Ich war fünfzehnjährig, als ich das erste Mal mit der Weltliteratur in Berührung kam. Ich liebte den Rock n‘ Roll, Kultur ging mich nichts an. Rock n‘ Roll war ein gewaltiges und aufsässiges YEAH auf das Leben abseits des Spießermiefs der Alten.
Born to be wild hieß der bekannteste Song der amerikanischen Rockband Steppenwolf. Er ist der Haupttreiber im Roadmovie Easy Rider. Kein anderer Song drückt den Rausch der Straße besser aus: Den Motor aufheulen lassen und hinaus auf den Highway wie Blitz, Donner und Wind. Wir werden ewig jung bleiben, denn wir sind geboren, um wild zu sein.
In einer Musikzeitschrift las ich, dass die Band ihren Namen vom Titel eines Romans von Hermann Hesse hatte. Ich war erstaunt und fragte mich, was Rock n‘ Roll mit Literatur zu tun hat.
Dann erfuhr ich, dass Der Steppenwolf das Kultbuch der amerikanischen Hippies war. Der LSD-Apostel Timothy Leary hatte es zu seiner Bibel erklärt. 1969 wurden in den USA vom Taschenbuch monatlich über 360‘000 Stück verkauft.
Später wollte ich das Buch unbedingt lesen. Ich ging in eine Buchhandlung und fragte danach. Es war nicht vorrätig und musste bestellt werden. Ein paar Tage später stand ich wieder im Laden, um es abzuholen. Die Buchhändlerin händigte mir einen Band Gedichte von Hermann Hesse aus. Ich war irritiert und fand es komisch, tat aber so, als ob es das richtige wäre, bezahlte und verließ den Laden mit den Hesse-Gedichten. Noch heute rätsle ich darüber, weshalb ich nichts gesagt hatte. Was wäre aus mir geworden, wenn ich den Steppenwolf mit siebzehn gelesen hätte. Wäre ich dann auch Trotzkist geworden? Harry Haller suchte das Heil nicht bei den Bolschewiken.
Es sollten wieder ein paar Jahre vergehen, bis ich das Buch endlich las, und zwar für den Literaturunterricht in der Berufsschule. Ich war Buchhändler-Lehrling im zweiten Jahr.
Herr Walser, der uns Literaturunterricht gab, war selber Buchhändler, ein Enthusiast. Er war etwas über fünfzig, mager, hatte rabenschwarzes Haar. Oft hingen ihm ein paar Strähnen wie Federn in die Stirn. Stets trug er einen Cordanzug. Wenn er eine Kreide in die Hand nahm, um etwas an die Wandtafel zu schreiben, fielen mir seine roten Handballen auf. Er war schon sehr krank, der Unterricht fiel oft aus.
Für Herr Walser diente Lesen keinem bestimmten Zweck, er sah es als eine ständige Erweiterung des Geistes, eine Bereicherung der Lebens- und Glücksmöglichkeiten, Erfüllung und Antrieb in einem. Wirkliche Belesenheit bleibt nirgends stehen, sie ist ständig unterwegs, ziel- und zeitlos zugleich. Es geht weder um die Steigerung bestimmter Fähigkeiten oder Leistungen noch um materiellen Erfolg. Lesen sollte einfach Freude machen.
Wir sollten selber entdecken, was gut und was weniger gut war und was sich für uns zu lesen lohnte. Herr Walser wollte den Hunger in uns wecken, stillen mussten wir ihn selber. Es lag ihm nichts an einem profunden literaturgeschichtlichen Wissen, Daten und Klassifikationen bedeuteten ihm ebenso wenig wie Interpretationen. Wichtig war, dass wir ein Gefühl für den unendlichen Strom der Gedanken, Bilder und Erfahrungen in Büchern entwickelten, für die Kraft und die Schönheit der Sprache, dass wir ein lebendiges Denken pflegten und nicht totes Wissen stapelten. In seinen Augen waren Prüfungen und Schulnoten im Literaturunterricht absurd, Neugier und Begeisterung für Bücher konnten nicht benotet werden. Da er aber Noten abliefern musste, sollten wir sie uns selber geben.
Herr Walser hatte eine Schwäche für die Moderne. Uns war es recht, so brauchten wir uns nicht mit den verstaubten Schwarten vergangener Jahrhunderte abzuplagen. Bei jedem Autor, der an der Reihe war, sollten wir mindestens ein Buch lesen und es im Unterricht vorstellen. Als Hermann Hesse dran war, wählte ich Der Steppenwolf.
Ich sog das Buch auf wie ein Süchtiger seine Kokslinie.
„Es ging nicht um Pfennige, es ging um die Sterne.“
Solche Sätze haben mich damals begeistert.
Und begeistert hat mich auch Harry Haller, der Held des Buches, Einzelgänger und gesellschaftlicher Außenseiter.
Haller ist klug, gebildet und sehr belesen, Kenner orientalischer Mythen, ein Bewunderer von Goethe und Nietzsche. Die Kulturwelt ist für ihn ein Friedhof. Er ist Kriegsgegner und hat eine Abneigung gegen den ganzen technischen Fortschritt. Die Spießigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, in der alles auf Norm, Zwang, Arbeit und Wohlstand ausgerichtet ist, verabscheut er.
Die Großtuereien der Wissenschaften und Künste ekeln ihn an. Seine Anschauungen, sein Geschmack, sein Denken, womit er einst als begabter und beliebter Mann geglänzt hat, sind jetzt „verwahrlost und verwildert und den Leuten verdächtig“.
Er hat nie gelernt, „mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein“. Vielleicht ist er in seinem tiefsten Inneren gar kein Mensch, „sondern ein Wolf aus der Steppe“, von Geburt an ein wildes Tier, zu einem Menschen verzaubert, oder als Mensch mit der Seele eines Steppenwolfes geboren worden? Doch Mensch und Tier harmonieren nicht in ihm, sie liegen oft im Streit miteinander.
Für neun oder zehn Monate mietet er zwei Mansardenzimmer bei einer alleinstehenden Hausbesitzerin, der „Tante“. Sie führt am Rand einer mittelgroßen Stadt ein gutbürgerliches Mehrfamilienhaus. Das Haus ist sauber und ordentlich. Die Treppe riecht nach Bodenwichse und Reinlichkeit, genau wie Haller es mag.
Sein Leben ist das Gegenteil von dem, was er schätzt. Er steht spät auf. Wenn er nicht in die Bibliotheken geht, um sich mit alten Büchern zu beschäftigen, verbummelt er seine Tage. Abends sitzt er in den Kneipen und trinkt ordentlich Wein. Auch zu Hause hat er stets eine Korbflasche mit Wein herumstehen, unter seinem Mantel versteckt, schmuggelt er sie das Treppenhaus hoch. In seinen zwei Zimmern liegen Bücher und Zeitungen verstreut herum, die Aschenbecher quellen über.
Er hat etwas Tieftrauriges; Ekel und Verzweiflung plagen ihn, er verspürt Todessehnsucht und Todesfurcht zugleich. Er denkt oft an Selbstmord (Rasiermesser oder Revolver).
Am Tiefpunkt seines Lebens lernt Haller die Kurtisane Hermine kennen, ein hermaphroditisches Wesen. Sie verkörpert all das, was dem verkorksten Randgänger abgeht: Sinnlichkeit, Lebenslust, Freude an den einfachen Dingen wie Essen und Sex, sie versteht „das kleine Spiel des Augenblicks“. Bei ihm sei das Geistige hochgebildet, meint Hermine, aber in den kleinen Lebenskünsten sei er weit zurückgeblieben.
Dieser einsame und vergeistigte Mann gerät nun in einen Strudel aus Jazz, Lärm, Sex und Drogen. Hermine lernt ihn zu tanzen, zu lachen, vergnügt und dumm zu sein, Dinge, die seiner gedankenvollen Ernsthaftigkeit zuwiderlaufen. Sie verkuppelt ihn mit der schönen Maria. Mit Maria verbringt der Fünfzigjährige viele heiße Liebesstunden. Das Zusammensein mit Maria hat für ihn etwas Schönes und Entzückendes, aber es genügt ihm nicht. Er sehnt sich nach dem Unglück, will „mit Begier leiden“ und „mit Wollust sterben“, Zufriedenheit ist keine Speise für ihn.
Wenn er durch die nächtlichen Straßen streift, flackert auf einer Kirchenmauer eine „tanzende Lichtschrift“ auf: „Magisches Theater. Nicht für jedermann! Nur für Verrückte!“
Am Ende des Buches, nach einem ausgelassenen Ball, auf dem Haller wie ein Wilder zu Jazzmusik tanzt, betritt er das Magische Theater. Im halbrunden Saal gibt es eine Tür an der anderen, jede ist beschriftet. Zuerst wählt er die, auf der steht: „Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile“, dann die mit „Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit. Erfolg garantiert“, als dritte „Wunder der Steppenwolfdressur“ und schließlich „Alle Mädchen sind dein“. Im Drogenrausch ersticht er Hermine mit einem Messer, die nackt neben Pablo, dem hübschen Saxophonisten, liegt. Für diese Tat wird er zum ewigen Leben verurteilt. Er soll das Lachen lernen und das, was Humor ist.
Als ich das Buch las, wurde mir klar, was die Hippies angeturnt hatte. Ihr Love-& Peace-Gedöns passten gut zu seinem Pazifismus, und sie teilten seine kritische Haltung gegenüber technischem Fortschritt und Wissenschaft. Er beschäftigte sich eingehend mit dem indischen Götterhimmel, die Hippies pilgerten nach Indien, um dort die Glückseligkeit zu finden. Seine Abneigung gegen Staat, Familie und Religion fand bei ihnen ein großes Echo. Haller hält sich an den Wein, erst am Schluss des Buches kommt er mit Drogen in Berührung. Der krasseste Unterschied findet man wohl in der Musik. Haller liebt Mozart und Bach, da findet er die Reinheit der Musik, Brahms und Wagner haben für ihn bereits etwas gemästetes, Jazz ist nichts als Lärm. Von der Krachmusik der Steppenwolf hätte er wohl einen Schlaganfall gekriegt.