Ein Kauz im Pariser Wandschrank

Der französische Schriftsteller Paul Léautaud, am 18. Januar 1872 in Paris geboren, war ein Sonderling erster Güte, unangepasst bis zur Unerträglichkeit, ein Lästermaul, Menschenfeind, Frauenverächter – Tierliebhaber.

Die meisten Fotos, die von Léautaud gemacht worden sind, stammen aus den letzten zehn Jahren seines Lebens. In den abgetragenen, phantastisch geflickten Kleidern und dem zerbeulten Hut auf dem Kopf sieht er eher wie ein Clochard als wie ein Pariser Literat aus. Die stechend aufmerksamen Augen, der spöttische Zug um den Mund und die scharfe Schnabelnase geben ihm etwas von einem koboldhaften, kauzigen Spieler.
Als Dreiundzwanzigjähriger fasste er den Vorsatz: „Ich mache aus mir, was ich will. …. Alles, was Autorität ist, möchte ich am liebsten verfluchen. Nichts zu bewundern ist eine Stärke.“ Soziale oder moralische Normen kümmerten ihn wenig. Bis ins hohe Alter blieb er seinem Wesen treu. Für den Schriftsteller Marcel Jouhandeau war Léautaud zweifellos der freiste Mensch seiner Zeit.

Eigene Gedanken zu haben, selbst wenn sie schockieren, sei das Entscheidende. Am 24. Februar 1936 notiert Léautaud in sein Tagebuch: „Das einzige, was mich aufrechterhält, ist der Genuss, den ich daran habe, gegen alles zu stänkern. Dieser Genuss ist allerdings auch ersten Ranges. Ich hatte immer Abscheu vor den Zufriedenen. Vor Mittelmäßigen, Greisen, Narren, Beschränkten, Ausgebrannten.“
Er verabscheute den ganzen technischen Fortschritt: Autos, Flugzeuge, Radioapparate, Kino. Die viel gepriesenen Errungenschaften der Grand Nation fand er ein Witz.
Sein Leben lang schrieb er mit Federkiel, bei Kerzenlicht. Ende der dreißiger Jahre ließ er sich ein Telefon installieren, ein paar Jahre später elektrisches Licht: herausgeworfenes Geld!

Léautaud war kein Schöpfer fiktiver Welten. Alles, was er schrieb, hat mit seinen Erfahrungen, Beobachtungen, Erlebnissen zu tun.
Sein Werk besteht aus den drei autobiographischen Schriften Le petit ami (dt. Der kleine Freunde), Amours (dt. Erste Liebe) und In Memoriam, zwei Bänden Theaterkritiken, die er unter dem Pseudonym Maurice Boissard veröffentlicht hatte, den Aufsatzsammlungen Passe-Temps und Propos d’un jour und dem Journal Littéraire, das etwa achttausend Seiten umfasst.
Es gehört mit seiner gallisch-galligen Ironie und kritischen Radikalität zu den großen Tagebüchern französischer Sprache; eine einzigartige Chronik des literarischen Lebens von Paris der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neben Autoren und Büchern boten ihm die Franzosen, Frauen, Politiker, Polizisten Stoff für seine Einträge. Aber auch seine Liebesaffären, häuslichen Verpflichtungen und Tiere kommen ausführlich zur Sprache. Er erkannte bald: „Im Grunde könnte mein Vergnügen am Schreiben sich durchaus auf dieses Tagebuch beschränken.“
Hanns Grössel hat 1966 Auszüge daraus ins Deutsche übersetzt.

„Pariser Wandschrank“ nannte er sein Büro beim Mercure de France, es war sein Beobachtungsposten. Bei aller Verschrobenheit und Misanthropie war Léautaud ein unglaublich neugieriger Mensch. Remy de Gourmont, Marcel Schwob, Paul Valéry, Guillaume Apollinaire, André Gide und André Rouveyre gehörten zu seinem Freundeskreis.

Für Léautaud galten beim Lesen und Schreiben nur zwei Dinge: Genuss und Wollust! Literatur war für ihn ein geistiger Erregungszustand, in dem die Dinge mühelos geraten. „Meine eigentliche Vorliebe gilt der Literatur, die geschrieben ist, wie man einen Brief schreibt. Die großen Werke können mir gestohlen bleiben. Ich mag nur geschriebene Unterhaltung.“ Alles andere sei „Pathos, Pose, Rhetorik, Geschwollenheit“.
Für Schriftsteller wie Gustave Flaubert oder Anatol France hatte er nichts übrig, ihre Bücher fand er langweilig, gekünstelt, da herrschte ihm zu viel Liebe zur Form vor, zur ausschmückenden Einzelheit. Rousseau und Chateaubriand hätten die französische Literatur mit ihrer Deklamation heruntergebracht. Seine Vorlieben galten dem 18. Jahrhundert: Voltaire, Molière, Diderot, Chamfort, Stendhal.
Er bewunderte einen leichten, lässlichen Stil, ein Stil ohne Bilder, ohne Metaphern und ohne neue Wortbildungen. Als Sechsundzwanzigjähriger notierte er: „Allen sogenannten großen Stilen misstrauen. Keine wohlfeilen, faden Sätze machen. Vielmehr harte, knappe, ja schroffe Sätze. Auch von solchen geht eine Harmonie aus.“ Jahre später macht er eine präzise Unterscheidung zwischen Stil und Form: „Man ist eben gewohnt unter Stil Form zu verstehen, statt einzig und allein die beste Art und Weise, zu sagen, was man sagen will – darauf sollte man achten.“ Interessant, wie wenig seine Bücher gealtert sind.

Léautauds Vater, ein Schauspieler, war über zwanzig Jahre lang Souffleur an der Comédie Française. Er kümmerte sich wenig um den Jungen, desto mehr um Frauen. Paul Léautaud schildert ihn in In Memoriam als Frauenheld und Ungetüm, der brutal und heftig sein konnte.
Eine Weile war er mit der Schauspielerin Fanny Forestier liiert. Nach einer Nacht zu dritt, löste Jeanne, die jüngere Schwester, Fanny als Geliebte von Léautauds Vater ab. Jeanne war achtzehn Jahre jünger als er. Sie wurde die Mutter von Paul, Fanny seine Tante. Kurz nach seiner Geburt verließ die Mutter Mann und Sohn. Paul wurde anfänglich von Ammen aufgezogen, dann kümmerte sich Marie Pezé, die Haushälterin, um ihn. Sie gab ihm die Zuneigung, die er bei seinen Eltern vermisste.
Als er zehnjährig war, jagte der Vater Marie davon, weil sie ihm Vorhaltungen wegen den ständig wechselnden Frauenbekanntschaften machte. An ihre Stelle trat eine anmaßende Stiefmutter in spe, keine zwanzig Jahre alt.
Dann zog die Familie nach Courbevoie, ein kleines Städtchen westlich von Paris. Die neue Umgebung blieb dem Jungen fremd. Das 9. Arrondissement von Paris war seine Welt, das Quartier rund um die Rue des Martyrs, wo er die frühe Kindheit verbracht hatte. Léautaud war der typische Großstädter, Paris als Lebensraum genügte ihm vollkommen. Auf zahllosen Wanderungen sog er die Stimmungen der Stadt wie ein Schwamm auf. Bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr hatte er Paris ganze drei Mal verlassen.

Nach Abschluss der Volksschule wurde Paul Léautaud Lehrling in einer Handelsfirma. Danach wechselte er oft die Stelle, 1908 trat er als Sekretär beim Mercure de France ein, einem Buch- und Zeitschriftenverlag, der 1890 von Alfred Valette gegründet worden war.
Ein vorbildlicher Angestellter war er nicht. Er kam und ging wie es ihm gerade passte; oft brachte er Tiere mit ins Büro, die er irgendwo in den Straßen von Paris aufgelesen hatte. Er behielt die Stelle bis ihn Jacques Bernhard, Valettes Nachfolger, 1941 vor die Tür setzte. Als Bernhard zu ihm sagte, er greife sogar in die eigene Tasche, um sich das Vergnügen zu leisten, ihn loszuwerden, antwortete Léautaud, ein solches Vergnügen sei schon ein Opfer wert.

Léautaud kam ohne Bildung in die Literatur. In jungen Jahren packte ihn eine Leidenschaft zu Büchern. Er las viel, geriet darob ins Träumen und Sinnieren. Er freundete sich mit Adolphe van Bever an, den er aus der Volksschule kannte. Van Bever hatte sich früh einen Namen als Literat gemacht, von 1897 bis 1911 war er ebenfalls beim Mercure de France angestellt. Nichts war diesem galanten Spötter heilig, außer die Literatur.
Nach ersten Gedichten und Aufsätzen erschien 1903 der Roman Der kleine Freund beim Mercure de France. Dieses freimütige Buch ist voller Verlockungen, Träumereien und Verlangen. Es erzählt von einem schüchternen Flaneur, der gerne durch die Straßen von Paris streunt und bei seinen Besuchen in Music-Halls wie den Folies-Bergère Bekanntschaft mit leichten Frauenzimmern macht. Er erweist ihnen verschiedene kleine Dienste (Briefe schreiben, Besorgungen machen, Kummer abhören, Ratschläge erteilen) und profitiert ab und zu von ihnen.
Auf Streifzügen im Quartier rund um die Rue des Martyrs, den Straßen seiner Kindheit, befällt ihn ein schwärmerisches Glück, als ob er nochmals jener scheue Knabe von damals wäre.
Die heimliche Heldin im Buch ist seine Mutter. In Calais wird er ihr am Sterbebett von Tante Fanny wieder begegnen. Sie ist mittlerweile in Genf verheiratet und hat zwei Kinder, Léautaud ein Mann von dreißig Jahren. Sie sieht noch genauso schön aus wie zwanzig Jahre zuvor, als er sie eines Morgens in ihrem Hotelzimmer besucht hatte, als sie zufällig in Paris war. Nachdem das Eis zwischen ihnen gebrochen ist, liegen sie sich ständig in den Armen und tauschen neben der sterbenden Fanny Küsse und Herzensergüsse aus.
Lange hält das Liebesglück mit der „anbetungswürdigen Mutter, der unvergleichlichen“ nicht an. Nur für kurze Zeit gehen die Briefe „mit den tausend Zärtlichkeiten“ zwischen Paris und Genf hin und her, dann besinnt sich die Mama wieder auf ihre Rolle als Gattin und Mutter. Sie fordert ihre Briefe zurück und von ihm einen gemäßigteren Ton, andernfalls würde sie den Kontakt abbrechen. Der Sohn zieht ihre leidenschaftlichen Briefe der Banalität einer gewöhnlichen Mutter-Sohn-Beziehung vor. Daneben besitzt er auch Abschriften seiner eigenen Briefe.

Sein Lebensstil war das Resultat einer bewussten Wahl. Er behielt Unabhängigkeit und Vorurteilslosigkeit bis ins hohe Alter. Eine Vorurteilslosigkeit, die auch vor seiner eigenen Person nicht Halt machte. Er war ein absoluter Nonkonformist, unpolitisch und misstrauisch den herrschenden Cliquen gegenüber. Er stellte den Einzelnen über die Gesellschaft. Man hat ihm mangelnde moralische Integrität vorgeworfen, für Familie, Kirche und Staat, den drei tragenden Säulen der Gesellschaft, hatte er nur Spott übrig. Patriotismus sei eine menschliche Dummheit, die Gesellschaft eine Herde von Hohlköpfen und Mitläufern. Sein Leben lang hatte er nie einen Wahlzettel ausgefüllt. Worte wie „Freiheit“, „Brüderlichkeit“, „Gleichheit“ waren für ihn Augenwischerei, den Begriff „Vaterland“ ließ er nur auf geistigem Gebiet gelten: die französische Sprache war seine Heimat.
Er war gegen jeden Nationalismus und Militarismus und für eine europäische Konföderation.
Der Einmarsch der Deutschen 1940 löste bei ihm keinerlei Ressentiments aus. Im Gegensatz zu hunderttausend anderen floh er nicht aus Paris, er wollte seine Tiere nicht einem ungewissen Schicksal aussetzen. Aber er ließ sich von der anfänglichen Freundlichkeit der Deutschen nicht täuschen, ihm war klar, unter dem Samthandschuh verbarg sich eine eiserne Faust. Im Gegensatz zu Céline oder Drieu La Rochelle war er weder Kollaborateur noch Anhänger der Vichy-Regierung, aber auch nicht Mitglied der Résistance. Bei den Jeudis der Amerikanerin Florance Gould lernte er Gerhard Heller und Ernst Jünger, Hauptleute der deutschen Wehrmacht, kennen. Er schätze die Gespräche mit ihnen. „Für mich gibt es in geistigen Dingen keine Grenzen, und diese beiden Deutschen haben darüber hinaus Gefühle für Frankreich und die Franzosen bekundet.“ Jüngers Kriegstagebuch Gärten und Straßen fand er höchst bemerkenswert.

In großen Einkaufstaschen schleppte er kiloweise Futter in die Banlieue. In seinem Häuschen in Fontenay-aux-Roses, 1912 erworben, hatte er zahllose Hunde und Katzen untergebracht. Irgendwann waren es nicht mehr die leichtfertigen Damen, die sein Interesse erregten, sondern arme verlassene Tiere; sein Mitleid mit ihnen habe „etwas Krankhaftes“. Sie waren seine wirklichen Lebensgefährten. Er kam sich wie „ein spätes Mädchen, eine Hunde- oder Katzenmutter“ vor und wusste, dass er sich mit seinen Tiergeschichten lächerlich machte. Als man ihm 1944 den Prix Née zusprechen wollte, lehnte er empört ab, weil damit sein literarisches Werk und nicht seine Tierliebe ausgezeichnet worden wäre. Hanns Grössel sieht in Léautauds Zoophilie weniger eine Marotte, denn eine „ungenutzte Großherzigkeit“.

Die Liebe war für Léautaud ausschließlich eine körperliche Angelegenheit. Die gewagtesten Stellungen seien nicht nur für die Sinne ein Genuss, sondern belebten auch den Geist. Im Gegensatz zu seinem Vater brauchte er bei Frauen nicht ständig Abwechslung. An der flüchtigen Liebe fand er wenig Geschmack, nie hat er einen Fuß in ein Bordell gesetzt. Körperliche Freizügigkeiten, ja Schamlosigkeiten, wuchsen mit der Vertrautheit zu einer Partnerin. Die wahre Lust entdeckte er erst mit vierzig. An einer Veranstaltung des Tierschutzvereins lernte er Anne-Marie Cassyac kennen. Léautaud brach den Kontakt anfänglich ab, als er erfuhr, dass sie verheiratet war. Ihr Mann war zwanzig Jahre älter als sie, er litt an Diabetes und war impotent. Henry-Louis Cassyac war kultiviert, verfügte über Geist und Witz, spielte Musik und war mit dem sozialistischen Politiker Léon Blum befreundet. Léautaud verstand sich bestens mit ihm. Er besaß einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, ging bei ihnen ein und aus, und er verbrachte die Sommerferien bei ihnen in Pornic, in der Bretagne. Er nannte Anne-Marie Cassyac zuerst „meine liebe Freundin“, dann die „Pantherin“ und später die „Geisel“. Das Verhältnis dauerte neunzehn Jahre, es war primär eine körperliche Leidenschaft, begleitet von Missgunst, Eifersucht, Streitereien und zahllosen Zerwürfnissen.
Er lobte die „weibliche Nacktheit, der ich im wachsenden Masse zugetan bin“ und verfluchte „das weibliche Hirn, dem mit nichts beizukommen ist“.
Ironischerweise war es eine Frau, Marie Dormoy, Leiterin der Bibliothèque Jacques Doucet, die sein Tagebuch aufbewahrte und dafür sorgte, dass es nach seinem Tod veröffentlicht wurde. 1966 erschien der letzte Band, der neunzehnte.

Nach dem 2. Weltkrieg geriet Léautaud etwas in Vergessenheit. Im Krieg war eine ganze Welt untergegangen, eine neue Generation von Schriftstellern meldete sich zu Wort. Einzig die Radiogespräche, die Robert Mallet zu Beginn der fünfziger Jahre mit ihm führte, brachten ihn in die Öffentlichkeit zurück, eine breite Hörerschaft begeisterte sich an diesen Unterhaltungen.
Er las kaum noch. „Was ist Literatur? Was ist Schreiben, seien es nun Verse oder Prosa? Eine Krankheit, ein Wahn, ein Hirngespinst, ein Delirium – von der ungeheuren Anmaßung ganz zu schweigen.“ Er fragt sich, welche Lebensform sich wohl aus sich selber rechtfertige, und er, der typische Großstädter, der Flaneur in den Straßen von Paris, dem das ländliche Frankreich stets gleichgültig gewesen ist, antwortet: die bäuerliche.

Am 22. Februar 1956 ist Paul Léautaud gestorben.