Pariser Buchhandlungen

Wir wohnten oben im Belleville, am Rand des Chinesen-Viertels, an der Sambre-et-Meuse. Ein kleines Studio im vierten Stock, dunkles, braungestrichenes Treppenhaus, doppeltes Schloss. Wer in Paris einen großen Raum bewohnen will, braucht entweder viel Geld oder die Fähigkeiten eines Hochstaplers.
Wir verließen das Haus kurz nach zehn Uhr. Ein kühler Morgen. Die Sonne blass. Wir gingen den von Chinesen und Schwarzen bevölkerten Boulevard de Belleville hinunter zur Metrostation. Vorbei an den chinesischen Restaurants, dem chinesischen Supermarkt, den chinesischen Läden und den Süffeln, die auf dem breiten Mittelstreifen des Boulevards herumhingen. Die Luft schien voll unsichtbarer Zeichen zu sein.
Ein junger Mann kam uns entgegen, groß gewachsen, schlank, Jeans, Faserpelzjacke, Rucksack. Er ging sehr schnell. In den Händen hielt er L’Usage du Monde, das wunderbare Buch des Genfer Reisenden Nicolas Bouvier. Auf Deutsch heißt es: Die Erfahrung der Welt.
Als wir in der Metro Platz nahmen, setzte sich der junge Mann ins Abteil nebenan und schlug sein Buch auf. Wir waren perplex und fragten uns, wie er so schnell zurück sein konnte.
Er stieg ebenfalls an der République aus. Ich wünschte ihm eine gute Reise. Er schaute mich verständnislos an. Ich deutete auf das Buch.
– Ah. Merci. Sie kennen es.
– Ja. Ich finde es großartig.
– Da haben Sie Recht. Ein wunderbares Buch, einfach superbe.
Es gibt Bücher, die sind wie eine Offenbarung. Vom ersten Satz an ist alles da: die Worte, der Rhythmus, die Bilder. Wir werden fortgetragen zu anderen Ufern, fernen Horizonten, im Fließen und Strömen der Sätze tut sich eine Welt mit unbekannten Kontinenten auf.

Ein paar Wochen zuvor hatte ich das Buch erneut gelesen. Ich hatte es einer Freundin geschenkt, die uns zum Abendessen eingeladen hatte. Es war, als ob ich es mir selbst geschenkt hätte.
Ich las langsam. Drei, vier Seiten am Tag. Diese Art zu lesen hat etwas Nährendes. Und entspricht dem Tempo der Reise, über die berichtet wird. Eine Reise durch den Balkan, die Türkei, Persien, Afghanistan.
Die Erfahrung der Welt ist mehr als ein Reisebuch; es ist eine Hymne auf das Unterwegssein, auf einen offenen, spontanen Geist. Ein Buch voll schöpferischer Unruhe und einer Leidenschaft für die staubigen Pisten des Orients; einzigartig darin ist auch das poetische Gefühl für die Wirklichkeit des Augenblicks. Es ist von einer Leichtigkeit, dass man kaum glauben kann, dass der Autor es sich in sieben langen, sesshaften Jahren abgerungen hat, nachdem er 1955 aus Japan zurückgekehrt war.
Nicolas Bouvier hatte ein transkontinentales Gefühl für das Gebiet, das wir in Europa und Asien trennen. Für ihn war das ein einziges zusammenhängendes Territorium. Eine solche Empfindung eröffnet ganz neue Perspektiven: Die unermessliche Weite des euroasiatischen Raumes beginnt nämlich vor der eigenen Haustür. Unser Bewusstsein zerstückelt es in lächerliche Parzellen, die wir Nationalstaaten nennen, trennt, was eigentlich ein Ganzes ist, aber aufgrund von Politik und Kriegen nicht als Ganzes gesehen werden darf.
Bouvier Empfindung basiert auf der Erfahrung, die er – zusammen mit dem Maler Thierry Vernet – in drei langen harten Reisejahren erworben hat. Sie legten die ganze Strecke in einem Fiat-Topolino zurück. Jack Kerouac, der amerikanische Beatnik, beschreibt in On the Road eine territoriale Empfindung für Amerika, die der ähnlich ist, die Bouvier für Euroasien gehabt hatte. Ein solches Gefühl trifft man nicht oft an in der Literatur, dieser Sinn für die weiten zusammenhängenden Gebiete.

Wir gingen durch die Avenue des Gobelins hinüber ins Mouffetard-Quartier. Wieder wurde ich von einem Gefühl der Klarheit und Weite erfasst, ein Gefühl, das mich oft in den Straßen von Paris ergreift, eine unglaubliche geistige Klarheit, eine Durchsichtigkeit, die ich kaum beschreiben kann. Dann hinunter zur Seine, am Institute du monde arabe vorbei, an einer riesigen Menschenschlange, die alle in die Pharaonen-Ausstellung Les Etoiles du Nîl wollten. Auf der Insel St. Louis statteten wir der Buchhandlung Ulysse einen Besuch ab.
An der Buchhändlerin war alles grau: das Haar, das Gesicht, der Pullover. Sie stand etwas erhöht hinter dem Ladentisch, der sich gleich neben der Eingangstür befand und mit Türmen von Büchern überstellt war. Sie fragte uns, was wir wünschten.
Ich sagte, dass wir uns gerne umsehen würden.
Sie sagte etwas auf Französisch, das ich nicht ganz verstand und wies auf ein Schild, das an einem Regal festgemacht war. Auf dem Schild war zu lesen, dass ihr Laden keine Bibliothek sei, in der man frei herumstöbern könne, sondern zu fragen habe, wenn man etwas wünsche und dann bedient würde.
– Suchen sie etwas Bestimmtes?
– Nein. Eigentlich nicht. Wir möchten uns wirklich nur umschauen.
– Aber sie haben doch das Schild gelesen oder nicht?
– Ja, das habe ich – trotzdem. Ich zögerte einen Moment, sah ihre unerbittliche Mine und fragte:
– Haben Sie etwas von Kenneth White?
– Was suchen Sie von ihm?
– Nichts Bestimmtes. Ich möchte bloß sehen, was Sie von ihm haben.
– Haben Sie von ihm schon etwas gelesen?
– Ja, Les Cygnes sauvages, sagte ich. Es war der einzige französische Titel, der mir im Augenblick einfiel.
– Haben Sie das Buch über seine Reise durch Labrador?
La Route bleue?
Sie verschwand in ihrem grauen ausgeleierten Pullover zwischen den vollgestopften Regalen und brachte das Buch.
– Haben Sie noch andere Sachen von ihm?
– Es kommt drauf an, was Sie wünschen.
Sie zeigte mir Lettre de Gourgounel, aber das besaß ich bereits. Dann brachte sie mir Scènes d’un Monde flottant, ein Gedichtzyklus über die japanischen Holzdrucke aus dem 17. und 18. Jahrhundert.
– Wünschen Sie sonst noch etwas?
– Haben Sie Bücher über Ladakh?
Während sie abermals verschwand, machte ich ein paar Schritte ins Ladeninnere, um einen zögerlichen Blick in dieses Universum der Reise- und Entdeckerliteratur zu werfen. Die Regale waren dermaßen vollgestopft, dass man riskiert hätte, unter herabstürzenden Stapeln von Büchern begraben zu werden, wenn man eines herausgezogen hätte.
A. machte ein Foto von mir mit La Route bleue in den Händen. Die Buchhändlerin sah es und fragte, wozu A. die Fotos mache.
– Zu privaten Zwecken, nur für mich.
– Es wäre nichts als höflich, wenn sie zuerst fragen würden, ob es erlaubt sei, hier drinnen Fotos zu machen. Fragen ist eine Sache der Höflichkeit.
Ich hätte ihr die Bücher von Kenneth White am liebsten hingeschmissen, aber ich wusste, wie schwierig es war, in Paris seine Sachen zu finden. Was ist das für eine Buchhandlung der Reise- und Entdeckerliteratur, wo dem suchenden Leser die Chance verwehrt wird, seine Entdeckungen zu machen?
Als wir weiter gingen, Richtung Notre Dame, warf ich einen kurzen Blick in die beiden Bücher, die ich gekauft hatte. Sollte ich umkehren, um der Buchhändlerin die Widmungen darin zu zeigen, damit sie sah, um was es wirklich ging. Das eine war jenen gewidmet, die sich in der fließenden Welt zwischen dem Orient und dem Okzident bewegen. Es war also für A. und mich gedacht, genau in diesem Raum bewegen wir uns. Das andere ist „für alle diejenigen, die das draußen lockt, für die Sippe der sehend Reisenden“. Zu dieser Sippe zählen wir uns auch. Ich betrachtete die hellen Fassaden der Rue Saint-Louis en l‘Île, den Strich wässrigen Himmel darüber und vergaß augenblicklich das graue Buchgespenst.

Wir aßen im Café de la Mairie an der Place St. Sulpice zu Mittag. Ich betrachtete die wuchtigen Säulen der Kirche, diese zu Stein gewordene Hässlichkeit, die Bäume auf dem Platz mit ihrem ersten grünen Laub, die Busse, die vorbei knatterten. Jetzt war der Himmel blau und blank geputzt. Nirgendwo scheint der Himmel so riesig zu sein wie über Paris.
An der Place Saint-Germain steuerten wir in die Librairie L’ecume de page. Ich fand da das gesammelte Werk von Nicolas Bouvier in der Quarto-Ausgabe von Gallimard, mit vielen Fotos und Zeichnungen darin. Und eine schöne Ausgabe von Amours von Paul Léautaud. Léautaud hat (neben einigen tausend Seiten Tagebuch) zwei herrliche autobiographische Romane geschrieben: Amours (dt. Erste Liebe) und Le Petit Ami (dt. Der Kleine Freund). Er bezeichnete sie als leichtfertige Erinnerungen. Sie sind von einer flirrenden Schamlosigkeit, unmoralisch, träumerisch, sanft und schroff zugleich.
Wie mich sein leichter und unprätentiöser Stil wieder berührt. „Es schreibt nur derjenige gut, der mühelos schreibt.“ Solche Sätze sind typisch für Léautaud. Daran erkenne ich ihn wieder. Mit fünfundzwanzig Jahren gehörte sein Literarisches Tagebuch 1893 – 1956 zu meiner täglichen Lektüre. Ich hatte es im Schaufenster der Buchhandlung am Helvetia-Platz in Zürich entdeckt. Der Name des Autors sagte mir nichts, aber der ältere Mann, der auf dem Umschlag abgebildet war, gefiel mir. Dieser spöttische Zug um den Mund, der zerbeulte Strohhut auf dem Kopf. Aus dem Vorwort erfuhr ich, dass Paul Léautaud in seinen späteren Jahren wie ein Stromer herumgelaufen sei. Er war ein freier, ungezwungener Geist, mit ganz klaren Vorlieben und Abneigungen. Er ist als Autodidakt in die Literatur gekommen, ein Flaneur und Stadtgänger. Paris war sein Lebensraum. Seine ganze Leidenschaft galt dieser Stadt. Bis zu seinem zweiundvierzigsten Lebensjahr hatte Léautaud sie ganze drei Mal verlassen. In jungen Jahren fühlte er sich von Tänzerinnen und Kokotten angezogen; davon erzählt er in Der kleine Freund. In den späteren Jahren nahm er sich statt den leichtlebigen Damen armen ausgesetzten Tieren an. In seinem Häuschen in Fontenay-aux-Roses beherbergte er manchmal mehr als vierzig Tiere: Katzen, Hunde, Gänse, Ziegen und sogar ein Äffchen. Anstelle von süßen Parfums empfing ihn der scharfe Geruch von Hunde- und Katzenpisse, wenn er die Tür öffnete.
Alles, was er schrieb, hat mit seiner eigenen Person zu tun, mit seinen Erfahrungen, Beobachtungen und Erlebnissen. Er war kein Erschaffer fiktiver Welten, sondern Chronist und Räsoneur. Er schätzte das Bonmot mehr als die Fiktion. Phantasie haben, hieß für ihn, genau beobachten zu können und das Beobachtete in knappen, präzisen Worten wiederzugeben. Das Pathos, das für viele französische Autoren so typisch ist, ging ihm vollkommen ab. Staat, Gesellschaft, Kirche, Familie, Politik à bas. Ich mochte seine bissige Klarheit, seine Ironie, seine Unverschämtheit, seine Vorurteile. Er war ein scharfzüngiges Lästermaul mit einem klaren Blick auf die Pariser Literaturszene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein absoluter Nonkonformist, seine Bemerkungen sind von einer ungeschminkten und erfrischenden Direktheit. Darin liegt eine Kraft, die ich bei literarischen Werken meist vermisse.

Am Nachmittag spazierten wir durch die Tuileries, vor dem Grand Palais standen lange, schmale Fahnen.  Sie erinnerten mich an die Fahnen, die die Samuraikrieger in Kagemusha und Ran mit sich trugen, den späten Kurosawa-Filmen. Images du monde flottant, las ich darauf und: Peintures et estampes japonaises XVII. et XVIII. Siècles. Nah, also! Wir befinden uns wieder auf der Route. Der Ost-West-Passage.
Japan gehört seit meinem 18. Lebensjahr zu meiner privaten Mythologie, seit ich in einem kleinen Kino in Luzern den Film Dodeskaden gesehen habe, einer der weniger bekannten Filme von Akira Kurosawa. Es ist die Geschichte eines Knaben, der bei seiner Mutter in den Slums von Tokyo aufwächst. Die Mutter ist tagsüber abwesend, um zu arbeiten, einen Vater gibt es nicht. Der Knabe ist geistig behindert und allein. Das einzige Spielzeug, das er besitzt, ist seine Phantasie. Er imitiert mit einer kindlichen Leidenschaft die Eisenbahn, die in der Nähe vorüberbraust, er fährt mit ihr durch das ganz Elendsviertel, wobei er Eisenbahn, Lokomotivführer und Schaffner in einem ist. Die anderen Kinder des Viertels lachen ihn aus und treiben ihren Unfug mit ihm.
Und jetzt diese Ausstellung japanischer Holzdrucke und Bilder. Ukiyo-e, die Bilder einer fließenden Welt. Sie geben vor allem das alltägliche urbane Leben in den aufstrebenden japanischen Städten von damals wieder. Die dunklen Linien, die flächig aufgetragenen Farben und die ungewohnte Farbgebung hatten die Impressionisten fast um ihren Verstand gebracht, als sie diese Bilder zum ersten Mal sahen. Ich dachte an die luftigen Frauengestalten von Suzuki Harunobu, an Kitagawa Utamaro, die 36 Ansichten des Fuji von Katsushika Hokusai.

Als wir am Abend an die Sambre-et-Meuse zurückkehrten, sah ich an der Place de la République eine junge Frau, die an einem Geländer lehnte und Stille Tage in Clichy von Henry Miller las.
Et voilà.