Lynx – Die Luchsreportage

Was ist das für ein Tier, von dem ich meinen Namen habe?
Eine Frage der Genealogie, die nicht ihrem Stammbaum folgt, sondern mitten ins Tierreich führt.
Meine Vorfahren mussten etwas Wildes, Katzenhaftes an sich gehabt haben. Waren sie scheue Einzelgänger, Wanderer, die abseits lebten und deshalb den Spitznamen „Luchs“ erhielten? Handelte es sich bei ihnen um Verwandlungskünstler, die es verstanden haben, in die Gestalt eines Tieres zu schlüpfen? Weiterlesen

Der Wind der Straße

Als ich für ein paar Monate nach Berlin fuhr, hatte ich zwei Bücher des schottischen Reisenden und Schriftstellers Kenneth White im Gepäck. Im Zug las ich Der blaue Weg. Eine Reise nach Labrador. „Vielleicht ist die Idee die, soweit wie möglich zu gehen bis ans Ende deiner Selbst – bis zu einem Territorium, wo die Zeit Raum wird, wo die Dinge in ihrer ganzen Nacktheit erscheinen und der Wind weht, anonym.“ Das waren neue, für mein Ohr ungewohnte Töne. Ich hatte plötzlich den Wunsch, weiterzureisen. Dieser ungeheuer weite Raum von Labrador, sein Atem, weckte in mir den Wunsch, weiter zu gehen, immer weiter. Ich fuhr dann doch nach Berlin. Weiterlesen

Propheten des Untergangs

Ich fuhr über das endlose Wüstenplateau im Norden Arizonas. Mattgrüne Salbeibüschel sprenkelten die graue Fläche. Im Westen schwamm ein Tafelberg in der Ebene, ebenfalls grau und porös der extremen Witterungsverhältnisse wegen, die hier herrschen. Einkerbungen auf seinem Buckel. Das musste Walpi sein. „The Sky Village“. „Einer der inspirierendsten Plätze Arizonas“, laut Reiseführer. Vor vielen Jahren hatte ich Das Buch der Hopi gelesen. Deswegen war ich in diese abgelegene Gegend gekommen.
Sie ist seit Urzeiten die Heimat der Hopi-Indianer. Ihre alten Dörfer sind auf drei Mesas gebaut, Tafelberge, die sich wie gekrümmte Finger von der Black Mesa nach Süden erstrecken. Weiterlesen

Ein russischer Wanderer

Unruhige Jugend von Konstantin Paustowskij entdeckte ich mit neunzehn Jahren in einer Buchhandlung in Luzern.
Der Titel gefiel mir. Er entsprach meiner eigenen Situation. Ich schlug das Buch auf, las die erste Seite und wusste auf Anhieb, der Klang dieser fließenden, herbstfarbigen Prosa würde mich von einer Seite zur nächsten tragen. Es geht um einen träumerischen und romantisch veranlagten jungen Mann, der von Büchern und Versen lebt und sich der Ungebundenheit und dem Unterwegssein verpflichtet fühlt. Er liebt die Natur und ist voller Neugier auf die Welt. Und er will Schriftsteller werden. Wanderer und Schriftsteller. Die Mutter fürchtet, dass nie etwas Rechtes aus ihm würde. Doch eine Wahrsagerin in Jefremow, Weiterlesen

Bei Tante Léonie

Es war noch dunkel, als der Schnellzug nach Rennes die Gare Montparnasse verließ. Später tauchten die Umrisse der Kathedrale von Chartres in der Morgendämmerung auf.
Im blau-weißen TER, der nur aus zwei Wagen bestand, ging es über die endlos flache Beauce. Am Himmel ein paar perlmuttfarbige Wolken. Im Laufe des Tages verdichteten sie sich zu einer grauen Wolkendecke und brachten Regen. Auf dem Monitor über der Tür liefen die Namen der Orte, an denen der Zug als nächstes hielt. Nach jedem Halt verschwand ein Name und ein neuer tauchte auf.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Familie Proust einst in die schnaufende und zischende Dampfbahn gestiegen und die gleiche Strecke gefahren war, um in Illiers die Osterferien zu verbringen. Marcel war noch ein Knabe. Weiterlesen

Die Auswanderer

In den letzten Tagen dachte und dachte ich an ein hohes und steiniges Tal. Ein Tal im Berner Oberland. Ich dachte an die Flühe, den blauen Himmel, die Matten, die in der Morgensonne glänzen und an die frische Luft, die nach Bergblumen und Holzfeuer riecht. Dort oben wurde ich geboren. Dort oben hatte ich die ersten zwei Jahre meines Lebens verbracht und manche Tage in meiner Jugend. Wie lange ist das alles schon her. Wie lange bin ich nicht mehr in dem kleinen Bergdorf gewesen und habe zu den Flühen empor geschaut. Mein Heimattal? Weiterlesen

Der Blues von gestern Abend

Gestern Abend bin ich auf den Blues gekommen. Buchstäblich. Vielleicht lag es an der Sendung über den afroamerikanischen Schriftsteller und Bürgerrechtsaktivisten James Baldwin, die ich am Radio gehört habe. Baldwin hielt sich anfangs der Fünfzigerjahre drei Mal in Leukerbad auf, um da seinen Roman Go tell it on the Montain zu Ende zu schreiben. Er kam im Februar an, alles war verschneit, seine schwarze Haut stach besonders hervor. Weiterlesen

Wie ich Charles Bukowski kennenlernte

Ob ich schon mal was von Bukowski gelesen hätte, fragte mich Jimmy, ein Freund, auf einer Party.
Ja, sagte ich.
Jimmy erzählte mir, Bukowski sei ein ganzer harter Typ, der im Knast gesessen und Gedichte geschrieben habe, bevor er aus dem achten Stockwerk gesprungen sei. Ich war erstaunt, denn ich meinte, Bukowski zu kennen, doch davon hatte ich noch nie etwas gehört.
Wir mussten beide lachen, als wir merkten, dass wir von zwei ganz verschiedenen Bukowskis redeten. Er von einem Amerikaner mit diesem Namen, ich von Wladimir Bukowski, einem Russen, der Opposition. Eine neue Geisteskrankheit in der Sowjetunion geschrieben hatte, ein Bericht über sowjetische Intellektuelle, die aus politischen Gründen in Irrenanstalten eingesperrt und dort als Verrückte behandelt wurden. Weiterlesen

In Alberto Giacomettis Atelier

Im Grand Hotel in Cabourg lag in der Empfangshalle die New York Times auf. Ich hätte sie nicht geöffnet, wäre nicht auf der ersten Seite der Name Alberto Giacometti gestanden. So habe ich von der Ausstellung im renovierten Jugendstilgebäude an der Pariser Rue Victor Schoelcher oben beim Friedhof Montparnasse erfahren. Man habe da auch Giacomettis Atelier nachgebildet, hieß es im Artikel. Ich fragte mich, wozu dies gut sein sollte. Auch ein Museum kann die Zerstörungen durch die Zeit nicht aufhalten.

Sicht auf Giacomettis Atelier

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Der Überlebenskünstler

Wir kamen an einem späten Nachmittag im April in Triest an.
Im Taxi sahen wir auf der einen Seite das Meer und auf der anderen die hohen Prachtbauten und Paläste des Borgo Teresiano. Triest stand bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unter österreichischer Herrschaft, die wichtigste Hafenstadt der Donaumonarchie; sie hatte damals ihre Glanzzeit und war zu Reichtum gekommen. Es gab sogar eine direkte Bahnlinie zwischen Wien und Triest.
Wir wohnten im Hotel „Continentale“ an der Via San Nicolò. Schräg gegenüber war das Buchantiquariat „Umberto Saba“. Ein dunkles Lokal mit hohen, nackten Bücherwänden. Während ich mich darin umsah, fragte ich mich, wie viele der Bücher schon in den Regalen gestanden haben mochten, als Umberto Saba die Buchhandlung 1919 gekauft hatte. Weiterlesen