Weibliche Standfestigkeit

Das stärkste und tiefste, was in ihnen war, sei die Angst gewesen, erzählt Nadeschda Mandelstam in ihren Erinnerungen an Anna Achmatowa. Angst, Scham und Hilflosigkeit überschatteten alle anderen Gefühle. Sie waren stärker als Liebe oder Eifersucht.

Um die zwanzig Millionen Menschen fielen der sowjetischen Repressionsmaschinerie zum Opfer. Opfer der Idee, man müsse die Welt verändern, alle Menschen glücklich machen und paradiesische Zustände errichten. Das begann schon unter Lenin, als er 1918 den ‚Roten Terror‘ ausrief und die Tscheka, den sowjetischen Geheimdienst, schuf.
Nikolai Gumilijow, Achmatowas erster Mann, wurde 1921 wegen angeblicher Beteiligung an einer monarchistischen Verschwörung erschossen. Nikolai Punin, ihr dritter Mann, starb 1953 unter nicht geklärten Umständen im Straflager Workuta. Lew Gumilijow, ihr einziger Sohn, wurde mehrmals verhaftet und nach Sibirien deportiert. Sie rechnete jeden Augenblick damit, dass er erschossen würde. Wie tausende anderer Frauen stand sie vor Gefängnissen und Justizpalästen Schlange, um etwas über ihren Sohn zu erfahren oder Pakete für ihn aufzugeben.
Ossip Mandelstam wurde 1934 zum ersten Mal verhaftet und nach Tscherdyn, dann für drei Jahre nach Woronesch verbannt. Nadeschda folgte ihm in die Verbannung. Er hatte ein Gedicht auf Stalin geschrieben, in dem er den Despoten als Verderber und Bauernschlächter bezeichnete. Das Gedicht hat er nie veröffentlicht, es bloß einigen Freunden und Bekannten vorgetragen, einer von ihnen muss ihn verpfiffen haben. 1938 wurde er nach Sibirien deportiert, wo er an Erschöpfung, Hunger und Krankheit starb.
„Was beklagst du dich?“, fragte er Nadeschda einmal. „Vor der Dichtung hat man in unserem Land einen solchen Respekt, dass man ihretwegen tötet. An keinem anderen Ort der Welt wird ihretwegen getötet.“

Die Standfestigkeit in dieser grausamen Zeit ist für N.M. die eigentliche Großtat, eine Stärke, die sie vor allem bei Frauen beobachtete. Wobei sie sich fragte, wie sie das alles erduldet, erlitten und ertragen haben.
Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Leuten, die sofort Vermutungen anstellten, wenn jemand verhaftet wurde, war für N.M. und A.A. die Frage „Was hat er getan?“ tabu. Für sie war klar: „Sie sind alle unschuldig!“
A.A. war überzeugt, „dass die stalinistischen Hinrichtungen, die irrwitzigen Anklagen auf Sabotage, Spionage, Subversion und ähnliche Dinge von der ganzen Gesellschaft akzeptiert und unterstützt wurden, von ihr herrührten, ihr imponierten“.
Die beiden Frauen lernten aufgrund von Sprache und Verhalten zweifelhafte Bekannte von verlässlichen zu unterscheiden, die Spitzel von den Unschuldigen, von diesem Wissen hing ihr Überleben ab.

Anna Achmatowa, die Großmeisterin der modernen russischen Dichtung, lebte nach ihren eigenen Gesetzen. Als die Ärzte sie bereits aufgegeben hatten, erholte sie sich und stand vom Totenbett wieder auf. In der Zeit der Februar- und Oktober-Revolution von 1917, als die Menschen sich ereiferten und endlose Diskussionen führten, ging sie allen Disputen aus dem Weg. Noch sehr jung, schlank und biegsam wie eine Birke, schien sie mehr über den Boden zu schweben als zu gehen. Sie murmelte dabei Verse vor sich hin. Auf materielle Güter, also all das, wonach die Menschen streben, verzichtete sie von Jugend an mühelos. N.M. war überzeugt, dass die Entsagung das eigentliche Thema in Achmatowas Dichtung ist.
Obwohl es damals fast unmöglich war, Frau und Dichterin zugleich zu sein, fand A.A. die Kraft für beides, was sie zu spüren bekam. Ihre Ehemänner waren eifersüchtig auf sie. Für Nikolai Gumilijow, selber Lyriker, hatten ihre Gedichte bestenfalls eine periphere Bedeutung. Ihr zweiter Mann, Wladimir Schilejko, verbrannte Gedichte von ihr im Samowar, Nikolai Punin sagte, sie sei eine Ex-Dichterin, höchstens von lokaler Bedeutung für den Ort, wo sie aufgewachsen war.
A.A war eine ungeduldige, leidenschaftliche Frau mit den Gesten einer Halbstarken. Der ungestüme Charakter machte ihr, die sich gerne als „eine schöne, dezente, kluge Dame“ sah, regelmäßig einen Strich durch die Rechnung.
Streng und logisch denkend, wunderte sie sich darüber, wie ungenau die Menschen sprachen, wie sie in ihren Erzählungen Tatsachen verzerrten und verdrehten. Sie war unbestechlich, scharfsinnig, mutig. Zugleich neigte sie zu Rechthaberei, Unbarmherzigkeit und Eifersucht.

Geboren wurde Anna Andrejewna Gorenko, so hieß sie eigentlich, am 11. Juni 1889 in der Nähe von Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer, aufgewachsen im südlich von Petersburg gelegenen Zarskoje Selo, der Sommerresidenz der kaiserlichen Familie. Nicht dieser galt ihr Interesse, sondern der Tatsache, dass der Dichter Alexander Sergej Puschkin ein Jahrhundert zuvor da das Lyzeum besucht hatte. Puschkin war ihr Leitstern.
Mit siebzehn Jahren veröffentlichte Anna Andrejewna erste Gedichte in einer Zeitschrift.  Als der Vater davon hörte, forderte er sie auf, das unter einem Pseudonym zu tun, für eine ehrbare adlige Familie gehöre es sich nicht, sich mit Literatur zu beschäftigen. Sie besann sich auf ihre tatarischen Ahnen mütterlicherseits und nannte sich fortan „Achmatowa. „Ich bin Tschingisin“, sagte sie, nicht ohne Stolz.

Nadeschda Jakowlewna Chasina wurde am 18. Oktober 1899 in Saratow als Tochter einer jüdisch-bürgerlichen Familie geboren und wuchs in Kiew auf. Da sie oft krank war, brachten die Eltern sie zur Kur nach Deutschland, Frankreich und Italien. Sie konnte mehrere Sprachen fließend. 1919 lernte sie Ossip Mandelstam kennen, zwei Jahre später heirateten sie. Ossip erwartete, dass sich Nadeschda ihm ganz und gar unterordnete, sie wollte frei und unabhängig bleiben, mit der sexuellen Treue nahmen es beide nicht so genau.

A.A. und O.M. verband eine enge Freundschaft. Sie gehörten vor dem 1. Weltkrieg den Akmeisten an, einer Gruppe von Dichtern, die sich dem Symbolismus und Mystizismus in der russischen Dichtung widersetzten und eine klare, exakte Bildersprache forderten.
Durch Ossip lernten sich Nadeschda und Anna 1925 in einer Privatpension in Zarskoje Selo kennen. Sie wurden Freundinnen fürs Leben. Ein Jahr später gab es die Pension nicht mehr. Anna sah anfänglich in Nadeschda bloß ein Anhängsel von Ossip. Sein weiblicher Schatten. Dass man heutzutage seine Gedichte lesen kann, ist einzig und allein Nadeschda zu verdanken. Sie hatte die Gedichte auswendig gelernt und so vor dem Sicherheitsapparat gerettet. Sie fertigte heimliche Abschriften an, die sie zuverlässigen Freunden zur Aufbewahrung gab. Die Freunde schrieben sie ebenfalls ab und reichten die Abschriften an andere Freunde weiter. A.A. bezeichnete diese Zeit als „die Prä-Gutenberg-Epoche“.
N.M. muss ein phänomenales Gedächtnis besessen haben, das ihr Mann gerne anzapfte, wenn er keinen Zugriff auf Bibliotheken hatte. Dieses Gedächtnis half ihr auch, als sie Ende der Fünfzigerjahre begann, ihre Memoiren niederzuschreiben: Das Jahrhundert der Wölfe, Generation ohne Tränen. Die Erinnerungen an Anna Achmatowa galten als verschollen. Sie kamen erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder zum Vorschein.

Wenn O.M. und A.A. zusammen waren, blödelten sie so lange herum, bis Nadeschda sie zornig anfuhr. Sie schrieben ihre Gedichte erst nieder, wenn sie sie fixfertig im Kopf hatten. Wobei O.M. nur im Gehen dichten konnte. Sie lauschten auf ihre inneren Stimmen und murmelten die Gedichte vor sich hin. („Verse immerzu, ich vertreibe sie wie immer, bis ich eine wirkliche Zeile höre“, schrieb A.A. in ihr Tagebuch.) Den erlauschten Gedichten maßen sie einen höheren Stellenwert zu als jenen, die mit Könnerschaft niedergeschriebenen wurden. Im ersten Fall sei die gesamte geheime Natur des Dichters aktiv, im zweiten ist mehr Geschicklichkeit und Erlerntes wirksam.
Ihre Dichtung wurde von den kommunistischen Parteifunktionären als nicht brauchbar für den Aufbau des Sozialismus eingestuft. Zwischen 1922 und 1940 konnte A.A. keine Bücher mehr veröffentlichen.

Wenn Lydia Tschukowskaja, ebenfalls eine enge Freundin von A.A., die Dichterin besuchte, schrieb diese einige Zeilen auf ein Fetzchen Papier, sprach dabei von etwas ganz Banalem, streckte der Besucherin das Papier hin, diese lernte die Zeilen auswendig, danach verbrannte A.A. die Papierfetzen im Aschenbecher. „Das war das Ritual: Hände, Streichholz, Aschenbecher – ein schönes und bitteres Ritual“, resümierte Lydia Tschukowskaja ihre Begegnungen.

Als die deutsche Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel und Leningrad eingekesselt wurde, flohen A.A. und N.M. ins kirgisische Taschkent, wo sie bis zum Ende des Krieges blieben. Der hohe Politfunktionär Schdanow verunglimpfte sie als „Nonne und Hure, bei der sich Unzucht und Gebet vermischen“, was 1947 zum Ausschluss aus dem Schriftstellerverband führte, also Berufsverbot hieß. Erst nach Stalins Tod, in der Zeit des „Tauwetters“ konnte sie wieder veröffentlichen.

Im Alter hatte A.A. keine eigene Wohnung mehr. Im Sommer lebte sie in einer schäbigen Datscha, die ihr vom Literaturfonds zur Verfügung gestellt wurde. Brodsky und Naiman, zwei junge gefährdete Dichter aus Leningrad, besuchten sie da und taten alles für sie. A.A. wiederum setzte sich für Joseph Brodsky ein, als er zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt wurde. Im Winter zog sie von Freundin zu Freundin. Bei jeder blieb sie zwei bis drei Wochen. „Ich weiß nur, dass sie bis zum Ende ihres Lebens eine heimatlose, obdachlose, einsame Streunerin war. Offenbar ist das Dichterschicksal. Und sie hörte nicht auf, sich über ihr Schicksal zu wundern. Alle haben irgendetwas, Mann, Kinder, Arbeit, wenigstens irgendetwas oder irgendjemanden … Warum habe ich nichts?“