Nach vielen Jahren lese ich wieder einmal Das Totenschiff, eines der ersten Bücher, das ich in meiner Buchhändlerlehre gekauft hatte. B. Travens erster in Buchform veröffentlichter Roman, 1926 erschienen. Darin ist ein neuer, damals unerhörter Ton zu vernehmen. Der Ton eines Rebellen, der sich längstens keine Illusionen mehr macht: rau, ruppig, träfe, von beißender Ironie und schroffer Sozialkritik, in einem von Amerikanismen durchsetzten Deutsch. Carl von Ossietzky, Bertold Brecht und Kurt Tucholsky waren begeistert.
Trotz den trostlosen Zuständen, die das Buch schildert, strömt es Vitalität und Überlebenswillen aus, einen Humor, den nur jene kennen, die nichts zu verlieren haben.
Autor: Daniel Luchs
Gammler-Lokale
Hubert Fichte hatte seine Palette, ich mein Café Rio. Beides Gammler-Lokale. Die Gammler sind längstens aus dem gesellschaftlichen Bild verschwunden. Einst erregten sie mit ihren Jeans, Parkas, ausgeleierten Pullovern und langen Haaren den Zorn der fleißig arbeitenden und ordentlich gekleideten Bürger. Weiterlesen
Weibliche Standfestigkeit
Das stärkste und tiefste, was in ihnen war, sei die Angst gewesen, erzählt Nadeschda Mandelstam in ihren Erinnerungen an Anna Achmatowa. Angst, Scham und Hilflosigkeit überschatteten alle anderen Gefühle. Sie waren stärker als Liebe oder Eifersucht.
Um die zwanzig Millionen Menschen fielen der sowjetischen Repressionsmaschinerie zum Opfer. Opfer der Idee, man müsse die Welt verändern, alle Menschen glücklich machen und paradiesische Zustände errichten. Das begann schon unter Lenin, als er 1918 den ‚Roten Terror‘ ausrief und die Tscheka, den sowjetischen Geheimdienst, schuf. Weiterlesen
Lebensverströmer
Eines Nachmittags saß ich im Sihlfeldfriedhof auf einer Bank und las etwas von Friedrich Glauser, diesem liebenswürdigen Schlawiner, der, kaum zwanzigjährig, in Zürich in die Dada-Szene und an die Drogen geriet. Die Kurve in ein bürgerliches Dasein hat er nie geschafft. Er bewegte sich auf brüchigem Eis durchs Leben: Vormundschaft, Einsitzen in Gefängnissen und Irrenanstalten wegen Drogenkonsum, Rezeptfälschungen, Diebstahl und Einbrüchen, Fremdenlegion, billige Jobs als Küchengehilfe, Gruben- und Gartenarbeiter. Glauser war ein Verschwender und Lebensverströmer, der einen luftigen, federleichten, dem Ernst des Lebens abträglichen Erzählstil pflegte und dabei einen scharfen Blick auf die sozialen und wirtschaftlichen Zustände von damals hatte. Sanfte Ironie, schalkhafter Witz und spitzbubenhafte Komik verbinden sich mit einer unglaublich poetischen Präzision. Seine Anmut und befreiende Leichtigkeit erinnert an die Beatles. Weiterlesen
Die Widerspenstige
Vier Uhr morgens. Es ist dunkel und still.
Ich liege auf der weinroten Recamière im Wohnzimmer und begleite Nina Sergejewna (eine Übersetzerin) auf ihren Spaziergängen durch den tief verschneiten Wald, den es in der Nähe des Sanatoriums für sowjetische Künstler gibt, wo sie ihren Urlaub verbringt. Das Sanatorium liegt etliche Bahnstunden von Moskau entfernt in einer abgelegenen, ländlichen Gegend. Februar 1949.
Sie hat ein Zimmer für sich allein, angenehm groß und geheizt. Sie muss nicht – wie in der Gemeinschaftswohnung in Moskau – dreimal am Tag den Schreibtisch in einen Esstisch verwandeln. Keine keifenden Weiber reißen sie aus der Konzentration. Im Gegensatz zum Leben in Moskau, wo ein chronischer Mangel am Notwendigen herrscht, fehlt es im Sanatorium an nichts. Sie kann sich ganz auf die eigenen Gedanken konzentrieren, das Buch schreiben, das man gerade liest. Weiterlesen
Wieder in Sils Maria
Im hellen Nachmittagslicht wanderten wir die blühende Matte hinab zur Halbinsel Chasté, einem bewaldeten Granitbuckel, der in den Silser See hinausragt. Beim Felsen, wo Nietzsches Trunkenes Lied eingraviert ist, das auf die Zeilen endet: „denn alle Lust will Ewigkeit/ tiefe, tiefe Ewigkeit“, setzten wir uns auf die Holzbank. Weiterlesen
Die Reise nach Niederbipp
Was tut man an einem 11. November?
Man geht zum Bahnhof, löst eine Fahrkarte und steigt in den Zug. In Niederbipp steigt man wieder aus und inspiziert als erstes den Bahnhof-Kiosk.
Denn dieser Kiosk ist die Nabe der vier Amreiner-Romane von Gerhard Meier, ohne dass er darin je erwähnt würde. Hingegen kommt er in Das dunkle Fest des Lebens ausführlich zur Sprache, in den Gesprächen, die Werner Morlang mit dem Schriftsteller geführt hatte. Weiterlesen
Der nahe Frühling
Als ich das erste Mal ein Buch vom russischen Autor Iwan Bunin (22.10.1870 – 08.11.1953) las, arbeitete ich in Einsiedeln. Es war Winter. Der Arbeitsweg lang. Die dunkle Morgenkälte fraß sich durch meinen Mantel. In Tram und Zug herrschte eine graue Muffigkeit. Welcher Gegensatz dazu die sinnesfreudige Prosa von Iwan Bunin, die ich unterwegs las, ihre Schönheit und Farbigkeit, die Genauigkeit seiner Beobachtungen, die Präzision der Vergleiche. Am Ursprung der Tage ist eine Sammlung Reminiszenzen aus der Kindheit und Jugend, das Panorama einer verschwundenen Zeit. Weiterlesen
Das Museum der Leere
Kanazawa liegt im Westen von Japan, ungefähr auf der Höhe von Tokio und drei Bahnstunden nördlich von Kyoto. Wir fuhren durch weite Reisfelder und bewaldete Berge, der Meeresküste entlang, durch kleine Städte und Dörfer. Die Bauernhäuser hatten blaue Dächer.
Kanazawa besteht aus einem alten Teil mit traditionellen dunklen Holzhäusern und einem neuen aus Beton, Glas und Stahl, der das alte Viertel wie ein riesiger Ring umschließt.
Es ist der Geburtsort des japanischen Gelehrten Daisetz Teitaro Suzuki. Die Popularität des Zens im Westen geht im Wesentlichen auf ihn zurück. Weiterlesen
Monets Garten
Gibt es etwas Phantasieloseres, als Monets Garten und Haus in Giverny zu besuchen, Magnet ganzer Touristenhorden? Und dann die Seerosen, mein Gott, wer kann sie noch sehen? Monet ist doch passé, was die Kunst angeht. Der Impressionismus perfekt, um an den Auktionen Höchstpreise zu erzielen. Trotzdem sind wir hingegangen. Trotzdem hat es sich gelohnt. Trotzdem war es ein Erlebnis. Weiterlesen
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