Gestern Abend Prousts Mantel von Lorenza Foschini gelesen. Sie erzählt darin wie der Parfümier und Sammler Jacques Guérin zu Mantel, Möbel und zahlreichen Manuskriptseiten von Marcel Proust gekommen ist. Guérin und Proust hatten die gleiche hochempfindliche Nase. Der eine nutzte sie für seine erfolgreiche Parfumfabrikation, der andere für sein literarisches Werk. Die Autorin hat die Geschichte von jemandem gehört, der sie wiederum von jemand anderem gehört hat, dem Jacques Guérin sie erzählt hatte. Der Spiegel im Spiegel des Spiegels, mehrere Schichten von Erzählebenen. Ziemlich proustisch, das ganze.
Jacques Guèrin war seit seinem zwanzigsten Lebensjahr ein Bewunderer von Proust. 1929 litt er an einer akuten Blinddarmentzündung, sie wurde von Dr. Robert Proust, dem Bruder von Marcel, operiert. Damals war es üblich, dass man persönlich beim Arzt vorbeiging, um das Honorar zu begleichen. Professor Proust bat ihn herein und der Parfümier betrat eine große, bürgerliche Wohnung, die von scheußlichen Möbeln überladen war. Er sah einen schwarzen Schreibtisch aus Birnenholz und einen unförmigen Bücherschrank, die nicht zum Rest der Einrichtung passten. Sie hatten einst Marcel Proust gehört. Robert öffnete den Bücherschrank, der zum Bersten voll war mit Büchern, Notizheften und Manuskriptseiten und nahm eines der Hefte heraus. Guérin blätterte darin und entdeckte darin das Wort „FIN“. Ihm sofort klar, er hatte das Heft mit dem Schluss der Recherche in den Händen. Sieben Jahre später, kurz nach dem Tod von Robert Proust, sollte Guérin die beiden Möbelstücke mit zahllosen anderen erwerben. Er richtete bei sich zu Hause das Schlafzimmer von Proust ein, so wie es an der Rue Hamlin eingerichtet gewesen war. Heute kann man das Schlafzimmer im Musée Carnavalet besichtigen. Manuskripte, Notizhefte und Bücher waren aus dem Schrank entfernt worden, vieles von Marthe – Roberts Ehefrau – verbrannt worden (Briefe von Prousts Freunden und die von den Adligen und Manuskriptseiten); das behauptete sie jedenfalls. Aus Rache und um das Bild einer hochanständigen Familie aufrecht zu erhalten. Sie fand es eine Schande, dass ihr berühmter Schwager ein Homosexueller gewesen war, und es verdross sie, dass ihr Mann über viele Jahre ein Verhältnis mit einer anderen Frau hatte und dass ihre Ehe mit Robert von dessen Vater Adrien Proust arrangiert worden war, weil der ein Verhältnis mit ihrer Mutter gehabt hatte. Sie fühlte sich vom Leben betrogen, außerdem hat Robert einen schönen Teil des Vermögens, das sie in die Ehe gebracht hatte, vergeudet und vertan. Sie wollte den ganzen Proust-Krempel so rasch als möglich loswerden. Sie selber unterhielt ein sexuelles Verhältnis mit dem jungen Trödler, der ihr beim Räumen half. Jacques Guérin hatte diesen Trödler zufällig kennengelernt. Guérin war ein besessener und zwanghafter Sammler. Er rückte dem Trödler so sehr auf die Haube, dass der ihm auch den Mantel vermachte, den er sich beim Fischen auf die Knie legte, weil Marthe fand, er brauche im Boot auf dem Fluss nicht zu frieren. Es war Prousts Mantel mit dem Otterfellkragen, schmutzig, abgeschabt, die Knöpfe versetzt, aber Guérin ließ nicht locker, bis er auch den Mantel kriegte. Der Mantel ist ebenfalls im Musée Carnavalet aufbewahrt, in einer Schachtel, sicher vor Motten.
Ist es wichtig, dass Mantel, Bett, Schreibtisch usw. eines Autors gerettet und wie heilige Reliquien aufbewahrt und wie zu frommen Zwecken hervorgeholt werden? Wobei der fromme Zweck heutzutage nicht darin besteht, dass man vor dem Mantel auf die Knie fällt und ihn anbetet oder küsst, was ich noch verstehen könnte. Es leuchtet mir auch nicht ein, warum Manuskriptseiten und Notizhefte eines Autors erstanden werden, als ob sein Geist in diesen Seiten hocken und wie ein Floh auf den Besitzer überspringen würde. Ich verstehe vielleicht jene, die damit Handel betreiben und einen Gewinn für sich herausholen möchten. Aber als Reliquie? Ich besitze lieber die ganz Recherche in sauber gedruckter Form, und sei es auch nur in einer billigen Ausgabe, als eine einzige handgeschriebene Seite von Proust.
Aber der Kult um Proust scheint keine Grenzen zu kennen. Man hängt sich Proust wie eine Kette um den Hals, um literarischen Geschmack zu demonstrieren, als Gütesigel für seine eigenen hervorragenden intellektuellen Gaben.
Da gefällt mir die ambivalente Haltung des polnischen Autors Witold Gombrowicz schon besser, der sich in seinem Tagebuch fragt, ob er Proust um den Hals fallen, weil er dessen Werk „subtil und scharf wie eine Klinge, vibrierend, hart und fein“ findet oder ob er sich über dieses verzärtelte und versnobte Muttersöhnchen ärgern soll. Er bewundert Prousts Wandel von der verhätschelten Weichheit seines Lebens (Mama, Bett, Bücher, Bilder, Konversation, adlige Salons) zu jenem harten und grausamen Werk, das er mit der Recherche geschaffen hat und „das zum verborgensten Nerv der Wirklichkeit vordringt“. Gombrowicz schreibt weiter: „Man könnte sogar die Behauptung wagen, dass sich hier Krankheit in Gesundheit verwandelt. Was ja auch im Wesen der Kunst liegt. In der Kunst ist es nicht so, dass der Gesunde ein gesundes Werk schüfe und der Starke ein starkes, sondern im Gegenteil, der Kranke und Schwache hat ein besseres Gespür für das eigentliche Wesen von Gesundheit und Kraft.“
Doch Gombrowicz beklagt auch, dass Prousts Werk „eine Fundgrube der Defekte“ sei, die Mängel darin riesig und unzählig. Er führt eine ganze Latte solcher Mängel auf, die zuerst einmal nichts als Behauptungen sind. Am Schluss fragt er sich, wofür wir Proust eigentlich bewundern? „Wir bewundern ihn dafür, dass er so dreist war, empfindsam zu sein und nicht zögerte, sich als der zu zeigen, der er war – ein bisschen Frack, ein bisschen Schlafrock, mit Arzneifläschchen, eine Spur homoerotischer hysterischer Schminke, mit Nuancen, Phobien, Schwächen, Snobismen, dem ganzen Elend des zartbesaiteten Franzosen. Wir bewundern ihn, weil wir hinter diesem vergällten, sonderlichen Proust sein nacktes Menschsein entdecken, die Wahrheit seiner Leiden und die Kraft seiner Wahrhaftigkeit.“ Aber Gombrowicz wäre nicht Gombrowicz, wenn er hinter der Nacktheit nicht wieder Proust im Schlafrock sähe, im Nachthemd oder Frack mit all den Accessoires (Bettstatt, Mixturen, Nippsachen). Man fragt sich, ob da mit dem Leser Blindekuh gespielt wird. Man wisse nicht, was endgültig ist, sagt Gombrowicz, er fühlt sich in diesem Spiegelkabinett nicht wohl, in dem man die Dinge tausendfach vervielfältigt sehe. Er zieht daraus den Schluss, Proust sei ein bisschen von allem, „Tiefe und Plattitüde, Originalität und Banalität, Scharfsinn und Gutgläubigkeit …. zynisch und naiv, erlesen und unappetitlich, geschickt und plump, amüsant und langweilig, leichtfüßig und schwergewichtig“.