
Wir kamen von Porto Vecchio her und fuhren den Hügel hinauf nach Alière: La Ville antique. Alière war in der Römerzeit die Hauptstadt von Korsika, ein strategischer Außenposten im Mittelmeer.
Das Museum schloss gerade als wir hinein wollten. Mittagszeit. Wir setzten uns auf die Terrasse des Cafés, das es am Rand von Alière gibt. Hinter uns lärmte eine Schar Kinder. Über dem Dorf schwirrten Mauersegler wild kreischend umher. Ich kann diesen Künstlern der Lüfte stundenlang zu sehen, wie sie mit ihren pfeilschnellen Sturzflügen und Loopings durch die Luft jagen, mit kleinen Schwenks plötzlich die Richtung ändern, haarscharf an einer Dachkante vorbeischrammen, sich in den blauen Himmel winden, wieder hinabstürzen, vier oder fünf hintereinander her.
Von da oben hatte man einen großartigen Blick auf die weite flache Landschaft des Tavagnone. Er windet sich in einem weiten Bogen um den Hügel, auf dem Alière liegt und bildet mit seinen Biegungen und Windungen eine herrliche Flusslandschaft. Die Landschaft hat hier etwas Sanftes, Weitläufiges – ganz ungewohnt für Korsika. Weiß eingepackte Heuballen lagen auf den abgemähten Feldern, Büsche und Bäume bildeten kleine dunkle Inseln darin. Rechterhand sah man die Lagune des Etang de Biguglia und in der Ferne das blasse Blau des Meeres, das gegen den Horizont hin eine dunkle Färbung annahm. Ein Riesentanker darauf – wie eine schwimmende Festung, die sich kaum bewegte.
Als das Museum wieder offen war, streifte ich durch seine dämmrig-kühlen Räume. Von Vitrine zu Vitrine. Darin war Keramik aus den unterschiedlichsten Gegenden Italiens zu sehen. Es muss in der Römerzeit einen regen Austausch zwischen Italien und Korsika gegeben haben. Henkeltassen mit Eulen darauf, Duftschälchen mit Schlangenmustern, wahrscheinlich aus der Campagna, Elefantenteller, eine Etruskervase mit einem nackten Paar darauf. Dann rostige Schwerter, Dolche, Speerspitzen und haufenweise Öllämpchen und Mörser.

Hinter dem Kastell führte zwischen den blühenden Oleanderbüschen ein staubiger Weg zum weitläufigen Ruinenfeld. Die Grillen zersägten den trägen Nachmittag.
Zwischen Pinien und Zypressen waren auf der braunen Wiese die Überreste von Kammern, Brunnen, Mauern und Säulen zu sehen. Die Windrichtungen bildeten die Achsen der Stadt.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie hier einst eine lebendige Stadt von zwanzigtausend Einwohnern pulsiert hatte. Wie mochten die Menschen damals gelebt haben?
Ich kenne die Antike kaum. Im Gegensatz zur Prähistorie hat sie mich nie wirklich interessiert. Schon gar nicht die Römerzeit. Das ist etwas für gebildete Geister. Mit den Römern kam die Organisation, die Justiz, die gepflasterten Straßen, das Heerwesen – all die Dinge, die auch das moderne Leben prägen. Und vor allem! Die Römer hatten die Helvetier geschlagen, was zum Niedergang der Kelten im Alpenraum führte.
Unter den Menschen damals gab es in Alière auch einen eitlen Römer, den man hierher in die Verbannung geschickt hatte. Ein feister Mann mit Wulstlippen. Er führte ein verschwenderisches Leben und pries in seinen philosophischen Schriften die Mäßigung.
Seneca war in Cordoba, Spanien geboren worden, wahrscheinlich im Jahr vor der Geburt Christi. Die Familie war wohlhabend und einflussreich. Senecas Vater, ein öffentlicher Redner und Rhetoriker, sandte den Sohn zu einer Tante nach Rom. Es sollte etwas Großes aus ihm werden. In Rom erhielt Seneca eine klassische Ausbildung, wobei er sich vor allem für die Philosophie interessierte. Doch schließlich schlug er den administrativen Weg ein, er wurde quaestor, dann senator.
Als Kaiser Claudius erfuhr, dass Seneca ein Verhältnis mit Caligulas Schwester Julia Livilla hatte, ließ er ihn verbannen.
Seneca war kein Abenteurer, den es in fremde Länder zog. Er liebte Rom, damals das Zentrum der Welt. Er liebte den Reichtum, die Eleganz, das lockere Leben. Korsika war totale Trostlosigkeit, bewohnt von Barbaren, schwachköpfigen Kolonialverwaltern und stupiden Militärs. Das Meer war hässlich. Die Berge sowieso. Auch in seinem Inneren sah es so aus. Zu Beginn schrieb er demütige und pathetische Bittschriften nach Rom, damit die Verbannung aufgehoben oder mindestens verkürzt würde. Ohne Erfolg! Er musste lernen, sein Schicksal zu ertragen und seine eigene Philosophie in die Praxis umzusetzen, denn die Stoa fordert Gleichmut und Gelassenheit, auch unter widrigen Umständen. Also hielt er durch. Erst widerwillig, doch immer ein bisschen leichter.
Irgendwann hatte er seine eigene kleine Villa, ein paar Bücher und junge Mädchen, die er in den Straßen von Alière aufgabelte, doch er sehnte sich nach dem illustren geselligen Leben von Rom. Die Zeit verging. Sehr langsam zwar. An gewissen Tagen verdammte er die ganze Welt, dann wieder sah er ihre Schönheit. Er lernte, die „süße Stille“ zu genießen und die Zeit zu nutzen, die ihm die Verbannung im Überfluss zur Verfügung stellte. Er blickte übers Meer und zu den Sternen hinauf und war zufrieden. Er fing wieder zu schreiben an: Gedichte und Trostschriften. Der überlegene Mann zeichne sich nicht durch strotzende Kraft aus, die er zur Schau stelle, schreibt er, sondern durch die Fähigkeit, seine eigene Furcht und Ängstlichkeit zu überwinden. Er werde weder von Ambitionen angelockt noch lasse er sich von der Meinung wankelmütiger Massen beeinflussen. Das seien Dinge für niedriger stehende Menschen.
Er begann, den Zusammenhang zwischen Mensch und Kosmos zu erforschen. Er hatte Visionen. Im Geist reiste er von Korsika nach Andalusien und auf den Atlantik hinaus. Er vermutete, dass der Ozean riesige Geheimnisse verberge, die erst in späteren Jahrhunderten offen gelegt würden. Er hatte sich mit seinem Exil ausgesöhnt und war bereit, bis an sein Lebensende auf Korsika zu bleiben.
Im Jahr 49 n. Chr. wurde er nach Rom zurückbeordert. Dank dem Einfluss von Agrippina, einer anderen Schwester Caligulas. Agrippina war inzwischen die Frau von Claudius geworden. Sie vertraute Seneca die Erziehung und Ausbildung von Nero an, ihrem Sohn aus erster Ehe. Als Nero Kaiser wurde, gehörte Seneca zum erlesenen Kreis der amici principi.
Der Kaiser wurde immer wahnsinniger und despotischer, was schließlich zum Brand von Rom führte. Obwohl die Umstände immer unerträglicher wurden, hielt Seneca stoisch in seinen öffentlichen Ämtern aus. Vielleicht sehnte er sich in dieser elenden Zeit nach dem fernen und stillen Alière, den träumerischen Spaziergängen durch die Hügel. Er ersuchte um seinem Rücktritt aus der Politik und erhielt ihn. Er war nun sechsundsechzig. Er genoss die Zeit der Freiheit und der Meditation. Als die pisonische Verschwörung gegen Nero scheiterte, verdächtigte der Despot, Seneca sei am Komplott beteiligt gewesen und forderte ihn auf, sich durch das Schwert umzubringen. Seneca machte Selbstmord, aber nicht durch das Schwert.
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