Der Philosophenturm

Im Bus fuhr ich durch das Rebhügel- und Kuhweidenuniversum des Périgord. Ein strahlender Morgen, der einen heißen Tag versprach. Leuchtende Wiesen. Das Laub des Weins. Mitten im Grün die alten, grauen Dörfer.
Ich ging einer hohen Mauer entlang. Schattige Bäume. Blumenrabatten. Lärmende Schulkinder auf dem Rasen. Ich trat durch das Tor und da war das Schloss, wuchtig, herrschaftlich, mit vielen Türmen, deren kegelförmige Dächer in der Junisonne dunkel glänzten. Seltsam. Im Prospekt, den ich im Touristenbüro in Bergerac erhalten hatte, war ein eleganter, leichter Renaissancebau abgebildet. Ich faltete den Prospekt nochmals auf und sah, dass es sich um das „Château de Matecoulon à Montepeyroux“ handelte, das meiner Meinung nach besser zu Michel de Montaigne gepasst hätte als dieser imposante und abweisende Protzbau da. Weiterlesen

Das Haiku braucht keine Hütte

Zen-Tempel - Bashô-Hütte im Hintergrund
Zen-Tempel – Bashô-Hütte im Hintergrund

In Kyoto gibt es mindestens drei Hütten, in denen sich Matsuo Bashô, der große Meister des Haiku-Gedichtes, aufgehalten haben soll. Bei einer kann man davon ausgehen, dass es so war, die zwei anderen sind lange nach seinem Tod gebaut worden. Als Bashô-an – Erinnerungsstätten, Eremitenklausen. Diese Orte strahlen die Stille einer verlorenen Zeit aus und verkörpern die bezaubernde und eigenartige Schönheit des alten Japans.
Es gibt zahlreiche solcher Stätten in Japan. Nicht nur in Kyoto. In alter Zeit wurde Bashô wie ein Gott verehrt. „Wir Japaner tragen Bashô in unserem Herzen“, sagte in Yamadera eine Frau zu mir. Weiterlesen

Eine Liebschaft im Schneeland

Der Schinkansen schoss aus dem langen Tunnel. Eine verhangene Berglandschaft war kurz zu sehen. Dann die riesige Bahnhofshalle von Echigo-Yuzawa. Es war ein enttäuschender Augenblick, und es ging sehr schnell. Ich hatte etwas ganz Anderes erwartet. Yuzawa liegt in der gebirgigen Zentralregion Japans. Ein Skiort. Heilbäder mit heißen Quellen. Im Winter blasen die kalten Winde von Sibirien herunter. Sie nehmen die Feuchtigkeit über dem japanischen Meer mit und laden sie als Schnee über dem Gebirge ab. Manchmal fallen über drei Meter Schnee.
Im Buch Yukiguni (dt. Schneeland) von Yasunari Kawabata dauert es, bis die Dampfeisenbahn im Bahnhof eintrifft. Ein Glück für den Leser, denn die ersten Seiten sind von einer außerordentlichen Schönheit. Weiterlesen

Buddhas lebendige Fresken

Der Tempelberg von Tsaparang
Der Tempelberg von Tsaparang

Die staubige Piste führte durch den Sutlej-Canyon nach Tsaparang. Die Wände des Canyons sahen wie Reihen von Mönchen aus, die sich in Steinstatuen verwandelt hatten und nun langsam verwittern.
A. entdeckte den Berg mit den Ruinen als erste. Ein gigantischer Felsen, der wie ein gestrandeter Riesendampfer in der wüstenähnlichen Landschaft steht.
Man konnte die Ruinen fast nicht vom Fels unterscheiden, sie waren Teil der bröckligen Berghänge geworden. Einzig die beiden Tempel auf halber Höhe und der Palast ganz oben auf der Kuppe waren noch intakt und hoben sich klar vom Felsen ab. Es gab dunkle Löcher, Höhlen, in denen die einfachen Leute gelebt hatten. Jahrhunderte später fand man darin die Gebeine von tausenden von Toten. Weiterlesen

Dichter, Landwirt, Dandy

Am Fuss der Alpes Côte d‘Azur wurden die Pinienwälder vom bunten Laub der Kastanien, Eichen und Weinfelder abgelöst. Auf den Hochebenen stand das matte Grün der riesigen Lavendelfelder. Die Landschaft der Provence mit ihren Weiten, muldenartigen Tälern und weissen Kreidefelsen hat ganz eigene Qualitäten.
Wir kamen ins breite Tal der Durance. Ein schönes Tal, eigentlich. Doch an vielen Orten zugemüllt: Autobahnen, Strassen, Supermärkte, Tankstellen, Bürohäuser, Lagerhallen, Wohnblöcke, Parkplätze. Die ganze hässliche Lieblosigkeit, die man Fortschritt nennt. Das ästhetische Empfinden heruntergekommen. Dem Preis geopfert. Hauptsache billig, Hauptsache schnell hin gehudelt. Geprägt von Kostenbewusstsein, ökonomischer Effizienz, Wachstum – dem ganzen Geschwätz von jenen ab den Eliteschulen. Ihre Vorstellung von Schönheit reicht nicht weiter als bis zum Krawattenknopf. Auf der anderen Seite des Tales konnten wir Manosque sehen, das kleine Städtchen am Südfuss der Haute-Provence. Weiterlesen

Im fernen Westen

Michel holte mich am Flughafen von Helena ab.
Ich hatte ihn im Restaurant au 35 an der Rue Jacob in Paris kennengelernt.
– Wenn du mal nach Montana kommen möchtest, lade ich dich gerne ein, sagte er.
Er unterrichtete Physik am College in Helena, wohnte aber ausserhalb, in der Nähe vom Canyon Ferry Lake in einem Trailer. Im Trailer nebenan wohnten Tante Lisa und Bob. Lisa war eine fahrende Buchhändlerin. Sie handelte mit Büchern über die Geschichte des Wilden Westens, ein beliebtes Studienobjekt für pensionierte College-Lehrer. Sie fuhr zu Symposien und Tagungen und baute da ihre Büchertische auf.
Als ich ihr erzählte, dass ich wegen James Willard Schultz nach Montana gekommen sei, verschwand sie im hinteren Teil des Trailers. Weiterlesen

Die Küste entlang

„Wieder habe ich diese klare, lebhafte Empfindung von der Küste. Ein erster Ort. Die nackte Schönheit von allem.“
Kenneth White

Der schottische Schriftsteller und Reisende Kenneth White lebt seit vielen Jahren an der Côtes-du-Nord der Bretagne, also ungefähr in der Mitte zwischen den Hebriden und Portugal. Er ist ein kosmopoetischer Nomade, ein solitärer Wanderer, der eine Wind- und Wellen-Philosophie praktiziert. Was zählt, ist der Raum, der Weg, die Bewegung.
„Nennen sie mich Ismael, einen intellektuellen Nomaden.“ Weiterlesen

Unter dem Berg des Donnergottes

Wir fahren die kurvige Straße hinab. Der Beaume entlang. Das Flussbett ist voller Steine und Felsbrocken. Kastanienwälder die Berghänge hinauf. Auf kleinen Wiesen stehen einsame Häuser aus Granit. Nach so einem Haus suchen wir.
Hier muss es sein, sagt A. Sie stoppt den Wagen. Wir steigen aus und gehen den Weg zum Steg hinunter, der über den Fluss führt.
Dass wir das Tal wieder ein Stück hinab gefahren sind, durch das wir gestern hochgekommen waren, irritiert mich. Ich habe mir vorgestellt, Gourgounel liege nach Valgorge, rechts vom Fluss und der Tanargue im Süden. Tatsächlich ist es genau umgekehrt. Eine Gegend, die man von der Lektüre her kennt, besucht man nicht ohne Folgen. Sie berichtigt rücksichtslos die Bilder, die man sich von ihr beim Lesen gemacht hat. Geographische Kenntnisse helfen ein Buch besser zu verstehen, sie vertiefen die Lektüre, passt man nicht auf, werden die Bilder zerstört, die man sich beim Lesen gemacht hat. Weiterlesen

Lisbon revisited

lissabon_2013
Auf dem Rossío in Lissabon

„Baixa“, „Bairro Alto“, „Chiado“, „Rossío“, „Terçeiro do Paço“, “Alfama”, “Praça dos Restauradores” – jeder Tourist kennt mittlerweile die Namen der Plätze und Quartiere Lissabons. Für mich haben sie immer noch den magischen Klang, dem ich vor vielen Jahren verfallen bin, ja, in ihrem Klang versteckt sich die Essenz Lissabons. Ich spreche sie leise vor mich hin und imitiere dabei den weichen, nasalen Tonfall der Portugiesen. Seltsamerweise ist es der Klang der Sprache, der mir die Wirklichkeit der Stadt näher bringt und mich an jenes Lissabon erinnert, das ich im Herbst 1978 zum ersten Mal besucht habe.
Im Museum der modernen Poesie, eines der ersten Bücher, das ich in meiner Buchhändlerlehre kaufte, stieß ich auf das Gedicht Lisbon Revisited von Fernando Pessoa. Es brachte mir die Stadt am Atlantik in die Schweizer Berge. Ich spürte den Wind, der vom Meer herkam. Weiterlesen

Cabourg – Balbec

Wer etwas erleben will, reist nicht nach Cabourg. Das einzige, was man hier tun kann, ist ausspannen, spazieren gehen und den Trabrennern oder den Surfern zuschauen. Die einen treiben ihre Pferde durch die auslaufende Brandung, die anderen versuchen sich weiter draussen auf den Wellen zu halten. Ausser dem endlosen Strand und der vier Kilometer langen Promenade hat der Ort nicht viel zu bieten. Wäre da nicht das Grand Hotel und hätte Marcel Proust hier nicht seine Sommerurlaube verbracht, ich wäre wohl nie auf die Idee gekommen, in das alte Seebad an der normannischen Küste zu reisen. Jede Reise ist eine Entzauberung. Weiterlesen