Balzac beim Yoga

Während einer Yoga-Woche im buddhistischen Zentrum Felsentor auf der Rigi, las ich Verlorene Illusionen von Honoré de Balzac.
Das war ein hübscher Kontrast. Ein idealer Ausgleich! Da der Yogalehrer, der das Ego mit all seinen Affekten (Habgier, Stolz, Missgunst, Verblendung) verurteilte, weil es dem Streben nach Höherem im Weg stünde, dort die Figuren von Balzac, die nur Geld, Luxus und gesellschaftlichen Erfolg im Kopf haben.

Lucien Chardon, der Held des Buches, ist ein hübscher Bursche aus dem kleinen Provinzstädtchen Angoulême. Er hat eine gewisse dichterische Begabung. Schwester und Mutter verhätscheln ihn. Er glaubt alles, was seiner Eitelkeit schmeichelt und ihm Erfolg verspricht. In seiner Einfalt tappt er in alle Fallen, die andere ihm aus Bosheit oder Eigennutz stellen.
Er arbeitet bei David Séchards in dessen Druckerei. Die Geschäfte laufen schlecht. Den beiden jungen Männern fehlt jeglicher Geschäftssinn. Sie lesen lieber die neusten Bücher aus Paris, als dass sie arbeiten. Die Konkurrenz weiß das geschickt auszunützen.
Eines Tages wird Madame de Bargeton auf Lucien aufmerksam, eine adelige Dame, die vornehmste im Städtchen. Sie ist mit einem impotenten Mann verheiratet und führt in Angoulême einen Salon, in dem sich die Adeligen aus der Gegend treffen. Sie schwärmt von Luciens Schönheit. Und von seinen Gedichten. Er muss sie unbedingt in ihrem Salon vortragen. Madame Bargeton ist zwanzig Jahre älter als Lucien. Sie verbringen jeden Tag zusammen. Lucien ist entzückt von ihrer Vornehmheit und Eleganz. Er liebt die feinen Abendgesellschaften, die Diners, die nichtssagenden Plaudereien, die Damen mit ihren tief ausgeschnittenen Dekolletés. Er tut alles, um zu glänzen, gerne hätte er eine eigene Kutsche mit Kutscher besessen. Mutter, Schwester und David sind überzeugt, dass ihm eine großartige Zukunft als Dichter bevorsteht. Aber da ist noch ein gewisser Baron du Châtelet, ein eleganter Herr aus Paris, der lange in diplomatischen Diensten des Königs war. Er hat ebenfalls ein Auge auf Madame de Bargeton geworfen, spioniert ihnen nach und setzt Verleumdungen über sie in Umlauf. Kurz vor der Hochzeit von David und Eve, der Schwester, überredet Madame de Bargeton Lucien dazu, mit ihr nach Paris durchzubrennen. Auf Luciens Zögern, bemerkt sie spitz, ob ihm die Hochzeit dieser gewöhnlichen Leute wichtiger als ihre Liebe sei. Sie kommt in Paris bei ihrer Cousine d’Espard unter, eine der vornehmsten Damen des Faubourg Saint Germain, Lucien in einem Hotel in der Nähe. Lucien gibt das ganze Geld, das die Mutter ihm mitgegeben hat, für teure Kleider aus, um so auszusehen wie die Lackaffen, die ihn im Theater seiner provinziellen Erscheinung wegen belächelt haben. Dann serviert Madame de Bargeton ihn ab, sie sieht in ihm bloß noch eine rückständige Landratte. Baron du Châtelet tut sein Übriges, um den jungen Konkurrenten loszuwerden. Lucien hat kaum noch Geld, er findet Unterschlupf in einem armseligen Hotel im Quartier Latin. Er widmet sich einer intensiven Lektüre, schreibt Sonette und arbeitet an einem Roman. Im Restaurant, wo er jeweils zu Mittag isst, lernt er den Studenten Daniel d’Arthez kennen, dessen konzentriertes Wesen ihn beeindruckt. „Auf bequemem Weg erlangt man keine Größe“, sagt d’Arthez zu ihm. Unter dessen Einfluss scheint es, dass Lucien sich zu einem hart arbeitenden Studenten entwickelt. Doch da taucht der Journalist Lousteau auf; er belächelt Luciens Eifer und macht ihm den schnellen Erfolg seines Gewerbes schmackhaft. Lucien ist entzückt. Mit seiner eleganten Schreibe kommt er rasch zu Geld. Zu sehr viel Geld. Er kann sich wieder vornehme Kleider leisten und in einer Kalesche in den Bois de Boulonge fahren, um vor den Damen de Bargeton und d’Espard aufzutrumpfen, die ihn einst so verächtlich abgeschoben haben. Er hat nun eine Geliebte und gibt verschwenderische Diners. Er veröffentlicht seine Sonette und den Roman, sie bleiben unbeachtet. Mit seinem dichterischen Genie ist es nicht so weit her, wie seine Familie und Madame Bargeton es ihm eingeredet haben. Er wird faul, schreibt nur noch unregelmäßig, verliert einen Posten nach dem anderen. Er merkt nicht, wie Neider und Feinde Komplotte gegen ihn schmieden. Am Ende ist er wieder völlig mittellos: Das Haus, in dem er wohnt, wird zwangsgeräumt, die Möbel versteigert und die eleganten Kleider wandern ins Pfandleihhaus. Er fälscht Davids Unterschrift, um einen Wechsel einzulösen, beim Glückspiel ruiniert er sich vollkommen. Er findet mit seiner Geliebten in einem schäbigen Viertel eine Bleibe, doch dann stirbt die Geliebte. Er geht zu Fuß nach Angoûleme zurück. Unterwegs wird er von einem schwulen Prälaten umgarnt.

Um sieben Uhr morgens fing der Yogaunterricht an. Wir stellten uns mit unseren Matten in zwei Reihen auf, in der Mitte blieb ein Gang frei, in dem der Yogalehrer auf- und abging, Anweisungen gab, unsere Haltung korrigierte, referierte.
Es ist wichtig, das Ego abzulegen, denn das Ego bedeutet Trägheit und Faulheit, es ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Freiheit und Glückseligkeit, beschwor uns der Yogalehrer. Das Ego mit seinem ewigen „will ich, will ich nicht“ erzeugt bloß Leiden, Duca, unendliches Leiden. Ständig ist man dabei zu werten und zu urteilen und bleibt so an den Dingen haften und kommt nicht voran. Die Ichsucht ist dafür verantwortlich, dass wir habgierig, verblendet und unwissend sind. Nur wer Burusha, Atma, das wahre Selbst entdeckt und das Göttliche erfährt, gelangt zur Freiheit. Wir müssen lernen, alles wertfrei und vorurteilslos zu betrachten, so können wir dieses beschränkte Ich überwinden. Die körperlichen Übungen helfen uns dabei, zu geistiger Klarsicht zu kommen. Die ganze Woche hörten wir kaum etwas anderes.

Während ich auf der Matte stand und die Übungen machte, fragte ich mich, was dieses wahre Selbst wohl sein könnte. Wenn ich in mich hineinschaute, fand ich da bloß ein verlorenes Ich, das viel geträumt und wenig verwirklicht hat.

Nach dem Mittagessen zog ich mich auf das Zimmer zurück. Ich genoss es, meinen Körper auf dem Bett auszustrecken. Nach vier Stunden Yoga und einer Stunde Hausarbeit, die Karma-Yoga hieß, wohl weil sie umsonst zu leisten war, tat mir alles weh. Ich nahm das Buch zur Hand, vergaß Yoga und das uns im Weg stehende Ich und ließ mich durch Balzacs Geschichte mit all ihren Auf- und Abschwüngen treiben. Es ist ein kraftvolles Buch mit einem unglaublichen Sog und voll überraschender Einsichten. Der britische Schriftsteller Somerset Maugham hat Balzac ein Genie genannt. Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde, denn er hat auch eine „schundige“ Seite.
Balzac war ständig am Rechnen, wie seinen Helden ging es ihm primär einmal um Erfolg und Reichtum. Was bringt mir eine bestimmte Heirat ein, fragte er seine Schwester in einem Brief, welche gesellschaftliche Türen öffnen sich mir damit? Wie viele Zeilen muss ich pro Tag schreiben, um mir ein Vermögen zu machen? Arm sein war für Balzac ein unerträglicher Zustand, nur Wohlstand, Ehre und gesellschaftliches Emporkommen zählten, nichts schien ihm wichtiger zu sein, das ganze Tun und Streben richtete sich darauf aus. Oft standen irgendwelche Geldeintreiber vor seiner Haustür.

Manchmal unterbrach ich die Lektüre und schaute zum Fenster hinaus. Man hat dort oben einen großartigen Blick auf den Vierwaldstädtersee. Ich sah die Wolken, die vorüberzogen, ihre Schatten auf dem See, am anderen Ufer leuchteten die Hänge in der Nachmittagssonne, in der Ferne glänzten die weißen Gipfel der Berner Alpen.