Ich hielt mich für ein paar Tage in Lissabon auf, bevor ich in den Norden Portugals reiste.
Am Rande des Bairo Alto, hoch über der Avenida da Liberdade, hatte ich eine Jazz-Bar entdeckt, in der Live-Musik gespielt wurde. Ich lernte da einen Typen kennen, der Wolf Wondratschek aufs Haar glich. Er sagte, er heiße Helmut Krause. Er sei Journalist und arbeite für LUI. Genau wie Wondratschek auch. Vielleicht mussten die Journis, die für LUI arbeiteten, alle wie Wondratschek aussehen, dachte ich. Wir sind dann auf Wondratschek zu reden gekommen. Er kannte ihn gut, sie wohnten beide in München. Im Schwabing-Viertel. Er bewunderte ihn sehr. Ich kannte nur die Reportagen-Sammlung Menschen, Orte, Fäuste. Helmut fand die Story über Max Schelling übertrieben, Schelling sei nie der geniale Boxer gewesen, als den ihn Wondratschek dargestellt habe.
Ich erzählte Helmut von den Fischern in Sètubal. Sobald ein Boot am Quai festmache, fahre ein Kleinlaster mit leeren Kisten heran. Die Fischer legen ein schmales Brett vom Boot hinüber zum Quai. Es dient als Steg. Aus dem Schiffsbauch wird ein Korb voller Fische nach dem andren gehievt. Männer in beutliger Hose und halboffenem Hemd nehmen den Korb in Empfang, setzen ihn auf den Kopf, balancieren geschickt über das Brett zum Kleinlaster und kippen die glänzenden Leiber in eine der parat stehenden Kisten. Damit das blutige Wasser, das aus dem Korb rinnt, ihnen nicht den Nacken und Rücken hinab läuft, setzen sie einen breiten Sombrero aus Plastik auf. Sobald eine Kiste voll ist, wird sie mit Eis bedeckt und auf den Laster gewuchtet. Alles geht sehr schnell, die Männer mit den Körben auf dem Kopf rennen fast über den Steg.
Vielleicht hatte die Geschichte Helmut beeindruckt. Er fragte, ob er mitkommen dürfe, als ich ihm sagte, dass ich am anderen Morgen nach Sètubal ginge. Wir verabredeten uns um neun Uhr beim Brunnen unten auf dem Rossio. Helmut erschien nicht. Vielleicht hatte sich Wondratschek verschlafen. Mir war es recht. Am liebsten bin ich allein unterwegs. Dann sind alle Antennen ausgefahren, die Sensoren stehen auf Empfang. Allein nimmt man viel mehr wahr. In Gesellschaft ist man unachtsam und verschwatzt die meiste Zeit.
Am Abend begegnete ich Helmut wieder. Er entschuldigte sich lauwarm dafür, dass er am Morgen nicht aufgetaucht war. Ich führte ihn ins Fragil, damals eine der heißesten Discos in Lissabon.
Was ich am nächsten Tag vorhätte, wollte er wissen. Nichts Besonderes, gab ich zur Antwort, durch die Stadt bummeln oder so. Ich verschwieg ihm, dass ich zum Cabo da Roca wollte, dem westlichsten Punkt Europas, wo die Wellen mit unglaublicher Wucht gegen die Felsen schlagen. Wir sahen uns auch am dritten Abend wieder. Aber ich weiß nicht mehr, wo. Dann reiste ich ab, nach Viana do Castelo, ohne Helmut etwas davon zu sagen.
Ich wollte zu jenen Orten fahren, an denen Sophia und ich auf unserer langen Reise durch Portugal glücklich gewesen waren. In meiner Erinnerung strahlten diese Orte einen eigentümlich glimmenden Glanz aus. Jetzt musste ich feststellen, dass der Glanz verblasst war, der Zauber erloschen. Manchmal hielt ich es an einem Ort, an dem Sophia und ich länger als eine Woche geblieben waren, nur ein paar Stunden aus. Ich nahm den nächsten Bus und fuhr weiter. Dadurch bekam der Trip ein erschreckendes Tempo im Vergleich zur gemächlichen Winterreise von damals. In Bezug auf Sophia durfte ich mir keine Hoffnungen mehr machen. Für sie war alles unwiderruflich vorbei. Das hat sie mir in aller Deutlichkeit gesagt. Hätte es mir etwas genützt, wie der Konsul Geoffrey Firmin in Unter dem Vulkan (das einzige Buch, das ich mit auf die Reise genommen hatte) zur Jungfrau der einsamen Herzen zu beten, damit Sophia zu mir zurückkommt, in den Kirchen Kerzen anzuzünden? Oder wie der Konsul mein Liebesunglück in zahllosen Schnäpsen ertränken?
Paradoxerweise wurde meine Suche nach der verlorenen Liebe immer mehr eine des Abschieds.
In Viana do Castelo stieg ich den Weg hoch, der zwischen Steinmauern und von hohen Bäumen überschatteten Gärten zur Wallfahrtskirche Santa Luzia hinaufführt. Dort oben hat man eine wunderbare Sicht auf die Mündung des Rio Lima. Die Kirche ist nichts Besonderes, aber die Farben der Fenster haben eine unglaubliche Leuchtkraft, dass es eine Lust ist. Sophia und ich sind oft hier oben gewesen.
In Porto blieb ich eine Nacht. Ich besuchte das Museum Nacional de Soares dos Reis. Ich wollte die Bilder von Henrique Pousão wieder sehen. Sie haben mit ihrem raffinierten Spiel von Licht und Schatten eine unbegreifliche Ausstrahlung, der Lebenshunger des Tuberkulosekranken kommt darin zum Ausdruck. Am Abend ging ich mit einem Schweizer, den ich zufällig kennengelernt hatte, in eine Portweinbar. Wir tranken uns durch alle Farben und Jahrgänge: der Portwein verändert mit dem Alter seine Farbe.
Als ich am nächsten Tag in der Lokalbahn das Douro-Tal hinauf fuhr, sonderte mein Körper einen süßlich-klebrigen Schweiß ab. Zwei Frauen (Mutter und Tochter, wie ich erfuhr) setzten sich ins Abteil und fingen ein Gespräch mit mir an. Ich sagte ihnen, das Sprechen mache mir Mühe, ich sei krank. Sie hatten Mitleid mit mir und gaben mir allerlei Ratschläge.
In Bragança, das ganz in den Bergen liegt, wurde es am Abend angenehm kühl. Ich schlenderte durch die Straßen des kleinen Städtchens, aus dem einst die Königsfamilie Portugals stammte, und genoss die Kühle des Abends. Zwei junge Frauen sprachen mich an. Vielleicht hätte sich etwas ergeben, aber ich hatte wenig Lust dazu. Am anderen Tag hatte ich es eilig, von hier fortzukommen.
In Viseu stieg ich zur Kathedrale hoch. Es war ein windiger und sonniger Tag. Ein Hochzeitspaar kam aus dem Portal. Die Menschen auf dem Vorplatz jubelten ihnen zu und bewarfen sie mit Reiskörnern. Ich schaute eine Weile zu, der Gedanke an die Trennung von Sophia überwältigte mich, ich eilte die engen Gassen hinab zum Busbahnhof und stieg in den nächstbesten Bus. Er fuhr nach Coimbra, der alten Universitätsstadt am Rio Mondego. Aber auch hier lauerten mir die Erinnerungen an Sophia auf. Also stieg ich wieder in einen Bus und fuhr über Leiria nach Eriçeira.
Eriçeira ist ein kleines Städtchen auf den Klippen. Hier waren Sophia und ich nie gewesen. Es gefiel mir auf Anhieb. In einer kleinen Pension fand ich ein einfaches Zimmer. Am Morgen ging ich in ein Lokal auf dem Hauptplatz, trank Milchkaffee und aß geröstetes Brot, das vor Butter triefte. Dann brach ich zu einem langen Spaziergang über die Klippen auf. Ich genoss den Wind, der mir ins Gesicht blies, sah wie die Wellen gegen die Klippen schlugen, lauschte auf das Geräusch, das sie dabei machten.
Am Nachmittag setzte ich mich wieder in das Café und zog Unter dem Vulkan hervor. Endlich hatte ich Zeit für diese Symphonie des Todes, in der die Spinette der Finsternis klagten. Geschrieben hat es Malcolm Lowry, ein englischer Schriftsteller, wie die Beatles aus Liverpool stammend. Er hat es sich abgerungen in langen Stunden der Nüchternheit, denn die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens war er betrunken gewesen. Er schrieb es in einer Squatterhütte, die ein paar Meilen außerhalb von Vancouver an der Meeresküste stand, wo er und Margerie, seine zweite Frau, Zuflucht gefunden hatten.
Nachdem Malcolm Lowry aus Mexiko ausgewiesen worden war, hielt er sich in Los Angeles auf. Dort lernte er Margerie Bonner kennen, eine ehemalige Darstellerin in Stummfilmen, Sekretärin beim Film und Krimiautorin. Lowry war finanziell vom Vater anhängig. Seine Schriftstellerei brachte ihm nichts ein. Er musste weiter nach Vancouver, um ein neues Visum für die Staaten zu beantragen. Als er in die USA zurück wollte, wurde ihm die Einreise wegen Trunkenheit verweigert. Margerie gab ihre Stelle beim Film auf und reiste nach Kanada.
Eines Nachts ging die Hütte in Flammen auf. Um ein Haar wäre das beinahe fertige Manuskript verbrannt. Margerie konnte es im letzten Moment vor den Flammen retten. Sie hatte auch bei der Ausarbeitung des Manuskripts geholfen, ohne sie wäre es wohl nie fertig geworden.
Da fiel mir wieder ein, dass es in Menschen, Orte, Fäuste zwei Reportagen über Malcolm Lowry gab. In der ersten macht sich Wolf Wondratschek in Mexiko auf Spurensuche. Lowry und seine erste Frau, Jan Gabrial, waren 1936 von Los Angeles nach Mexiko gereist. Sie mieteten in Cuernavaca einen Bungalow. Es war der letzte Versuch einer Aussöhnung zwischen ihnen. Jan Gabrial erwartete, dass er das Saufen aufgab und auf Entzug ginge. Zunächst einmal verschwand er in einer Cantina. Das Problem musste bei ein paar Gläsern Mescal gründlich durchdacht werden. Jan Gabrial verließ ihn. Jetzt kannte sein Saufen kein Halten mehr. In Oaxaca wurde er als Spion verdächtigt und für mehr als zwei Wochen eingelocht. Es war schlimmer als der schlimmste Entzug. Er delirierte und wollte streben.
Der Jahrhundertroman Unter dem Vulkan handelt an einem einzigen Tag, an Allerseelen 1938, dem Tag der Toten. Dieser Tag wird ein ganzes Leben andauern. Der Schauplatz heißt Quauhnahuac, das ist der aztekische Name von Cuernavaca. „In Quauhnahuac gibt es achtzehn Kirchen und siebenundfünfzig Cantinas.“ In der Ferne sind die beiden Vulkane Popocatepetl und Ixtaccihuatl zu sehen, Symbole für zwei Liebende, die nie zusammenkommen werden.
Erzählt wird die Geschichte einer Ehe mit tragischem Ende, die des englischen Konsuls Geoffrey Firmin und seiner Frau Yvonne, einer Schauspielerin. Wie Jan Gabrial hat Yvonne ihren Mann verlassen, weil sie seine ewige Sauferei nicht mehr ertrug. Im Gegensatz zu Jan Gabrial, kehrt Yvonne zu Geoffrey zurück. Großbritannien hat die Konsulate in Mexiko geschlossen und das Personal aufgefordert, heimzukehren. Der Konsul bleibt. Nirgendwo auf der Welt ist der Schnaps so günstig wie hier in Mexiko. Er fühlt sich nur nüchtern, wenn er genug getrunken hat.
Als Yvonne aus dem Taxi steigt, hört sie eine mächtige Männerstimme durch das offene Fenster der Bar des Hotels Bella Vista, die ihr bekannt vorkommt aber nicht sofort erkennt. Es ist die Stimme ihres Mannes, Geoffrey Firmin. Er ist die ganze Nacht auf einem Ball gewesen. Jetzt sitzt er in der Bar und erzählt dem Kellner etwas von einer Leiche, die per Express über die Grenze befördert werden soll. Es ist früher Morgen. Die eine Hälfte des Platzes liegt noch im Schatten. Yvonne zögert, die Bar zu betreten, denn sie denkt, sie sei voller Männer. Sie geht trotzdem hinein. Die Bar ist leer. Auf einem Hocker sitzt ihr Mann an der Theke, einen Drink vor sich, er hat keine Socken an. Dann sieht Yvonne noch eine zweite Person im Halbdunkel der Bar. Eine alte Frau, sie hat Dominosteine und ein lebendes Hühnchen vor sich auf dem Tisch.
Was nun folgt, bestimmt den Verlauf des ganzen Romans. Es findet keine stürmische Wiederbegegnung statt, sie fallen sich nicht um den Hals. Sie küssen sich nicht einmal. Geoffrey wendet den Kopf, als Yvonne die Bar betritt. Er blinzelt sie an, als ob sie ein Gespenst wäre, es ist nicht klar, ob er sie sofort wiedererkennt. Es ist eine Begegnung, die keine ist. Man hat den Eindruck, da gehen zwei Schlafwandler aufeinander zu; gefangen in ihren Wunschträumen, verpassen sie einander. Auch als sie zusammen nach Hause gehen, in die Calle Nicaragua, ist eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen da. Yvonne fragt, was mit ihren Briefen passiert sei, der Konsul weicht aus. „Es war, als irrte ihre Liebe über eine trostlose Kaktusebene, weit fort von hier, verloren, strauchelnd und stürzend.“
Ein Jahr lang ist Yvonne fort gewesen. Sie hat ihren Mann verlassen und die Scheidung eingereicht. Nun ist sie zurückgekommen, in der Hoffnung, dass mit der Rückkehr alles anders würde. Er hat sich nach ihr verzehrt, seinen Kummer in zahllosen Schnäpsen ertränkt und in der Kirche zur Jungfrau der einsamen Herzen gebetet, damit Yvonne zu ihm zurückkomme. Sie hat ihm einen Brief nach dem anderen geschrieben, ohne dass er ihr ein einziges Mal geantwortet hätte, er hat die Briefe nicht einmal geöffnet.
Das Flugzeug, mit dem Yvonne von Acapulco nach Quauhnahuac geflogen war, wird als kleiner, roter Teufel beschrieben. Im ersten Kapitel sitzt der kleine rote Teufel mit einem Dreizack auf der Etikette einer Flasche Anis-Schnaps, die von zwei Herren geleert wird. Es ist ebenfalls der 1. November, bloß ein Jahr später. Die zwei Männer haben zusammen Tennis gespielt. Jetzt sitzen sie auf der Terrasse des Kasinos, das sich am Stadtrand von Quauhnahuac befindet, und trinken Anis. Einer der beiden heißt Dr. Arturo Diaz, ein mexikanischer Arzt, der gerne trinkt und ein Freund des Konsuls war. Der andere heißt Jacques Laruelle, ein französischer Filmregisseur, der schon lange keinen Film mehr gedreht hat und der den Konsul von früher Jugend an gekannt und ein Verhältnis mit Yvonne gehabt hatte. Sie können nicht verstehen, warum Yvonne zum Konsul zurückgekehrt war. Außerdem hielt sich im Jahr zuvor Geoffreys Halbbruder Hugh ebenfalls in Quauhnahuac auf, ein als Cowboy verkleideter Salon-Marxist, der ein schlechtes Gewissen hatte, weil er nicht in Spanien war und auf der Seite der Republikaner gegen die Franquisten kämpfte. Die mexikanischen Behörden legten ihm nahe, das Land umgehend zu verlassen, wenn ihm sein Leben lieb war. Wir erfahren auch, dass Yvonne und Geoffrey tot sind.
Im Farolito, dem „Paradies der Verzweiflung“, einer abseits gelegenen Spelunke, hört der Konsul ein ständiges Ticken, von dem er nicht weiß, ob es von seinem Herzen oder von einer Wanduhr kommt. Mittlerweile ist es Abend geworden. Ein Gewitter geht nieder. Er ist mit Yvonne und Hugh zusammen an einem Stierkampf in Tomalin gewesen. Dort hat er sich in Zorn und Streit hineingeredet und ist davon gelaufen. Sein eigenes Gesicht starrt ihn „streng, vertraut und unheilverkündend“ aus dem Spiegel hinter der Bar an. Er examiniert die Flaschen auf dem Regal. Da steht sie wieder, die „große gerillte Flasche Anís del Mono“, auf dem Etikett der rote Teufel, der Geoffrey mit einem Dreizack bedroht. Als der Konsul aus dem Fenster des Farolitos blickt, sieht er den Popocatepetl in den gewitterigen Abendhimmel ragen. Er hat das Gefühl, dass die Bar an der Barranca unmittelbar zu Füssen des Vulkans stünde. Der Kellner legt ihm ein Bündel Briefe, das von einem Gummiband zusammengehalten wird, auf Theke. Yvonnes Briefe. Sie waren ihm aus der Jackentasche gefallen, als er bei der Hure Maria gewesen war. Das Lokal füllt es sich mit Männern der Militärpolizei. In einer Ecke sitzt wieder die alte Frau aus der Bella Vista Bar mit den Dominosteinen und dem Hühnchen auf dem Tisch. Sie warnt den Konsul, aber in seinem Delirium scheint er nicht mitzubekommen, was sie meint.
Der Konsul geht vor die Tür des Farolitos. Er tätschelt dem Pferd, das dort angebunden ist, den Hals. Es ist der Schimmel, dem wir im Laufe des Tages schon mehrmals begegnet sind. Einer der Militärpolizisten folgt ihm. Ob er das Pferd klauen wolle, fragt der Polizist. Er hält den Konsul für einen Spion, einen „Spinntzel“ und erschießt ihn. Ob dem Schuss reißt sich das Pferd los. Es rast den schmalen Waldpfad hinab und überrennt Yvonne, die mit Hugh den Weg hochhastet, auf der Suche nach dem Konsul.
Je tiefer ich in diese Säuferhölle hinabstieg, umso nüchterner wurde ich. Wenn mir das Ganze zu viel wurde, klappte ich das Buch zu und wanderte nochmals über die Klippen, die in der Abendsonne so anders wirkten als am Morgen. Das Gehen machte die Schritte leichter. Der Wind fegte mein Hirn gründlich aus.