Ein Haustürprediger

Es war ein heißer, sonniger Tag. Ich saß auf der Steintreppe. Der alte Birnbaum auf dem Vorplatz spendete Schatten. Ich saß immer auf der Steintreppe, wenn das Wetter es erlaubte. Die Treppe gehörte zu einem Bauernhaus. Es war baufällig, schief und ausgedörrt und stand oberhalb einer stark befahrenen Landstraße, versteckt hinter Bäumen und hohen Büschen. Ein befreundetes Paar hatte mich gefragt, ob ich zu Haus, Garten und Katze schauen würde. Sie waren für ein paar Wochen in die Dordogne gereist. Oberhalb des Gartens fingen die Felder mit Mais und Getreide an. Neben mir auf der Treppe lag ein Stapel Bücher. Aber ich mochte nicht lesen. Ich beobachtete das Ehepaar, das auf der anderen Seite des Feldweges einen Schrebergarten besaß. Die zwei alten Menschen bewegten sich ganz langsam unter dem grünen Kunststoffdach, das an der Nordseite des Gartenhauses befestigt war. Am Morgen werkelten sie im Garten, aber am Nachmittag ging nichts mehr.

Ein Mann und ein Knabe kamen den Weg zum Haus herauf. Der Mann hatte wie ein Geschäftsmann eine schwarze Ledermappe unter dem Arm. Der Knabe war ungefähr zwölf Jahre alt.
Sie blieben vor der Treppe stehen und grüßten mich. Der Mann fing gleich von der Güte Jesus zu reden an, von seiner Größe und Gerechtigkeit. Er sprach vom Wort Gottes, seiner Unergründlichkeit und wie wir dieses Wort trotzdem vernehmen können. Ich sah die Bügelfalten an den kurzen Ärmeln des Hemdes, die Krawatte, die irgendwie nicht zum Hemd passte, sein solides Schuhwerk. Ich trug verwaschene Jeans und ein T-Shirt und war barfuß. Der Knabe sagte kein Wort, sein Blick war meistens gesenkt. Er musste sein Handwerk früh lernen.
Der Mann nahm eine Bibel aus der Mappe und las mir etwas aus den Korintherbriefen vor. Ich hatte keine Lust, mich auf ein Gespräch über religiöse Dinge einzulassen. Ich wollte wieder für mich allein sein, die Alten da drüben beobachten und davon träumen, wie herrlich es wäre, all die Bücher neben mir zu lesen.
Ich versuchte ihm auf eine freundliche Art zu verstehen zu geben, dass ich an seiner Predigt nicht interessiert war, aber er schien nur den Klang seiner eigenen Worte zu hören. Er versuchte mich zu ködern und wies auf den Stapel Bücher auf der Treppe und sagte: Sie, der sie so belesen sind …. Immerhin, dachte ich, vermitteln Bücher den Anschein, belesen zu sein. Dabei hatte ich den Nachmittag vertrödelt wie viele Tage zuvor.

Meine Einwände schienen den Eifer des Mannes im kurzärmligen Hemd anzustacheln, jedenfalls zeigte er keine Neigung, seine Predigt zu beenden. Ich kam mir wie ein Fisch an der Angel Gottes vor. Eine Viertelstunde verging, eine Halbestunde. Er stand da und redete.

Also probierte ich es mit einer Provokation. Ich sagte, vielleicht sei dieser Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, den er da preise, nur ein Halunke, ein altes Schwein, das seine sadistische Freude an Krieg, Hunger und Elend auf dieser Welt habe, ich könne jedenfalls nichts von seiner Güte erkennen.

Das saß! Auf einen Schlag war die ganze Predigerfreundlichkeit aus seinem Gesicht verschwunden, seine Gewissheit, etwas Gutes zu tun. Er wurde rot vor Zorn. Mit mir sei nicht zu reden, ich sei unverschämt, einer, der keine Rücksicht auf die religiösen Gefühle anderer nähme. Jedes weitere Wort wäre Perlen … vor … vor … vor … die Füße …. geworfen. Er fing zu stottern an. Er stopfte seine Bibel wieder in die Mappe, schaute mich noch einmal wütend an, dann ging er. Der Knabe mit dem unbeweglichen Gesicht folgte ihm, stumm und schüchtern. Ich hätte gerne gewusst, was in diesem Jungen vor sich ging. Niemand kann mich mehr verunsichern als Kinder. Sie durchschauen das Getue von uns Erwachsenen weit besser als wir selber.