„Ins Unbekannte hinausziehen, das ist neues Leben. Alles ist Wiederbeginn, ich weiß nicht, was vor mir liegt.“ Ella Maillart
An einem strahlenden Septembermorgen kamen wir über den Furkapass. Das Wallis dehnte sich vor uns aus. Blaue Bergflanken, weiße Spitzen, Granit.
Wir sahen die Nadelkurven der Passstraße hinunter ins Tal, rechts davon der schwindsüchtige Rhônegletscher. Es folgte das satte Grün des Obergoms, weidende Kühe, dunkle Holzhäuser auf pilzartigen Steinsockeln. Bei Sierre hätten wir um ein Haar die Abbiegung ins Val d’Anniviers verpasst. Eine enge Straße führte am bewaldeten Westhang des Illhorns in eine Höhe von Zweitausend Metern über Meer. Dort liegt Chandolin auf einer schmalen, abschüssigen Terrasse.
Wir gingen zum alten Teil des Dorfes hinunter. Die Kapelle Sainte-Barbe ist jetzt ein Museum, in Erinnerung an Ella Maillart, einer der mutigsten Frauen in der Literatur.
Hier oben schrieb sie ihre Autobiographie. Croisières et caravanes (dt. Ein Leben ohne Rast) erzählt von den großen Reisen durch Asien und damit auch von ihren Büchern, die sie darüber geschrieben hat.
Ella Maillart hätte ich gerne kennengelernt. Eine Frau, die einem japanischen Soldaten eine Ohrfeige verpasst, als er ihr im Zug den Weg zum Speisewagen versperrt und ihn und dessen Kameraden mit ihrem schallendem Gelächter verwirrt, als er die Pistole zieht, eine solche Frau muss man einfach kennenlernen. Das war im Jahr 1934. Sie war für Le Petit Parisien als Reporterin in der Mandschurei unterwegs, um über die Kriegsgräuel der Japaner dort zu berichten.
Welches Chalet mochte ihr gehört haben? Sie hatte es Ende der 1940er Jahre mit Hilfe von drei Bauern selber gebaut und es Atchala getauft, in Erinnerung an Arunatschala, dem „Berg des heiligen Feuers“ in Südindien, wo sie für eine Weile den Unterweisungen des Gurus Ramana Maharischi gefolgt war.
Das Museum strahlt Nüchternheit und Zuversicht aus, die wohl typischsten Charaktereigenschaften der Genfer Nomadin.
Die ausgestellten Dinge erzählen vom Abenteuerleben einer Frau, die es „gewaltig zu den urwüchsigen, groben Gesichtern dieser Erde“ hinzog, zu den Steppen, Wüsten und riesigen Gebirgszügen Asiens, wo das Leben noch ursprünglicheren Gesetzen folgte. Sie hatte ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber der westlichen Zivilisation. In ihren Augen war das moderne Leben dekadent und wirklichkeitsfremd.
Viel ist es nicht, was sich da im Laufe eines langen Lebens angesammelt hat. Im Gegensatz zu Alexandra David-Néel, mit der sie Mut, Unerschrockenheit, die Aura einer eigenwilligen Reisenden und eine Leidenschaft für Asien teilte, war Ella Maillart keine Sammlerin. Sie verkörperte geradezu jene buddhistischen Ideale der Besitzlosigkeit, die Alexandra David-Néel für sich nie ganz verwirklichen konnte. Beide Frauen sind sehr alt geworden: die Tibetforscherin aus Paris wurde 101-jährig, die Steppenfahrerin aus Genf 94 Jahre alt. Obsessive Asienreisen scheinen ein Garant für ein langes Leben zu sein. Reisen war für diese Frauen mehr als Selbstzweck und Abenteuer, sondern immer auch ein Aufspüren von Wahrheiten, die sich im Innersten des Menschen verbergen.
An den Wänden hängen Fotos, viele Fotos, (Ella Maillart war eine begnadete Fotografin), außerdem Sportauszeichnungen, Familien- und amtliche Dokumente. In einer Vitrine sind die Mitgliedskarten der verschiedenen Clubs und Gesellschaften, denen sie angehört hatte, ausgestellt, darunter die der vornehmen Royal Geographic Society und der Societé Explorateur Française. Ihre Reisepässe. Elf insgesamt! Die sowjetischen Reisebescheinigungen für den Kaukasus und Turkmenistan und ein chinesisches Schriftstück, das ihr erlaubte, in den Westen Chinas zu reisen.
Es hängen auch ein paar Plakate da, die ihre Vorträge über ihre Reisen ankündigt hatten. Es waren begehrte Vorträge, die Säle überfüllt: Jeudi 17 + Vendredi 18 Mars 1938. Avec Projections couleurs de Kaboul à Stamboul. Prix de place Fr. 2.30 et 1.50 (droit des pauvres compris). Salle Centrale à 20h.30.
Die Reiseschreibmaschine steht da, die sie bei der Firma Bouvaurd + Cie in Genf gekauft hatte. Sie gehörte neben der Leica, die in einer anderen Vitrine zu sehen ist, zur Grundausstattung ihres Reisegepäcks. Sie hatte sie überallhin mitgeschleppt, in die Mandschurei, nach China, Afghanistan, Persien und Indien. Darüber hängt ein Foto, auf dem sie vor der Schreibmaschine sitzt, mit Ti-Puss auf dem Schoss, der Katze, die sie begleitet hatte, als sie Indien von seiner Südspitze bis in den Himalaja durchstreifte.
Ella Maillart wurde 1903 in Genf geboren; einer Stadt, die geprägt ist vom geschäftlichen Erfolg und calvinistischer Strenge. Sie kam aus gutbürgerlichem Haus. Der Vater betrieb ein lukratives Pelzhandelsgeschäft. Kini, wie Ella genannt wurde, war ein kränkliches Kind. Der Arzt verordnete Sport. Viel Sport! Sie wurde eine Meisterin im Skifahren und Segeln. „Der Skisport hat mich zum ewigen Wanderer gemacht“, erklärt sie in ihrer Autobiographie.
Der Genfer See und die Alpen hatten auf sie einen viel größeren Einfluss als die Schule. Am wohlsten fühlte sie sich draußen an der frischen Luft. Als sie zehn Jahre alt war, kauften die Eltern in Ceux de Genthod ein kleines Häuschen direkt am Seeufer, wo die Familie jeweils die Sommermonate verbrachte. Im Nachbarhaus wohnte Miette de Saussure, ein gleichaltriges Mädchen aus Paris. Miette und Kini wurden Freundinnen. Sie lernten zusammen segeln, nahmen an den Regatten der Buben teil und gewannen. Die Mutter, eine Dänin, nahm Kini zum Skifahren mit. Kaum zwanzigjährig segelten Miette und Ella zum Entsetzen der Eltern auf einer Yacht der provenzalischen Küste entlang, und etwas später mit zwei anderen jungen Frauen bis nach Kreta. Die Atlantiküberquerung, die sie ins Auge fassten, fiel ins Wasser, weil Miette kurz vor dem Start ernsthaft krank wurde. Fast zwanzig Jahre später schrieb Ella in Indien ein Buch über die Zeit auf den Segelschiffen: Gypsy Afloat – La vagabonde des mers.
Ella Maillart, die mit Vorliebe „unter Seeleuten, Bergsteigern und Nomaden lebte“ und „nie vernünftig darüber nachgedacht hat, ein geordnetes Leben zu führen“, verstand nicht, wie man sich der Tretmühle des Arbeitslebens aussetzen konnte. Was uns Sesshaften als durchaus vernünftig erscheint, war für sie vollkommen abwegig und verrückt, sie fürchtete, darin zu ersticken. Freiheit hieß für sie, das zu tun, was in ihren Augen wert war, getan zu werden, für etwas zu leben, das sie immer wieder aufs Neue begeistern und dem sie sich ganz hingeben konnte. Zwischen 1926 und 1930 übte sie ein paar Berufe aus, um ihr Leben selbst zu bestreiten. In Paris stand sie Malern Modell, bei der UFA in Berlin trat sie als Double in Bergfilmen auf, in Wales und London gab sie an Privatinstituten Französischunterricht. Doch als sich die Möglichkeit bot, die Schulstuben gegen das Deck einer Segelyacht zu tauschen, zögerte sie nicht.
1930 brach sie nach Moskau auf, um Reportagen über den Sport und den jungen Film in der Sowjetunion zu schreiben; zugleich war sie neugierig auf das „größte soziale Experiment der Neuzeit“. Vielleicht war die Sowjetunion tatsächlich eine Alternative zum dekadenten Westen? Sie hatte zweihundert Dollar in der Tasche, fünfzig davon waren ein Geschenk der Witwe Jack Londons, die in Berlin den Verleger ihres Mannes besuchte und von Ellas Idee, das neue Russland zu besuchen, begeistert war.
Das Moskau, in das sie kam, war eine graue Stadt und die Volksmenge in den Straßen eine einförmige graue Masse, ohne Farbe und ohne Besonderheit. Mangelwirtschaft, Versorgungsschwierigkeiten und Wohnungsnot prägten den Alltag, vor den Läden standen die Menschen für die einfachsten Dinge stundenlang Schlange. Doch das schien Ella wenig zu kümmern. Bei der Gräfin Tolstoja fand sie ein Bett und bald hatte sie Kontakt zu jungen Menschen. Sie nahm an Ruderwettkämpfen auf der Moskwa teil und ging mit den neuen Freunden zum Schwimmen. Der Regisseur Pudowkin lud sie zu den Drehaufnahmen von Das Leben ist schön ein; sie verbrachte viel Zeit in den Filmstudios.
Mit einer Gruppe Studenten reiste sie für eine lange Bergwanderung um den Elbrus herum in den Kaukasus. Sie fanden in den Dörfern der Swanen Unterschlupf, einem autarken Bergstamm, der bis vor kurzem nichts von der bolschewistischen Revolution gewusst hatte. Als sie zum fast 3400 Meter hohen Betscho-Pass hinauf stiegen, wurde Ella von einem Hirtenhund in die Wade gebissen. Trotz argen Schmerzen setzte sie den Weg fort.
Sie könne nicht schreiben, antwortete sie dem Pariser Verleger Charles Fasquelle, als er sie um einen Bericht über das russische Abenteuer bat. Sie tat es dann doch und Fasquelle veröffentlichte das Buch unter dem Titel Parmi la jeunesse russe. De Moscou au Caucase (dt. Außer Kurs). Ihr enthusiastischer Bericht über die sowjetische Jugend provozierte bei den Genfer Konservativen gehässige Bemerkungen, man hielt sie für eine bolschewistische Agentin.
Unter einer anderen Glashaube liegen Schutzumschläge der verschiedenen Ausgaben von Turkestan Solo. Darin erzählt Ella Maillart in lebendiger und direkter Sprache von ihrer zweiten Reise in die Sowjetunion. Sie hatte von Fasquelle 6000 Francs für ihr erstes Buch erhalten. Mit vier Freunden aus Moskau reiste sie nach Turkmenien. Die Aufenthaltsgenehmigung musste sie sich erschwindeln. Auf der sechstägigen Bahnfahrt nach Frunse stellte sie mit einem Kasachen ein russisch-kirgisisches Wörterbuch zusammen. Ihr Russisch ist perfekt. Die „Expedition“ im Tian-Shan, dem kirgisisch-chinesischen Grenzgebirge dauerte drei Monate. In den Jurten der Nomaden trank sie Kumis, Stutenmilch, die als sehr gesund gilt. Die Sowjets hatten die Nomaden zur Sesshaftigkeit gezwungen, vom ursprünglichen Leben war nicht mehr viel übrig geblieben. Auf dem verschneiten Ak-Oguz-Pass sah sie weit im Osten die Takla Makam Wüste gelb flimmern. Sie wusste, eines Tages würde sie dorthin reisen.
Als die Freunde nach Moskau heimkehrten, reiste sie allein weiter nach Alma-Ata, Taschkent, Samarkand und Buchara, den alten turkmenischen Städten. Sie reiste in Güterzügen, auf Lastwagen, überfüllten Flussdampfern, einmal im Flugzeug eines hohen Sowjet-Funktionärs. Mit einer Kamelkarawane wanderte sie in bitterster Winterkälte dem Aralsee entlang nach Kasalinsk, wo sie die Bahn zurück nach Moskau nahm.
In Taschkent fotografierte sie Barbiere, die auf offener Straße arbeiteten, es gab Frauen, die noch verschleiert waren, daneben solche, die kurze Röcke, Strümpfe und Blusen trugen. In Samarkand besuchte sie mit Marussia, einer Tänzerin aus Leningrad, die hier als Lastwagenfahrerin arbeitete, Fabriken, Landwirtschaftsbetriebe und Abendschulen, um sich ein Bild vom sowjetischen Leben in Turkmenistan zu machen. Im Hof der Medresse, in der sie wohnte, wurden in einem öffentlichen Prozess vierzig Basmatschi-Aufständische von den Bolschewisten zum Tod verurteilt. Am Amu-Darja sah sie die Absonderlichkeiten der Planwirtschaft. Am Flussufer verrotteten Pyramiden von Baumwolle, weil niemand sie abholen kam. In einem kleinen Kaff am Rand der wüstenähnlichen Gegend östlich vom Aral-See entdeckte sie im Kiosk einer Kooperative 20 gleichartige Kisten, die alle den gleichen Artikel enthielten, der in Moskau längst nicht mehr verfügbar war: Seidenstrümpfe. In einer Vitrine steht das Paar Walenkis, das sie sich in Tschimbai kaufen musste, weil man ihr die Bergstiefel geklaut hatte.
Daneben hängt das Geschenk des Bürgermeisters von Hunza: ein weißer Wollmantel. Auf dem Weg von Peking nach Kaschmir war sie in dieses kleine Bergtal gekommen, das zwischen dem Hindukusch und dem Karakorum Gebirge liegt.
Wenn sie schon einmal im Osten sei, könnte sie genauso gut weiter nach Sinkiang reisen, dem chinesischen Turkmenistan, fand sie, als sie 1934 für Le Petit Parisien in der Mandschurei unterwegs war. Die Informationen, die sie in Peking erhielt, waren deprimierend. Seit dem blutigen Dunganen-Aufstand von 1931 war die Westprovinz vom übrigen China abgeschnitten und für Ausländer gesperrt. Sinkiang wird mehrheitlich von mohammedanischen Turkmenen und Uiguren bewohnt, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder gegen Peking erhoben haben. In Peking begegnete sie dem Times-Journalisten Peter Fleming. Sie beschlossen, heimlich das zu tun, wovon ihnen alle abrieten und brachen im Februar 1935 gemeinsam Richtung Zentralasien auf. In vollgepferchten Eisenbahnwagen dritter Klasse und auf der offenen Ladefläche eines Lastwagens ging es nach Lantschou und auf Maultieren nach Tangar. Dort begann ein mehr als fünf Monate dauerndes Karawanenleben. Sie legten die ganze Strecke von über 3500 Kilometern zu Pferd und zu Fuß zurück, Kamele oder Esel als Lasttiere. Es ging am zugefrorenen Kuku-Nor See entlang, über das riesige, menschenleere Tsaidam-Plateau, den Ausläufern des Kunlun-Gebirges, durch die Takla Makan Wüste nach Kaschgar und durch das Pamir- und Karakorum-Gebirge nach Kaschmir. Oft war der Weg nichts weiter als eine schlecht erkennbare Spur von Tierhufen, markiert durch die Gerippe verendeter Kamele. Es gab die kahle Erde, den Wind, der jähe Wechsel von Hitze und Kälte, eine bleiche Sonne, Graupelschnee und in der Ferne der gekrümmte Horizont.
Man kann sich wohl keine gegensätzlicheren Reisenden vorstellen als Ella Maillart und Peter Fleming, erstaunlicherweise harmonierten sie wie ein altes Ehepaar. Der ungeduldige Brite wollte das Ziel so rasch als möglich erreichen, um im Herbst pünktlich zur Birkenhuhnjagd in Schottland zurück zu sein; keine Umwege und sich nur so lange als nötig an einem Ort aufhalten, war seine Devise. Ella Maillart dagegen mochte Abschweifungen und Umwege, ihr Wunsch war es, ganz in dieses geliebte Asien einzutauchen, sich darin zu verlieren, mit ihm eins zu werden und von den Eingeborenen als eine der ihren behandelt zu werden. Für sie hätte die Reise ewig dauern mögen, das einfache Leben, die Müdigkeit und der Hunger, die sich untertags einstellten, der abendliche Halt an den Wasserstellen, die Wärme des Feuers, das Geräusch der wiederkäuenden Kamele und ein eisiger Wind am Zelt rüttelte. Es kam ihr vor, als hätte sie dieses Wanderleben seit jeher geführt. Sie spürte kein Verlangen nach Europa mehr, nichts zog sie dorthin zurück, nur mit Mühe konnte sie sich eine Vorstellung davon machen. „Ich bin tieftraurig, dass es nun vorbei sein soll mit dem einfachen, freien Leben unter dem weiten Himmel Asiens, das solange das meinige war“, endet Verbotene Reise, ihr Bericht über diese Wanderung. Auf dieser Reise passierte wider Erwarten wenig, das macht den Reiz des Buches aus. Für Nicolas Bouvier ist es „ein glückliches Buch“ – wie Recht er damit hat.
Im Juni 1939 brachen Ella Maillart und die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach Richtung Osten auf. Im neuen Ford der jungen Zürcherin reisten sie durch die Türkei und Persien nach Afghanistan. Ein beispielloses Unterfangen, das von mutigem Eigensinn und Unerschrockenheit zeugt; zwei Frauen allein in einer Welt, wo das öffentliche Leben von Männern bestimmt wurde und die Frauen verborgen hinter dem Tschador wie Schatten durch die Straßen huschten, in einem Auto, das vielerorts als etwas Außerirdisches bestaunt wurde. Die Persönlichkeiten der beiden Frauen hätten nicht gegensätzlicher sein können. Hier die Abenteuerin, zäh, ausdauernd, von robuster Gesundheit, die nichts aus dem Gleichgewicht bringen konnte und vor nichts zurückschreckte. Da die hoch empfindsame Schriftstellerin, exzentrisch, morphiumsüchtig, bei schwacher Gesundheit, von Existenzängsten geplagt. Im Gegensatz zu Ella Maillart, die Schreiben immer als etwas betrachtete, das ihr die Zeit an der frischen Luft raubte, verstand sich Annemarie Schwarzenbach in erster Linie als Schriftstellerin, ihre Sprache war ebenso komplex wie ihr Innenleben.
Was das Reisen anging, hatten sie ähnliche Vorstellungen. Reisen hieß für sie, sich von allem Vertrauten losmachen und dem Unbekannten nachziehen, ohne sich groß zu sorgen, wo es einem hin verschlägt noch wie lange die Reise dauert. Sie hofften in Afghanistan, diesem archaischen und rückständigen Land, ein ungebundenes und ursprüngliches Leben vorzufinden, unberührt von den Zwängen der westlichen Zivilisation. Zu ihrem Schrecken hatte der Westen auch in Afghanistan Einzug gehalten: asphaltierte Straßen, Stauseen, Fabriken, das Nomadentum zum Untergang verurteilt.
Annemarie Schwarzenbach hoffte mit Ella Maillarts Hilfe, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen und vom Morphium loszukommen, doch unterwegs musste sie sich immer wieder neuen Stoff beschaffen. Ella Maillart wurde klar, dass die Drogensucht ihre eigene Logik hat, der man nicht bei kam, indem man einfach auf „Sieg“ setzte. In der Absicht, ihrer Reisegefährtin zu helfen, stecke „viel Eitelkeit und Stolz“, schreibt sie in Der bittere Weg. In Kabul kam es zum Streit zwischen ihnen, sie trennten sich, fühlten sich beide als Versagerinnen. Ella Maillart reiste nach Indien weiter, wo sie bis zum Ende des 2. Weltkrieges blieb, Annemarie Schwarzenbach beteiligte sich an archäologischen Ausgrabungen im afghanischen Turkestan. Sie trafen sich noch einmal in Bombay, als Annemarie Schwarzenbach sich für die Heimreise einschiffte. Es war ihre letzte Begegnung, Annemarie Schwarzenbach starb im November 1942 an den Folgen eines Fahrradunfalls.
Wir blieben einen Augenblick lang auf der Veranda der Kapelle stehen. Hinten im Val d’Anniviers leuchtete der Dent Blanc und gegenüber von Chandolin ragte die Spitze des Mont Major in den tiefblauen Mittagshimmel, weit unten im Rhônetal lag Sierre und gegenüber erhoben sich wiederum Berge: Ella Maillarts Universum der späteren Jahre, in das sie nach jeder Reise immer wieder zurückgekehrt war.
Dann fuhren wir weiter ins Aostatal.
Als wir zum San Paradiso hochstiegen, kam uns ein italienisches Paar entgegen. Wir fragten sie, wie weit es noch bis zur Hütte sei.
„Jetzt habt ihr ungefähr die Hälfte des Weges“, sagte der Mann.
„Nel mezzo del cammin di nostra vita“, sagte die Frau.
„Mi ritrovai per una selva oscura“, ergänzte ich.
Wir mussten laut lachen und gingen weiter.