer der inspirierendsten Plätze Arizonas“, laut Reiseführer. Vor vielen Jahren hatte ich Das Buch der Hopi gelesen. Deswegen war ich in diese abgelegene Gegend gekommen.
Sie ist seit Urzeiten die Heimat der Hopi-Indianer. Ihre alten Dörfer sind auf drei Mesas gebaut, Tafelberge, die sich wie gekrümmte Finger von der Black Mesa nach Süden erstrecken. Weiterlesen

Ein russischer Wanderer

Unruhige Jugend von Konstantin Paustowskij entdeckte ich mit neunzehn Jahren in einer Buchhandlung in Luzern.
Der Titel gefiel mir. Er entsprach meiner eigenen Situation. Ich schlug das Buch auf, las die erste Seite und wusste auf Anhieb, der Klang dieser fließenden, herbstfarbigen Prosa würde mich von einer Seite zur nächsten tragen. Es geht um einen träumerischen und romantisch veranlagten jungen Mann, der von Büchern und Versen lebt und sich der Ungebundenheit und dem Unterwegssein verpflichtet fühlt. Er liebt die Natur und ist voller Neugier auf die Welt. Und er will Schriftsteller werden. Wanderer und Schriftsteller. Die Mutter fürchtet, dass nie etwas Rechtes aus ihm würde. Doch eine Wahrsagerin in Jefremow, Weiterlesen

Bei Tante Léonie

Es war noch dunkel, als der Schnellzug nach Rennes die Gare Montparnasse verließ. Später tauchten die Umrisse der Kathedrale von Chartres in der Morgendämmerung auf.
Im blau-weißen TER, der nur aus zwei Wagen bestand, ging es über die endlos flache Beauce. Am Himmel ein paar perlmuttfarbige Wolken. Im Laufe des Tages verdichteten sie sich zu einer grauen Wolkendecke und brachten Regen. Auf dem Monitor über der Tür liefen die Namen der Orte, an denen der Zug als nächstes hielt. Nach jedem Halt verschwand ein Name und ein neuer tauchte auf.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Familie Proust einst in die schnaufende und zischende Dampfbahn gestiegen und die gleiche Strecke gefahren war, um in Illiers die Osterferien zu verbringen. Marcel war noch ein Knabe. Weiterlesen

Die Auswanderer

In den letzten Tagen dachte und dachte ich an ein hohes und steiniges Tal. Ein Tal im Berner Oberland. Ich dachte an die Flühe, den blauen Himmel, die Matten, die in der Morgensonne glänzen und an die frische Luft, die nach Bergblumen und Holzfeuer riecht. Dort oben wurde ich geboren. Dort oben hatte ich die ersten zwei Jahre meines Lebens verbracht und manche Tage in meiner Jugend. Wie lange ist das alles schon her. Wie lange bin ich nicht mehr in dem kleinen Bergdorf gewesen und habe zu den Flühen empor geschaut. Mein Heimattal? Weiterlesen

Der Blues von gestern Abend

Gestern Abend bin ich auf den Blues gekommen. Buchstäblich. Vielleicht lag es an der Sendung über den afroamerikanischen Schriftsteller und Bürgerrechtsaktivisten James Baldwin, die ich am Radio gehört habe. Baldwin hielt sich anfangs der Fünfzigerjahre drei Mal in Leukerbad auf, um da seinen Roman Go tell it on the Montain zu Ende zu schreiben. Er kam im Februar an, alles war verschneit, seine schwarze Haut stach besonders hervor. Weiterlesen