Gammler-Lokale

Hubert Fichte hatte seine Palette, ich mein Café Rio. Beides Gammler-Lokale. Die Gammler sind längstens aus dem gesellschaftlichen Bild verschwunden. Einst erregten sie mit ihren Jeans, Parkas, ausgeleierten Pullovern und langen Haaren den Zorn der fleißig arbeitenden und ordentlich gekleideten Bürger.

Fichte war siebenundzwanzigjährig, als er regelmäßig in die Palette ging. Ich fünfzehn, als ich im Rio herumhing. Fichte war der Beobachter, der Forscher, der Ethnologe. Neben den Gammlern hingen Gauner, Ex-Sträflinge, Künstler, Lesben, Schwule, Tunten und Junkies in der Palette herum. Sie hatten so komische Namen wie Trippersusi (sie hat auf einer Party ein halbes Dutzend Männer angesteckt), Raimar Renaissencefürstchen, Do you know Basel, Halleluja, Blume zu Saaron. Vielleicht sind diese Namen Erfindungen von Fichte, Ausdruck seiner schillernden Sprachhaltung, wilder Rock n‘ Roll-Barock. Wollte er nicht ein Buch schreiben, das einem Kraken gleicht? Ein Wörterkrake aus der Paletten-Tiefsee, der nach allen Seiten greift, mit seinen Armen den Gammlerslang  aufwühlt. Ein telepathisch-rhythmisches Bumms-Stakkato.

Im Rio versammelten sich Teenager, Halbwüchsige wie ich selber einer war, obwohl ich mir schrecklich erwachsen vorkam. Ich saß da mit Jacky, Buwi, Rob, Dave und Werner zusammen. Jacky und Dave waren Lehrabbrecher. Also richtige Gammler. Ein halbes Jahr später saßen sie nicht mehr im Rio, sondern in der Jugendkwinde. Erziehungsanstalt hieß das, um ihnen beizubringen, was Fleiß, Durchhaltewillen und Anstand bedeutet. Faulheit war eine Straftat in der Schweiz. Buwi wusste nicht, was für eine Lehre er machen sollte, er hatte wenig Lust auf Arbeit. Werner war auf Bewährung draußen. Eine Dummheit und du bist für zwei Jahre weg, hatten die Behörden ihm gedroht. Er arbeitete in einer Landschaftsgärtnerei. Rob war Klempner-Lehrling. Er hatte mir den Klempner-Floh ins Ohr gesetzt.

Drei Jahre lang stieg Fichte regelmäßig in das Kellerlokal in der Nähe des Gänsemarktes in Hamburg hinab, dann wurde es dicht gemacht. Aus diesen Besuchen ging sein berühmtestes Buch hervor: Die Palette. Es erschien 1968 mit einem farbigen Beatcover, das er selber entworfen hatte.
Wie lange verkehrte ich im Rio an der Herthensteinstraße in Luzern? Irgendwann wurde es geschlossen. Ich ging schon eine Weile nicht mehr hin, trotzdem fand ich es schade, als ich sah, dass es das Rio nicht mehr gab.

Die Hauptfigur in Die Palette heißt Jäcki. Er ist Fichtes Spiegelbild. Er wohnt in Lockstedt und fährt mit der Straßenbahn bis zum Gänsemarkt. Die Bahn braucht zwanzig Minuten dafür. Vom Gänsemarkt bis zur Palette an der ABC-Straße sind es neunundachtzig bis hundert Schritte. Jäcki zählt auch die Stufen, die hinab ins Gammler-Lokal führen und die Besuche, die er da macht.
Ich fuhr mit dem Fahrrad nach Luzern, stellte es unter den Bögen an der Kronengasse ab, ging zu Fuß über die Reussbrücke, den Weinmarkt, die Weggisgasse und dann die Herthensteinstraße hinab. Die Schritte habe ich nie gezählt. Wenn ich im Bus der Linie Zwölf kam, stieg ich am Kasernenplatz aus. Der Bus brauchte dreizehn Minuten für die Strecke. Dann ging ich über die Totentanzbrücke und den Mühleplatz.
Fichte alias Jäcki weiß noch genau, wann er das erste Mal in der Palette gewesen ist, ich kann mich an meinen ersten Besuch im Rio nicht mehr erinnern. Beim zweiten Besuch setzt er sich zu Jürgen und Igor an den Tisch. Igor hält die Hand vor den Mund, dann kommt ein Schwall Bier aus dem Mund, spritzt über Tisch, Boden, Musikbox und die schwarze Lederhose von Barbara. Ziffra, die Kellnerin, darf Tischplatte, Boden und Musikbox sauber putzen. Jürgen ist Hafenarbeiter, also ein Freizeitgammler, genau wie ich als Klempnerlehrling einer war.

Jäcki findet die Palette das tollste Lokal der Welt. Es lohne sich in Hamburg zu leben, weil es die Palette gibt. Lohnte es sich, in Luzern zu leben, weil es das Rio gab?

Im Rio saßen auch ein paar Halbstarke herum. Das war für sie eigentlich nicht so lustig, denn im Rio wurde kein Alkohol ausgeschenkt und einfach nur hinter einer Cola zu sitzen, war für sie eine fade Sache. In der Palette gab es Stiefel, zwei Liter Bier in einem Glas, das wie ein Stiefel aussah. Das wäre was gewesen für die Halbstarken im Rio. Wenn sie zu lärmen anfingen, schmiss die Besitzerin, eine Mary-Long-Schönheit mit toupiertem Haar und runden Armen, sie aus dem Lokal. Sie duldete vieles, aber keinen Radau. Tiger und Jesse gehörten zum älteren Semester unter den Halbstarken. Beide waren zum Abwinken hohl. Tiger durfte in einem öden Schweizerfilm, für den auch ein paar Rocker engagiert worden waren, beim Hauptdarsteller hinten auf dem Motorrad sitzen. Eine Szene, die keine zehn Sekunden dauerte, aber Tiger führte sich im Rio so auf, als wäre er John Wayne persönlich. Jesse war ein ewiger Knastanwärter, man wusste nie, ob er saß oder draußen war. Einmal musste ich als Klempnerlehrling in der Küche des Stadtgefängnisses am Löwengraben eine Reparatur machen. Ich schaute aus dem Küchenfenster, das direkt auf den Gefängnishof ging, und wen sehe ich da mit anderen Insassen seine Runden drehen: Jesse. Das war komisch. Ich weiß nicht, ob er mich auch gesehen hat.

Fichte war ein elegant gekleideter Gammler, saumäßig belesen. In Die Palette spielt er immer wieder darauf an. All das superliterarische Zeug. Ich hatte keinen Schimmer von Literatur. Bücher interessierten mich damals nicht. Heute besitze ich ganze Regale voll davon. Manchmal sehne ich mich nach der Zeit, als die Straßen und die Cafés mein Leben waren. Was für Fichte die Literatur war, war für mich die Rockmusik. Ich war Rock n‘ Roll bis in meine innersten Fasern. Die Jukebox im Rio war gut sortiert, sie lief ständig. Ich meine jetzt nicht die Beatles, die waren hops, auch nicht Deep Purple. Mehr so Sachen wie The Flock mit dem Geiger Jerry Goodman, Captain Beefheart, King Crimson, der schizoparanoide Mann aus dem 21. Jahrhundert.
Die Deep Purple hatte ich live gesehen. Ian Gillen, ein blasierter Affe, legte sich mit den Hells Angels an, sie waren für den Ordnungsdienst engagiert worden. Mir wurde klar, Rockmusiker sind nicht nur Götter. Ein mäßiges Konzert. Ganz anders die Golden Earring, die vor den Deep Purple auftraten und wirklich einen drauf hatten.
Die Eltern hätten so was nie erlaubt. Ich zog meine Röhrchenjeans an, das indische T-Shirt, die Stiefel aus Krokoleder, die Jeansjacke, nahm einen dicken Pullover aus dem Schrank und schlich heimlich aus dem Haus. Der Pullover war das Wertvollste, wie sich am Konzert zeigte. In der riesigen Menschenmenge stand ich plötzlich neben einem Mädchen mit langen braunen Haaren. Wir schauten uns an, ein paar Minuten später küssten wir uns. Irgendwann hatte das Mädchen kalt, und ich gab ihm den Pullover.

Beim zwölften Besuch in der Palette bittet Do You Know Basel Jäcki um fünfzig Pfennig für Musik. Jäcki gibt sie ihm und Do You Know Basel geht zur Jukebox. Fichte sagt uns nicht, was Do You Know Basel gedrückt hat. Einmal singt Elvis King Creole, aber Jäcki hört es nicht.

„Beat und Prosa“ hieß die Lesung, die Fichte 1966 mit den Rockgruppen Ian & The Zodiacs und Ferre Grignard & Co im Star-Club veranstaltete. Er war freier Schriftsteller in der freien Hansestadt Hamburg. Er hatte bereits zwei Bücher veröffentlicht.
„Ich möchte auch mal die fünf Beatles sein“, sagte er sich und trat mit seinem Manuskript an den Bühnenrand.
Über tausend wollten rein in den Club, hunderte mussten draußen bleiben. Die Gammler aus der Palette wollte man anfänglich nicht zur Palettenlesung hereinlassen. Erst als der Autor sich neben die Kasse stellte, durften sie rein.

Jäcki beobachtet, wie Arnim und Anne im dritten Séparée knutschen und sich zwischen den Beinen fingern. Anne ist eine Allumeuse. Sie redet mit Jäcki Französisch. Sie ist Dienstmädchen und klaut der gnädigen Frau die Schlafmittel. Ein paar Tage später haut Arnim Anne so ins Gesicht, dass sie blutet. Keiner greift ein. Auch Jäcki nicht, ebenso wenig die anderen. Hätte im Rio einer ein Mädchen geschlagen, die Mary-Long-Schönheit mit den runden Armen wäre dazwischen gefahren. Der Schläger hätte Lokalverbot gekriegt, für immer.
Den Maler namens Halleluja aus der Palette ist Epileptiker, den es reizt seine Medikamente nicht zu nehmen, um wieder einmal zu spüren, wie seine Lippen zu zittern beginnen, er hinfällt und das Bewusstsein verliert.
Plötzlich heißt es, Reimar Renaissancefürstchen sitze im Knast. In der Palette weiss anfänglich niemand etwas davon. Wenn Barbara mit Männern ins Bett steigt, denkt sie an Mädchen, mit einem Mädchen im Bett, denkt sie an Männer.

Die Werkstatt von Alois Herzog & Co., wo ich meine Lehre machte, befand sich ebenfalls an der Herthensteinstraße. Drei Jahre lang stieg ich jeden Morgen in den blauen Overall. Die langen Haare passten nicht dazu. Besser gesagt, der Overall passte nicht zu den langen Haaren. Mir wurde schon bald klar, Arbeitsüberkleider waren nicht meine Zukunft. Vielleicht hätte ich besser auf meine Mutter hören und Goldschmied oder Schneider lernen sollen. Eine Schneiderlehre wäre das Schlauste gewesen, dann Designerschule und ich hätte Carl Lagerfeld den Rang abgelaufen. Das fiel mir kürzlich ein, als ich in einer Ausstellung das Bild Franz und Luciano von Franz Gertsch betrachtete. Ich kannte die beiden jungen Bohème, die darauf abgebildet sind, vom Sehen her. Sie saßen oft im Fritschi, einem verrauchten Lokal am Sternenplatz. Das war nach meiner Zeit im Rio. Mit ihrem wilden Einfallsreichtum gehörten sie einer anderen Kategorie an.

Hubert Fichte erhielt vom Rowohlt-Verlag achthundert Miesen im Monat und das drei Jahre lang, damit er in der Palette herumgammelte und darüber schrieb. Ich hatte als Klempnerlehrling im ersten Jahr einen Franken Stundenlohn. Im Sommer arbeiteten wir neuneinhalb Stunden, im Winter achteinhalb. Die Mutter verwaltete mein Geld. Wenn ich sparsam war, hatte ich Ende Woche noch etwas Taschengeld übrig, meistens fehlte es mir an Sparsamkeit. Die Cola im Rio kostete achtzig Rappen. Ich musste fast eine Stunde arbeiten, um mir eine Cola im Rio leisten zu können. Fichte rechnete aus, dass er bei zweihundert Stunden im Monat einen Stundenlohn von vier Mark hatte. Er war als freier Schriftsteller vier Mal besser dran als ich als Klempnerlehrling. Dafür durfte er sein Geld selber verwalten. Hätte Fichte nur hundertfünfzig Stunden im Monat gearbeitet, wäre sein Stundenlohn höher gewesen.

In Sesimbra, Portugal gibt Fichte der Palette den letzten Schliff. Er beobachtet wie die Fischer nachts zu den Taschenlampennuttchen draußen im Kliff gehen. Ich erinnere mich nicht mehr, wo die Huren damals in Luzern gestanden sind.
Die ABC-Straße ist inzwischen ein literarischer Schauplatz in Hamburg. An einer Hausfassade hängt eine Gedenktafel, angebracht vom städtischen Kultursenat, die daran erinnert, dass es hier einmal das Gammler-Lokal Palette gab, über das Hubert Fichte den Roman Die Palette geschrieben hat.