Das alte Städtchen Saint-Florent liegt an einer hellen Bucht im Nordwesten von Korsika.
Dort fand ich im Presseladen die französische Ausgabe der Zeitschrift Rolling Stone. Und darin ein Interview mit Patti Smith. Ich stelle sie locker neben Marcel Proust. Ein schickes Paar, nicht? Die Rockrebellin mit dem harten New-Jersey-Slang und der überfeinerte und hochgebildete Pariser Literat. Das Sonnenlicht flutete auf den Platz herab. Ich ging hinüber ins Café mit den wuchtigen Platanen, setzte mich an einen Tisch und bestellte einen schwarzen Kaffee.
„Jeux de Miroir“ heißt der Titel des Interviews, „das Spiegelspiel“, das Paola Genone mit Patti Smith geführt hat. M Train, ein weiterer Band Erinnerungen, kurz zuvor erschienen, war der Anlass dafür. Es ist ein weiträumiges Gespräch, voll eigensinniger Gedanken, das mich in eine aufrührerisch-träumerische Stimmung versetzte.
„Als ich M-Train zu schreiben anfing, hatte ich keine besondere Geschichte zu erzählen, aber alle Zeit vor mir, die ich haben wollte“, sagt Patti Smith im Interview. Sie habe den Eindruck gehabt, ohne Fahrkarte und ohne Ziel in einen Zug zu steigen. Das Buch besteht aus neunzehn Haltestellen-Kapiteln. Ich hatte M Train kurz vor unserer Reise nach Korsika gelesen, jetzt bereute ich, es nicht mitgenommen zu haben. Ich hatte ein paar Nachmittage auf der weinroten Récamière in unserem Wohnzimmer verbracht und mich von diesem Erzählstrom aus Gedanken, Erinnerungen und Reisen treiben lassen. Das Buch schien extra für mich geschrieben worden zu sein. Patti Smith fährt darin zu den Gräbern verstorbener Dichter, ich bin zu den Plätzen unterwegs, wo sie gelebt haben.
Genone bezeichnet M Train als die Autobiographie eines hungrigen und vagabundierenden Geistes. Das Leben als Rock-Star ist darin ausgeblendet, es geht um eine private, umherstreunende Patti Smith, deren Alltag wohltuend unordentlich zu sein scheint. Ausgangspunkt ist das Café Ino an der Bedford Street in New York. Sie setzt sich immer an den gleichen Tisch, bestellt schwarzen Kaffee, Vollkorntoast und ein Schälchen Olivenöl. Dort liest sie, sinniert, lässt ihre Gedanken umherwandern, macht Notizen. Gegen Ende des Buches schließt das Café Ino. Mehr als zehn Jahre lang waren der Tisch und der Stuhl für sie das Tor zur Welt gewesen.
Auf die Frage, ob sie beim Schreiben von M Train all die Personen und Dinge wiedergefunden habe, die sie geliebt und im Laufe des Lebens verloren hat, antwortet Patti Smith: „In gewisser Weise ja. Wir alle werden mit Verlusten konfrontiert. Der Verlust von geliebten Wesen oder Dingen, an denen wir gehangen sind, aber auch Plätze und Häuser, die sich an unser Leben angeschlossen haben. Der Verlust ist ein Teil unseres Daseins, auch die Erinnerungen, die uns plötzlich überfallen.“ Sie könne unbeschwert und glücklich durch die Straßen von New York gehen, sähe in einem Schaufenster ein Hemd wie Fred – ihr 1994 verstorbener Mann – es getragen hat und will den Laden betreten, um ihm das Hemd zu kaufen. In solchen Momenten heiße es, tief durchatmen und zwei Schritte zurücktreten.
Fred Sonic Smith ist der eigentliche Held des Buches. Er versprach ihr, wenn sie zusammen ein Kind haben würden, sie an jeden Punkt dieser Erde hinzubegleiten, egal wohin. Ohne nachzudenken entschied sie sich für Saint-Laurant-du-Maroni in Französisch-Guayana. Sie wollte dort etwas Erde und Steine einsammeln und dem französischen Dichter Jean Genet persönlich überreichen. In Tagebuch eines Diebes beschreibt Jean Genet, ein mehrfach verurteilter Dieb und Vagabund, die Strafkolonie Saint-Laurant als heiligen Boden, dorthin wurden nur die schlimmsten Verbrecher deportiert. Für ihn strahlten Kriminelle die Schönheit einer Rose aus, je verworfener, umso strahlender standen sie in seinen Augen da. Er hatte die fünf Romane, die ihn weltberühmt machten, im Gefängnis geschrieben. Patti Smith hatte sie in ihren frühen New Yorker Jahren gelesen. Sie war noch unbekannt damals, arbeitete in einer Buchhandlung und besaß wenig Geld (es reichte entweder für ein Buch oder für Essen) und lebte mit Robert Mapplethorpe zusammen in einer kleinen Wohnung in Brooklyn. Genets poetische Kraft faszinierte Patti, sein Dasein erinnerte sie an jenes von Rimbaud.
Fred und Patti reisten über Miami, Granada und Haiti an die südamerikanische Küste. In einer Piroge, die ein Einheimischer steuerte, überquerten sie den Maroni-River. Der Himmel war himbeerrot; mitten auf dem Fluss ging ein heftiges Gewitter nieder. Im Wasser wimmelte es von Piranhas. Am nächsten Tag chauffierte ein Bauarbeiter sie zu den Ruinen des Gefängnisses. An den Wänden gab es Graffiti, die haarige Eier und Schwänze mit Engelsflügeln darstellten. Patti grub ein paar Steine aus dem feuchten Boden und verstaute sie in einer Gitane-Zündholzschachtel. Fred gab ihr sein Taschentuch, um sie einzuwickeln. Ein Fahrer brachte sie in die fast 300 Kilometer entfernte Hauptstadt Cayenne. Die Reisetaschen stapelte er auf dem Beifahrersitz, im Kofferraum transportiere er normalerweise tote Hühner. Sie fuhren durch dichte Wälder, an Indios vorbei, die Leguane auf dem Kopf balancierten. An einem Kontrollposten wurden sie angehalten. Als die Polizisten dem Fahrer befahlen, den Kofferraum zu öffnen, warf er seine Schlüssel weg und rannte davon, doch er wurde überwältigt. Die Polizisten öffneten den Kofferraum, darin lag ein junger Mann zusammengerollt wie ein Reptil. Sie wurden auf den Posten getrieben. Fred musste ins Büro des Kommandanten. Nach einer Weile kam er wieder heraus. Die Stimmung schien gut zu sein. Der Kommandant umarmte Fred nach Männerart, dann wurden sie in einen Privatwagen gesetzt und nach Cayenne gebracht.
Jean Genet starb, bevor Patti ihre Mission vollenden konnte. Viele Jahre später wurde sie zu einer Beatnik-Veranstaltung in Tanger eingeladen. Sie hielt den Augenblick gekommen, die Steine aus Saint-Laurant zu Genets Grab in Larache zu bringen, knapp hundert Kilometer von Tanger entfernt.
Ein paar Tage später fuhren wir das Taravo-Tal hinauf zur Site Préhistorique de Filitosa, gemäß unserem Reisebuch die bedeutendste prähistorische Fundstätte Korsikas, eine archaische imposante Landschaft mit wuchtigen Bäumen und riesigen Findlingen. Der Bauer Charles Antoine Cesare hatte die Menhir-Statuen 1946 zwischen seinen alten Olivenbäumen entdeckt. Sie hatten im Gras gelegen. Jetzt hat man sie wieder aufgerichtet. Rohbehauene Steinskulpturen auf denen ausgeformte Köpfe mit Augen und Nasen deutlich zu erkennen sind. Acht Jahre nach Cesares Entdeckung startete Roger Grosjean ein breit angelegtes Ausgrabungsprojekt. Man fand die Reste einer ganzen Siedlung, die mehr als 8000 Jahre lang bewohnt worden war. Im Vergleich zu dieser langen Periode ist unsere Zeit der Moderne lächerlich kurz, ein verrückter Wahn.

Die eingekerbten Gesichter auf den Megalithen erinnerten mich spontan an das Gesicht des Nikodemus der Pieta Santa Maria dei Fiori. Hat sich Michelangelo im Laufe seines langen Lebens zum Archaiker entwickelt, weg von den wohlgestalteten Proportionen der Antike?
Das Gestaltungsempfinden war schon in der Prähistorie auffallend ausgeprägt. Welche schöpferischen Ideen mögen dahinter gesteckt haben? Wir wissen es nicht, können nur rätseln. Da waren wirkliche Künstler am Werk gewesen. Wir kennen sie nicht, keine Biographien, kein Personenkult, keine psychologischen Interpretationen, nichts, einzig ihre Werke sind noch da, sie haben die Jahrtausende überdauert. Wir können uns ganz auf ihre Schönheit und Ausstrahlungskraft konzentrieren und brauchen uns nicht mit überflüssigem Ballast abzuplagen.
Am anderen Tag fuhren wir zu den Mégalithes de Cauria, die südlich von Sartène am Ende einer engen, schlecht geflickten Straße stehen. Ein rundes Tal, ringsherum niedrige Berge aus aufeinander geschichteten Felsen und im Osten der Gebirgszug des Cagna. Die Hänge sind von dichtem Gebüsch und Steineichen überwuchert. Der Wind sichelte das silbrige Gras. Großartige kräftige Landschaft, voll herber Gerüche, nichts liebliches oder anmutiges. In einer flachen Senke gibt es eine Anordnung von elf aufgerichteten Megalithen, etwa mannshoch, von unterschiedlichem Umfang. Bei einigen war wieder deutlich das Nikodemus-Gesicht zu erkennen.

Neben einer alten Eiche mit borkigem Stamm und weitausladender Krone steht eine zweite Anordnung von Menhiren. Ein Pfad führte zwischen hohem Macchia-Gebüsch zum Dolmen-Grab auf dem Hügel. Ich schaute zum blauen Himmel empor und summte Wing vor mich hin, den Song, den Patti Smith Jean Genet gewidmet hat. Hat die Rockmusik ihre Wurzeln in dieser fernen archaischen Megalithen-Zeit?
Es war ein grauer kalter Sonntagmorgen im Januar. Ich saß bei L. auf dem Sofa, matt, träge, zerstreut. L. legte eine Schallplatte auf und ging in die Küche, um Kaffee zu machen. Ein kurzer Trommelwirbel gefolgt von schweren Rockriffs dröhnten durch das Wohnzimmer und dann diese Stimme, die wie ein Blitz durch meinen müden Körper peitschte; eine antreibende, elektrisierende Stimme, klar, tief, voll, wuchtig, dann wieder fragil, mädchenhaft, von lyrischer Weichheit, mit sonderbaren Abstufungen und Schattierungen, eine verletzliche Stimme, die von neuem anschwillt. Sie drückt Zorn, Schmerz, Hunger, Verachtung, Schönheit und Lebenslust aus.
Auch heute – so viele Jahre später – erinnere ich mich noch genau an die Wucht dieser Stimme.
Die Liebschaft mit L. war vorbei, bevor sie wirklich anfing, dafür begann eine Faszination für Patti Smith, die zeitweilig einer Liebschaft gleich kam. Am Montag eilte ich in einen Plattenladen, um mir Dream of Life als Kassette zu kaufen. Ich lebte in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung an der Kreuzstraße in Zürich, das Café Odeon war mein Wohnzimmer. Ich besaß bloß einen Transistorradio mit eingebauten Kassettenrecorder. Die Kassette lief ununterbrochen. Kaum aufgewacht, schaltete ich das Gerät ein, ich hörte sie beim Kochen, Putzen, Bügeln. Jedes Mal fand eine energetische Verwandlung bei mir statt. Ich nahm diese Musik vor allem physisch war. Am Abend, wenn ich abgespannt von der Arbeit kam, brauchte ich nur ein paar Takte zu hören und ich spürte, wie die Energie zurückkehrte.
Ich wusste nichts über Patti Smith, die Punkpoetin, Schamanin und Rockrebellin, nichts über ihre Anfänge als Dichterin in den frühen 1970er Jahren, nichts über ihre Idee, Lyrik und Rock’n’Roll zu verschmelzen, nichts über ihre Faszination für den französischen Dichter Arthur Rimbaud, nichts über die wilden Performance-Lesungen, die sie mit Megaphon und Spielzeugklavier begleitete, nichts über ihr erstes Buch mit dem Titel Seventh Heaven, einundzwanzig Gedichte in einer Sprache von der Straße und eindeutig sexuellem Inhalt, nichts über das legendäre Debutalbum Horses, das die Rockmusik noch einmal umgekrempelt hat. Ich kannte auch dessen Cover nicht, die androgyne Rebellenpose, die sie darauf einnimmt. Ich wusste nicht, dass sie am 10. September 1979 in Florenz ihr letztes Konzert gegeben hatte, vor 70’000 Menschen, dass sie ein halbes Jahr später Fred Sonic Smith heiratete, den Gitarristen der Detroiter Rockgruppe MC5 und sich nach vier Schallplatten und fünf Jahren Show- und Musikbusiness ins Privatleben zurückzog.
Patti Smith war einfach diese Stimme von Dream of Life, die an diesem grauen Wintermorgen wie ein Meteorit einschlug und fortan eine intellektuell-energetische Kraft in meinem Leben bildete.
Es gab eine Zeit, da musste ich beruflich öfters nach Stuttgart. Nach Feierabend machte ich lange Spaziergänge durch die Stadt. Eines Abends betrat ich die Buchhandlung Wittwer an der Königsstraße, eine riesige Buchhandlung, vier Stockwerke hoch. Als ich an den Regalen der Musikabteilung entlang ging, stach mir der Name Patti Smith ins Auge. Just Kids hieß das Buch. Ich schlug die erste Seite auf, wo erzählt wird, wie die Mutter mit der kleinen Patti im Humboldt Park in Chicago spazieren geht. Eines Tages sieht das Mädchen, wie auf dem Teich ein Schwan seinen langen weißen Hals streckt, die weiten Flügel aufspannt, ein paar trippelnde Schritte auf dem Wasser macht und sich in die Luft erhebt. „Schwan“, erklärt die Mutter, die die Erregung des Kindes spürt. ‚Schwan‘ ist für die kleine Patti ein dürftiges Wort angesichts der Großartigkeit des Vogels und der Gefühle, die er bei ihr geweckt hat.
Das Bild vom Schwan und den Gefühlen des kleinen Mädchens berührte mich so stark wie damals die Stimme von Dream of Life. Wie in Trance ging ich hinüber in die Calwerstraße, um im Weber zu Abend zu essen. Ich setzte mich an einen Tisch und schlug sofort das Buch auf. Die farbige Kellnerin musste drei Mal nachfragen, bis ich endlich etwas zu Essen bestellte. Ihr Kraushaar war blond gefärbt, es erinnerte mich an die Männer der Nuer, einem Stamm am Oberlauf des Nils, die sich das Haar mit Ziegenurin blond färbten. Ich schlang das Essen herunter, bestellte noch ein Glas Wein und tauchte wieder in meine Lektüre ein.
Patti hatte Robert Mapplethorpe, kurz bevor er 1989 an AIDS starb, versprochen, eines Tages ihre Geschichte aufzuschreiben. Robert war der Künstler ihres Lebens. Just Kids ist eine be- und anrührende Geschichte, ein modernes Märchen. Es ist die Geschichte von zwei jungen Menschen, Arbeiterkindern, die aus der Provinz nach New York kommen und den Wunsch haben, große Künstler zu werden. In ihren ersten Tagen in New York lernte Patti Smith durch Zufall Robert Mapplethorpe kennen, einen schönen Jungen voll widersprüchlicher Empfindungen. Sie verlieben sich ineinander, leben eine Weile zusammen und versprechen sich, immer für einander da zu sein. Nach der Lektüre hatte ich den Wunsch, auch wieder jung und arm zu sein und ein Künstler zu werden, irgendwo in einer großen Stadt (Paris, New York, London).
In Bastia übernachten wir im Hotel Posta-Vecchia am Boulevard des Martyrs. Im 5. Stock. Vor dem Fenster schwirrten die Mauersegler durch die Luft. Man hatte einen wunderbaren Blick auf den Hafen. Eine Fähre kam herein. „Moby Dick“ hieß sie. Mit Wald-Disney-Figuren auf der Seitenfront. Dann sah ich, dass die Fähre nur „Moby“ hieß, das „Dick“ hatte ich automatisch ergänzt.
Für Patti Smith ist Moby Dick eines der ganz großen Bücher.
Der weiße Wal. Da bläst er!
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