Kanazawa liegt im Westen von Japan, ungefähr auf der Höhe von Tokio und drei Bahnstunden nördlich von Kyoto. Wir fuhren durch weite Reisfelder und bewaldete Berge, der Meeresküste entlang, durch kleine Städte und Dörfer. Die Bauernhäuser hatten blaue Dächer.
Kanazawa besteht aus einem alten Teil mit traditionellen dunklen Holzhäusern und einem neuen aus Beton, Glas und Stahl, der das alte Viertel wie ein riesiger Ring umschließt.
Es ist der Geburtsort des japanischen Gelehrten Daisetz Teitaro Suzuki. Die Popularität des Zens im Westen geht im Wesentlichen auf ihn zurück.
Er wurde am 18.10.1870 als fünftes Kind eines Arztes geboren. Ursprünglich waren die Suzukis eine Samurai-Familie. In der Menji-Zeit verlor der japanische Adel seine Privilegien. Der Vater stirbt, als Teitaro sechs Jahre alt ist, was die Familie in finanzielle Schwierigkeiten bringt. Mit siebzehn muss er seine Schulbildung abbrechen, um sich seinen Lebensunterhalt mit Englisch-Unterricht selber zu verdienen. In der Zeit stirbt auch die Mutter. An der Waseda-Universität von Tokio studiert er westliche Sprachen und Literatur, ein Bruder unterstützt ihn finanziell. Im Engakuji-Kloster in Kamakura wird er von Shaku Soen in Zen-Buddhismus unterrichtet. Er ist einundzwanzigjährig. Er führt praktisch das Leben eines Mönches. Es war ein vier Jahre dauernder mentaler, physischer, moralischer und intellektueller Kampf, sagte er später. 1897 geht er nach Amerika, wird Assistent des Schriftstellers und Verlegers Paul Carus. Er übersetzt buddhistische Schriften ins Englische. Nach elf Jahren kehrt er nach Japan zurück, gibt Englisch und nimmt erneut Unterricht bei Shaku Soen. 1911 heiratet er die Amerikanerin Beatrice Erskine Lane. Er wird Professor für buddhistische Philosophie an der Otañi-Universität in Kyoto.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist er wieder in den USA. Seine Essays in Zen Buddhism entstehen. Er schreibt sie auf Englisch. Sie haben einen gewaltigen Einfluss auf westliche Künstler und Intellektuelle.
Am 12. Juli 1966 stirbt Suzuki fünfundneunzigjährig in einem Spital in der Nähe von Tokio.

Was ist Zen eigentlich? Wird man sich fragen.
Im Kopf hat man das Bild von Männern in schwarzen Roben und mit glänzenden Schädeln, die im Lotossitz in einer strengen Reihe auf dem Boden sitzen, der Körper aufrecht, den Blick gesenkt. Eine konzentrierte Stille herrscht in der nüchtern eingerichteten Halle, durch die mit Papier bespannten Schiebetüren fällt ein dämmeriges Licht.
Suzuki hat in seinen zahlreichen Schriften versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Er erforschte die religiösen, historischen, kulturellen und spirituellen Aspekte des Zens und beschrieb die praktischen Methoden der Zen-Schulung und des Klosterlebens, sich wohl bewusst, dass jede Antwort immer nur eine vorläufige Auskunft ist, unter der Zen hinwegtaucht. Das Ziel des Zens ist es, unser in Vernunft und Funktionalität verhaftetes Denken aufzusprengen, damit wir zu einem klaren ursprünglichen Bewusstsein kommen.
Suzuki schreibt: „In Wahrheit verhält sich Zen sehr ausweichend, wenn man es von außen her betrachtet, wenn man glaubt, einen Schimmer erhascht zu haben, so ist es schon nicht mehr da. Von ferne sieht es so leicht zugänglich aus, aber je näher man kommt, umso weiter weicht es zurück. Widmet man daher dem Zen nicht wenigstens einige Jahre ernsten Bemühens, um seine Grundprinzipien zu verstehen, so ist nicht zu erwarten, dass man einen rechten Begriff davon erhält. … Zen spottet jeder Begrifflichkeit. Das ist es, was sein Verständnis so schwer macht.“

Das Suzuki-Museum liegt in einem stillen Wohnviertel von Kanazawa am Fuß eines bewaldeten Hügels. Ein flaches Gebäude von minimalistischer Strenge. Die Strenge des Zens in Architektur visualisiert. Gebaut hat es der Architekt Yoshio Taniguchi.
Das japanische Wort ‚Mu‘ bedeutete auf Deutsch ‚Leere‘. Das Museum ist eine Verkörperung von Mu, die Leere ein zentrales Element im Zen-Buddhismus. Mu in seiner ganzen Fülle.
Es besteht aus drei Gebäuden, die durch Korridore miteinander verbunden sind. Die Gebäude sind verschiedene Bereiche unterteilt: Vestibül, Innenkorridor, Kampferbaum, Vestibülgarten, Ausstellungsraum, Lernraum, Roji-Garten, Außenkorridor, Wasserspiegel-Garten und kontemplativer Raum.
Der Wasserspiegel-Garten ist ein rechteckiges Bassin, von einer Mauer eingefasst. Das Grün des Waldes hebt sich darüber empor. An einem Ende des Beckens steht ein weißer Bau mit einem überragenden Flachdach. Er erinnert an die Steinlaternen in den alten japanischen Gärten. Vom anderen Ende sieht es so aus, als ob er auf dem Wasser schwimmen würde. Auf drei Seiten hohe Aussparungen. Im Inneren eine niedrige, hufeneisenförmige Bank aus hellem glänzendem Holz. Die Besucher setzen sich eine Weile hin und blicken auf das Wasser, in dem sich bei klarem Wetter Himmel, Gebäude, Mauer und das Grün des bewaldeten Hügels spiegeln.
An dem Tag, an dem wir das Museum besuchten, regnete es. Die Wasseroberfläche des Bassins sah wie eine weiche, dunkle Haut aus. Die Regentropfen prallten darauf ab, sprangen wie Kügelchen in die Höhe und bildeten kleine Ringe auf der Haut, wenn sie wieder zurückfielen. Ringe, die sofort von anderen abprallenden Regentropfen zerstört wurden. Ich war fasziniert von diesem Schauspiel, es war, als ob ich es das erste Mal in meinem Leben beobachten würde.
Ein länglicher, dämmriger Ausstellungsraum, glänzender Holzboden. Wer erwartet hat, dass darin haufenweise Requisiten eines langen Gelehrtenlebens ausgestellt sind, wird enttäuscht. Auch da gilt Minimalismus. Den Geist nicht unnötig belasten! Was wir abwertend Zwischenräume nennen, ist in Japan ein zentraler Aspekt der visuellen Gestaltung.
An der linken Wand ein langes verglastes Regal mit Büchern drin. Die Vitrine gegenüber ist ein beleuchtetes Rechteck, das so wirkt, als sei es aus der Dunkelheit heraus geschnitten worden. Zwei Rollenbilder hängen da drin, ein abstraktes, monochromes Bild, drei Fotos. Auf einem Foto setzt Suzuki mit einem Tuschpinsel Zeichen auf ein Blatt Papier, eine junge Frau schaut ihm dabei über die Schulter zu. Ein anderes Foto zeigt den Gelehrten bei der Lektüre, in Anzug und mit Fliege, seine buschigen Augenbrauen über der randlosen Brille. Auf einem dritten sehen wir ihn am Meer stehen. Ein weiter Sandstrand, Gräser und Radspuren darin, in der Ferne das dunkle Meer, Suzuki steht da und schaut konzentriert in die Höhe, in die leere Weite des Himmels.

Hier im Westen ist der Erfahrungsbericht Der leere Spiegel des holländischen Krimitautors Janwillem van de Wetering wohl das berühmteste Buch über Zen. Er war sechsundzwanzigjährig, als er 1958 ins Daitokuji-Kloster eintrat. Er liebte Mädchen, Reisen und Motorräder. Zugleich war er auf der Suche nach einer tieferen Wahrheit und hoffte, in einem Zen-Kloster etwas darüber zu erfahren. Der Abt verlangte, dass er mindestens acht Monate blieb. Daraus wurden fünfzehn Monate.
Der Zen-Alltag war knochenhart. Um drei Uhr morgens aufstehen, stundenlanges Meditieren mit schmerzenden Beinen und schmerzendem Rücken. Gartenarbeit in einer kauernden Haltung (einmal kickte der Vorsteher ihm den Schemel unter dem Hintern weg, auf dem er saß, um sich die Arbeit ein wenig leichter zu machen), Küchendienst, Gänge fegen, Toiletten reinigen. Das Buch ist wie ein Krimi geschrieben und zugleich mit einer Fülle von fernöstlichen Weisheiten gespickt: „Stillsitzen ist eine Methode, uns zu isolieren – nicht allein gegen das Geschehen um uns herum, sondern auch gegen das, was in unserem Inneren vor sich geht.“ „Zen-Schulung fördert das Bewusstsein, sie führt dazu, dass man sich auf alles konzentriert, was man tut, alles so gut wie möglich zu machen versucht, und sich seiner Umstände und der Rolle, die man in seiner Umwelt spielt, bewusst ist.“
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