Ein magischer Ort

An einem stürmischen Märzmorgen 1929 geht ein neunzehnjähriger Junge in Hoboken an Bord des Linienschiffes Rijndam, das seine letzte Transatlantikfahrt macht. Die Eltern wissen nichts davon. Zu einem Reisepass ist er durch den Meineid einer Bekannten der Familie gekommen.
Er hat fünfundzwanzig Dollar in der Tasche und drei Empfehlungsschreiben, die ihn bei hilfsbereiten Damen einführen sollen. In Paris vermittelt ihm eine der drei Damen Arbeit als Telefonist beim Paris Herald, eine ermüdende Sache, es wird perfektes Französisch erwartet, eine zweite bietet ihm Essen und Unterkunft an. Als er eine beträchtliche Summe Geld erhält, gibt er seinen Job beim Paris Herald auf und fährt zum Wandern ins Elsass und in den Schwarzwald. Mit einem amerikanischen Couturier reist er nach St. Moritz, Italien, Nizza und Deauville. Nach fünf Monaten kehrt er nach New York zurück.

Fast vierzig Jahre lang wird der amerikanische Komponist und Schriftsteller Paul Bowles unterwegs sein: Mittel- und Südamerika, Europa, Indien, Ceylon, Thailand und immer wieder Nordafrika. Er wollte nichts anderes als fortwährend reisen. Er war restless, unvoreingenommen, neugierig, entdeckerfreudig. Er sog fremde Welten in sich auf, ohne den Anspruch zu haben, alles verstehen zu müssen.
Er überliess das Reisen dem Zufall, seine einzige Furcht war, dass es nicht von Dauer sein könnte. Er fuhr jeweils los, ohne zu wissen, wie lange er fortbleiben wird. Hotelreservationen hätten die Idee vom Abenteuer gestört. Er nahm lieber unkomfortable Behausungen in Kauf, in denen es von Insekten wimmelte und der Ventilator nicht funktionierte, als dass er eine Reise im Voraus organisiert hätte.

Für Bowles waren die großen Dampfschiffe mit ihrer Gemächlichkeit und dem Luxus, den sie in der Regel boten, das Symbol des wirklichen Reisens. Es störte ihn nicht, wenn eine Fahrt mehrere Wochen dauerte. Die Zeit, die man unterwegs ist, hat in seinen Augen genau so viel Bedeutung wie der Ort, an den man hinfährt. Und er konnte Gepäck im großen Stil mit sich führen! Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein, wenn er an einen fremden Ort kam und eine ganze Karawane von Trägern mit seinem Gepäck hinter ihm her ging. Oft hatte er ein Dutzend oder mehr Koffer mit sich. Das Ende der Linienschiffe war auch das Ende seiner Reisen.
Er war auf der Suche nach Orten, zu denen er sich spontan hingezogen fühlte, die in ihm etwas Verborgenes berührten, Landschaften, die seinen inneren entsprachen.
„Wie jeder Romantiker hatte ich stets vermutet, dass ich eines Tages an einen magischen Ort kommen würde, der mir durch die Offenbarung seiner Geheimnisse Weisheit und Ekstase schenken würde, vielleicht sogar den Tod.“

Paul Bowles, am 30. Dezember 1910 auf Long Island geboren, war ein frühreifes, hochbegabtes Kind, das lesen konnte, bevor es zur Schule ging und zwei Klassen übersprang; seine Begabung für Musik und Schreiben zeigte sich früh. Als Kind verbrachte er die meiste Zeit zu Hause bei der Mutter, andere Kinder lernte er erst kennen, als er zur Schule musste. Sie irritierten ihn. Sie waren laut, grausam und vorwitzig. Zu Hause hatte er gelernt, still und für sich zu sein. Der konservative Vater, ein Zahnarzt, tyrannisierte ihn mit sinnlosen Verhaltensregeln. Er gab dem Sohn die Schuld für die anfällige Gesundheit der Mutter; sie litt zeitlebens unter den Nachwirkungen der Geburt ihres einzigen Kindes.

Paul wollte Komponist werden. Die Eltern beharrten darauf, dass er sein Studium an der University of Virginia wieder aufnahm, nachdem er aus Paris zurückgekommen war. Man sah ihn dort nicht oft, die meiste Zeit verbrachte er auf Wanderungen in den Ragged Mountains.

Aaron Copland war bereit, ihm Kompositionsunterricht zu geben. Dann schlug Copland ihm Nadja Boulanger in Paris vor. Die neue Klasse fing erst im Herbst an. Paul reiste sofort ab, er mochte nicht solange warten. In Paris besuchte er Gertrude Stein und Alice Toklas, die ihn „Freddy“ nannten. Sie hielten ihn für ein Muttersöhnchen und einen „handgearbeiteten Wilden“ zugleich.
Bowles reiste mit Copland nach Berlin. Er bezog ein kleines Zimmer in Berlin-Mitte, während Copland im Norden der Stadt im Haus des Dichters Alfred Kreymbourg wohnte. Jeden Tag fuhr Bowles an den Stadtrand hinaus, um sich von Copland in Komposition unterrichten zu lassen. „Ich studierte, komponierte und machte mich immer wieder aus dem Staub“, schreibt er in seiner Autobiographie Without Stopping, 1972 erschienen. Für Coplands Begriffe machte sich Paul etwas zu oft aus dem Staub. In München hörte er sich Strawinskys Aufführung des Ödipus Rex an, dann fuhr er nach Salzburg und auf der Rückreise machte er einen kleinen Umweg über Ommen in Holland, um Jiddu Krishnamurti zu sehen. In Hannover besuchte er den Dadaisten Kurt Schwitters.
Dann gingen er und Copland nach Paris, um Gertrude Stein zu fragen, wo sie ihren Sommerurlaub verbringen sollten. Sie empfahl Tanger. „Freddy“ wusste zwar nicht, wo Tanger lag, aber der Name gefiel ihm.

Als sie auf einem Schiff der algerischen Küste entlang nach Tanger fuhren, packte ihn angesichts der zerklüfteten Bergkette eine starke Erregung, die er sich nicht erklären konnte, ein Glücksgefühl, das sich steigerte, je näher sie der Küste kamen.
Tanger, die „windzerzauste, blaue“ Stadt, Schnittpunkt zwischen der afrikanischen und der europäischen Kultur, wurde für Bowles einer jener magischen Orte, nach denen er suchte. Das war letztlich der Grund, warum er sich da niederließ.

Copland langweilte sich bald in Marokko und ging nach Berlin zurück. Für Bowles wurde das Land eine Obsession, dessen Geheimnis er ergründen wollte.
Im November meldete er sich mit Verspätung bei Nadja Boulanger. Sie war nicht gewillt, ihn noch in die Klasse aufzunehmen, also reiste er wieder nach Marokko.
In Agadir steckte er sich mit Typhus an, der erst erkannt wurde, als er wieder in Paris war. Es gab damals noch keine Behandlungsmethoden, man steckte den Patienten ins Bett und hoffte, dass das Fieber sank und der Patient aus seiner Betäubung erwachte.

Als er sich soweit erholt hatte, dass er wieder reisen konnte, nahm er in Marseille ein Schiff nach Algier. Auf der Überfahrt erzählte ihm jemand von der außergewöhnlichen Schönheit der Wüstenoase Ghardaïa. In Algier brach er sofort Richtung Süden auf: nach Ghardaïa.
Die Sahara überwältigte ihn, diese erbarmungslose Landschaft geformt aus Sand, Sonne, Hitze, Himmel und Stille. Die Einsamkeit der endlosen Weiten erzeugte in ihm eine ungewöhnliche Leere.
Im Winter ist es auch in der Wüste kalt. Bowles versuchte seinen Raum mit einem Mijmah zu heizen, einem Gasofen, der für Nachtlager im Freien und nicht für geschlossene Räume geeignet ist. Sein Diener rettete ihn im letzten Moment vor dem Erstickungstod. Im komfortablen Hotel Transatlantique in Laghouat wartete er den Frühling ab. Er las Le Temps retrouvé von Proust und komponierte auf dem Harmonium der Kirche der Pères Blancs die profane Kantate Par le détroit (Durch die Meerenge).

Das Jahr 1935 war für Paul Bowles ein Tiefpunkt. Es waren keine Reisen in Sicht! In musikalischer Hinsicht dagegen wurden die kommenden Jahre seine produktivsten und erfolgreichsten. Er avancierte in New York zu einem begehrten Komponisten, der die Musik für zahlreiche Filme, Theateraufführungen und Broadwaystücke schrieb. Er arbeitete mit Orson Welles, Tennessee Williams, Leonard Bernstein und dem Choreographen Merce Cunningham zusammen.
Anfangs 1937 reiste Bowles mit dem Maler Kristians Tonny und dessen Frau Marie Claire nach Mexiko. Auch Kristians Tonny hatte in Paris zum Kreis von Gertrude Stein gehört und war von ihr ebenfalls nach Tanger geschickt worden. Kurz vor der Abreise lernte Bowles auf einer Haschparty in Harlem Jane Auer kennen, eine junge, exzentrische Frau, die unbedingt mit nach Mexiko wollte. Der Trip wurde ein Fiasko. Kristians und Jane konnten sich nicht ausstehen. Die Busreise setzte Jane so zu, dass sie in Mexiko-City ein Flugzeug nahm und zurückflog.

Am 21. Februar 1938 heirateten Paul Bowles und Jane Auer. Sie hatten sich nach der misslungenen Reise nach Mexiko regelmäßig getroffen und aneinander Gefallen gefunden. Sie waren sehr verschieden, intellektuell fühlten sie sich aber auf der gleichen Wellenlänge. Wenige Tage nach der Hochzeit reiste das Paar nach Südamerika und über Barbados nach Frankreich.
In Paris lebte Jane ihr eigenes Leben. Sie trank viel, verkehrte in teuren Bars für Homosexuelle und kam erst spät nachts nach Hause, was zu schrecklichen Streitereien bei dem jungen Paar führte. Paul setzte auf Disziplin und ein geregeltes Leben, um Arbeiten zu können. Da ihn das Verhalten von Jane nervte, verschwand er nach Saint-Tropez, vermisste sie aber bald und bat sie, ebenfalls an die Côte d’ Azur zu kommen. Es kam zur Versöhnung und zu neuen Streitereien. In ihrem Roman Two Serious Ladies, den Jane in Paris begonnen hatte, erzählt sie einiges von den Schwierigkeiten, die sie miteinander hatten.

Der Krieg kam, Überseereisen wurden schwierig. Bowles hielt sich jedes Jahr für ein paar Monate in Mexiko auf, meist ohne Jane. Auch später wird er oft ohne sie reisen. Es spielte für sie keine Rolle, wo sie lebte, aber sie hatte eine Abneigung gegen seine Rastlosigkeit.
Im Sommer 1947 reiste er nach dreizehn Jahren wieder nach Marokko. Er war der „Gebrauchsmusik“ überdrüssig, „ständig mit dem beschäftigt zu sein, was andere ihm in Auftrag gaben“.
Er bekam einen Vorschuss für einen geplanten Roman. Von Anfang an war ihm klar, dass das Buch in der Sahara handeln musste, wo es nur den Himmel als Schutz gab. Das Gerüst dazu hatte er noch in den Vereinigten Staaten entworfen.
Er bereiste die Sahara in alle Richtungen und schrieb. Die Reiseroute im Buch, die in Oran beginnt, ist erfunden, die Ortsnamen verfremdet und die Landschaft ist primär von den Farben seiner Vorstellungskraft geprägt, aber die einzelnen Szenen im Buch entsprechen Situationen, die er unterwegs erlebt hat.
Die Geschichte handelt von Kit und Porter Moresby, einem amerikanischen Paar, das eine Reise in die algerische Sahara macht, um in der Wüste die westlich Zivilisation abzustreifen und ein authentischeres und ursprünglicheres Leben zu finden. Porter Moresby stirbt in der Wüste an Typhus, seine Frau Kit wird von Beduinen in ein Harem verschleppt und versklavt. Als sie merkt, dass ihr Entführer das Interesse an ihr verliert, flüchtet sie und wird wie durch ein Wunder gerettet. In den Straßen Orans verschwindet sie für immer, sie ist vollkommen verrückt geworden.
The Sheltering Sky
erschien 1949 in London. Doubleday in New York hatte das Manuskript abgelehnt, weil es ihrer Meinung nach kein Roman war.

Bowles hat vier Romane, zahlreiche Reiseberichte und ungefähr achtzig Erzählungen geschrieben. Er gewährt keiner seiner Figuren das Glück, das er selber erfahren hatte, nämlich vierzig Jahre lang reisen zu können und an fremden Landschaften zu wachsen. Sie sind meistens Gefangene ihrer Herkunft, die für andere Kulturen wenig Verständnis haben, sie schleppen „ihr eigenes, armes, hoffnungslos einzelnes Ich“ mit sich herum und rennen ihrem Untergang entgegen, sei es aus Ignoranz, Dummheit oder Mangel an innerer Kraft. Am Übelsten geht es dem Professor, einem Linguisten, in der Geschichte Eine ferne Episode. Auf der Suche nach maghrebinischen Dialekten wird ihm die Zunge herausgeschnitten.

Als das Manuskript fertig war, ging er nach Tanger, wo Jane auf ihn wartete. Sie hatte den Herbst in Paris verbracht und an der École de Langues Orientales Arabisch gelernt. Sie reisten zwischen Tanger, Fez, Rabat und Marrakesch hin und her und sammelten Eindrücke von Städten, Landschaften und Bewohnern.
Tanger war zu jener Zeit „internationale Zone“ und entzog sich damit jeglicher staatlicher Kontrolle. Dieser Sonderstatus lockte zahlreiche dubiose Geldinstitute, Agenten, Schmuggler, Künstler, Schriftsteller und Exzentriker an. Höhepunkt war der Sommer 1949 mit seinen verrückten Nächten, den Soireen, Cocktailpartys, Musiksessions. Es herrschte größte intellektuelle und sexuelle Freiheit. Unter den Scharen junger Amerikaner tauchten Truman Capote, Gore Vidal, Tennessee Williams, Cecil Beaton in der weißen Stadt auf. Später erschienen die Beatniks. Der heroinsüchtige William S. Burroughs schrieb hier Naked Lunch.

Inspiriert durch die Lektüre Un Barbare en Asie von Henry Michaux, reiste Bowles im Winter 1949 nach Ceylon und Indien. Er blieb ein halbes Jahr, obwohl ihn Chaos, Schmutz und Lärm in den indischen Städten anekelten. Auf der Schiffsreise begann er mit seinem zweiten Roman Let It Come Down (So mag er fallen), die Geschichte eines New Yorker Bankers, der in Tanger Glück, Freiheit und Ekstase sucht und ins Verderben rennt.

Im Januar 1952 reiste Bowles für achtzig Pfund erster Klasse nach Bombay. Er nahm Ahmed Yacoubi mit, einen jungen Marokkaner, den er in Tanger kennengelernt hatte. Jane war für die Uraufführung ihres Stückes In the Summer House nach New York gereist. Nachdem Bowles und Yacoubi Tausende von Meilen kreuz und quer durch Indien gereist waren, wurden sie plötzlich verhaftet und in ein „Internierungslager“ gesteckt, das die ceylonesische Regierung auf indischem Boden unterhielt; nach achtundvierzig Stunden waren sie wieder auf freiem Fuß, ohne den Grund für ihre Verhaftung zu erfahren.

In Fez begann er seinen dritten Roman Spider’s House, den er in Ceylon beendete, wohin er mit Jane und Ahmed Yacoubi gereist war. Er kaufte die Insel Taprobane an der Südspitze von Ceylon. Jane reiste vorzeitig ab. Sie vertrug das feuchtheiße Klima nicht, die Insel und das Haus mit der riesigen Kuppel und dem windigen Wohnsaal waren für sie ein einziger Alptraum. Bowles und Yacoubi kehrten über Singapur, Hongkong und Kyoto zurück nach Tanger.
Ende 1956 gingen sie erneut nach Colombo und verkauften die Insel wieder. Als sie im April 1957 heimkehrten, mussten sie infolge der Suez-Krise um das Kap Horn reisen. In Las Palmas erfuhr Paul, dass Jane einen Schlaganfall erlitten hat, der ihr Sprechvermögen lähmte. Sie ist 39 Jahre alt. Sie wird nur noch wenig schreiben. Behandlungen in London, den USA und in Frankreich hatten wenig Erfolg. Die letzten sechs Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einer psychiatrischen Anstalt in Málaga, wenn irgendwie möglich, holte Paul sie nach Tanger oder ging mit ihr nach Amerika.

Mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung reiste er mit Christopher Wanklyn und Mohammed Larbi zusammen durch den Hohen Atlas und in die nördlichen Ausläufer der Sahara. Für die Library of Congress in Washington nahmen sie traditionelle Berbermusik auf, sofern in den Dörfern Strom vorhanden war und die örtlichen Behörden es erlaubten.

Es war nicht seine Absicht, den Rest seines Lebens in Tanger zu verbringen, es hat sich einfach so ergeben. Nach dem Tod von Jane wurde das Bedürfnis zu reisen kleiner. Als er eines Tages wieder unterwegs war, musste er schockiert feststellen, dass es immer mehr Menschen auf der Welt gab, das Reisen unbequemer und die Orte hässlicher geworden waren. Wohin er auch ging, er sehnte sich bald wieder nach Tanger zurück.
Er schrieb nur noch wenig und wandte sich neuen Projekten zu: er machte Übersetzungen ins Englische (z.B. von Isabelle Eberhardt Die Vergessenssucher) und nahm die mündlich vorgetragenen Geschichten marokkanischer Erzähler (die wenigsten von ihnen konnten schreiben) auf Tonband auf, transkribierte und übertrug sie ins Englische.