In jenem Herbst arbeitete ich in einer Fabrik, die chemische Produkte für die Baubranche herstellte. Ich war Ende September völlig abgebrannt aus Portugal zurückgekehrt und hatte dringend einen Job nötig.
Es war heiß und lärmig in der riesigen Halle, die Luft voller Teerdämpfe.
Ich stand an der Maschine, die Dachpappe aufrollte und in Papier einwickelte. Die Rollen fielen auf ein schrägabfallendes Blech. Ich musste aufpassen, dass sie sauber aufgewickelt waren, ansonsten war die Maschine sofort abzustellen und der Fehler zu beheben. Ich durfte keine Zeit verlieren, sonst wölbte und bäumte sich die Dachpappe auf dem langen Fließband wie eine verendende Schlange. Die eingewickelten Rollen waren auf eine Palette zu stapeln und die volle Palette zum Eingang des Lagers zu spedieren, das mit einem schweren Plastikvorhang von der Fabrikhalle abgetrennt war. Oft standen mehr als ein Dutzend Paletten herum und versperrten den ganzen Platz, weil der Lagerist sie nicht holen kam. Man musste irgendwie Platz schaffen, dabei ging viel Zeit verloren, die an der Maschine fehlte, denn inzwischen füllte sich die kurze Fläche mit neuen Rollen. Im schlimmsten Fall schaffte man es nicht einmal mehr, sie alle vom Band zu nehmen, bevor man wieder mit einer vollen Palette abschieben musste.
Es gab lange Wannen voll kochendem Teer, die Italiener wärmten ihre Makkaroni fürs Mittagessen darüber auf. Der Geruch setzte sich in den Kleidern fest, sogar die Haut roch abends nach Teer.
Ich musste um sieben Uhr in der Früh anfangen.
Eines Morgens fand ich im Tages Anzeiger den Nachruf von Alexander A. Seiler auf Ludwig Hohl. Was? Der große Erfolglose tot? Warum gerade er, fragte ich mich?
Ich riss die Seite heraus und steckte sie in die Gesäßtasche meiner Jeans. Wenn ich einen Augenblick Zeit hatte, nahm ich den Artikel hervor und las ein paar Zeilen. An diesem Tag fühlte der Lagerist sich nicht besonders bemüßigt, die Paletten zeitig abzuholen.
Es gab auch ein Foto von Ludwig Hohl. Sein Gesicht erinnerte an einen schroffen Felsen, ohne etwas Steinernes zu haben, es drückte für mich eine Alterskonzentration im besten Sinn aus, eine kantige Weisheit. Das typische Gesicht eines passionierten Bergsteigers.
Ich bewunderte ihn für seine Weigerung, trotz bitterer Armut und Erfolglosigkeit, einem Geldberuf nachzugehen. Mir fehlte der Mut für eine solche Radikalität. Ihm wäre es nie in den Sinn gekommen, diesen Scheißjob hier zu machen. Er hat unversöhnlich nach dem Sinn gefragt. Etwas des Geldes wegen zu tun, war für ihn noch lange kein Grund. In seinen Augen waren das scheinbare Tätigkeiten, die einem nicht mehr entrinnen lassen, wenn man sich einmal darin verfangen hatte. Tote Beschäftigungen, „die wahre heutige Faulheit“.
Im Sommer zuvor wollte ich wissen, was jemand schreibt, der sich einen Dreck um gesellschaftliche Konventionen und bürgerliche Attituden kümmerte, was mir die beste Voraussetzung für wahre Literatur schien.
Aphorismen, dachte ich geringschätzig, als ich eines seiner Bücher öffnete, das ist doch etwas für Werklehrer und Sonntagsprediger. Ich las die erste Notiz, die zweite, eine dritte und vierte. Ich war aus den Socken. Keine Moral! Nichts Saures! Nackte Gedankenarbeit! Kraftvoll. Manchmal schroff, anmaßend. Blitzschnell ergriffen diese Notizen von mir Besitz. Obwohl die Sätze Ergebnis einer intensiven Gedankenarbeit waren, berührten sie mich mehr auf einer emotionalen Ebene.
„Leben ist Arbeiten.“ Darin ist Ludwig Hohl ein typischer Schweizer. „Arbeit“ ist ein zentraler Begriff bei ihm, die Achse, um die sich sein Werk dreht und in Spiralen fortbewegt. Arbeiten, wie er es sieht, hat nichts mit dem zu tun, was die Allgemeinheit darunter versteht. Für ihn war Arbeiten immer ein Inneres, das nach außen drängt. Eine Tätigkeit, die nicht ihr inneres Geschehen kenne, sei keine, und eine, die nicht nach Außen gewandt ist, sei es auch nicht.
„Das wahre Arbeiten wäre wie die Melodie einer Orgel, wenn die Melodie einer Orgel mehr Orgeln und immer größere Orgeln erschüfe“, las ich, an der Maschine stehend.
Seiler schreibt dazu: „Diesen Satz müsste man in einer Fabrikhalle und gegen den Lauf von Fließbändern lesen, noch besser lesen hören.“
Ich betrachtete die Teerflecken auf meiner Jeans und fragte mich, ob die Maschinen nicht auch Orgeln sind, die statt Melodien Lärm erzeugten, immer mehr Lärm und immer heißere Teerdämpfe und immer größere Dachpappenrollen.
Was ist das Ganze beim Arbeiten, von dem Ludwig Hohl redet? Das einzig Ganze an meiner Arbeit war, dass ich den ganzen Tag in dieser lärmigen und schlecht belüfteten Halle an einer Maschine stehen musste und aufzupassen hatte, dass die Dachpappe sauber aufgewickelt aufs Blech rollte.
Im Winter 1981 erschien sein Hauptwerk Die Notizen – oder von der unvoreiligen Versöhnung das erste Mal als Ganzes.
Sie „sind geschrieben worden in den drei Jahren 1934 bis 1936, während deren ich in Holland in größter Einöde lebte“, schreibt Hohl im Vorwort etwas lapidar. Ein achthundert Seiten dickes Buch. Es läuft der Bruchlinie zwischen Philosophie, Essayistik und Literatur entlang und besteht aus Notierungen, Impressionen, Gedankenblitzen, Beobachtungen, Polemiken, Leseeindrücken und Mini-Erzählungen. Es kommt ohne Begriffsapparat aus, was beim Lesen sehr wohltuend ist. Es enthält zwölf Kapitel, das erste heißt Vom Arbeiten. Natürlich!
Das Sachregister umfasst 30 Seiten: Altern, Badesaison, Denken, Handeln, Künstler, Meditation, Schöpferkraft, Zaubern sind ein paar Stichworte daraus.
Das war ein Lichtstrahl! Ich fühlte mich sofort heimisch in diesem umfangreichen Buch. Etwas ungeheuer Kräftigendes und Nährendes ging von ihm aus. Nichts schien mir mehr etwas anhaben zu können. Der luzide und manchmal holperig-raue Stil sprach mich an. Das Träumerische verbindet sich mit dem genauen Denken.
Das Fragment ist das Definitive. Aber wer liest schon Notizen? Was für Hohl eine zwingende Form war, man kann sich bei ihm keine andere vorstellen, war für den Buch-Markt nicht tauglich, das musste er in aller Härte erfahren. Der erste Band erschien 1944 bei Artemis, der zweite hätte gemäß Vertrag 1945 erscheinen sollen. Aufgrund der schlechten Verkaufszahlen, weigerte sich der Verlag, den zweiten Band zu veröffentlichen. Erst ein Bundesgerichtsentscheid zwang Artemis zu dessen Publikation. Er erschien 1954, zehn Jahre nach dem ersten, der mittlerweile vergessen und vergriffen war. Schon damals herrschte die Diktatur des Romans. Misserfolg und mangelnde Publikationsmöglichkeiten hatten eine zermürbende Wirkung auf Ludwig Hohl.
Anfangs der Siebzigerjahre machte Adolf Muschg den Suhrkamp-Verlag auf Hohl aufmerksam. Sigfried Unseld reiste nach Genf und besuchte den Autor an der Rue David Dufour, wo der seit vielen Jahren in einem Keller wohnte. An Wäscheleinen, die quer durch den Raum gespannt waren, hingen hunderte von Zetteln und Manuskriptseiten.
Nach diesem Besuch erschienen in der Bibliothek Suhrkamp die ersten Bändchen. Hohl wurde ein bisschen bekannt, er erhielt zwei bedeutende Literaturpreise. Im November 1980 starb er.
„Sie rennen mit entsetzlicher Eile zum Bahnhof und steigen in einen Güterzug. Und selten einmal einer schreitet ganz langsam und fährt mit dem Blitz.“
Ich brauchte fast ein Jahr, um Die Notizen zu lesen, immer wieder kehrte ich zu ihnen zurück, sie bildeten das Zentrum meiner Lektüre. Ein Buch, das so lange brauchte, bis es endlich als Ganzes erschienen war, muss langsam und aufmerksam gelesen werden.
Wie alle Nichtstuer hielt ich meine Tagträume für Wirklichkeit, sie waren Ersatz fürs eigentliche Schaffen. Die Notizen waren eine außerordentliche Hilfe, um aus meiner Scheinwelt herauszukommen. Richtung Denken. Richtung Arbeiten. Werkzeug und Katalysator in einem. Ich habe immer gezögert, mich einer Sache wirklich hinzugeben, immer alles auf später verschoben, aus Angst, mich zu verlieren, meine Kräfte für etwas zu verbrauchen, das sich womöglich als wertlos erweisen sollte, wo vielleicht viel Wichtigeres und viel Größeres auf mich wartete, das alle Energien erfordern würde. Das Meiste fing mich schnell zu langweilen an und ich eilte zum nächsten weiter, immer in der Hoffnung, darin das Eigentliche und Wahre zu finden.
Hohls Aufzeichnungen enthalten weniger ein abstrakt-theoretisches Denken, als vielmehr Reflexionen und Gedanken zur Lebenspraxis. Sie sind ein Lebensselbsthilfebuch im einzig möglichen Sinn des Wortes, wertvoll fürs eigene Leben und fürs künstlerisches Schaffen.
Für Hohl sind Leben und Kunst identisch, was ein hohes Maß an Geistesgegenwärtigkeit, Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert. Meditation und körperliche Aktivität spielen bei ihm eine ebenso wichtige Rolle wie das Schreiben selber, er will der Natur der Dinge auf den Grund gehen. Er macht einen klaren Unterschied zwischen Kennen und Können, etwas kennen heißt noch lange nicht, dass man es auch kann. Das wird heutzutage gerne vergessen, wo der Schulbildung eine übertriebene Bedeutung beigemessen wird.
Neben ungeheuer luziden und kraftvollen Sätzen scheinen sich Pathos und Apodiktik nicht vermeiden zu lassen, denn Hohl stellt höchste Ansprüche an Kunst, Literatur und Leben. Als Bergsteiger will man hinauf zu den kolossalsten Gipfeln.
Dabei kommt der Apotheker schlecht weg, dem Hohl ein ganzes Kapitel gewidmet hat, für ihn Inbegriff von Spießbürgerlichkeit, Engstirnigkeit und Krämergeist. Oder Frau Meyer, Verkörperung übertriebener Häuslichkeit, sie ist ständig krank, weil sie sich überlastet fühlt. Man verordnet ihr eine Kur um die andere, aber es wird nicht besser. Was ihr wirklich fehlt ist einzig das wahre Arbeiten.
„Mit erhobenem Besen stand er und schlug nach dem Regen. (Das gefiel mir ziemlich gut. Wenigstens einer – eine Art Weiser –, dachte ich, der etwas ausrichtet mit dem Ding.)“