Als Elias Canetti gestorben war

Der 15. August 1994 war ein Montag. Ich saß am Bürotisch. Das Telefon klingelte. Ein Buchhändler aus Zürich war dran. Er erzählte mir, dass Elias Canetti gestorben sei. Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, zog ich meine Jacke an und machte einen langen Spaziergang am See. Ich war ganz durcheinander ob dieser Nachricht und unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Im Geschäft wartete man auf mich. Eine Sitzung war anberaumt. Was ging mich der ganze Bürokram an. Ich ging schnell. Ein leichter Nieselregen fiel. Ich ging bis dorthin, wo der Weg hinauf zur Straße führte. Dann kehrte ich um. Der See sah grau und trostlos aus, darüber waberte Nebel. Das andere Ufer war nur schemenhaft zu erkennen. Meine Jacke war schon ganz nass. Auch die Schuhe begannen sich zu verfärben.

Den ganzen Abend las ich in Canettis Büchern, nachdem ich von seinem Tod erfahren hatte. Dieses Gefühl der Vertrautheit, wenn ich eines seiner Bücher wieder aufschlage.
Sie sind eindringlich, leidenschaftlich, in einer einfachen, direkten Sprache geschrieben, die zugleich kraftvoll und differenziert ist, ihr fehlt alles Abstrakte, das eine Lektüre oft zu etwas Quälendem macht. Man findet bei ihm nichts Blasses. Nichts Knöchernes. Nichts Akademisches. Es ist nie Selbstzweck. Eine geballte Energie, genährt von einem lebenslangen Hunger nach Erkenntnis. Und dort, wo sein Hass durchbricht, wird die Sprache reißend und unberechenbar.

Canetti fasziniert mich, weil er den Begriffen ausgewichen ist und den Systemen misstraut hat. Er wusste, dass bei Systemen, das Wesentliche durch die Maschen fällt. Canetti dachte nicht in Begriffen. Seine Gedanken sind konkret, plastisch, bildhaft.
Ich bin unfähig, in Begriffen zu denken, Theorien langweilen mich rasch.
Dann seine Weigerung, die Schriftstellerei als Brotberuf zu betreiben. „Nur kein Beruf, nur kein jährliches Buch, keine Nachfrage, kein Verdienst und kein Interesse.“
Zugleich gibt es in seinen Büchern eine gewisse Zurückhaltung, die vordergründig monoton wirkt, seine Scheu, bestimmte Dinge auszusprechen. Bei der erneuten Lektüre erkennt man den ungeheuren Reichtum im Binnengewebe seiner Texte. Dabei nimmt er die Sprache so hin, wie sie ist. Er zertrümmert sie nicht. Er erfindet keine neuen Worte. Er spielt auch nicht mit ihr. Sie ist für ihn Mittel des Ausdrucks. „Sprachexperimente haben mich wenig gelockt, ich nehme Kenntnis von ihnen, aber meide sie, wenn ich selber schreibe. Der Grund dafür ist, dass mich die Substanz des Lebens vollkommen in Anspruch nimmt.“
Die Faszination, die in seinen Worten liegt, nicht weil sie besonders schön oder gewandt klingen, sondern weil ihre Wucht das Denken anregt.
In den Notizbüchern benutzt er die Sprache, um die Sprünge in seinen Gedanken zu markieren. Er spürt den Dingen nach. Er tut es mit Worten, in denen eine tiefe Kraft steckt. Diese von Zweifeln und Hoffnungen durchmischte Sprache, die die Ränder des Abgrundes zum Funkeln bringen.

Canetti hat etwas von einem alten Chinesen. Dschuang Dsi ist einer der Schriftsteller, die er am meisten bewundert. Canetti nennt ihn einen Philosophen zum Atmen.
Er war unmodern, auf eine seltsam sympathische Art. Er wusste, wie man Moden und geistigen Strömungen widersteht und bei dem bleibt, was zu einem selbst gehört. Man hat es ihm übel genommen, dass er für sein philosophisches Hauptwerk Masse und Macht weder Marx noch Freud zu Rate zog. Irgendwo bezeichnet er sich als einen alten Spanier. Trotzdem verschloss er die Augen nicht, vor den Schrecken und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die auch die Katastrophen der Moderne sind. Die Ablehnung von Sigmund Freud, nachdem er Massenpsychologie und Ich-Analyse gelesen hatte. In Freuds Abhandlung fehlte ihm die Anerkennung des Phänomens der Masse. Canetti sah im „Massentrieb“ eine Erscheinung, die er gleichwertig neben den „Geschlechtstrieb“ stellte.

In seinem Zorn und Trotz steckt etwas Alttestamentarisches. Er konnte ungerecht sein in seinen Urteilen. Das Alte und das Moderne waren in ihm aufgehoben. Er habe nie etwas systematisch gelernt wie andere Leute, er sei einzig seinen plötzlichen Erregungen gefolgt. Lernen durch überwältigt werden.
Canettis dreibändige Lebensgeschichte ist etwas vom Reichhaltigsten, das ich gelesen habe. Ich habe mich oft gefragt, woher diese euphorische Wirkung kommt? Es ist etwas Außerordentliches mit dieser Lektüre, man hat nie das Gefühl, im Vergleich zu Canetti, dumm oder unbelesen zu sein. Im Gegenteil, die Lektüre spornt an und macht neugierig; sie versetzt elektrische Stöße; man spürt, dass man es auch kann, wenn man will. Vielleicht ist es seine Neugier, die Selbstverständlichkeit, mit der er sich allem Wissen gegenüber offen hielt.

Bei Canetti ist alles auf Länge und Dauer angelegt. Das Rasche und Flüchtige des Zeitgeistes gehen ihm ab. Die Dauer gehört zum Rhythmus seines Lebens. Er nahm das Risiko auf sich, dass das Projekt über die Masse ihn mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde. Er wird zu dessen Gunsten auf eine literarische Karriere verzichten. Und im Alter doch eine unvergleichliche Popularität erlangen.
Nicht unwahrscheinliche Erstlingswürfe à la Rimbaud, sondern das langsame Voranschreiten eines zähen Forschergeistes, samt seinen Versuchen und Irrtümern. Bei Genies wie Rimbaud oder Büchner hat man den Eindruck, als sei es willkürlich aus ihnen herausgebrochen, impulsiv, aufschäumend, gewalttätig, als hätte sich jemand den Streich erlaubt, diese jungen Leute als Gefäß für etwas zu benützen, das über ihr Fassungsvermögen hinausging. Gerade deshalb geht ein so ungeheurer Sog von ihnen aus, sie schreckten vor keinem Risiko zurück. Sie gingen weit über die eigenen Grenzen hinaus und gingen deshalb für die Welt verloren. Und sie starben früh. Nach diesen erschütternden Eruptionen sind sie rasch erloschen, verglüht wie hellleuchtende Meteore, wenn sie in die Atmosphäre kommen. Als ob sie alle Kräfte in einem einzigen Akt des Wahnsinns verschleudert hätten, bevor sie überhaupt dazu kamen, eine Technik zu entwickeln, die ihnen einen maßvolleren Umgang mit den eigenen Kräften erlaubt hätte. Rimbaud verachtete alles Maßvolle. Vielleicht sollte man den Gegensatz zwischen jugendlichem Genie und ausdauerndem, zähen Arbeiter, der seine Kräfte langfristig anlegt, nicht allzu sehr betonen, denn das ist eher eine Frage des Temperaments. Es braucht die langsam Vorwärtsschreitenden genauso wie die Eruptiven. In der Jugend sucht man seine Vorbilder eher bei Rimbaud und Büchner. Bei Rimbaud findet man außerdem den Hang zum Abenteuertum, was Unverständnis bei den Kulturmenschen hervorrief, mit zwanzig ließ er seine Dichtung hinter sich, wanderte zu Fuß durch Europa, reiste nach Asien und nomadisierte als Händler durch Afrika.

Aufgrund der zornigen Attacken gegen den Tod, seiner Weigerung, dem Tod einen Platz im Leben einzuräumen, hatte man den Eindruck, Canetti sei womöglich unsterblich. Es gibt keinen schönen Tod. Es gibt nur den Tod.
Sich vom Tod nicht bestechen lassen, ein ständiges Anrennen gegen den Tod – das war Canettis Bekenntnis zum physischen, materiell gelebten Leben, der Körper war für Canetti mehr als bloß eine leibliche Hülle. Ohne Körper gibt es kein Leben. Er hat den platonischen Gegensatz von Körper und Geist nie akzeptiert.
Da hat einer ein Leben lang gegen den Tod angeschrieben, und dann erfuhr ich aus der Zeitung, dass Canetti seinen Nachlass säuberlich geordnet zurückgelassen hatte, „klare Verhältnisse“ geschaffen – sozusagen. So wusste auch er, dass er vor dem Tod nicht gefeit war.

Ich bin neidisch geworden, als ich ebenfalls in der Zeitung las, dass Canettis Bibliothek ungefähr fünfzehntausend Bände umfasste. Seine unglaubliche Belesenheit, die universelle Weiträumigkeit seines Wissens. Das meiste schien er aus den Büchern zu haben. Die Bücher waren seine eigentliche Welt. Er nahm alles in sich auf, was er las, es wurde ein Teil von ihm selbst. Und er wurde durch die Lektüre ein Teil der Welt. Dann ein paar Schlüsselerlebnisse, die sein Leben geprägt haben: der frühe Tod des Vaters, die vielen Ortswechsel in seiner Kindheit und Jugend, das Zerwürfnis mit der Mutter, die riesige Menschenmasse bei einer Protestdemonstration in Frankfurt nach der Ermordung von Walter Rathenau, der Aufstand der Wiener Arbeiter von 1927 und der Brand des Justizpalastes.
Die Möglichkeit, sich ein Leben lang, Tag für Tag, einer ausschweifenden Lektüre hinzugeben. Die Lektüre als Abenteuer. Als Befragung der Bücher. Nicht als Orakel, sondern um dem Rhythmus des geschriebenen Wortes nachzuspüren. Den Gedanken. Er entzündete sich an Büchern. „Kant fängt Feuer“ hieß sein Roman Die Blendung im Manuskript. Er unterteilte die Bücher in solche, aus denen er gemacht war, solche, die er hasste und jene, die ihm das Atmen und die Freiheit ermöglichten.
Er hat sich das Recht auf Lektüre durch Widerstand erworben: Gegen den Großvater und den Onkel, die einen Händler aus ihm machen wollten. Im Kampf mit der Mutter, die fand, obwohl selber eine leidenschaftliche Leserin, Bücher entfremdeten ihn zu sehr vom wirklichen Leben, ihr hartnäckiges Insistieren darauf, einen nützlichen Beruf zu erlernen, um das Leben ebenso erfolgreich zu bestreiten wie ihr reicher Bruder in Manchester es tat. Canettis Hass und Verachtung auf alles, was mit Reichtum, Geld, Vermögen zu tun hat, die Geringschätzung des Geschäftemachens zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lebensgeschichte. Und später gegen den eigenen Wunsch, als Schriftsteller berühmt zu werden, hat er gelesen, sich in die Bücher versenkt, um alles zu erfahren, was er benötigte, um Masse und Macht zu schreiben.

Canettis Verständnis für das Primitive. Wie er den Verwandlungskünsten der Primitiven nachspürt, ihren Mythen. Darin ist er wieder ganz ein Mensch des 20. Jahrhunderts. Das Unbehagen in der Kultur. Der Wunsch, dieser Zivilisation zu entfliehen, in ein Leben, das von anderen, primäreren Impulsen bestimmt wird als das unsere. Vor allem in Masse und Macht kommt dieser Respekt vor dem Primitiven stark zum Ausdruck. Peter von Matt, der Zürcher Literaturprofessor, hat diesen Respekt in seiner Gedenkrede hervorgehoben. Für Canetti – so Peter von Matt – sei der Gedanke unerträglich gewesen, dass nach seinem Tod irgendwo im Dschungel ein kleines Naturvolk entdeckt würde, von dessen Geschick die Rettung der Welt abhinge. Die Riten der frühen Jägervölker dienten dem Zweck, dem Kosmos auf seiner Umkehr zu helfen, damit das Leben sich wieder erneuern und wandeln konnte. Sie glaubten, dass sie mit ihren Tänzen die Balance des Kosmos aufrechterhielten und der Natur bei ihrem jährlichen Zyklus des Keimens, Wachsens und Reifens halfen. Und dieser archaische Glaube findet bei dem europäischen Denker ein offenes Ohr. Schade, dass wir nicht wissen, welche Rituale Canetti zelebriert hat, um den Kosmos zur Umkehr zu beschwören, den Weg zurück aus der dunklen winterlichen Kälte ins Keimen des Frühlings und Wachsen des Sommers.

Bei Canetti findet man etwas Kompaktes, das sich gegen das Zerfließen des Lebens zur Wehr setzt, gegen das Vergessen, die Zerstörungen durch die Zeit. Er versuchte dem Zersetzenden zu widerstehen. Er war ein leidenschaftlicher Denker. Denken war seine Form des Widerstandes. Er bewahrte sich alles, was er einmal eingesammelt hatte, nichts wurde absichtslos weggeschmissen.
Irgendwo spricht Canetti davon, er müsse das Chaos zergliedern und neu zusammensetzen, um ihm habhaft zu werden. Ich vermute, dass er es mit seiner Lebensgeschichte auch so gemacht hat. Canetti ist weder Tänzer, noch Habicht, der die Dinge im Flug berührt. Er betrachtet, zerlegt, ordnet. Darum wirkt seine Lebensgeschichte manchmal etwas streng, andererseits gewinnt er so Einsichten in die Ver- und Entwicklung der Dinge, die er als Tänzer nie gemacht hätte. Manchmal grenzt es ans Unheimliche, welch scharfes Auge er für die Masken der Menschen hat, die sie, einmal aufgesetzt, für ihr eigentliches Gesicht halten. Canetti als Entlarver.