Ein fiebriger, unruhiger Geist – dieser Blaise Cendrars. Abenteurer, Weltreisender, Vagabund. Er war stets auf zwei Kontinenten unterwegs, auf allen Meeren und in allen Häfen der Welt. Du Monde entier heißt einer seiner Gedichtbände: Die ganze Welt! Er probierte vieles aus, zahlreiche Berufe, ohne dass sie ihn wirklich ausgefüllt hätten. Immer waren da ein Gefühl des Mangels und die Angst, woanders etwas Wichtigeres zu verpassen. Sein Reisefieber bezeichnete er als unheilbar.
Die ungewöhnliche, zerklüftete Physiognomie seines Gesichts ist wie eine Land- oder Reisekarte, eine Relief fremder und vertrauter Landschaften zugleich; es manifestiert Ruhelosigkeit und Konzentration in einem.
Cendrars spielte das Leben gerne gegen das Schreiben aus. Zuerst das Leben, dann das Schreiben. Leben bedeutete für ihn Unterwegssein, Herumzigeunern, ausgefallenen Stoffen nachstellen. Er war dem Geheimnis des Lebens auf der Spur, das ihm immer ein paar Meilen vorauseilte. Er habe seine Bücher „zwischen zwei Schiffen oder zwei Zügen“ geschrieben, auf der Durchreise, auch wenn er dafür ein paar Jahre blieb. Seine Bücher beginnen damit, dass er gerade von Irgendwoher angekommen oder gerade im Begriff ist, nach Irgendwohin aufzubrechen.
1903 reißt der junge Frédéderic Louis Sauser – so hieß er eigentlich – von zu Hause aus. Nach Russland. Er ist sechzehnjährig. Im Gymnasium in La-Chaux-des-Fonds ist Freddy vor allem durch die zahllosen Absenzen aufgefallen. In St. Petersburg arbeitet er drei Jahre lang beim Juwelenhändler Rogowin. In den freien Minuten liest er wie ein Besessener. Vielleicht ist er tatsächlich bis nach China gekommen, wie das Gedicht Prose du Transsibérien suggeriert, dessen Erscheinen 1913 in den avantgardistischen Kreisen in Paris wie eine Bombe einschlägt. Guillaume Apollinaire, Pablo Picasso und Ferdinand Légèr waren begeistert.
Nach seiner Rückkehr aus Russland studiert er Medizin an der Universität Bern. Dann Philosophie und Literatur. Der Universitätsalltag mit seinen Vorlesungen, der Pflichtlektüre und den Wasserleichen in den Seziersälen wurde ihm bald zu blöd. Neben all den Dingen, mit denen wir Sesshaften zufrieden sind, gibt es etwas, von dem wir keine Ahnung haben. Erst wenn dieser Rastlose alles aufgegeben hat und sich auf der Straße wiederfindet, ist er bei sich selbst angekommen. Bald ist er von neuem unterwegs.
Er findet Arbeit als Statist im Théâtre de la Monnaie in Brüssel.
Henry Miller, selber ein ruheloser Geist, war wohl einer der ersten gewesen, der Cendrars Wesensart vollkommen erfasst hat: „Die Reiserouten seiner Wanderungen sind schwerer zu verfolgen als die Marco Polos, dessen Bahn er, durch Zufall, einige Male gekreuzt zu haben scheint. …. Cendrars gebraucht das Wort „Grenze“ nie. Er sagt „Längengrad“ und „Breitengrad“. Er informiert sich über Klima, Bodenbeschaffenheit, Ernährung usw. Er ist so natürlich, dass einem bange wird.“
Blaise Cendrars hatte keinen Hang zum Exotismus. Die wilden Bergvölker im Hindukusch übten keine Anziehung auf ihn aus, ebenso wenig die Indianerstämme im Amazonas oder das alte China. Er war begeistert von der modernen Zivilisation, dem technischen Fortschritt. Junge Städte wie Saõ Paulo strahlten für ihn eine magische Frische aus; Städte, die rasant wuchsen, alles Neue aufgesogen und sofort wieder ausgespuckten, wenn etwas anderes angesagt war. Il faut être absolut modern. Blaise Cendrars war ein Romantiker mit einer Ingenieurseele, ohne viel von Technik zu verstehen. Er liebte Autos, Filme, Dampfschiffe, Metros, Eisenbahnen, Wolkenkratzer, geteerte Straßen, Tankstellen. Mit der Natur hatte er nicht viel am Hut. Sie war ihm unheimlich. Eine Bedrohung. Vielleicht ein schöner Sonnenuntergang vor der Küste Brasiliens. Seine Romanhelden sind Abenteurer, Ausbeuternaturen, Eroberer, Macher, Verlierer. Dan Yack, der Held des gleichnamigen Romans, wollte reich werden und eine moderne Zivilisation am Südpol gründen. Moravagine war Anarchist, Terrorist, Mörder.
Ostern in New York. 1912. Das war die Geburtsstunde des Dichters Blaise Cendrars. In der riesigen Metropole hatte er außer den Fingernägeln nichts zum Beißen. Das Gedicht entstand in einem luziden Schauer des Hungers, am Tiefpunkt seiner Existenz. In den Schluchten von New York, die alles Moderne verkörperte – vertikale Konstruktion, Stahl, Glas, Organisation, Geldflüsse, Logistik, Welthandel –, entdeckte der junge Dichter seine Stimme, irgendwo zwischen dem verschwenderischen Luxus der Upper East Side und den Notunterkünften von Ellis Island. In diesem langen Gedicht wird Einsamkeit und Verlorenheit im hektischen Geschiebe der Großstadt mit der Passionsgeschichte verknüpft.
Viele Jahre später schrieb er Gleitflug, eine Hymne auf die Piloten, dem modernsten Beruf damals. Ein Beruf, der technische Errungenschaften mit dem Unterwegssein verbindet. Neben dem Lockführer und dem Lastwagenfahrer ist der Pilot ein neuer Menschentyp, ein Arbeiter, der sein Geld verdient, in dem er sich fortbewegt. Das Wort, das mit dieser Tätigkeit verknüpft ist, heißt TRANSPORT: Ware und Menschen.
Im Sommer 1912 kehrte Blaise Cendrars von New York heim. Nach Paris. Paris wird fortan sein Heimathafen sein, den er bei jeder Rückkehr ansteuert. Die Schweiz hat keine Bedeutung mehr für ihn. Von da aus geht er nach Antwerpen. Ein Jahr zuvor war er nochmals in St. Petersburg gewesen, um seine Bücher einzusammeln und zu verschiffen. Zehn Kisten voll.
Die Hafenbehörde von Antwerpen hatte ihn schon mehrmals aufgefordert, die Bücher auszulösen, andernfalls würden sie öffentlich versteigert. Er hatte sie „unfrei“ auf einem Frachtdampfer verschifft, der nach Antwerpen fuhr. „Unfrei“ hieß, dass die Frachtkosten erst beim Empfang der Ware zu entrichten waren. Das Dumme war, Blaise Cendrars hatte kein Geld.
Er hoffte, die Bücher bei der Versteigerung für einen Bruchteil der Transportkosten ergattern zu können. Es war nicht anzunehmen, dass die Händler im Hafen von Antwerpen, die ihre Geschäfte mit versteigerter Ware machten, ein großes Interesse an Büchern hatten. Cendrars engagierte seinen Kumpan Korsakow, einen russischen Ganoven aus der Falschmünzer-Bar an der Rue Cujas. Mit dem Russen teilte er „einen Gräuel vor der Arbeit“ und die Kunst des Vagabundierens.
Hungrig und schlecht rasiert lungerten sie an den Hafenquais von Antwerpen herum und warteten darauf, dass es endlich zur Versteigerung der Bücher kam. In der größten Not schickte Cendrars seinen Kumpanen mit einer Ausgabe des Großen Testaments von François Villon aus dem Jahr 1532, die er ständig mit sich herumtrug, zu einem Antiquar, um sie zu verhökern. Korsakow wäre nicht Korsakow gewesen, hätte er bei dieser Transaktion nicht gemerkt, welchen Wert Bücher haben können. Er trickste Cendrars aus. Mit Hilfe fremden Geldes gelang es ihm, Cendrars Kostbarkeiten auszulösen und an Sammler und Liebhaber in Amsterdam, Antwerpen und Brüssel zu verkaufen, ohne dass Cendrars nur einen Sous davon gesehen hat.
1914 meldet Cendrars sich als Freiwilliger bei der französischen Armee. Den Boches muss man es zeigen! Am 28. September 1915 reißt eine Granate ihm den rechten Arm ab. Der Stumpf verheilt. Er muss alles neu lernen. Mit der linken Hand. Die Kriegsverletzung hatte auf seine Ruhelosigkeit keinen Einfluss.
Zum rastlosen Leben kam „die Rastlosigkeit des Geistes“.
Von den Büchern war er genauso besessen wie vom Reisen. Er war ein manischer Leser, ein Bücherfresser. Auf seinen Reisen schleppte er ganze Kisten voll mit sich herum. Er fand sie in vergessenen Bibliotheken, in alten Schlössern, bei den Bouquinisten an der Seine, bei Buchhändlern in der Provinz, Besessene wie er selber. Nicht nur im Leben, sondern auch in geistigen Dingen wollte Cendrars sich keiner Disziplin unterordnen, seine Interessen waren breit gefächert. Er wollte ungebunden sein, fürs Reisen, für die nächtlichen Streifzüge durch fremde Städte und für eine Lektüre, die ihm zusagte. Wo es ihn hinzog, waren Bahnhöfe und Buchhandlungen Orte, denen er nicht ausweichen konnte.
Überall, in allen Situationen, verschlang er, was ihm in die Hände fiel. Die Bücher waren seine Droge, er war ein Junkie der gedruckten Seite, hoffnungslos süchtig, ein demokratischer dazu, er kannte keine Hierarchie des Geschmacks, keine Kluft zwischen ernster und unterhaltender Literatur. Es war eine hungrige, wahllose Lektüre, ohne System und Methode, ebenso groß wie sein Hunger auf Welt. In den Radiogesprächen, die Michel Manoll 1950 mit Cendrars geführt und die unter dem Titel Am Mikrophon als Buch erschienen, zählt er einiges davon auf: Gérard de Nerval, Guillaume Apollinaire, Arthur Rimbaud, die heilige Theresia von Avila, die Abenteuergeschichten des Kapitäns Lacroix („ein alter Matrose, und seine Bücher sind ein Genuss“), Repertoire gèneral du tarif (Allgemeiner Zolltarif), 2 folio-4°-Bände, 5 Kilogramm schwer, die Patrologie von Mignes („um das Vokabular der Kirchenväter nicht zu vergessen“).
In vielem gleicht er Thomas Platter, einem „Vorfahren“, der das Lesen der Freiheit der Schweizer Berge vorgezogen hatte.
„Thomas Platter (1499 – 1582), ein Ziegenhirt, flüchtete mit vierzehn Jahren aus den Walliser Alpen in die Stadt, um lesen und schreiben zu lernen. Er wurde ein fahrender Schüler, der durch Deutschland, Polen und Ungarn wanderte, den Beruf des Seilers erlernte, in Basel Hebräisch studierte, Kontakt zu Erasmus von Rotterdam, Ulrich Zwingli und Jean Calvin hatte, dessen Christianae religionis institutio er 1536 veröffentlichte und seine lange Laufbahn eines autodidaktischen humanistischen Gelehrten als Rektor des Basler Gymnasiums beschloss.“
Cendrars hat eine Reihe von Sätzen formuliert, die typisch sind für seinen ruhelosen Charakter. Man zitiert sie immer, wenn man von diesem Gnostiker der Straße spricht:
„Ich habe die Lust an der Weite entdeckt, am Reisen. Es ist mir zuwider eingesperrt zu sein.“
„Wenn man sich weit herumgetrieben hat, durch alle Bücher und Menschen, hat man von Zeit zu Zeit einen Ruhetag nötig.“
„Wenn du liebst, musst du reisen.“
„Es ist besser, ein Vagabund zu sein.“
„Ich bin kein Dichter. Ich bin Lebemann. Ich habe keine feste Arbeitsmethode. Ich habe ein Geschlecht.“
„Ich bin unterwegs. Ich bin immer unterwegs gewesen, weit weg vom Montmartre.“
„Abenteuer ist kein Roman, wie manche meinen. Man kann es nicht in den Büchern kennen lernen. Abenteuer ist immer etwas Erlebtes, und um es kennen zu lernen, muss man vor allem fähig und tüchtig sein, es zu erleben, es furchtlos zu erleben.“
„Jedes Leben ist nur Gedicht, Bewegung. Und ich bin nur Wort, Verb, Tiefe, im ursprünglichsten, mystischen, lebendigsten Sinn.“
Das Leben von Blaise Cendrars gab Anlass zu wilden Spekulationen, zu neidischen und bösen Seitenhieben. Vieles von dem, was er erzählte, wollte man nicht glauben. Er galt als Aufschneider. Als Phantast. Darin glich er dem Vater, einem rastlosen Erfinder, der hintereinander in Neapel, Hamburg und Alexandria Bankrott gegangen war, bevor er sich in La-Chaux-de-Fonds niederließ. Man hat Cendrars oft den Vorwurf gemacht, in seinen Büchern zu flunkern, die Dinge aufzubauschen, mehr zu erzählen, als er tatsächlich erlebt habe. Ein Vorwurf, den auch Marco Polo zu hören bekam. Man vergisst dabei, dass Reisende auch große Reisende in der Phantasie sind. Und in seiner Phantasie haben sich die Bilder der Welt verdichtet. Man weiß nie so recht, woran man bei ihm ist. Nimmt dieser Legendenstricker einem auf den Arm oder entspricht das Erzählte tatsächlich den Fakten. Bei seiner Flucht als Sechzehnjähriger, zum Beispiel, die ihn nach Russland und später nach China führte, streitet man sich heute noch, ob er tatsächlich erst sechzehnjährig gewesen und ob er wirklich abgehauen war oder ob der Vater die Reise dank seinem großen Beziehungsgeflecht arrangiert hatte. Eigentlich spielt es keine Rolle, ob es Erfindung oder Wahrheit ist. Die Geschichte ist Cendrars auf jeden Fall wie auf den Leib geschnitten, sie passt zu ihm, sie ist ein Teil von ihm und somit ein Stück Wahrheit. Als Leser wird man von der Freiheit berührt, die eine solche Geschichte ausdrückt, der Gier auf Leben, dem Ungestüm, dem Fieber, der Rastlosigkeit.
Die Wahrheit eines Lebens wird erst sichtbar, wenn es erzählt wird. Dabei müssen verschiedene Grade von Wahrheit unterschieden werden, verschiedene Stufen würden die Esoteriker sagen. Man kann ein Leben den Fakten entlang erzählen. Das ist sozusagen die niedrigste Form von Wahrheit. Auch in den Fakten gibt es immer ein Stück Fiktion. Man legt sich vieles zurecht, weil man sich nicht mehr richtig erinnern kann, oder weil man sich nicht mehr richtig erinnern will; das Erfundene klingt auf jeden Fall besser als die dürren Tatsachen.
Dichtung heißt verdichten. Mit der Verdichtung der Fakten wird eine höhere Form von Wahrheit erzeugt. Der Prozess des Verdichtens verlangt Fingerspitzengefühl. Denn die Gefahr ist groß, dass plötzlich Lügengespinste anstelle der Wahrheit sichtbar werden. Die entscheidende Frage ist die, ob das erzählte Leben zu einer Person passt oder nicht. Ob Blaise Cendrars das Blaue vom Himmel lügt, ist nicht entscheidend, sondern, ob das, was er erzählt, ein Stück von ihm ist, ob das für ihn möglich gewesen wäre.