„Wieder habe ich diese klare, lebhafte Empfindung von der Küste. Ein erster Ort. Die nackte Schönheit von allem.“
Kenneth White
Der schottische Schriftsteller und Reisende Kenneth White lebt seit vielen Jahren an der Côtes-du-Nord der Bretagne, also ungefähr in der Mitte zwischen den Hebriden und Portugal. Er ist ein kosmopoetischer Nomade, ein solitärer Wanderer, der eine Wind- und Wellen-Philosophie praktiziert. Was zählt, ist der Raum, der Weg, die Bewegung.
„Nennen sie mich Ismael, einen intellektuellen Nomaden.“
Sein Werk umfasst mehr als dreissig Bücher: Gedichte, Essays, Reisebücher, die er „Wegbücher“ nennt, um sich von den Reisebuchautoren klar abzugrenzen. Ein atypisches Werk, das sich nicht in den gewohnten literarischen Bahnen bewegt. In seinen Wegbüchern mischen sich Reisebericht, Gedicht, Lektüre und philosophische Betrachtung zu einer ozeanischen, mehrstimmigen Poesie. Sie sind Verlockung, Verführung, Inspiration und ignorieren auf eine wohltuende Art jegliche Aktualität und sind gerade deshalb von einer elementaren und essentiellen Gegenwärtigkeit. In seiner vielfältigen und polyphonen Form ist sein Werk robust und dauerhaft und stellt Verbindungen her zwischen den Worten und den Steinen, dem Denken und dem Schrei einer Möwe.
Kenneth White, am 28. April 1936 in Glasgow geboren, wuchs im kleinen Fischerdorf Fairlie an der schottischen Westküste auf. Er hat in Glasgow, München und Paris Philosophie und Sprachen studiert. Ende der sechziger Jahre verliess er England, weil ihm das intellektuelle Leben da zu eng war. Seine Bücher erscheinen zuerst auf Französisch (in der Übersetzung seiner Frau) und erst später (wenn überhaupt) auf Englisch.
Küsten haben früh sein Denken und Empfinden geprägt. Das ist der ureigene Raum seiner Geographie. Das Elternhaus stand ein paar Meter vom Strand entfernt, die Insel Arran lag direkt gegenüber. Der nordwestliche Ausläufer Schottlands ist ein extrem zerklüfteter Küstenabschnitt, der aus zahllosen Inseln, Buchten und Halbinseln besteht.
Küsten sind deshalb mehr als eine Metapher. Sie sind energetisches Feld, mentaler Raum, intellektuelle Lektion, zentraler Topos in seinem Werk. Die Küste entlang heisst sein langes autobiographisches Gedicht, es besteht aus 53 Wellen. In seiner Jugend zogen ihn nackte verlassene Strände an. Er sammelte Muscheln und Steine, beobachtete das Licht und ahmte die Schreie der Seehunde und Möwen nach. Er wollte „die Linien der Küste herausspüren, in sie sehen“. Immer wird er zu den „nackten Stränden“, den Wellen, Klippen und Möwen zurückkehren, zu seinem poetischen „Urgrund“.
Als er in Pau lebte, am Fuss der Pyrenäen, wanderte er regelmässig die flache Atlantik-Küste nach La Rochelle hinauf. An der Nordküste der Bretagne wurden die alten Zöllnerpfade, die unterhalb von seinem Haus vorübergehen, seine bevorzugten Wege. Von diesen Pfaden aus überwachten früher patrouillierende Zöllner Buchten und Kaps, denn Cousin Jack (Cognac) war ein beliebtes Schmuggelgut.
An der Küste leben, bedeutet an der Trennlinie zweier Elemente zu leben, dem Wasser und der Erde. Das Meer und die Küste bilden eine polymorphe Welt, sie ist labil, unberechenbar, steten Veränderungen und Umgestaltungen durch Erosion und Abrasion unterworfen. Der Küstenbewohner kennt ihre vitalen Prinzipien, den Rhythmus der Gezeiten, er versteht es, sich in diesen sich ständig verändernden Realitäten zurechtzufinden.
In Le Visage du Vent d’Est (1980) ist er an der südostasiatischen Küste unterwegs, um sich an Ort und Stelle eine Lebensphilosophie zu erwandern. „Nicht Mao, sondern das Tao“, heisst die Devise. In La Route bleue (1983) (dt. Der blaue Weg), für das er den Prix Médicis etrangèr erhielt, folgt er seinem Kindheitstraum nach Labrador, er reist den St. Lorenzstrom hinauf und über das Labrador-Plateau an die Ungava Bay. In Les cygnes sauvages (1990) wandert er auf dem Haiku-Pfad von Matsuo Bashô in den tiefen Norden Japans, um auf Hokkaido die Plätze aufzusuchen, wo die wilden Schwäne eine Rast einlegen, wenn sie im Herbst von Sibirien in den Süden fliegen. In La Maison Marée (2004) erzählt er von seinem Leben an der bretonischen Küste, von den Streifzügen und Wanderungen durch die Bretagne. „Auf eine allgemeine Art prägt der Atlantik unser Gebiet, er macht das Wetter, formt die Küste und schaukelt unseren Geist.“ Le rodeur des confins (2006) und La Carte de Guido (2011) enthalten Berichte über Küstenwanderungen an der polnischen Ostsee, Korsika, Portugal, Norwegen, England, Polynesien und der amerikanischen Ostküste. In Les Vents de Vancouver (2014) reist er auf den Spuren von russischen Forschern, amerikanischen Goldsuchern und französischen Waldläufern die pazifische Küste hinauf nach Alaska. La Mer des Lumières (2016) ist eine Seereise zu den Inselarchipelen im indischen Ozean.
Diese Bücher sind mehr als Reiseberichte, sie sind intellektuelles Vagabundieren und poetische Geographie oder Geopoesie zugleich. „Eine Erfahrung von Entfernung und Frische.“
Die Küsten bieten White jenen offenen Raum, von dem seine Poesie lebt, denn wirkliche Poesie hat für ihn immer etwas mit offenen Räumen zu tun. In seiner Sprache drückt sich eine ungeheure Sensibilität für den Raum aus, geographischer, kosmischer Raum. White bezeichnet sein Denken als archipelagisch, kosmopoetisch, küstengleich. An den Küsten sucht er nach einer „rohen Poesie ohne Gespreiztheit, ohne unnütze Kompliziertheit“, in der man „den Geschmack des Wirklichen findet“. Poesie soll Ausdruck einer Reduktion auf das Wesentliche sein und mehr tun, als bloss Geschichten erzählen. Was nicht heisst, dass Literatur keine Geschichten mehr erzählen soll, aber mehr in der Form von zufällig aufgeschnapptem Strand- und Treibgut, das vom Meer angeschwemmt wird. In Le rôdeur des confins nimmt White Robinson Crusoe, das wohl berühmteste Inselbuch, zum Anlass, um ein paar grundsätzliche poetologische Überlegungen zu machen. Der Roman von Daniel Defoe basiert auf den Erfahrungen des schottischen Seemannes Alexander Selkirk, der zwischen 1704 und 1709 auf der verlassenen Insel Juan Fernandez ausgesetzt war. White ist überzeugt, dass im knappen Bericht von Kapitän Wood Roggers, der Selkrik auf seiner Insel aufgelesen hatte, alles Wesentliche enthalten ist, der Rest sei Polsterung, die den Geist unnötig belaste. White zieht reale Inseln den imaginären vor, ursprüngliche Dokumente den Romanversionen. In seinen Augen ist die Wirklichkeit reicher als die Imagination (Einbildung). „Die Wirklichkeit bedarf der Untersuchungen (Ermittlungen) und ist eine Aufforderung zu einem empfindsamen Wissen, während die Imagination oft nichts anderes als eine Sammlung von Stereotypien ist, ein Brei von Klischees, der einer kindlichen Art der Befriedigung dient. Dagegen verlangt die Beziehung zum Realen und den Widerständen, die sie in sich birgt, Veränderungen im Denken, in der Lebensweise, in der Form des Wissens und führt zu einer Veränderung des selbst. Imagination ist nichts anderes als Kompensation. Darin gibt es etwas schrecklich Autistisches, man sitzt in seiner Ecke und spinnt Einbildungen am Meter aus. Wie viel interessanter ist ein offener und poetischer Prozess, bei dem Kontemplation, Forschung, Bewegung, Meditation und Komposition mit einbezogen sind.“
In La Maison marée erzählt White von einer mehrtägigen Wanderung, die er im Spätsommer längs den Ab’r im Nordwesten der Bretagne gemacht hat. Ab’r sind Flussmündungen, in die das Meer bei Flut weit ins Landesinnere strömt. Die Strände dort haben so rätselhafte Namen wie Baie des Anges, Lilia, Zorn oder Kernic. Angesichts der morbiden Legenden, die von diesen Stränden erzählt werden, empfiehlt White, weniger krankhafte Einbildungen zu haben, dafür etwas mehr pelagischen Geist zu zeigen, also einen freien, umherschweifenden, gegenwärtigen Geist, der sich mit konkreten Dingen wie Algensorten oder der Schönheit der Küstenlinie beschäftigt.
Pelagisches Denken. Ein Wort mit doppeldeutigem Sinn: Die freischwimmende Organismenwelt des Meeres und Pelagius, ein irischer Wandermönch aus dem 4. Jahrhundert.
Die keltischen Wandermönche, „Gottes gelehrte Vaganten“, machten so ziemlich alles anders als die Christen auf dem Festland. Sie hatten ihre eigene Haartracht, legten ein anderes Datum für Ostern fest und praktizierten ihren eigenen Taufritus. Stark in der keltischen Tradition verwurzelt, verschmolzen sie Christentum und Naturmystik. Von Zeit zu Zeit flohen sie ihre bienenkorbförmigen Steinzellen und Holzhütten und wanderten über die Insel oder durch Europa: Eremitentum und Perigrination.
Während die Kirche auf dem Festland sich der Strukturen des niedergehenden Römischen Reiches bediente und die strenge Hierarchie des „Gottesstaates“ errichtete, lebten die irischen Mönche in lose organisierten Klöstern, wo der Bischof weniger als der Abt zu sagen hatte und eigentlich nur „der einzelne Mönch in seinem göttlich-natürlichen Raum zählte“. Ein Konflikt war vorprogrammiert. Kenneth White nennt ihn den „Konflikt zwischen dem Geist der Inselarchipele und dem Geist der Institutionen“. Ein erster Höhepunkt war der Streit zwischen Augustinus und Hieronymus auf der einen Seite und Pelagius auf der anderen, der die Erbsünde und die göttliche Gnade verwarf, für den nur der Einzelne und sein freier Wille zählte, den göttlichen Geist zu empfangen. Pelagius wurde als Häretiker aus der Kirche ausgeschlossen.
White begreift sein Denken vom Gehen her. Das Gehen ist für ihn ein Akt des Erkennens und der Meditation. Auf langen Wanderungen findet seine poetische Einbildungskraft ihren Rhythmus. Wandern und Schreiben sind für ihn ein unteilbarer Prozess, sie gehören zusammen. Seine Texte sind formal als Wanderungen ausgelegt, sie fordern die nötige körperliche und geistige Robustheit. Wie Friederich Nietzsche, eines seiner grossen Vorbilder, hält er nicht viel von einem Denken, bei dem der Körper abwesend ist. In Le Visage du vent d’Est schreibt er, dass er zu Plätzen unterwegs ist, „wo die körperliche Erfahrung einen solchen Grad an Dichte und Intensität erreicht, dass man es fast als „metaphysisch“ bezeichnen könnte. Plätze, wo die Dinge in Bewegung sind, die Extreme sich treffen, Komplementäres ins Spiel kommt: Land und Wasser, Männlich und Weiblich, Ost und West.“
Wandern setzt geistige und physische Energien frei. Im Gehen will White sich „eine Lebenstechnik aneignen, die jenen Wechsel von aussen nach innen fliessenden Energien ermöglicht, der dem Rhythmus des wirklichen Lebens entspricht.“ Energie ist zentraler Begriff in seinem Denken, ein Begriff, der nicht nur eine physische sondern auch eine emotionale und eine intellektuelle Komponente hat. Bei der Beurteilung von Literatur sind für ihn Energie und Intensität entscheidende Qualitätskriterien.
Er will unterwegs nicht nur Neues erfahren, sondern auch ein paar überflüssige Dinge loswerden, denn Gehen ist auch ein Reinigungsprozess. „Das Gehirn schnäuzen, seine Verstopfung beseitigen, damit es wieder atmen kann.“ Beim Anblick des offenen Meeres kann er wirklich durchatmen, Sinne und Verstand öffnen, elastischen Schrittes vorwärtsgehen, Gebiete beschreiten, die nicht vollgestopft sind mit gesellschaftlichem oder kulturellem Ballast. Er macht einen klaren Unterschied zwischen sozialen und vitalen Fragen. „Wandern ist eine Möglichkeit, das ganze Gewicht der Gesellschaft loszuwerden und zugleich meine Sinne zu öffnen. Es ist ein nicht-pathologischer Weg.“
Küsten sind Randgebiete. Randgebiete haben ihn seit je angezogen. Dort wo Kontinente und Zivilisationen auszufransen beginnen und sich andere Blickfelder auftun, fühlt er sich heimisch. Für White bedeuten Küstenwanderungen, sich „im Ausserhalb“ zu bewegen, ausserhalb einer Zivilisation, die es nie verstanden hat, mit offenen Räumen umzugehen, ausserhalb einer Kultur, die die sozialen Neurosen zu ihrer eigenen gemacht hat, ausserhalb einer Literatur die von psycho-sozialen Banalitäten zugekleistert ist. „Ich existiere in meiner eigenen Geographie und habe stets draussen an der Peripherie gelebt, was möglicherweise ein äusseres Zeichen meiner inneren Situation ist. Zuerst war ich unten in den Pyrenäen, jetzt bin ich draussen an der Nordküste der Bretagne; Plätze, wo ich meiner fundamentalen Arbeit nachgehen kann, fern von Szenen, kulturellen Modetrends und deren Cliquen. Fundamentale Arbeit braucht Zeit und Raum.“
Das Aufsuchen von „leeren Plätzen“ oder „nackten Stränden“ ist ein existentieller Akt und nicht einfach eine anti-menschliche Haltung, denn diese Plätze sind eine Quelle der Energie und Konzentration. Da wird Wanderung als „Initiation in Raum und Stille“ praktiziert, als „kosmopoetische Kontemplation“ und weckt in ihm ein „ozeanisches Gefühl“, das nach Sigmund Freud (Das Unbehagen in der Kultur) in uns da ist, bevor es von sozialen Erfahrungen zugedeckt wird: Ein elementares, ursprüngliches Gefühl, das der buddhistischen Idee der Leere nahe kommt. White sieht im Wiederfinden dieses primären „Gefühls“ eine wirklich elementare Erfahrung, die sich von den Erfahrungen in der Gesellschaft grundlegend unterscheidet. Es ist der Weg zu jenem offenen Ort, der die Erde ohne Namen einmal gewesen war, leerer Raum, unendliches Weiss, am Rand der grossen Stille, worin der Kosmos hörbar wird. In diesem Augenblick käme einem das meiste, was als ‚Kultur’ bezeichnet wird, als inkonsequent, nebensächlich oder gar hohl vor. Die Küste werfe die grundsätzliche Frage auf, ob „eine (ozeanische) Vision der Leere vorstellbar“ ist?
In La Maison Marée erzählt White, dass er an grauen, windigen Tagen, wenn Regenschauer über die Küste treiben und die Touristen ausbleiben, gerne Spaziergänge auf der Ile Grande macht, die von seinem Haus aus durch einen kleinen Fussmarsch leicht zu erreichen ist. Die Insel ist ein Vogelparadies, es gibt da ein ornithologisches Institut. Früher wurde hier der blaue Granit gebrochen, mit dem man die Strassen von Paris pflasterte. Als White das erste Mal durch die Gassen des kleinen Inseldorfes geht, entdeckt er zu seiner Überraschung eine Rue Joseph Conrad. Die Hochzeitsreise von Kapitän Korzeniowski (der sich unter dem Namen Joseph Conrad mit Büchern wie Almyers Wahn, Der Verdammte der Inseln oder Lord Jim seinen Platz in der Weltliteratur erwerben wird) und seiner jungen Frau Jessie George führte im Frühling 1896 in die Bretagne. Auf Ile Grande mieteten sie für ein halbes Jahr ein kleines, zweistöckiges Häuschen. In Erinnerung an den malaysischen Inselarchipel, den er als Schiffskapitän so gut kennengelernt hatte, schien es den frisch verheirateten Seemann zu einer der Küste vorgelagerten Insel gezogen zu haben. Conrad schreibt auf Ile Grande Ein Vorposten des Fortschritts und den Anfang des Romans Die Rettung. White ist überzeugt, dass seit der Hochzeitsreise dichte, weisse, alles umhüllende Nebel durch das Werk von Joseph Conrad ziehen, die für die Bretagne typischen Nebel.
In Le rôdeur des confins berichtet White, wie er am Ende seiner Reise durch Korsika den Finger hinauffährt, der im Norden der Insel gegen das Festland zeigt. Im kleinen Dorf U Campu sucht er nach der Gedenktafel, die an den Seefahrer und Abenteurer Dominique André Cervoni (1834-1890) erinnert, Vorbild für etliche Romanfiguren von Joseph Conrad, z.B. Tom Lingard in Die Rettung.
Für White ist Conrad der erste écrivain-voyageur. Im Deutschen fehlt ein Äquivalent für écrivain-voyageur, denn Reiseschriftsteller bedeutet nicht dasselbe. Gemeint sind Autoren, bei denen das Unterwegssein Voraussetzung für ihr Werk ist, wobei nicht die Anzahl Kilometer, die sie zurücklegen, von Bedeutung ist, sondern eine besondere Art des Umherschweifens im Raum.
In seiner Münchener Studien-Zeit entdeckte White Zen und die Kultur Japans von Daisetz T. Suzuki. Das Kapitel über das Haiku war für ihn wie der Einschlag eines Meteors. Nach Arthur Rimbaud war das Haiku eine weitere Begegnung mit etwas gänzlich Neuem in der Poesie. „Dieses Gedicht eröffnet vor allem eine neue Welt der Poesie“, schreibt er dreissig Jahre später in Les cygnes sauvages, in dem er von seiner Wanderung auf den Spuren Matsuo Bashôs (Wanderdichter und Erfinder des Haiku) in den Norden Japans erzählt.
White empfiehlt allen Haiku-Walking: „Das stärkt Geist und Konzentrationsvermögen und schärft die Wahrnehmung der Dinge. Ausserdem entrümpelt es die Poesie von der Poesie.“ Man brauche sich dabei nicht an das klassische Haiku-Schema der 5-7-5 Silben zu halten, weil eine Silbe im Japanischen etwas anderes ist als eine Silbe im Französischen oder Deutschen. Die eigentliche Essenz des Haiku sei das Haïkuïte, das Bashô, als „einen Weidezweig von einer leichten Brise gestreift, der sich einen kurzen Moment hin und her bewegt“ beschreibt. White erkennt darin eine subtile Beziehung zwischen den Phänomenen und der Leere. Er versucht das Haïkuite in eine viel weitere Praxis zu integrieren. „Niemand wird das Haiku je hoch genug loben“, schreibt er in Der Blaue Weg. „Diese Gedichte, die ins Schwarze treffen und die wir so sehr brauchen. Es sind vielleicht nicht immer grosse Haikus, die man schreibt, aber selbst dann können sie einem eine enorme Last von den Schultern nehmen – die ganze persönliche Bürde. Ein Haiku schreiben heisst, aus sich selbst herausspringen, sich vergessen und einen tiefen Zug frischer Luft tun.“
Als er die japanische Aomori-Küste hoch läuft (grünes, heftiges Meer, wuchtige Wellen, die an den Felsen zerschellen und Nebel, den der Wind vor sich her treibt) sieht White im Städtchen Asamushi ein riesiges Werbeplakat: OCEAN WHISKY. „Genau“, denkt er, „ich fühle mich wie betrunken von dieser ozeanischen Gegenwart – Sand, Meer, Wind, Himmel, offene Strasse, leere Wildheit“.
Dieser lebensfrohe „Surnihilist“ und extravagante Wanderer, dem der für Dichter typische Hang zum Leiden abgeht, der „trunken von Ideen“ und „trunken vom Wind“ ist, praktiziert ein Denken, „das schwimmt und fliegt“. In seinen Büchern ist ein hymnischer Ton auf die Erde, die wirkliche Welt, zu finden, ein pataphysisches Driften, eine Lust per se, die er „Erotokosmologie“ nennt, eine unablässige Neugier. Seine Sprache scheint dabei direkt aus einer unmittelbaren Gegenwart zu strömen; ein Spiel aus leichten, springenden, schwimmenden Worten.
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