Man muss es sich klar vor Augen führen: Um das Jahr 1900 reist eine junge, hübsche Frau in arabischer Männerkleidung durch die algerische Wüste. Sie reist in Gesellschaft von Soldaten, Händlern und Nomaden durch Gebiete, in denen die Frau nichts zählt. Diese rauen Männer akzeptieren sie als ihresgleichen. Sie ist ungebunden und unerschrocken und will die ganze Freiheit. Zugleich verkörpert sie etwas Zielloses, Verlorenes, Gefährdetes.
„Nomadin war ich schon als Kind. … Nomadin werde ich mein ganzes Leben bleiben, verliebt in wechselhafte Horizonte, in noch unerforschte Fernen.“
Die unstillbare Sehnsucht nach dem Woanders trieb Isabelle Eberhardt auf immer abenteuerliche Pisten hinaus, nichts war Erschreckender als Untätigkeit und Erstarrung.
Ihr höchstes Glück war es, nach einer langen Wanderung auf der Türschwelle zu sitzen und im Licht der untergehenden Sonne daran zu denken, dass sie am anderen Tag neuen Landschaften entgegen ziehen wird. Sie empfand einen seltsamen Reiz darin, Dinge, die sie mochte und angenehm empfand, aufzugeben, um herauszufinden, was sich jenseits des Horizonts verbirgt. Im ursprünglichen Leben der Wüstennomaden suchte sie die Erfüllung, die die westliche Zivilisation ihr nicht bieten konnte. Sie fand bei ihnen die wilde Poesie des Unbegreiflichen. Sie war arm und anspruchslos. Eine Matte in einem maurischen Café genügte ihr als Schlafplatz. Nur zwei Dinge lagen ihr am Herzen: Reisen und Schreiben.
Ihr schmales Werk enthält Erzählungen, Tagebücher, Reiseeindrücke und Briefe. Es ist Ausdruck ihres rastlos umherirrenden Lebens. Überblumiges mischt sich darin mit genauen ethnographischen Beobachtungen und sinnlichen Natureindrücken. Es erzählt von der unbarmherzigen Wirklichkeit der Wüste und ihrer Liebe zu den Menschen da. Wenn die Texte von Autoren, die nie aus Europa hinausgekommen sind, nach Wäscheschrank duften, dann riechen ihre nach Schweiß, staubigen Straßen, Lagerfeuern und Ziegenleder. Erkenntnisse blitzen wie Edelsteine im Sand auf: „Man darf das Glück niemals suchen. Es geht an einem vorbei, doch immer in der entgegengesetzten Richtung.“ Oder: „Mir bleibt die Sonne, und die Landstraße lockt. Fast eine Philosophie könnte das sein.“
Die deutschstämmige Nathalie Eberhardt heiratete 1860 den alten russischen General Paul Karlowitsch de Moerder, einen Vertrauten des Zaren Alexander III. Aus dieser Ehe gingen die drei Kinder Niklaus, Olga und Wladimir hervor. Für sie wurde ein Hauslehrer engagiert: Alexander Trofimowski. Der ehemalige russisch-orthodoxe Priester hatte in Armenien Frau und Kinder zurückgelassen. Er war Anarchist, ein Freund Bakunins und Anhänger Tolstois; ein hochgebildeter, gutaussehender Mann. Augustin, das vierte Kind, stammte wahrscheinlich von ihm.
Madame de Moerder folgte Trofimowski ins Exil. Der General reiste hinter ihnen her. Er starb kurz darauf.
In Meyrim, einem Vorort von Genf, erwarben sie ein Haus mit einem riesigen Garten voller exotischer Gewächse, das sie „Villa Neuve“ tauften.
Die Emigrantenfamilie hatte kaum Kontakt zu den einheimischen Nachbarn, dafür war das Wohnzimmer meist voll lärmender Umstürzler und Anarchisten, die vor der zaristischen Geheimpolizei geflohen waren.
Hier kam Isabelle Eberhardt am 17. Februar 1877 zur Welt.
Vava (der Alte), wie Trofimowski in der Familie genannt wurde, hatte sie gesetzlich nie anerkannt. Im Gegensatz zu den Geschwistern, die den Tyrannen verabscheuten, kam sie, trotz seiner Sturheit und Intoleranz, gut mit ihm zurecht. Augustin, der jüngste unter den vier älteren Geschwistern, war ihr Vertrauter. Sonst war sie allein. Ein Leben lang wurde sie das Gefühl tiefer Einsamkeit nicht los. Die Einsamkeit ist eines der zentralen Themen in ihrem Werk.
Trofimowski wollte nicht, dass die Kinder eine öffentliche Schule besuchten, er unterrichtete sie selber. Isabelle lernte mit Begeisterung, und sie las viel.
Knapp zwanzig Jahre alt, reiste Isabelle mit der Mutter nach der algerischen Hafenstadt Bône, dem heutigen Annaba; Algeriens Himmel und Sonne waren als Medizin für die herzkranke Mama gedacht. Und für die junge Frau eine neue Heimat.
Drei Jahre zuvor hatte sie auf eine Anzeige im Journal de Genève geantwortet; der junge französische Offizier Eugène Letord, im Süden des Oran stationiert, suchte eine europäische Briefpartnerin. In seinen Briefen erzählt er von der Wüste Algeriens, vom Souf und dem Oran, Gebiete, die niemand so gut kennenlernen wird wie Isabelle Eberhardt.
Bône zählte damals etwa fünfzigtausend Einwohner, fast die Hälfte davon waren Europäer. Zu deren Entsetzen ließen sich die beiden Frauen in einem einfachen, weiß gestrichenen Lehmhaus am Rand des Araber-Viertels nieder. Isabelle tauschte den Damenrock mit einem weißen Burnus. In Zukunft wird sie immer arabische Männerkleidung tragen, wenn sie sich in Algerien aufhält. Mittels feuchten Bändern, die sie sich straff um die Brust wickelte, hielt sie sich den Busen klein.
Bereits als Mädchen hatte sie sich wie ein Junge gekleidet, war mit ihrem Bruder Augustin durch die Gegend von Meyrin gestreift, auf Bäume geklettert, geritten, hatte Holz gehackt und im Garten gearbeitet. Und war nicht Pierre Loti, ihr großes literarisches Vorbild, ein Verkleidungskünstler gewesen, der sich in immer neuen Kostümierungen zeigte: als Türke, Araber oder Chinese.
„Im korrekten Kleid eines jungen Mädchens hätte ich nie etwas gesehen, die Welt wäre mir verschlossen geblieben, denn das Außenleben scheint für den Mann und nicht für die Frau gemacht zu sein.“
Isabelle lernte schnell Arabisch. Laut ihrer Auskunft, sei sie und die Mutter zum Islam übergetreten. Isabelles inbrünstiges Interesse am Islam ging ebenfalls auf einen Briefkontakt zurück: Abu Naddara, ein ägyptischer Jude, Arabischlehrer und Islamspezialist, lebte in Paris im Exil.
Aufgewachsen in der atheistischen Atmosphäre russischer Revolutionäre, fand sie im muslimischen Glauben eine Religion, die ihrer gequälten Seele entsprach.
Am 28. November 1897 starb die Mutter mit neunundfünfzig Jahren an Herzversagen. Isabelle war am Boden zerstört, Mama war neben Augustin die wichtigste Person in ihrem Leben gewesen. Sie beerdigte die Mutter auf dem muslimischen Friedhof von Bône, reiste nach Algier und Tunis. Unterwegs erfuhr sie, dass ihr Bruder Wladimir sich das Leben genommen hatte, was ihre Verzweiflung noch verschlimmerte.
In Algier setzte sie sich am Morgen in die Säulenhalle der Zaouia Sidi Abdarrahman und lauschte dem Iman, abends trieb sie sich in den Bars und Bordellen des Hafenviertels herum, kiffte, trank und gebärdete sich wie der letzte Rowdy. Auch in Zukunft wird sie in den Küstenstädten ein zügelloses Leben führen; hingegen schienen Wüstenwanderungen ihr eine gewisse innere Ruhe zu bieten.
Sie nannte sich nun Si Mahmoud Es-Saâdi und gab sich als jungen tunesischen Gelehrten auf Bildungsreise aus. Es war mehr als ein Pseudonym und mehr als eine Maskerade, es war die Verwandlung in eine Person, die im Laufe der Zeit immer mehr ihre eigentliche sein wird.
Rückkehr nach Genf, um Vava zu pflegen. Er litt an Kehlkopfkrebs und war hinfällig geworden. Am 15. Mai 1899 starb er. Innerhalb von zwei Jahren hatte Isabelle drei Menschen ihrer Familie verloren; und Augustin, der Vertraute aus der Kindheit, war zu ihrer Enttäuschung in die französische Fremdenlegion eingetreten und ein gewöhnlicher junger Mann geworden. 1902 wurde die „Villa Neuve“ verkauft.
Isabelle Eberhardt reiste nach Tunis, mietete ein kleines Haus mit einer alten Dienerin und befasste sich intensiv mit arabischer Philosophie und dem Koran. Als Si Mahmoud Es-Saâdi verkleidet brach sie zu ihrer ersten großen Wüstenreise auf, in die weit im Süden gelegene Oase El Oued. Sie ritt in Begleitung von eingeborenen Kavalleristen, Legionären und einer Chaamba-Karawane, die von einem Schwarzen angeführt wurde.
Im Spätherbst war sie wieder in Europa. Dann ging sie nach Sardinien. Man hatte ihr erzählt, die Insel habe eine gewisse Ähnlichkeit mit Nordafrika. Sie fühlte sich wohl dort, aber ihr war bald klar, dass die Sahara ihre wirkliche Heimat war, dieser grenzenlose Raum, in dem sich die Dinge nur unmerklich verändern. Dem Tagebuch (Mes Journaliers) vertraut sie an:
„In diesem Augenblick habe ich nur einen Wunsch: mich so schnell wie möglich wieder in die geliebte Person zu verwandeln, die in Wirklichkeit die wahre ist, und zurückkehren nach Afrika, zu diesem Leben.“
Sie besuchte Abu Naddara in Paris und hoffte, Kontakte zu Zeitungen und Verlagen knüpfen zu können, um ihr Vagabundenleben in der Wüste mit Schreiben zu finanzieren, ohne viel Erfolg.
In El Oued, dessen Zauber sie im Jahr zuvor erlegen war, begegnete sie ihrer großen Liebe. Sliméne Ehnni war Algerier und Unteroffizier in der Kolonialarmee, ein Spahi. Dank Sliméne wurde sie in die Bruderschaft der Quadiriyya aufgenommen, einem Sufi-Orden, der im 12. Jahrhundert in Bagdad gegründet worden war. Man überreichte ihr die Gebetskette des Ordens und führte sie in die Praxis der mystischen Tänze ein.
Trotz Armut lebte Isabelle in einer träumerischen Stimmung, sie genoss das süß und träge dahin fließende Liebesleben.
Die Beziehung zwischen der Europäerin in arabischer Männerkleidung und dem eingeborenen Spahi stieß sowohl bei den Franzosen als auch bei den Einheimischen auf Ablehnung. Man hielt sie für reichlich überspannt und verdächtigte sie, eine Spionin und Aufwieglerin zu sein.
Das Liebesglück war von kurzer Dauer. Sliméne wurde nach Batna zurückbeordert. Trennung, Schulden und Krankheit drückten auf Isabelles Stimmung, sie verbrachte die Nächte mit kiffen und trinken.
Ein fanatischer Muslim verwundete sie mit einem Säbel; die über ihr gespannte Wäscheleine rettete sie vor dem tödlichen Schlag. Es folgten Spitalaufenthalt, dann Ausweisung aus Algerien. In Marseille fand sie bei ihrem Bruder Augustin Unterschlupf. Ein ganzes Jahr wird die „trostlose Verbannung“ dauern, eine Zeit des Stillstands, Verdrusses und der Monotonie. Sie wartete auf Slimène, sie wartete darauf, in die Wüste zurückkehren zu können. Sie nahm Zeichen- und Malstunden und schrieb. Die Nouvelles d’Alger veröffentlichte zwei Texte von ihr.
Der Attentäter wurde in Constantine des vorsätzlichen Mordversuches zu zwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt. Als Isabelle ihm verzieh, reduzierte das Gericht das Urteil um die Hälfte. Der Fall wurde nie aufgeklärt, Eberhardt erneut der konspirativen Tätigkeit verdächtigt und des Landes verwiesen.
Endlich traf Slimène in Marseille ein. Sie heirateten und reisten zusammen nach Paris. Jetzt war sie Französin. Man konnte sie nicht mehr so einfach aus Algerien abschieben. Sie hatten kaum Geld, und sie mussten in Marseille bleiben, bis Slimène seinen Militärdienst beendet hatte. Isabelle hasste die Armut in den Städten, denn sie bedeutete Schmutz, Lärm, Dummheit und Entwürdigung. In der Wüste dagegen entsprang die Armut einer natürlichen Bedürfnislosigkeit.
Schließlich konnte das Paar nach Algerien zurückkehren. Sie kamen in Bône bei der Familie von Slimène unter. Dank Isabelles Hilfe und Hartnäckigkeit schaffte er die Dolmetscherprüfung und hatte nun Aussicht auf einen Verwaltungsposten.
Um ihrer Niedergeschlagenheit zu entfliehen, reiste sie nach Bou-Saâda, einer Wüstenstadt, die ungefähr dreihundert Kilometer südlich von Algier in der Nähe des Salzsees El Hodna liegt. Dort besuchte sie die Zaouia El Hamel, die von Lella Zeyneb, einer Frau, geleitet wurde. Lella war fasziniert von Isabelles ruhelosem Leben als Si Mahmoud und bedauerte es, dass sie nur kurze Zeit blieb.
In Algier lernte Isabelle Victor Barrucand kennen, den Leiter der Liga für Menschenrechte und Herausgeber von L’Akhbar, einer zweisprachigen Zeitung, die eine kritische Einstellung zur Kolonialverwaltung hatte. Barrucand griff nun in die Geschicke des jungen Paares ein. Er verschaffte Slimène einen Posten in der Kolonialverwaltung von Ténès und stellte Isabelle als Mitarbeiterin des L’Akhbar ein.
Der erste journalistische Auftrag führte sie im Herbst 1903 nach Aïn Sefra im südlichen Oran. Dort versuchten französische Soldaten unter General Hubert Lyautey den Widerstand der Wüstenstämme zu brechen, die im Grenzgebiet zu Marokko operierten.
In Lyautey fand Isabelle einen Wahlverwandten; er vertrat die Idee einer friedlichen Koexistenz zwischen Franzosen und Arabern. Lyautey war zuerst irritiert, dann fasziniert von der Exzentrikerin in Männerkleidung. Er genoss die abendlichen Gespräche mit ihr. Dank seiner Protektion konnte sie im Süden des Orans frei umherstreifen.
Die rassistische Überheblichkeit der Europäer und die Konflikte zwischen Kolonialisten und Arabern sind zentrales Thema in ihren Geschichten, aber auch von Liebe und Tod ist oft darin die Rede.
Slimène und Barrucand drängten sie zur Rückkehr. Sie hielt es in Algier nicht lange aus. Nicht einmal die Liebe zu Slimène konnte sie davon abhalten, so rasch als möglich in die Wüste zurückzukehren. Wie der Vagabund in ihrer Erzählung Die Rivalin verlässt sie das häusliche Glück, um dem Ruf der Straße zu folgen.
Im Frühjahr 1904 war sie wieder im Oran. General Lyauteys Theorie der friedlichen Koexistenz hatte ein paar kräftige Dämpfer abgekriegt: Es kam immer wieder zu Kämpfen mit den rebellischen Stämmen der Grenzregion.
Isabelle brach nach Kénadsa an der marokkanischen Grenze auf, um dort die Zaouia des Marabut Sidi Brahim wuld Mohammed zu besuchen. Sie sollte im Auftrag von Lyautey den Marabut für Verhandlungen gewinnen, denn die Rebellen unterstanden seiner religiösen Obhut. Sie blieb mehrere Monate in der Zaouia, halb Gast und halb Gefangene. Über die Gespräche mit dem Marabut ist nichts bekannt. Wahrscheinlich hatte Isabelle schon auf dem Weg dorthin das Interesse an ihrer Mission verloren. Im Herbst schickte der Marabut sie zurück nach Aïn Sefra, damit sie sich im Spital behandeln ließ. Sie war krank, litt an Fieber, Schüttelfrösten und Delirien.
Am 21. Oktober 1904 verwandelte sich der ausgetrocknete Oued, der mitten durch Aïn Sefra führt, innerhalb von wenigen Minuten in einen reißenden Strom. In den Bergen waren heftige Gewitter niedergegangen. Siebenundzwanzig Menschen starben in den Schlammlawinen. Im Stadtteil, der am meisten gefährdet war, wurde komischerweise nur ein Haus zerstört. Unter den Schuttmassen fanden Soldaten die Leiche von Isabelle Eberhardt. Sie hatte das Spital vorzeitig verlassen und im ärmeren Teil der Stadt ein Lehmhaus gemietet. Auch die Metallkiste, die sie überall mit sich herumgeschleppt hatte, konnte geborgen werden. Darin hatte Isabelle ihre Manuskripte, Briefe und Notizbücher aufbewahrt. Sonst fanden die Soldaten nichts, was irgendeinen Wert gehabt hätte.