Zwei Flüssen entlang

Am 9. Dezember 1933 bestieg Patrick Leigh Fermor in London die Fähre nach Hoek van Holland. Er hatte die verrückte Idee, zu Fuß nach Konstantinopel zu gehen, dem Rhein nach aufwärts Richtung Alpen, der Donau entlang abwärts ans Schwarze Meer.

Die Bücher Die Zeit der Gaben und Zwischen Wäldern und Wasser, in denen er mehr als vier Jahrzehnte später von dieser Fußwanderung erzählt, stecken einen neuen Horizont in der Reiseliteratur ab. Sie leben vom Enthusiasmus und Wagemut des jungen Vagabunden und der barocken Fülle des kulturhistorischen Wissens des älteren Kosmopoliten und geben ein lebendiges Bild von einer Kultur, die im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört wurde.
Ein ungewöhnliches Erinnerungsvermögen und eine faszinierende Vorstellungskraft nähren den Blick auf das Abenteuer, auf das er sich als Achtzehnjähriger eingelassen hatte. Es gibt Reisen, denen haftet etwas Besonderes an, in Bücher verwandelt gewinnen sie eine magische Kraft. Sie sprühen vor Sorglosigkeit, Erlebnisdrang, die Sprache ist üppig und raffiniert zugleich. Sie wurden zu Inspirationsquellen für viele jüngere Reisebuchautoren. Bruce Chatwin nannte P.L.F. seinen „letzten Guru“.

Die Zeit der Gaben erschien 1977, neun Jahre später folgte die Fortsetzung Zwischen Wäldern und Wasser. Der zweite Band endet am Eisernen Tor mit der Bemerkung „letzter Teil folgt“.
Am 11. Juni 2011 starb P.L.F. sechsundneunzigjährig.
Zwei Jahre nach seinem Tod wurde Die unterbrochene Reise veröffentlicht. Das Buch, auf das wir Leser so sehnsüchtig gewartet haben, um zu erfahren wie das Abenteuer des jugendlichen Pilgers ausgegangen ist, enthält das unfertige Manuskript, das P.L.F. hinterlassen und das Tagebuch, das er als Zwanzigjähriger in Griechenland geführt hatte. Das Manuskript endet im bulgarischen Burgas am Schwarzen Meer, ungefähr vierhundert Kilometer nördlich von Konstantinopel.
„Die unterbrochene Reise mag nicht ganz der „der dritte Band“ sein, der ihm so viel Kummer bereitete, aber die Umrisse, das Aroma des versprochenen Buches sind darin enthalten, und weiter als bis dahin geht die Reise nicht“, schreiben die Herausgeber im Vorwort.

P.L.F. wurde am 11. Februar 1915 in England geboren. Mutter und Schwester reisten kurz nach seiner Geburt nach Indien, wo der Vater als Kartograph und Vermessungsingenieur im Dienst der Kolonialregierung tätig war. Der Knabe kam in die Obhut einer Kleinbauernfamilie, damit wenigstens eines der beiden Kinder überlebte, falls das Schiff von einem deutschen Unterseeboot angegriffen werden sollte.
Die Bauernfamilie versorgte ihn gut, achtete sonst kaum auf ihn. Sich selbst überlassen, wuchs er in absoluter Freiheit auf. Es gab weder Tadel, Strafen noch Ermahnungen, für ihn das vollkommene Glück. Vier Jahre später kehrten Mutter und Schwester aus Asien heim,  zwei elegant gekleidete Fremde vor denen er wegrannte. Der Vater blieb in Indien. Vielleicht waren es diese frühkindlichen Erfahrungen, die ihn für jegliche Disziplin untauglich machten. Seine Schulzeit war eine endlose Serie von Schulabbrüchen und lausigen Noten. Mitten im Schuljahr stand er plötzlich vor der Haustür, die Mutter musste sehen, wie sie damit fertig wurde. Man steckte ihn in ein Heim für Schwererziehbare, zwei Psychiater wurden konsultiert. Ohne Erfolg! Mit siebzehn flog er von der noblen Kingsschool von Canterbury, weil er sich immer wieder fortgeschlichen hatte, um mit der Tochter eines Gemüsehändlers, in die er unsterblich verliebt war, Händchen zu halten.
Als letzter Ausweg schien die militärische Laufbahn. Im Vorbereitungsjahr auf Sandhurst verkehrte er in London unter Bohemiens, trank viel und verspürte wenig Lust darauf, Soldat in Friedenszeiten zu werden.

Plötzlich war es ihm klar! Er musste weg von London, fort aus England, die Vergangenheit hinter sich lassen, Landstreicher werden. Eine Wanderung quer durch den europäischen Kontinent schien ihm das einzig Richtige. Solvitur ambulando – es löst sich im Gehen – das lateinische Sprichwort wurde seine Devise.
Inspiriert von Robert Byrons Büchern über byzantinische Kunst und griechische Klöster machte er Konstantinopel und den Berg Athos zu seinen Wanderzielen. Er fasste ein paar Grundsätze, von denen er unterwegs nur im Notfall abweichen wollte. Im Sommer würde er in Heuschobern schlafen, bei Regen oder Schnee Zuflucht in Scheunen suchen. Falls er einmal eine Mitfahrgelegenheit benötigte, durfte die Strecke nicht länger als einen Tagesmarsch sein. Er wollte allein reisen, damit er nach Belieben verweilen oder weiterziehen konnte. Er schaffte sich einen alten Militärmantel an, Unterwäsche in mehreren Schichten, Flanellhemden, eine weiche lederne Windjacke, Gamaschen, Nagelstiefel, einen Schlafsack, den er schon im ersten Monat verlor und nie vermisste, Farbstifte, Notiz- und Skizzenbücher und einen Band mit Gedichten von Horaz.
Er ließ „Student“ und nicht wie er sich vorgenommen hatte „Vagabund“ im Pass eintragen. Das Wort „Student“ wurde der Schlüssel, der in viele Schlösser passte, es brachte ihm unterwegs zahlreiche Gratisübernachtungen und Gratismahlzeiten ein.
Er war jung. Er hatte zwei kräftige Beine und in Indien einen Vater, der ihm monatlich vier Pfund in einem Couvert mit drei blauen Kreidestrichen nachschickte. Das war nicht viel, aber es sicherte unterwegs sein Überleben.

Der Wirt in Rotterdam, bei dem er am ersten Morgen seiner Wanderung Kaffee trank, spendierte ihm einen Bol, als er erfuhr, wohin der junge Mann wollte. Viele werden ihm unterwegs einen Schnaps spendieren und auf sein Wohl trinken. Sieht man von der dummen Geschichte mit seinem Rucksack in München ab, war das Glück fest auf seiner Seite, mit märchenhafter Sicherheit bewegte er sich Richtung Süden. Die Wanderung war für ihn tatsächlich eine Zeit der Gaben, die Gastfreundschaft, die er genoss, außergewöhnlich. Er musste nicht ständig in Heuschobern, Scheunen oder Obdachlosenasylen übernachten. Wirtsleute, bei denen er einkehrte, boten ihm ein Bett an, er hatte das Glück, in Herrschaftshäusern zu übernachten. Das Empfehlungsschreiben an Baron Rheinhard von Liphart-Ratshoff, einem weißrussischen Edelmann aus Estland, der in München lebte, löste einen Schneeballeffekt aus. Liphart schrieb an andere Adelige, die ihre Sitze (P.L.F. nennt sie „die Oasen auf seinem beschwerlichen Weg“) entlang der Route hatten, ein Baron reichte ihn dem nächsten weiter. Beim Schreiben fragte sich der Autor öfters, ob er die Gastfreundschaft, die er erfahren hatte, nicht überstrapaziert habe.
Als P.L.F. in der Jugendherberge in München Rucksack samt Pass, Geld, Notizbücher und Wanderstock gestohlen worden waren, führte Liphart ihn auf den Dachboden und rüstete ihn neu aus. Sogar eine Ausgabe des Horaz, ein grasgrünes Duodezbändchen aus dem 17. Jahrhundert, ließ sich finden.

Weder Schnee noch eisige Kälte schienen ihm etwas anzuhaben, unverdrossen ging er seinen Weg. Der Leser freut sich mit dem Wanderer, wenn er nach vielen Stunden Fußmarsch in ein Wirtshaus polterte, Wein und eine heiße Suppe vor sich auf den Tisch gestellt bekam und die halberfrorenen Glieder in der Wärme zu kribbeln anfingen.
Das Gehen selbst schien ihm keine Mühe zu machen, nie beklagt er sich darüber, nie drücken Rucksack oder Schuhe, nie ist von Erschöpfung, Durst, Hunger, Angst oder anderen Unwägbarkeiten des Wanderlebens die Rede.

An den ersten Tag in Deutschland erinnerte er sich nur noch verschwommen. In der Stadt Goch hingen überall Nazifahnen. Er blieb vor dem Schaufenster eines Herrengeschäftes stehen, wo SA-Uniformen ausgestellt waren, Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser, Blusen für die Hitlerjugend. Kleine Hakenkreuzabzeichen waren so ausgelegt, dass sie den Schriftzug ‚Heil Hitler‘ ergaben. „Was für ein schöner Mann“, seufzte eine Frau, die mit ihrem Mann vor dem Schaufenster stehen geblieben war und auf ein Foto von Hitler zeigte. „Und so schöne Augen“, fügte der Mann hinzu.
In Köln lernte er in einer Kneipe drei Flussschiffer kennen. Auf ihrem Kahn glitt er ein paar Tage lang den Rhein hinauf. Auf den felsigen Kreten wiesen Burgen und Türme in eine andere Zeit. Bei Koblenz verließ er das Boot, wanderte durch Mainz, Oppenheim, Worms, Mannheim. In jeder Stadt blieb er bloß eine Nacht, beim Schreiben konnte er sich kaum noch an Einzelheiten erinnern.
Dem Neckar entlang ging es nach Heidelberg und über die geraden und einsamen Straßen des Schwabenlandes nach Stuttgart. Er vertrieb sich die Zeit mit Singen und Rezitieren von Gedichten. In der Schule hatte er weit mehr als das geforderte Pensum Gedichte auswendig gelernt. Eine alte Frau ließ erschrocken ihr Holzbündel fallen und rannte angesichts des laut vor sich hin schreienden und mit den Armen rudernden Verrückten davon.

Nicht nur was Obdach und Nahrung betrifft war es für ihn eine segensreiche Zeit, sondern auch in geistig, intellektueller Hinsicht. Die adeligen Gastgeber waren oft gebildete und belesene Menschen, die mehrere Fremdsprachen konnten. Sein Wissensdurst und seine Neugier stehen in keinem Verhältnis zu den miserablen Schulzeugnissen. Unterwegs besuchte er Museen, Gemäldegalerien, Kirchen und Klöster.
Eines Abends lernte er in einer Wirtsstube an der Donau bei Persenbeug einen Mann in Lodenjacke und Lederhosen kennen. Bei drei Flaschen Langenlois infizierte dieser „gelehrte Freund“ P.L.F. mit seinem Geschichtsenthusiasmus. Von jetzt an muss sich der Leser durch viel historisches Gestrüpp kämpfen.
Architektur und Malerei wurden wichtig. Die Erinnerungen an die Werke alter Meister überlagern sich mit den flüchtigen Blicken in die hell erleuchteten Wohnstuben, an denen er abends müde vorbeitrottete. Es gibt wunderbare Abstecher zu den alten holländischen und deutschen Malern. Er entdeckte, dass Holbein, Cranach, Grünewald, Altdorfer und Dürer alle aus Süddeutschland kamen und dass das Donaubecken zwischen Regensburg und Wien kunsthistorisch eine außergewöhnlich reiche Region war.

Auf dem Konsulat in Wien gab es keinen Brief mit den drei blauen Kreidestrichen. P.L.F. war vollkommen blank. Er fand im Obdachlosenasyl der Heilsarmee Unterschlupf. Dort lernte er Konrad kennen, Sohn eines ostfriesischen Pfarrers, der ein altmodisches Englisch sprach, das er mithilfe von Shakespeares Stücken erlernt hatte. Als P.L.F. Konrad abzeichnete, empfahl der ihm, als Porträtmaler von Haustür zu Haustür zu gehen und sein Talent anzubieten. Das Unternehmen wurde ein Erfolg. Sie konnten sich jeden Abend eine schöne Mahlzeit leisten und am Schluss blieb so viel Geld übrig, dass Konrad damit in den Sacharin-Schmuggel einsteigen konnte.

Es wurde Frühling. Sonnige Tage kamen. Schwalben, Lerchen und Störche zogen nordwärts. Er erreichte Esztergom, wo die Donau einen scharfen Knick nach Süden macht. Er blieb lange zögernd am Nordufer stehen, bevor er über die Brücke nach Ungarn ging und weiter Richtung Süden wanderte. Noch Jahre später, beim Schreiben des Buches, spürte er das Zögern, das ihn an der Brücke bei Esztergom ergriffen hatte.
Hier endet Die Zeit der Gaben.

In Zwischen Wäldern und Wasser, dem zweiten Band, wird P.L.F. seinen Grundsätzen untreu. Selten übernachtete er noch im Freien, meistens fand er in Landhäusern oder Schlössern Unterkunft, statt nur eine Nacht, blieb er oft wochenlang an einem Ort hängen. Als „wandelnde Säule aus Staub und Schweiß“ kam er an, abends saß er in Tweedjacket und Turnschuhen in den Salons, die von Flieder dufteten und an deren Wänden Geweihe und ausgestopfte Tiere hingen. Er mochte das Leben des ungarischen Landadels, das für ihn eine altmodische Unberührtheit ausstrahlte.
In Transsilvanien, das nach dem 1. Weltkrieg von Ungarn abgetrennt und Rumänien zugeteilt worden war, kam seine Reise zum Stillstand. Er hatte in Budapest einige Edelleute kennengelernt, die Ländereien in Siebenbürgen besaßen. Neben den deutschstämmigen Banatschwaben sind die Ungarn die zweitgrößte Minderheit in Rumänien. Hier hatte er das Gefühl, in einem Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert zu leben, denn das technische Zeitalter war an dieser Region vollkommen vorübergegangen.
Die erste Station war der Landsitz des Grafen Jenö, ein weitgereister Insekten- und Schmetterlingssammler, der von einem schottischen Kindermädchen aufgezogen worden war und England wie die eigene Westentasche kannte. Sie verbrachten die Zeit mit Ausflügen, Besuchen und Gesprächen über Bücher. P.L.F. führte mit einem transsilvanischen Franziskaner im Küchenlatein eine Unterhaltung übers Kegeln, balgte sich mit zwei Bauernmädchen splitternackt in einem Gestöber aus Heu, Gerste und Gelächter. Bei Irván, einem jungen aristokratischen Müßiggänger, begegnete er Angela und gab sich einer romantischen Liebschaft hin.

„Reisen wie diese erzeugen ein solches Hochgefühl, dass sie die Seele zum Schwingen bringen“, schreibt P.L.F., als er seine Wanderung wieder aufnahm, „gepaart mit der Freude wieder Unterwegs zu sein, half mir dies, meine Einsamkeit nach der Trennung von Irván und dem Ende der verzauberten Tage mit Angela zu überwinden.“
Der Weg durch die Karpaten und das Banat Gebirge war manchmal nur schwer zu erkennen. Er kam an Schnittern vorbei, die ihre Ernte einbrachten, an Zigeunern, die in Gebirgsbächen Gold wuschen, an Schäfern mit ihren Herden. Er übernachtete bei jüdischen Holzfällern, die ihn misstrauisch ansahen. Sie konnten nicht begreifen, dass jemand bloß zu seinem Vergnügen durch die Welt wanderte. Einmal ging er im Kreis und am Abend war er wieder bei der Schäferfamilie, bei der er die Nacht zuvor verbracht hatte.

Als P.L.F. im März in der Tschechoslowakei der Donau entlang gegangen war, hatte er die ersten keilförmigen Formationen nordwärts ziehender Störche gesehen. Auf der Flussinsel Ada Kalek am Eisernen Tor sammelten sich die Störche für ihren Flug nach Afrika. Es war Herbst geworden.

P.L.F. kam am 1. Januar 1935 in Konstantinopel an. Die Stadt war 1930 unter Atatürk in Istanbul umgetauft worden. P.L.F. zog den alten Namen vor, darin sei die ganze byzantinische Geschichte aufgehoben. Er blieb nur elf Tage am Goldenen Horn, dann brach er zum Berg Athos auf. In Athen lernte er Balaça Cantacuzino kennen, eine junge rumänische Prinzessin, in die er sich verliebte. Sie zogen zusammen in eine alte Wassermühle auf dem Peloponnes. Sie malte, er schrieb. Dann gingen sie nach Bãleni, dem Gutshof ihrer Eltern in Moldawien. P.L.F. blieb dort bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs. Er meldete sich freiwillig und wurde Major der Special Operation Front. Der Aufbruch war hastig und überstürzt. „Nicht einmal mein Notizbuch nahm ich mit. Wir waren so naiv. In ein paar Monaten glaubten wir uns wiederzusehen.“ Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sie sich wieder begegneten. Auf wundersame Weise erhielt er sein Notizbuch zurück. Es war beim Schreiben eine große, aber nicht immer verlässliche Hilfe.

Im 2. Weltkrieg lebte P.L.F. als Widerstandskämpfer in den Bergen von Kreta. Im Frühling 1944 entführte er zusammen mit einem Kampfgenossen General Kreipe, Oberbefehlshaber der deutschen Armee auf Kreta und brachte ihn ins Quartier der Alliierten in Tunis.
Nach dem Krieg reiste er in die Karibik, sein Bericht darüber, Der Baum des Reisenden, brachte ihm einen ersten literarischen Erfolg. In den frühen 1950er Jahren erforschte er mit Joan Elizabeth Rayner, die er 1968 heiratete, die Mani, den südlichen Ausläufer der Peloponnes, ein ursprüngliches archaisches Gebiet, in dem noch die Blutrache herrschte, später ließen sie sich da nieder. Weil es damals noch keine Straßen gab, musste das Material für das Haus auf Eseln und Maultieren herbeigeschafft werden.