Lynx – Die Luchsreportage

Was ist das für ein Tier, von dem ich meinen Namen habe?
Eine Frage der Genealogie, die nicht ihrem Stammbaum folgt, sondern mitten ins Tierreich führt.
Meine Vorfahren mussten etwas Wildes, Katzenhaftes an sich gehabt haben. Waren sie scheue Einzelgänger, Wanderer, die abseits lebten und deshalb den Spitznamen „Luchs“ erhielten? Handelte es sich bei ihnen um Verwandlungskünstler, die es verstanden haben, in die Gestalt eines Tieres zu schlüpfen?
Sie führten ein Leben ohne die Mühsal der Arbeit und ohne soziale Verpflichtungen. Sie hatten hagere Körper und straffe geschmeidige Muskeln, das Fleisch saß fest an den Knochen, kein überflüssiges Fett, keine schlaffe mürbe Haut, die kraftvollen Füße dem langen Gehen angepasst. Sie kannten weder eingebildete Ängste noch Besorgnisse um eine ungewisse Zukunft. Sie fühlten sich wohl in ihrer Haut. Sie waren geboren, um an der Jagd, an den Kämpfen und an der Liebe Freude zu haben.

Auf einer Reise durch Andalusien, besuchte ich eine Höhle in der Nähe von Ronda. Mit Karbidlampen ausgerüstet und in Begleitung eines einheimischen Führers, drang ich über 500 Meter tief ins Erdinnere ein. Im großen Saal am Ende des Ganges war ein riesiger Fisch an die Wand gemalt und etwas daneben ein Ziegenkopf – zwischen diesem Kopf und dem Fisch in schöner und kräftiger Ockerfarbe: ein Luchs! Deutlich seine Pinselohren, der Stummelschwanz, die durchgebogenen kräftigen Läufe. Es war wie eine Bestätigung meiner Spekulationen über meine frühesten Vorfahren.

An einem Nachmittag im August ging ich in den Tierpark Langenberg. Der Weg führte in langen Serpentinen den Wald hinauf, der noch nass war vom Regen am Morgen. Das Laub der Bäume glänzte phosphoreszierend in der Sonne. Bis in unsere Tage ist der Luchs als blutgierige Bestie verfemt worden, als Inbegriff der Mordgier, als grausames Mordzeugs, das es zu vernichten galt, was vor hundert Jahren hat, dass der Luchs in unseren Breitengraden ausgerottet worden war. Er wurde systematisch gejagt. Es gab Treibjagden mit scharfen Bracken, Fallgruben wurden ausgehoben, Selbstschussanlagen installiert, Feuerwaffen und Tellereisen eingesetzt. Besonders im Winter wurde es für die Tiere gefährlich, wenn ihre Spuren im Schnee gut sichtbar waren und in der Zeit, wenn die Jungen aufgezogen werden und sie an einen festen Ort gebunden sind. Hingegen waren die Zeiten der Religions- und Bürgerkriege Zeiten der Entspannung, weil die Menschen sich dann gegenseitig abschlachteten und keine Zeit für Raubtiere hatten. Der Schluss liegt nahe, dass die Raubtiere bloß als Spiegel für die menschliche Mord- und Blutgier herhalten müssen.

Der Luchs in der Literatur ist eine flüchtige Spur. In der Regel hat er einen symbolischen Gehalt. Ich war zwölf Jahre alt, als ich dem Luchs zum ersten Mal in einem Buch begegnete: Die rote Zora und ihre Bande. Auch da ist der Luchs eine lauernde hinterhältige Bestie, eine ständige Gefahr für Zora und ihre Getreuen. Aber nicht dieses Vorurteil war es, was ich dem Autor nicht verzeihen konnte, sondern die Tatsache, dass er am Ende des Buches Zora und ihre Bubenbande wieder bei braven Familien unterbrachte. Diese Kapitulation vor dem bürgerlichen Leben enttäuschte mich zutiefst.
Kenneth White erzählt in seinem Labradorbuch von einem jungen Montagnais-Indianer, der Trapper werden und eine Jagdschule in den Wäldern hinter Dolbeau besuchen will. „Ja, ihm gefällt die Idee, Tiere zu jagen. Er wird mal kurz absahnen in der Gegend und sich auf Luchse konzentrieren – das lohnt sich.“ Die eleganten Jetset-Ladies werden es ihm verdanken, sofern ihnen Brigitte Bardot noch nicht ein allzu schlechtes Gewissen wegen Tier- und Artenschutz gemacht hat.
Malcolm Lowry nennt die menschenscheue Katze „die reine Verkörperung der Grausamkeit der Natur“ und „eines der satanischsten Raubtiere überhaupt, die noch auf Erden leben“. Folgte da der avantgardistische Schriftsteller, der eines der bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, der christlichen Symbolik, die im Mittelalter im Luchs ein Sinnbild des Teuflischen sah? Oder erblickte der gewaltige Trinker, gleichsam dem Konsul im Roman Unter dem Vulkan im Luchs die Bestie im eigenen Kopf, die in wilden Süffen letztendlich sich selbst vernichtete? Solche Vorstellungen führten dazu, dass der Luchs in Mitteleuropa erbarmungslos gejagt und ausgerottet wurde. Und heutzutage ist sein Überleben nur dank Tierschützern und staatlicher Hilfe gesichert.
Aber nicht alle Dichter denken wie Malcolm Lowry. Einige sind einfach nur gewöhnlich: sie meinen mit „abluchsen“ ein besonders treffendes Wort für „ablisten“, „ausnehmen“, „abbetteln“ etc. gefunden zu haben.
Für Elias Canetti und Charles Bukowski ist der Luchs ein Sinnbild der Schönheit und nicht der Grausamkeit. Wenn Canetti eine Frau umwerfend schön fand, verglich er ihren Kopf mit dem eines Luchses. „Anja Arkus saß da, von der es hieß, dass sie eine neue Lyrikerin sei, die schönste Frau, die ich je gesehen hatte, man wird es kaum glauben, denn sie hatte den Kopf eines Luchses:“ Über Eva Allesch, der Geliebten von Hermann Broch, schrieb er: „Sie mochte in ihren Fünfzigern sein, sie war nicht jung, sie hatte den Kopf eines Luchses, aber aus Samt. Sie war schön und ich dachte bestürzt, wie schön sie erst gewesen sein müsse.“ Der Luchs als Symbol sehr seltener weiblicher Schönheit.

Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Damhirsche, die Wildschweine und die Braunbären und ging zu den Luchsgehegen. Föhren und dichtes Unterholz boten den Luchsen Schutz vor Gaffern am Maschendrahtzaun. Auf dem Dach des höhlenartigen Unterstandes lag eine der Raubkatzen und blickte hochmütig an mir vorbei. Sie hatte große, schräggestellte Augen, eine ockergelbe Iris. Mit dem langen Backenbart und den schwarzen Pinseln auf den Ohren sah der Luchs wie ein schlauer Talmudgelehrter aus, der über eine vertrackte Formel aus der Kabbala nachdachte. Einer seiner Gefährten trabte unruhig die Böschung auf und ab. Im Nachbargehege zeterten zwei Amseln wie verrückt. Ein dritter Luchs strich durchs hohe, gelbe Sommergras.
Vom Weg aus, der oberhalb des Geheges dem Zaun entlang führt, sah ich zwei Kisten im Halbdunkel des Unterholzes stehen. Auf einer kauerte ein Luchs – zum Sprung bereit. Als ich ein wenig später wieder vorbei kam, saß er in der Nähe der Umzäunung und zerkaute einen Vogel. Amseln flatterten nervös umher, zischten und schimpften. Ich erblickte zwei junge Luchse, die nicht grösser als Hauskatzen schienen. Eines der tapsigen Kleinen kam dicht an den Zaun heran und blickte mich mit seinen großen komischen Augen an.
Es braucht bloß ein wenig Geduld, dachte ich stolz, und schon steht man mit den Dingen auf vertrautem Fuß.
Nach dem Nachtessen im nahen Restaurant ging ich nochmals zu den Gehegen hinüber. Unten an der Straße strich ein Luchs unablässig am Maschendrahtzaun hin und her. Ich sah die verhaltene und geschmeidige Gewandtheit seiner hohen Läufe, die Leichtigkeit und lockere Eleganz seines Ganges. Die dichtbehaarten und faustgroßen Pfoten berührten den Boden kaum. In der zunehmenden Dämmerung verwischten sich die dunklen Flecken im pastellfarbigen Fell. Er blieb sekundenlang stehen, spähte hinunter zu den Rehen, die am Fuß des Abhanges weideten, witterte ihren Geruch, der Ruf der Wildnis lockte. Dann trabte er von neuem hin und her. Plötzlich blieb er wieder stehen. Er blickte mich an. Auge in Auge. Er aus dem wilden Zweig der Familie, nun eingesperrt, aber auch ich fühlte mich nicht besonders frei.
Am nächsten Tag hielt ich zuerst Ausschau nach den jungen Luchsen, die ich am Abend zuvor gesehen hatte, konnte sie aber nirgends sehen. Auf der Kiste im Unterholz kauerte die alte Katze.
Als der Wärter das Futter brachte, fragte ich ihn, ob es junge Luchse habe.
Nein, dieses Jahr hat es keine gegeben, sagte er.
Wie? Da täuschte er sich aber gewaltig! Ich wagte ihm nicht zu sagen, dass ich am Abend zuvor zwei gesehen hatte, was würde er wohl gedacht haben? War das Leben etwa nichts anderes als ein Meer von Täuschungen, die Wirklichkeit bloß ein Bild, das uns unsere Sinne fortwährend vorgaukelt, ein Spiegel von Illusionen?
Ein Luchs nach dem anderen kam zum Unterschlupf und holte sich ein Stück gerupftes Huhn, das ihnen der Wärter hinhielt. Das Schweizerische Tierschutzgesetz verbietet es, den Raubkatzen in Tierparks lebendige Tiere zum Fraß vorzuwerfen.
Sieh mal, der dort ist am Joggen, sagte ein Mann zu seiner Frau und wies auf den Luchs der am Zaun entlang auf und ab lief.
Und der dort guckt fern, sagte die Frau und zeigte auf einen Luchs, der mit unbeweglichem Kopf im Gras lag, den Blick unverwandt in eine Richtung.
Er beachtete die Leute nicht, die sich gegen den Zaun drängten, weder ihr Geschwätz noch das Geschrei der Kinder waren für ihn ein Anlass, den Blick zu wenden. Diese Gelassenheit und Ruhe imponierte mir, einfach still halten können, einerlei, was um einen herum passiert, das erinnerte mich an die Konzentrationsfähigkeit der Zen-Mönche. Auch die Indianer verstanden es, einfach so dazusitzen, den Blick hinaus in die unermessliche Weite der Prärie gerichtet. Es scheint eine natürliche Haltung aller Lebewesen zu sein, sich hinzusetzen und still zu halten, eine Haltung, die uns hyperaktiven und nervösen Menschen der Moderne abhandengekommen ist.

Der Luchs ist ein vorsichtiges Tier, das ein verborgenes und heimliches Leben führt. Auf langen nächtlichen Streifzügen durchpirscht er sein Revier. Über die Größe des Territoriums werden recht unterschiedliche Angaben gemacht. Der Biologe Pavel Hell schätzt es auf 27 qkm in Mittel- und 50-60 qkm in Nordeuropa und Asien, andere sprechen von 200-500 qkm. Oft dauert es mehrere Wochen, bis der Luchs wieder am gleichen Ort seines Gebietes auftaucht.
Am Tag schläft der Luchs, verborgen in seinem Versteck, oder er sonnt sich auf einem Felsen, Hügel oder Bergkamm. Als Verstecke benützt er Walddickichte, Felsspalten, Windwürfe, hohle Bäume oder Erdbauten. In einer wissenschaftlichen Abhandlung las ich, dass er nicht auf Bäumen ruhe. Tatsache ist, dass ich im Tierpark Langenberg die Luchse schon oft auf Bäumen dösen sah. Einmal drei auf dem gleichen Baum, hoch oben, auf Ästen gerade dick genug, um ihr Gewicht auszuhalten. Stundenlang lagen sie da oben, als ob die Fallgesetze für sie nicht gelten würden.
Im Gegensatz zu den Wölfen tritt der Luchs nicht im Rudel auf. Er ist der wirkliche Einzelgänger, einer, der sich selbst genügt. An auffälligen Stellen wie großen Steinen, Baumstrünken oder einsamen Heuschobern setzt er seine Duftmarken. Wie die geheimnisvollen Kratzbäume dienen sie wohl als Nachricht für Artgenossen. Schließlich müssen die einzelgängerischen Katzen wissen, wo sie zu gegebener Zeit einen Partner finden. Mit einem hoch angesetzten Geheul, das in einem tiefen grollenden Murren endet, ruft der Kater in der Ranzzeit (Februar – April) nach der Luchsin.
Das Luchspaar bleibt für ein paar Wochen zusammen. Sie streifen umher, jagen, spielen und tollen herum, als Zeichen der Zärtlichkeit beißen sie sich, schmiegen sich aneinander, stoßen mit den Köpfchen, besprühen sich gegenseitig mit Urin, eine Art Natursektdusche. In der Sprache der Wissenschaft tönt das so: „Erhöhte Frequenzen wurden aber auch bei einigen anderen Verhaltensweisen verzeichnet (z.B. gegenseitige alfaktorische Kontrolle in der Anogenitalgegend, Flehmen, Begrüßungsritual, soziale Körperpflege, Kontaktschlafen, Kontaktruhen, Spielverhalten, ritualisierte Komfortbewegungen u.a.m.).“
Über die eigentliche Paarung weiß der Biologe Josef Stehlik folgendes zu berichten: „Im Zeitraum von 1968 bis 1976 wurden bei verschiedenen Luchsen 58 Paarungsakte beobachtet, bei 17 Kopulationen auch ihre Zeit gemessen. Die durchschnittliche Länge der Begattung vom Sich-Festbeißen des Männchens im Weibchen bis zum Loslassen dauerte 1 Minute und 41 Sekunden (minimal 1 Minute, maximal 3 Minuten). Die Friktionsbewegungen nahmen allerdings nur 50 – 90 Sekunden in Anspruch.“
Nach einer Tragzeit von ungefähr 70 Tagen, werden zwei bis drei Junge geworfen, sie kommen blind, weißlich gefärbt und gefleckt zur Welt. Junge Luchse sind Nesthocker. Sie säugen zwei bis fünf Monate, dann werden sie von der Mutter mit auf die Jagd genommen. Der Kater kümmert sich nicht um die Familie. Ein männlicher Luchs wird im Alter von 33 Monaten geschlechtsreif, das Weibchen viel früher, nämlich schon mit 22 Monaten.
Der Luchs hat eine bequeme Gangart. Im Gegensatz zu anderen Raubtieren hat er keine Ausdauer beim Rennen. Weitere Gangarten: trollen, traben, im Schritt gehen, schleichen.
Der Luchs ist ein typischer Pirsch- und Ansitzjäger. Er beschleicht und greift die Beute aus dem Hinterhalt. Er reißt das Tier im Sprung, der über fünf Meter weit sein kann. Er hetzt nicht hinter der Beute her, entwischt ihm ein Tier, gibt er nach einem kurzen Lauf auf und geht seiner Wege. Erwischt er aber das Tier, hackt er es mit seinen säbelartigen Krallen fest und tötet es mit Bissen in den Hals. Manchmal schneidet er seine Beute nur an und überlässt den größten Teil des Kadavers anderen Waldbewohnern. Er fängt an den Hinterkeulen an, stülpt die Decke nach vorne, seinem Opfer über den Kopf. Oft verblendet er den Riss, in dem er Laub, Erde, Farn oder Schnee darüber häuft, um später dorthin zurückzukehren. Den Kopf, die Läufe und den Magen lässt er unberührt. Der Luchs ist kein Aasfresser. Sobald sich Fliegen, Käfer, Würmer, Vögel oder Füchse über den Kadaver hergemacht haben, lässt er ihn sein.
Seine Nahrung ist von der Art der Beutetiere abhängig, die in seinem Revier vorkommen. Er frisst Kleinnager, Hasen, Schwarz-, Reh- und Rotwild, Waldhühner, Murmeltiere und Vögel, er tötet aber auch Füchse. Seine Losung ist wurstförmig, ungefähr 2 cm dick und 4 – 9 cm lang. Sie enthält kleine Knochen, Haare, Federn und Reste von Waldobst. Er hat ein feines Ohr und ein scharfes Auge. Augen wie ein Luchs, das ist sprichwörtlich, hingegen ist der Geruchsinn weniger stark entwickelt.
Neben dem kanadischen Luchs, kennt man den Rotluchs, den Neufundlandluchs, den europäischen Luchs, den Pardell-Luchs, den kaukasischen Luchs, den Tibet-Luchs, den sibirischen Luchs, den Wüsten-Luchs und den Amur-Luchs.
Der Wärter im Tierpark Langenberg erklärt mir den Unterschied zwischen den beiden Luchsarten, die sie halten. In einem Gehege sind es nordische Luchse, die in Schweden gefangen genommen wurden, am Anfang seien sie scheu und aggressiv gewesen. Sie sind kleiner und ihr Fell ist grauer, als das des Karpaten-Luchs, der im anderen Käfig gehalten wird. Auch die Zeichnung des Fells ist verschieden, die Flecken im Fell des Karpaten-Luchs sind nicht so dunkel wie die des nordischen. Die Karpaten-Luchse kommen aus einem tschechischen Tierpark. Sie sind fast zahm.

Als Kind schämte ich mich meines Namens wegen. Es gab in der ganzen Gemeinde niemand sonst, der so hieß. Ich beneidete die Kinder, die Namen wie Müller, Weber oder Meier hatten. Erst viel später fing ich ihn zu schätzen an und heute bin ich stolz darauf. Es ist der Name einer der geschmeidigsten Katzen, die es auf Erden gibt, inhaltsreicher und tiefgründiger als manches philosophische Traktat oder politische Manifest. Für die Ojibwa-Indianer, die im Gebiet der fünf großen Seen leben, ist der Luchs das totemistische Symbol für Entschlossenheit und innere Stärke. Bei den Nez-Percé-Indianer in den westlichen Rocky Mountains, so erzählt Claude Levy-Strauß, kann der Luchs mit seinem Wanderstock junge Mädchen schwanger machen, er hat außerdem die Kraft, sich mit Hilfe eines Dampfbades in einen jungen Krieger zu verwandeln. Theophrastus, Philosoph und Begründer der Botanik in der griechischen Antike, behauptet sogar, der Luchs verstehe es, aus seiner Notdurft Diamanten zu zaubern. Und wahrscheinlich waren die Katzen, die den Wagen der germanischen Liebesgöttin Freya zogen, Luchse gewesen.
Ein wirkliches Verständnis für ein Tier erhalten wir erst durch die Mythen und Legenden, in ihren Tiefen erkennen wir unsere Verwandtschaft mit dem Tier. Wir haben den Tieren nicht nur ihre Lebensgrundlage zerstört und damit sie selber, sondern wir haben uns dadurch auch die Möglichkeit genommen, ein tieferes Verständnis für Mythen und Legenden zu entwickeln. Stubenreine Vierbeiner sind kein Argument dagegen.
Der französische Ethnologe Claude Levy-Strauß widmete dem Luchs in den Mythen der Indianer, die an der Nordwestküste der USA und im Bergland der Rocky Mountains leben, ein ganzes Buch. Levy-Strauß geht von einem Zyklus von Mythen aus, die von den beiden Widersachern Coyote und Luchs erzählen; ursprünglich seien sie einmal Zwillinge gewesen. Coyote ist der ewige Drecksack, der Spieler und Trickster, der andere hereinlegt und dabei selbst auf die Nase fällt. Luchs dagegen ist der Ehrliche und Gradlinige, der aus Mitgefühl hilft, der Buddha im Tierreich, sozusagen. Im Gegensatz zum griechischen Zwillings-Paar Kastor und Pollux, die berühmt waren für ihre brüderliche Freundschaft, und die danach strebten, die anfängliche Ungleichheit (der eine sterblich, der andere unsterblich) zu harmonisieren und schließlich aufzuheben, bleiben die indianischen Zwillinge stete Widersacher, der Gegensatz wird nicht aufgehoben. Das Denken der Indianer wird durch diese Dualität bestimmt, in ihren Augen pendelt das Leben stets zwischen gegensätzlichen Kräften hin und her, sie lassen den Gegensatz gelten und würden niemals versuchen, ihn aufzuheben. „Kosmologie und Soziologie der Eingeborenen verdanken ihm ihre innere Triebkraft“, schreibt Claude Levy-Strauß. Wir Weißen dagegen versuchen alles zu harmonisieren, Gegensätze aufzuheben, zu synthetisieren, und wo das nicht gelingt, wird das eine dem anderen geopfert. Eine Koexistenz von Kultur und Wildnis ist nicht möglich, die Wildnis hat keinen Platz neben der hochtechnisierten Zivilisation.

Als der Luchs hier in der Schweiz wieder angesiedelt wurde, brachte Radio DRS darüber eine Sendung. Ein Wildhüter aus dem Kanton Obwalden erzählte, dass sie Diavorträge bei den einzelnen Jagdgesellschaften organisiert hätten, um bei den Jägern um Verständnis für den Luchs zu werben. In Engelberg hätte sich am Schluss eines solchen Vortrages ein Jäger zu Wort gemeldet und gesagt: Sie – die Jäger – hätten nun gehört, was so ein Luchs alles fresse, aber einer fehle bestimmt auf dem Speisezettel der Raubkatze, nämlich der Wildhüter selber.
Der Luchs verkörpert das Wilde und Einzelgängerische, daher hat er in einem Land, das vom Syndrom der Vereinsmeierei geprägt ist und die Natur bestenfalls als Nutzobjekt dient, nichts zu suchen. Die Forderung, den Luchs zum Abschuss freizugeben kommt vor allem aus der Vereinsecke, von Politikern und Jagdgesellschaften. Als einzelne zählen diese Leute wenig, erst im Haufen, im Verein bekommt ihr Leben etwas Kontur. Ich vermute, es geht ihnen nicht um die paar Schafe und Rehe, die der Luchs reißt, sondern sie sind scharf darauf, die Wildkatze schießen zu können, um damit zu prahlen und sich zu brüsten . Jäger haben sowieso keine Existenzberechtigung mehr, da unsere Fleischversorgung längstens auf andere Art geregelt wird.