Meinen Sie Zürich zum Beispiel

Stellen Sie sich vor, Sie würden an einem hellen Nachmittag im Juni durch Zürich spazieren. Sie fangen beim Stauffacher an, marschieren über die Sihlbrücke, sehen das träge Wasser der Sihl, es hat die letzten Tage nicht geregnet, die grünen Uferstreifen, der Selnau-Bahnhof, der wie eine Flosse aus dem Fluss ragt, im Hintergrund ist der Kamm des Üetliberges zu sehen, die dunklen bewaldeten Hänge, ein wässriger Himmel darüber. Sie wenden sich nach links, gehen zum Glockenhof, durch die Füsslistraße zur Bahnhofstraße, zum Paradeplatz, zum Fraumünster, über die Brücke zur Wasserkirche. Sie sehen das Großmünster mit seinen zwei Stummeltürmen, den glänzenden See und dahinter die weiß schimmernden Berge. Sie gehen das Limmatquai hinauf bis zum Bellevue.
Na und? Werden Sie denken. Was soll daran besonderes sein.
Stellen Sie sich nun vor, dass außer Ihnen kein einziger Mensch unterwegs ist, alle Straßen, Quais und Plätze sind vollkommen verlassen und leer. Es ist unglaublich still. Kein Straßenlärm, keine Maschinen, keine Flugzeuge am Himmel, keine Stimmen. Nichts. Einfach nichts. Es ist so still, dass sie den sanften Luftzug hören können. Sie spüren ihn sogar auf der Wange.
Die Straßen sind voll stehengebliebener Autos, manche zusammengeprallt, leere Busse stehen da, die einfach nicht weiterfahren, ein Rollbrett schaut unter einem Wagen hervor. Überall liegen E-Phones auf den Trottoirs herum, umgekippte Fahrräder, als wäre es den Fahrern zu blöde geworden, weiter zu pedalen, was ich verstehen könnte, am Paradeplatz ist ein Auto in ein Schaufenster gerast, Scherben überall. Eine vollkommen intakte Stadt. Aber menschenleer!
Nur Sie. Ganz allein! Wo sind all die Leute geblieben, werden Sie sich fragen. Es ist unheimlich. Sie fühlen sich nicht besonders wohl. Sogar die Möwen und Tauben scheinen irritiert zu sein.
Wenn Sie sich das alles exakt vorgestellt haben, sind Sie mitten im Roman mit dem umständlichen Titel Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit vom Italiener Guido Morselli. Mit staunenswerter Feinheit und schwarzen Humor schildert der Autor, sachlich und komisch zugleich, wie es ist, der letzte Mensch auf Erden zu sein? Die ganze Menschheit ist nämlich aufgrund eines unerklärlichen Phänomens in der Nacht auf den 2. Juni um zwei Uhr morgens verschwunden. Keine Atomkatastrophe, kein Krieg, keine Leichen – sie hat sich einfach in Luft aufgelöst, ist verdunstet, zerstäubt. Was für ein Wahnsinn. Zig-Milliarden Menschen sind einfach weg. Samt den Kleidungsstücken, die sie am Leib hatten. Alle Städte menschenleer. Die Länder entvölkert. Apokalypse total! Die menschlichen Errungenschaften vollkommen sinnlos. Einzig die Pflanzen und Tiere haben überlebt, sie sind nun dabei, die Domänen der Menschen zurückzuerobern.
Der menschenscheue Protagonist, der mit dem Leben nicht zurechtkommt, ist in jener Nacht in die Berge aufgebrochen, um sich in einem Höhlensee zu ertränken. Im letzten Moment überlegt er es sich anders und kehrt um. In Widmad, einem Kurort in den Schweizer Bergen, wo er sich aufhält, muss er feststellen, dass ausgerechnet er, der sterben wollte, der einzig verbliebene Mensch ist, alle anderen sind in dieser kurzen Zeitspanne verschwunden. Er fragt sich, ob seine Situation ein Entzug oder ein Vorzug sei? Ist er Auserwählter oder Verdammter?
Auf der Suche nach möglichen Überlebenden, fährt er das Tal hinab, betritt Hotels, Altenheime, Jugendinstitute – überall das gleiche Ergebnis. Er fährt nach Chrysopolis, die Goldstadt. Damit ist Zürich gemeint. Aber dessen Bewohner sind ebenfalls weg. Aus Chrysopolis ist Nekropolis geworden. Morselli hat Zürich gut gekannt. Aus seiner Abneigung gegen die Bankenstadt hatte er nie ein Geheimnis gemacht.
„Ich liebe Chrysopolis nicht, ja ich kann es nicht ausstehen. In dieser Stadt habe ich meinen Antityp entdeckt, die triumphale Durchsetzung all dessen, was ich ablehne; ich habe sie zum Mittelpunkt meiner Verabscheuung der Welt erwählt. … Mit seinen vierhunderttausend Kaufleuten ist Chrysopolis so konkret wie das Konkrete schlechthin. Für alles verfügbar, außer für Wunder. Mit dem Ballast von geprägtem Gold in den Sakristeien seiner sechzig Banken kann es nicht ins Wunderbare oder auch nur Unvorhersehbare entschweben. Die höchste Konzentration an Reichtum, die man kennt: Eine so konkrete Substanz kann sich weder durch Zauberwerk des Teufels noch durch einen Gnaden- oder Strafakt des Himmels in nichts auflösen.“
Auf den Treppen der großen Bankinstitute am Paradeplatz paaren sich die Katzen, ein Huhn scharrt im Laub, das auf dem Platz liegt. Die Linotypes der Zeitung, bei der er einmal gearbeitet hatte, rotieren groteskerweise weiter. Seine zahlreichen Anrufe nach Frankreich, Großbritannien, Italien und Washington gehen ins Leere. Die einzigen menschlichen Stimmen, die sich melden, sind jene auf den Anrufbeantwortern. Er fährt zum Flughafen Teklon (ein Anagramm für Kloten), um nach Paris zu fliegen. Wohl sind An- und Abflugzeiten von Flügen verzeichnet, die jedoch nirgendwo hinfliegen und niemals mehr ankommen werden. Flugzeuge stehen quer auf der Piste.
Offen bleibt die Frage, ob er der einzige Überlebende ist, ob es nicht irgendwo auf der Welt, den fernen Marquesas-Inseln oder in Labrador noch andere gibt, die verschont worden sind. Er fährt nach Deutschland, besucht eine amerikanische Militärbase. Auch die Amis haben sich ins Jenseitige verflüchtigt. Ebenfalls eine Geliebte, die er vor Jahren einmal hatte.
Wieder in Widmad holt er Kleiderpuppen aus einem Warenhaus und stellt sie auf den Marktplatz, um die Illusion zu erzeugen, der Platz sei mit Menschen belebt. Er fängt an, Damenunterwäsche zu tragen, ohne dass es ihn sexuell erregt. Er errichtet der verschwundenen Menschheit ein Denkmal, in dem er Autos, Fernseher, Fotoapparate, Filmkameras, Körbe voll Coca-Cola-Flaschen und Ferienplakate aufeinanderschichtet. Einmal glaubt er, die Stimme von Karpinsky zu hören, dem Arzt, der ihn einst in der Privatklinik Wanhoff in der Nähe von Chrysopolis behandelt hatte. Karpinsky war der einzige Mensch gewesen, für den er so etwas wie Freundschaft empfunden hatte. In der Tasche hat er für ihn immer ein Päckchen Gauloises.
Soziale Konventionen, Gesetze und Moral spielen keine Rolle mehr. Er ist absolut frei. Als ihm klar wird, dass seine Einsamkeit nicht eine vorübergehende Sache ist, weicht das euphorische Gefühl der Befreiung einer schleichenden Furcht. Trotz seinem radikalen Solipsismus hatte seine isolierte Existenz nur solange Sinn gemacht, als Beziehungen zu anderen Menschen als Möglichkeit vorhanden waren.
Man könnte den Roman auch ganz anders lesen: Als Phantasie eines Menschen, dem die anderen abhandengekommen sind und der nicht mehr aus seiner Isolation herausfindet. Den Höhlensee, in dem er sich ertränken wollte, nennt er den „See der Einsamkeit“. Sein Bericht wird zu einer Chronik der Angst. Er sehnt sich nach menschlichen Stimmen.
Das letzte Kapitel ist von einer unglaublichen Komik. Der Held quartiert sich in Chrysopolis-Zürich im Börsen-Restaurant ein. Ein Sofa dient als Bett, Tischtücher als Decken. „Die Speisekarte des Letzten Tages (Samstag 1. Juni) bot zum Diner folgendes an: Rôti de porc frais Vendôme, Fondue Bourguignonne, Homard sauce niçoise. Keine leichten Gerichte. Boshaft denke ich, dass einige der Kaufleute, nach, oder unter, Verdauungsbeschwerden ins Metaphysische eingegangen sind.“
Eine dünne Schicht Erde bedeckt die Straßen und Plätze der verlassenen Stadt, wilde Pflänzchen sprießen daraus hervor. Der Held sitzt auf einer Bank und betrachtet den grünen Film, der sich zu seinen Füssen ausbreitet.

Guido Morselli wurde am 15. August 1912 als zweites von vier Kindern einer wohlhabenden Familie in Bologna geboren. Zwei Jahre nach seiner Geburt zog die Familie nach Mailand um. 1924 starb die Mutter an der Spanischen Grippe. Leiden und Sterben der Mutter verstörten den Knaben vollkommen, er hatte eine sehr enge Bindung zu ihr. Er verlor jegliches Interesse an der Schule, prügelte sich mit anderen Knaben, kam in zerrissenen Kleidern nach Hause, klaute und log. Der Vater setzte drastische Strafen und Prügel als Erziehungsmethode ein. Manchmal sperrte er den Knaben in ein finsteres Loch neben dem Keller, in den harten Kerker; eine der schlimmsten Strafen für Guido. Einzig die Bücher begeisterten ihn; sie boten ihm das, was Schule und Familie nicht zu bieten imstande waren.
Nach Abschluss des Gymnasiums fing er ein Jura-Studium an (wohl um dem Vater zu gefallen) – und Philosophie im Nebenfach. Er schrieb Artikel und literarische Essais für Libro e Moschetto. Nach seiner Graduation wurde er in die Armee eingezogen, zuerst zum Alpen Corps, dann zur Infanterie in Mailand. In den Jahren 1936 und 1937 machte er längere Reisen nach England, Deutschland, Frankreich und Skandinavien. Und er schrieb beharrlich weiter.
Der Vater vermittelte ihm einen Marketing-Job in einer Chemiefirma. Nach einem Jahr gab Guido den Job wieder auf, er mochte sich nicht in ein geregeltes Arbeitsleben einfügen, was zu einem heftigen Streit mit dem Vater führte. Gleichwohl erhält er fortan vom Vater eine Rente, die es ihm ermöglichte, das zu tun, was er gerne tat: lesen, nachdenken, schreiben, reisen. Er wird bis zum Tod des Vaters im Jahr 1958 von ihm abhängig bleiben.
Im März 1940 wurde er als Offizier auf Sardinien stationiert und 1943 als Reservist nach Kalabrien abkommandiert. Die Alliierten eroberten Sizilien und den Süden Italiens. Als die italienischen Truppen aufgerieben und gefangengenommen wurden, versteckte sich Morselli in einem kalabrischen Dorf bei einer alten Frau. Erst nach Kriegsende wagte er sich in den Norden zurück, nach Varese und nicht nach Mailand, wo Partisanen das Haus des Vaters geplündert hatten.

Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist für verschiedene norditalienische Zeitungen, eine Zeitlang war er für Il Mondo Korrespondent in Bonn. Erneut unternahm er zahlreiche Reisen in die nördlichen Länder Europas. Außer den Büchern liebte er die Natur. Er machte lange Wanderungen in den italienischen Bergen; vor allem im Monte-Rosa-Massiv. Mit einer Super-8-Kamera drehte er kleine Filme, Landschafts- und Gebirgsszenen von Norditalien.
Auf einem großen Grundstück in Gavirate, das der Vater ihm gekauft hatte, ließ er ein kleines Haus nach eigenen Plänen bauen. Ohne Luxus. Wenig Komfort. Ganz seinen spartanischen Bedürfnissen angepasst. Einsamkeit und Ruhe behagten ihm. Dann schreckten ihn Tourismus-Projekte und lärmende Motocross-Fans aus der selbst gewählten Isolation.
Morselli erkannte früh die negativen Auswirkungen des wirtschaftlichen Wachstums und des technischen Fortschritts auf die Natur, die allgemeine Verschmutzung und Umweltzerstörung als Folge von dieser Entwicklung. Der Schutz der Natur sei soziale Pflicht, forderte er in einem Artikel von 1952. Der Roman Dissipatio h.g. könnte deshalb auch als eine radikale ökologische Utopie gelesen werden. Nachdem der Mensch, Störfaktor und Missbildung, sich in nichts aufgelöst hat, kann sich die Natur wieder frei entfalten. Ein eleganter Abgang, findet der Erzähler, ohne zusätzliche Verschmutzung der Umwelt. Da braucht es keine Klimaziele mehr. „Nie war die Welt so lebendig wie heute, da eine gewisse Gattung Zweifüßler aufgehört hat, sie zu frequentieren. Nie war sie so sauber, leuchtend, fröhlich.“

Morselli war Einzelgänger, auch in geistig-intellektueller Hinsicht. Zu Lebzeiten war kein Verlag bereit, seine Romane zu veröffentlichen, alle erschienen erst nach seinem Tod. Er passte in keine Kategorie, in keinen Kanon. Seine ironisch-intellektuelle Schreibweise vertrug sich nicht mit dem sozialkritischen Neorealismus, der die italienische Literatur der Nachkriegszeit bestimmte. Es verbindet ihn wenig mit Autoren wie Carlo Emilio Gadda, Alberto Moravia oder Pier Paolo Pasolini. Morselli pflegte einen kulturellen Synkretismus und schrieb eine Art phantastische Literatur, am ehesten mit dem Schaffen von Umberto Eco vergleichbar.
In Dissipatio h.g. kommen eine facettenreiche Vielfalt von Themen und eine außergewöhnliche Erfindungsgabe zur Sprache. Situationsbeschreibungen und bruchstückhafte Erinnerungen werden von spontanen Einfällen zu Philosophie, Psychologie, Anthropologie, Tourismus und Parawissenschaften durchwirkt. Den Titel zum Buch fand er bei Iamblichos von Chalkis, einem syrischen Neuplatoniker, der in seiner gleichlautenden Schrift ein ähnliches Phänomen beschrieben hatte.
Man bezeichnete Morselli als Amateur, Eklektiker, hochartistischen Spieler, geheimes Genie, sprachgewandten Solitär, der es verstanden habe, die widersprüchliche Natur des Menschen darzustellen. Heute gilt er als einer der wichtigen italienischen Romanciers des 20. Jahrhunderts. Dissipatio h.g. war Morsellis letzter Roman, er hatte ihn kurz vor seinem Tod beendet. Der Essayist Roberto Calasso sieht im Buch „eine bewusste Geste des Abschieds“, es sei Morsellis „rätselhaftestes und persönlichstes Buch“.
Am 31. Juli 1973, an einem warmen Sommerabend, hielt Guido Morselli sich seine Browning 7/65 (mein Mädchen mit dem Schwarzauge) an die Schläfe. Ein oft erprobtes Spiel wurde an diesem Abend blutiger Ernst. Nach seinem Tod fand man zwei Schreiben in seinem Briefkasten. Zwei Verlage hatten Dissipatio h.g. abgelehnt. Wie zuvor alle anderen Romane auch.