
Heute habe ich mir ein Paar neue Schuhe gekauft und sie mitten ins Wohnzimmer gestellt. Halbhohe Stiefeletten zum Schnüren, aus weichem braunem Leder, das wie zerknittert aussieht, glänzende Spitzen, rahmengenäht. Wunderbare Schuhe. Ganz nach meinem Geschmack. Die Schuhe, so mitten im Wohnzimmer, haben wie ein Gedicht ausgesehen, ein Gedicht von Gottfried Benn oder Rainer Maria Rilke. Wobei Rilke Knöpfstiefel getragen haben muss, worum ich ihn beneide. Auf dem Heimweg war mir klar geworden, dass es auch anders ginge.
Im Tram stand eine alte Frau neben der Tür. Sie war nicht grösser als einen Meter sechzig, sie trug einen braunen, runden Hut, eine grüne Steppjacke, einen ausgefransten, grauen Rock, alte Strümpfe und Männerturnschuhe, die alt und verlatscht waren, mindestens Größe vierundvierzig, die Spitzen nach oben gekrümmt. Ich starrte dieses groteske, chaplineske Schuhwerk an und wusste nicht, ob ich darüber lachen oder empört sein sollte, denn es verhöhnte alle ästhetischen Empfindungen. Ist diese Alte eine Weise, eine Erleuchtete, eine Anhängerin des Gautamas, die auf solche Empfindsamkeiten pfeift oder ist sie sehr arm und kann sich keine anderen Schuhe leisten oder einfach nur liederlich, was ihr Aussehen betrifft? Ich bin überzeugt, dass man auch als ganz armer Mensch nicht in solchen Dingern herumlaufen muss. Die Papiertasche, die ich auf meinen Knien hielt, verströmte einen angenehmen Lederduft, der typische Duft neuer Schuhe. Ein paar schöne Schuhe sind mir wichtiger als Weisheit. Dylan Thomas hat das schon richtig gesehen, Weisheit ist etwas für alte Sonntagsschullehrerinnen.
Ich bin ein proletarischer Dandy, sofern ich überhaupt einer bin. Man wird später sehen, weshalb nicht. Ich bin in Littau, einem Vorort von Luzern aufgewachsen, im Thorenberg, einem Quartier, das aus lauter neuen Wohnblöcken bestand und auf der anderen Seite der Kleinen Emme lag. Kinderreiche Familien lebten da. Alle arm. Niemand hatte einen Fernseher, damals. Die Väter arbeiteten entweder auf dem Bau oder in der Fabrik. Die wenigsten von ihnen hatten eine Berufslehre gemacht. Viele arbeiteten in der Viscosuisse in Emmenbrücke. Die Kinder der Viscosuissearbeiter erkannte man an den braunen, dicksohligen Schuhen mit den roten Bändeln, in denen sie zur Schule kamen. Die Väter erhielten sie verbilligt, sie wurden ihnen direkt in der Fabrik ausgehändigt. Mir gefielen die Schuhe nicht besonders und ich war froh, dass mein Vater nicht in der Viscosuisse arbeitete.
Ich erinnere mich noch an das Drama, das es gab, als er mit mir im Schuhladen Grüther am Grendel in Luzern Schuhe kaufen ging. Ich war zwölf Jahre alt. Ich hätte gerne ein Paar Chelsea-Boots gehabt, wie sie die Beatles Mitte der 1960-ger Jahre getragen haben, der Vater war für derbe, braune Schuhe, die nicht nur dauerhaft aussahen, sondern auch wesentlich billiger waren. Ich wurde fast hysterisch, heulte und stampfte wie ein Irrer auf den Boden und weigerte mich, sie überhaupt anzuprobieren. Der Schuhverkäuferin war es peinlich, die anderen Kunden schauten irritiert zu uns hinüber. Mir war es wurst, sie sollten sehen, was für einen Rabenvater ich hatte, der nicht das mindeste Empfinden für Schönheit besaß. Doch mein Vater ließ sich von meinem hysterischen Getue nicht beeindrucken. Er war unerbittlich, es blieb bei den scheußlichen Schuhen.
Ich habe ein schlechtes Gedächtnis und erinnere mich kaum noch an meine Kindheit, aber dieser Schuhkauf hatte sich in mir für alle Zeiten eingebrannt. Ein lächerliches und unbedeutendes Ereignis – vielleicht? Da wurde mir ein Lebensmuster aufgezwungen, gegen das ich später immer wieder ankämpfen musste: Der Verzicht auf extravagante, ausgefallene Dinge zugunsten des Währschaften und Dauerhaften.

Im Schaufenster dienen ausgestellte Schuhe als Blickfang und Anziehungspunkt. Das Auge bleibt an der Form und dem Glanz des Leders hängen; der Betrachter gerät in seinem Gang ins Stocken, bleibt stehen, betrachtet eingehend die ausgestellten Exemplare. Er hat eigentlich etwas anderes vor, eine Verabredung vielleicht. Doch die Schuhe haben seine Aufmerksamkeit gefesselt, er gerät ins Träumen und Sinnieren. Er schaut auf die eigenen Schuhe hinunter und dann wieder ins Schaufenster. Das Hirn durchläuft in Eile alle Register, um den ausgestellten Schuh zu qualifizieren. Es wird abgewogen, ob man den Gang fortsetzen soll oder ob es sich lohnen würde, das Schuhgeschäft zu betreten.
Als ich vor ein paar Jahren mit Annelies, meiner Frau durch das neunte Arrondissement von Paris streifte, kamen wir an einem Schaufenster vorbei, in dem Knöpfstiefel ausgestellt waren. Die Qualifizierung geschah in Bruchteilen einer Sekunde. Ich verschwand im Laden. Es war ein vornehmes, ganz in Rot ausstaffiertes Geschäft. Zielstrebig steuerte ich in die Ecke, in der die Bottinen auf dem Tablar standen. Ich nahm eine um die andere vorsichtig in die Hände, betrachtete sie eingehend und befühlte sorgfältig das Leder, prüfte die Rahmennaht und das Fußbett – was für ein herrliches Gefühl, die Glätte des Leders, die kostbare Eleganz, die Feinheit des oberen Einsatzes. Es war zu viel! Die Verkäuferinnen schauten mich irritiert an, sie schienen den ekstatischen Schauer zu fühlen, in den ich geraten war. Ich verließ den Laden wieder, nachdem ich jeden Schuh nochmals in die Hände genommen hatte, um Annelies zu holen. Doch, als sie hörte, wie teuer die Schuhe seien, sagte sie nur, wenn du die kaufst, lasse ich mich scheiden.
Im vergangenen Herbst war ich allein in Paris. An einem Nachmittag machte ich mich auf die Suche nach dem Geschäft. Ich hatte mir weder seinen Namen noch den der Straße gemerkt. Ich wusste nur noch, dass wir zuvor in der Passage de Jouffroy und in der Passage Verdeau waren. Ich irrte lange durch die angrenzenden Straßen, es fing an, dunkel zu werden, den Laden konnte ich nicht mehr finden.
Leo Tolstoi, ein Mann, der immer Bedienstete hatte, war in seinen späten Jahren stolz darauf, dass er sich selber ankleidete, das Bett selber machte und sein Zimmer sauber hielt. Er hatte sich sein Leben lang nie um eine solche Beschäftigung kümmern müssen, dafür waren die Diener da. Er kannte den Müßiggang des Hochadels und konnte sein Leben ganz nach seinen eigenen Bedürfnissen gestalten. Im Alter wird er ein Tolstoianer und fängt zu predigen an, man solle einfach leben und sich ausschließlich von den Früchten seiner eigenen Arbeit ernähren. Er sehnte sich nach dem einfachen, harten Leben der Bauern: Feldarbeit, Kühe melken, Mist ausfahren, Gras schneiden. Er wünschte die ganze Bildung zum Teufel, da sie die natürliche Schlichtheit des Menschen verderbe. Er bereute es, Bücher wie Krieg und Frieden oder Anna Karenina geschrieben zu haben.
Er machte sich zum schlechten Gewissen der reichen und adeligen Damen. Er hätte gerne sein riesiges Landgut an die Bauern verschenkt, aber seine Frau wollte davon nichts wissen, eine riesige Dummheit fand sie. Unsereinem bleibt nichts anderes übrig. Man muss alles selber tun: Kochen, Wäsche waschen, bügeln, sauber machen, Einkaufen gehen usw. Das alles nach einem achtstündigen Arbeitstag. Es bleibt wenig Zeit für Lektüre und Müßiggang, was in Tolstois Augen Laster sind.
Eines Tages kam er auf die Idee, seine Schuhe selber zu machen. Eine Zeitlang kam regelmäßig ein Schuhmacher vorbei, um ihm das Handwerk beizubringen. Ein livrierter Diener öffnete dem Schuhmacher die Tür und führte ihn zu Tolstoi. Böse Zungen behaupteten, das Ergebnis dieses Eifers sei ziemlich kläglich gewesen. Aber Tolstoi war stolz auf seine selbstgemachten Stiefel und schätzte sein handwerkliches Können höher als seine dichterische Meisterschaft ein.
Gute Fußgänger brauchen gute Schuhe, und elegante dazu – das vor allem. Man trägt Schuhe, um darin zu gehen, damit die Füße nicht der Grobheit und der Kälte des Bodens ausgesetzt sind. Sie sind Marschiererwerkzeuge und sollen als solche dem Benutzer das Gehen erleichtern und angenehmer machen. Aber sie sind zugleich mehr als das! Ebenso wichtig ist die ästhetische Qualität. Schuhe sind Ausdruck deines Selbst. Die Schuhe, die du an den Füssen hast, verraten genauso viel über dich wie es dein Gang tut. Schuhe können schön oder hässlich sein, das mag eine Frage des Geschmacks sein. Außerdem können sie billig oder solide gemacht sein, wofür es eindeutige Kriterien gibt. Doch zuerst einmal sind sie ein totes Objekt. Erst durch das Tragen erhält ein Schuh seine sinnliche Qualität, erst wenn er sich dem Fuß angepasst hat, wird er wirklich schön, jetzt wo Schuh und Fuß eine Ehe eingegangen sind, verleiht der Schuh dem Fuß den vollkommenen Ausdruck und umgekehrt, der Schuh wird damit auch Ausdruck deiner Persönlichkeit.
Männer und ihre Schuhe sind ein einziges Trauerspiel in unendlich vielen Akten. Was man an Unmöglichem, Verlatschtem, hässlicher Gleichgültigkeit zu sehen bekommt, wenn man den Blick senkt und sieht, in was Männer herumlaufen, kommt einem das nackte Grausen. Sie tragen Anzüge, ein sauber gebügeltes Hemd, Krawatte, aber beim Anblick ihrer Schuhe kann man nur die Augen verdrehen. Sie passen in keiner Art zur Kleidung, billige schiefgetretene Dinger, die ganz selten einmal mit Schuhcrème in Berührung kommen. Ich muss mich in so einem Moment immer fragen, ob sie es nicht sehen. Wie kann man nur so blind sein? Was tickt in ihren Köpfen anders als in meinem? Es ist mir ein Rätsel. Außerdem muss ich mich fragen, woher die Männer in ihren ausgelatschten Dingern ihre Selbstsicherheit hernehmen, denn an einem aufgeblasenen Ego scheint es ihnen nicht zu fehlen. Ich hatte mal einen Chef, fachlich gesehen eine Kapazität, sehr selbstbezogen, ein Alphatier in Potenz, rechthaberisch, der es nicht vertrug, wenn man ihm widersprach und der den anderen laufend aufrechnete, was sie alles falsch machten, diesen Chef habe ich in den zwei Jahren, in denen ich dort gearbeitet habe, immer in den gleichen Schuhen kommen und gehen sehen, schief getretene Absätze, abgeschossene Spitzen, brüchiges Leder. Vor kurzem war in der Zeitung zu lesen, dass man bei einer psychologischen Studie herausgefunden habe, dass Männer, die auf Eleganz und Qualität der Schuhe achten und Freude daran haben, unsichere und schüchterne Menschen seien, dass sie Unsicherheit und Schüchternheit mit schönen Schuhen kompensieren würden. Meinetwegen! Rein ästhetisch gesehen bewegen sie sich in unerreichbaren Höhen.
Manchmal denke ich, jeder Mensch sollte elegante Schuhe besitzen und Proust lesen. Ich fühle mich in Prousts Werk wie zu Hause. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist ein weiträumiges Gebiet, das ich schon in viele Richtungen durchwandert habe. Für mich haben Denken und Gehen viel miteinander zu tun. Zum Gehen braucht es bequeme Schuhe, denen es an Eleganz nicht fehlen darf. Die meisten Menschen schreiben diese Qualitäten den Turnschuhen zu. Man vergisst dabei, was Max Bill gesagt hat; er wünschte sich nicht nur eine Funktionalität der Ästhetik, sondern auch eine Ästhetik der Funktionalität. Oder anders ausgedrückt, schöne Dinge sollen praktisch sein, aber praktische Dinge sollen auch schön sein.
Proust hat mit Auf der Suche nach der verlorenen Zeit einen eigenen Kosmos geschaffen, der für mich genauso wirklich ist wie die reale Welt. Er hat es verstanden, die Zeit und die damit verbundenen Erinnerungen zum Gleiten und Fließen zu bringen. Die Figuren in diesem Riesenroman – Madame und Monsieur de Guermantes, Baron du Charlus, Swann, Françoise, Odette, Gilberte oder Saint Loup, um nur ein paar wenige aufzuzählen – sind für mich ebenso reale Personen wie meine Arbeitskollegen oder meine Freunde. Ich habe nie begriffen, warum es wichtig ist, welche Person aus dem Freundes- und Bekanntenkreis von Proust das Vorbild für die eine oder andere Figur im Werk abgegeben hat. Die Frage, ob Baronesse XY oder eher Duchesse AB in Madame de Guermantes verkörpert ist oder ob Monsieur Charles Haas für Charles Swann Modell gestanden hat, halte ich für vollkommen belanglos. Solche Rückführungen sind eine Missachtung der poetischen Kraft und der Dynamik, die sie im Leser auslöst. Sie lenken vom Werk ab. Wer solche Art von Forschung betreibt, hat in meinen Augen nichts von Dichtung begriffen, das sind Buchhalterseelen. Dichtung lebt aus sich selber, man muss sie von innen heraus begreifen. Man muss sich die kindliche Art des Verführtwerdens bewahren, diese Begegnung mit dem Zauber, der einem Werk innewohnt, um zu erfahren, was Dichtung wirklich ist. Hat Proust nicht etwas Ähnliches behauptet in Contre Saint-Beuves? War es nicht dieser Saint-Beuves, der sagte, Details aus dem persönlichen Leben eines Künstlers, sein soziales Umfeld, Gespräche oder Briefe von Bekannten, Freunden und Familienangehörigen seien wichtig, um das Werk eines Dichters zu begreifen. Für Proust war das ein schrecklicher Gedanke, er spürte, dass mit einem solchen Verfahren ein poetisches Werk auf die Beschränktheit des alltäglichen Lebens reduziert wird. Aber wird die Methode Saint-Beuves nicht auch heute noch angewandt, verbrämt mit allerhand psychologischen und sozialwissenschaftlichen Theorien. Heutzutage verstellen Biographien und Abhandlungen den Zugang zu einem Werk. Natürlich gibt es intelligente Bücher über einen Autor und sein Werk, darum geht es nicht, doch ich habe oft den Eindruck, diese sekundären Erzeugnisse seien wichtiger als das Werk selber. Dabei geht es nur darum, eine Leidenschaft für ein Werk zu entwickeln, sich von ihm verführen zu lassen, es auszukundschaften, darin herumwandern, den Details nachspüren, ihnen die ganze Aufmerksamkeit schenken, um das Glück des Lesens zu erfahren.
Marcel Proust war in jungen Jahren ein ausgesprochener Dandy, der viel Zeit vor dem Spiegel verbrachte, bevor er ausging. Er bekam schreckliche Wutanfälle, wenn seine Mutter ihm Vorhaltungen machte wegen seiner ewigen Ausgeherei, einmal zerschlug er sogar ihre schönste Vase. Der Gedanke, einen Abend zu Hause und nicht in Gesellschaft zu verbringen, trieb ihn in den Wahnsinn.
Der Dandy ist eines der sozialsten Wesen überhaupt, es gibt keine asozialen Dandys, die gesellschaftliche Aura ist ihm eine Lebensnotwendigkeit, denn erst in der Gesellschaft kann er sich voll entfalten. Er bewahrt zwar eine ironische Distanz zu ihr und tut so, als ob ihn das ganze gesellschaftliche Treiben nichts anginge, doch die Gesellschaft ist die Bühne für seine Auftritte, er inszeniert sein Leben in der Öffentlichkeit. Wobei er eine Neigung zu theatralischen Auftritten und zum exzentrischen Verhalten hat, was ihn von der Masse abhebt. Im Gegensatz zum Künstler wird der Dandy nicht für das, was er tut, sondern für seine Erscheinung bewundert. „Ein Dandy tut nichts“, sagt Sebastian Horsley, „er ist etwas“. Das eigene Leben wird zum Kunstwerk. Man entblößt und verhüllt sich zugleich. Die treibenden Impulse sind Raffinesse, Überschreitung und ästhetische Sensibilität.
Der junge Proust war eine sehr elegante Erscheinung, ein gebildeter und eloquenter Plauderer von einer einschmeichelnden Liebenswürdigkeit. Als soziale Bühne hat er für seine Auftritte die vornehme Gesellschaft des Hochadels von Paris gewählt, den Faubourg Saint Germain, dessen Exklusivität ihn faszinierte. Als Proust sich aus der Gesellschaft zurückzieht, um sich ganz seinem Werk zu widmen, stirbt der Dandy in ihm.
Mag ich mich zeitweilig elegant oder sogar exzentrisch kleiden, dem Schuhwerk höchste Bedeutung beimessen, diese wesentliche Charaktereigenschaft des Dandys geht mir ab; ich bin kein Gesellschaftsmensch. Ich habe die Gesellschaft nie gebraucht, auch die vornehme nicht. Mit zwanzig Jahren bin ich Harry Haller begegnet, eine prägende Begegnung, Haller wurde mein Vorbild.
Mit einer ganz anderen Dimension der Schönheit war Michelangelo beschäftigt, als er im Auftrag von Papst Julius II. das Tonnengewölbe der Sixtinischen Kapelle ausmalte. Eine Zeitlang hatte er dafür auch ein paar Maler aus seiner Heimatstadt angestellt, die noch das traditionelle florentinische Malerhandwerk beherrschten. Doch er schickte sie bald wieder fort, denn sie verstanden nicht, was er meinte und ihre Malweise war ungeschickt und steif. So arbeitete er allein, hoch oben auf dem wackligen Holzgerüst balancierend. Manchmal stieg der Papst in seiner weiten Sutane, unter der zwei rote Pantoffeln hervorschauten, auf das Holzgerüst, um Michelangelo Anweisungen zu geben. Der Maler knurrte und drohte dem Pontifex, ihn vom Gerüst herunter zu werfen. Michelangelo brauchte vier Jahre, um die Riesenarbeit zu bewerkstelligen, die jedes Jahr Millionen von Besuchern anzieht. Es war ein urtümliches Verhältnis, das er zur Arbeit hatte, eine Besessenheit. Oft arbeitete er achtzehn Stunden am Tag, den Sonntag heiligte er mit dem Pinsel in der Hand. Er kreierte einen Hut, auf dem er einen Kerzenkranz montierte, damit er auch nachts arbeiten konnte. Dabei vernachlässigte er die Bedürfnisse des Körpers vollkommen, (trotzdem ist er sehr alt geworden), Kleider und Schuhe hatten schon lange keine Bedeutung mehr. Es gab nur eine Eleganz, sofern dieses Wort angesichts der Monumentalität seines Werkes überhaupt eine Bedeutung hat, die Eleganz seiner Kunst, die alles andere überbot. Nach achtzehn Stunden Arbeit fiel er wie tot aufs Bett, ohne die Kleider oder Schuhe auszuziehen. Wenn er nach zehn Tagen wieder einmal Schuhe und Socken auszog, löste sich die Haut gleich mit von den Füssen.
Und wer bin ich?
Eine gute Frage. Ich habe einen Namen, ein Geburtsdatum, eine Wohnadresse, einen Job, eine bestimmte Schuhgröße, einen Reisepass, der nächstes Jahr abläuft, ein Postcheckkonto, ein Gehalt, einen Dreizehnten. Ich bin verheiratet, kann nicht Auto fahren und besitze ungefähr vierzig Paar Schuhe. Abgesehen von den Büchern habe ich keine ausgeprägten Neigungen.
Wer bin ich?
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.