Es war noch dunkel, als der Schnellzug nach Rennes die Gare Montparnasse verließ. Später tauchten die Umrisse der Kathedrale von Chartres in der Morgendämmerung auf.
Im blau-weißen TER, der nur aus zwei Wagen bestand, ging es über die endlos flache Beauce. Am Himmel ein paar perlmuttfarbige Wolken. Im Laufe des Tages verdichteten sie sich zu einer grauen Wolkendecke und brachten Regen. Auf dem Monitor über der Tür liefen die Namen der Orte, an denen der Zug als nächstes hielt. Nach jedem Halt verschwand ein Name und ein neuer tauchte auf.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Familie Proust einst in die schnaufende und zischende Dampfbahn gestiegen und die gleiche Strecke gefahren war, um in Illiers die Osterferien zu verbringen. Marcel war noch ein Knabe.
Sein Vater stammte aus Illiers. Wenn in der Ferne der Kirchturm auftauchte, räumten sie eilig das Gepäck zusammen und machten sich zum Aussteigen parat, denn der Zug hielt nur kurz.
Das Städtchen hieß damals einfach nur „Illiers“. Es hatte seinen Platz in der Weltliteratur noch nicht gefunden. 1971, zum hundertsten Geburtstag des Dichters, wurde der Name zu „Illiers-Combray“ erweitert. Im siebenbändigen Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit heißt der Ort nämlich „Combray“. Combray ist nicht Illiers! Aber in der Geographie von Illiers ist das Geheimnis von Combray verborgen.
Wir gingen die Avenue de la Gare hinunter, bei der Post bogen wir in die Rue de Chartres ein. Jetzt sah man den alten Kirchturm von Saint-Jacques (im Roman Saint-Hilaire). Er bildet die Achse, um die sich die ganze Recherche dreht.
Das Städtchen war wie ausgestorben, es wirkte blass, alltäglich, die Farbigkeit fehlte, die es bei der Lektüre hatte. Niedrige, zweistöckige Häuser mit wuchtigen Schieferdächern säumten die engen Straßen. Der Marktplatz vor der Kirche war klein und abschüssig, ich hatte ihn mir viel grösser vorgestellt.
Wir spazierten die Rue des Lavoirs zur Pont Vieux hinab, die über die dunkel dahinströmende Loir führt. In der Recherche heißt der Fluss Vivonne. Eigentlich ist es nur ein Flüsschen.
Der Park auf der anderen Seite der Loir war von Jules Amiot, einem Onkel von Proust, angelegt worden. Als Jules Amiot aus Algerien zurückgekehrt war, wo er sein Geld als Tuch- und Weinhändler gemacht hatte, ließ er sich in Illiers nieder und heiratete Elisabeth, die Schwester von Prousts Vater.
„PRÉ CATELAN. Jardin de Marcel Proust“ steht über dem Eingangstor.
Der Rasen unter den hohen Bäumen war mit dürrem Laub gesprenkelt. Ein Kiesweg führte zwischen sauber geschnittenen Hecken hindurch. Der dunkle Teich und die zwei schmalen Bäche waren mit einem giftgrünen Pflanzenfilm überzogen. Zwei Türmchen standen wie schiefe Bienenstöcke da. Eine alte, mit Moos überwachsene Steintreppe führte zur Lustgrotte hinauf. Etwas entfernt davon war der achteckige Backsteinbau, das „Haus des Bogenschützen“. Wo mochte Gilberte, die Tochter Swanns, gestanden haben, als Marcel sie das erste Mal sah und verwirrt war ob ihrer unanständigen Geste.
Wir gingen am oberen Ende des Parks zum Tor hinaus, durch das wohl schon die Familie Proust auf ihren Spaziergängen gegangen war.
Auf der Ebene wehte ein starker Wind: „Der Geist von Combray.“ Die Stoppelfelder dehnten sich zum dunklen Horizont hin. Ein enger Hohlweg führte am Park entlang. Der üppig aufschäumende Weißdorn, dessen „summender Duft“ den Knaben einst umhüllte, als er hinter dem Vater und dem Großvater herging, war längst verblüht. Die Apfelbäume verschwunden. Jetzt standen Einfamilienhäuser da. Zwei Männer kamen uns mit ihren Hunden entgegen.
In Combray gab es zwei Spazierwege, der eine ging Richtung Méséglise, der andere nach Guermantes. Richtung Guermantes ging die Familie nur bei gutem Wetter. Méséglise heißt in Wirklichkeit Méréglise und Guermantes steht für Saint-Émain. In der Vorstellung von Marcel führten die Wege in zwei vollkommen entgegengesetzte Richtungen. Der Weg nach Méséglise war auch der Weg zu Swann und führte oberhalb des Parks in die Ebene, der andere ging der Vivonne und dem Teich mit den Seerosen entlang Richtung Guermantes. Im siebten Band, bereits ein alter Mann, wird er zu seinem ungläubigen Erstaunen entdecken, dass die beiden Wege zusammenführen und dass der eine Ort bequem vom anderen aus zu erreichen war.
Die dahinbrausenden Autos und Lastwagen auf der schmalen Überlandstraße luden nicht gerade zu einem Spaziergang nach Mérèglise ein und der Pfad unten am Fluss endete nach ein paar hundert Metern vor einem eisernen Tor mit einem Schild dran, auf dem „Propriété privée“ stand. Wir nahmen den Feldweg, der zwischen Haselbüschen und Holunder den Hügel hinaufführte. Der Lärm von Motorrädern. Junge Männer benutzten den Weg als Motocross-Piste.
Das Haus von Onkel und Tante Amiot, wo die Familie Proust bei ihren Besuchen jeweils wohnte, steht nicht mehr an der Rue Saint-Esprit, sie heißt nun Rue du Docteur Proust. Es ist jetzt ein kleines Museum: La Maison de Tante Léonie.
Im Roman ist es das Haus der Großeltern. Tante Léonie bewohnte zwei Räume darin. Zum Haushalt gehörten auch eine Großtante, die genau wusste, was sich schickt und was nicht und zwei absonderliche alte Jungfern. Ihr Alltag war kümmerlich banal, die Gewohnheiten bizarr. Wäre da nicht Prousts großartig dahinströmende und perlende Diktion, seine virtuose Ausdrucksweise, in der Spötteleien und Zweideutigkeiten mitschwingen, man würde das Buch gleich wieder weglegen.
Wir traten durch das offene eiserne Tor in den Garten. Die kleine Glocke hing noch da, ihr scheppernder Klang hallt durch den ganzen Roman.
Ich hatte mir Garten und Haus viel grösser vorgestellt. Proust schildert die Ereignisse in Combray, so heißt der erste Teil des monumentalen Werkes, konsequent aus der Optik eines Kindes. Räume und Plätze, die für ein Kind noch weit und unermesslich wirken, schrumpfen beim Erwachsenen zur Größe eines Puppenhauses zusammen.

Das ganze Haus gleicht einem Requisitenkabinett aus der Verlorenen Zeit. Man schreitet von Raum zu Raum: die ausgestellten Dinge wirken matt und leblos, es fehlt ihnen der Glanz und die Farbigkeit, die sie bei der Lektüre ausstrahlen.
Ich betrat die helle und geräumige Küche, den „Venustempel im Kleinen, überfließend von den Opfergaben des Milchmannes, des Obst- und Gemüsehändlers“. Es war das Reich von Françoise, der langjährigen Haushälterin der Familie. Proust vergleicht ihre Kochkünste mit den Künsten Michelangelos. Ihrer Herrschaft war sie sehr ergeben, aber das hochschwangere Küchenmädchen quälte sie bis aufs Blut. Das arme Ding litt an einer Spargelallergie, die sadistische Françoise ließ es ständig Spargeln schälen. In der Familie wunderte man sich schon, weshalb es in jenem Frühling so oft Spargeln zu essen gab.
An den Wänden glänzten Kupferpfannen und auf dem Tisch standen ein Stapel blau gemusterter Teller und zwei Schalen von damals. Und die Kaffeemaschine! Für Proust sah sie wie ein Instrument aus dem chemischen Laboratorium aus, nur dass es gut roch.
Eine enge Holztreppe führte zu den oberen Räumen hinauf. Sie bildete das Mittelstück in der „Tragödie des Schlafengehens“. Marcel war ein hoch neurotisches und verzärteltes Muttersöhnchen. Sobald es Abend wurde, plagte ihn nur noch eine einzige Sorge, ob die Mutter ihm den so dringend begehrten Gutenachtkuss geben würde oder ob er ohne diese kostbare Wegzehrung zu Bett geschickt würde.
Das Zimmer von Tante Léonie hatte wabenartige Steinfliesen und eine Tapete mit Rosenmuster. Léonie war krank, ohne dass klar war, was ihr eigentlich fehlte. Nach dem Tod ihres Mannes verließ sie zuerst Combray, dann das Haus, dann das Zimmer, schließlich auch ihr Bett nicht mehr. Sie lag „einfach in einem zwischen Kummer, physischer Hinfälligkeit, Krankheit, Wahnvorstellungen und Frömmigkeit schwankenden Zustand da“.
Auf der Kommode aus Rosenholz gab es eine naturalistische Veranschaulichung der berühmtesten Passage aus Prousts Roman. Neben einer verstauben Flasche Vichy-Wasser, das die Verdauung der armen Léonie fördern sollte, stand eine Teetasse auf einem Tablett, daneben lag eines jener ovalen Sandgebäcke, die man „Petite Madelaine“ nennt, und auf einem Teller ein Häufchen Lindenblütenblätter.
Wenn Marcel am Sonntagmorgen vor dem Kirchgang das Zimmer betrat, um Tante Léonie Guten Tag zu sagen, gab sie ihm manchmal ein wenig von der Madelaine zu essen, die sie zuvor in den Lindenblütentee getunkt hatte.


Viele Jahre später, Marcel ist inzwischen erwachsen, fällt ihm diese längst vergessene Szene wieder ein. Als er an einem Wintertag durchfroren nach Hause kommt, empfiehlt ihm die Mutter, einen heißen Lindenblütentee zu trinken. Sie tischt ihm dazu auch eine Petite Madelaine auf. Der Gout des in den Tee getunkten Gebäcks erfüllt ihn mit einem unerklärlichen Glücksgefühl, einer so mächtigen Freude, dass er aufhört, sich „mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen“. Er braucht eine Weile, bis er herausfindet, woran ihn der Geschmack erinnert.
Die Vergangenheit sei nicht vergangen, so Proust, sie könne aber nicht mittels bewusster Erinnerung zurückgeholt werden. Nur der Zufall der unwillentlich ausgelösten Erinnerung könne das, durch sie fand er die lichterfüllten Gärten seiner Kindheit wieder. Jetzt wurden die Kirche, Häuser, Menschen und Spazierwege von Combray wieder lebendig. Hat Proust Recht, wenn er sagt, die wirklichen Paradiese sind diejenigen, die wir verloren haben? Könnte man den Satz nicht auch umkehren: Die wirklichen Paradiese sind die, die wir nie erreichen werden.
Der Proust-Forscher Olof Lagercrantz hält die unbewusste oder unwillentliche Erinnerung für reine Dichtung, romantischen Zauber von einem, der selber gerne Zauberer gewesen wäre. Und doch steckt eine Wahrheit darin, die nicht von der Hand zu weisen ist. Ist es nicht so, dass jeder Mensch unwillkürliche Erinnerungen kennt. Sie werden plötzlich und unerwartet durch einen Duft, einen Klang oder ein Aroma wach gerufen. Im Gegensatz zu Proust schenken wir ihnen wenig Beachtung. Die Lektüre von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist ein Appell, in uns selber zu lesen, den scheinbar unbedeutenden Dingen in unserem Leben mehr Beachtung zu schenken, die verlorenen Spuren in uns erforschen.

In Marcels Zimmer stand auf der Kommode die Laterna magica, ebenfalls ein Requisit, das eine wichtige Rolle im Roman spielt.
Vor dem Abendessen projizierte man damit Bilder aus der Geschichte von Genoveva von Brabant und Gilbert dem Bösen an die Wand, um den nervösen und hochempfindlichen Jungen zu beruhigen. Die irisierenden und bunten Bilder, die über Wand, Vorhänge und Tür flackerten, bewirkten jedoch das Gegenteil: seine Betrübnis wurde noch grösser und bitterer.
Ich öffnete das Fenster, so wie es der kleine Marcel an jenem unsäglich traurigen Abend getan hatte, als Swann zu Besuch gekommen und er ohne Gutenachtkuss der Mutter zu Bett geschickt worden war und vor lauter Kummer nicht einschlafen konnte. Ich warf einen Blick auf den Garten hinab. Wo mochte der Tisch gestanden haben, an dem die Eltern den Abend mit Swann verbrachten, während sich der Junge hier oben seiner Verzweiflung hingab.
Frische Luft strömte in den muffigen Raum. Da wusste ich, was im Haus fehlte. Nämlich all die Düfte und Gerüche, die Proust so lebhaft beschreibt und die das Haus zu einem besonderen Ort machen. Düfte, die an „Wäsche, Frühaufstehen und Frömmigkeit“ erinnern, an warmes Brot, an den Rinderbraten von Françoise und an Früchte, die in Form von Gelee „vom Obstgarten in den Schrank gewechselt haben“.
Eine zerlesene Ausgabe von François le Champi lag auf dem Nachttischchen. Das Buch erzählt die Geschichte eines Findelkindes, das am Schluss seine Pflegemutter heiratet. An jenem Abend, als Marcel zu seinem großen Kummer ohne Gutenachtkuss zu Bett geschickt worden war, trat er auf den Gang hinaus, als er hörte, dass die Eltern zu Bett gingen. Der Vater, zwar erstaunt und verärgert, als er den Kleinen dastehen sah, sagte unerwartet zur Mutter, sie solle doch mit ihm gehen, ihn trösten, sie habe ja gesagt, sie sei noch nicht müde, und der Kleine scheint großen Kummer zu haben, und so verbrachte die Mutter schließlich die Nacht in seinem Zimmer. Um ihn zu beruhigen, setzte sie sich zu ihm aufs Bett und las ihm aus dem Buch von Georges Sand vor. Er überließ sich ganz der Süße dieser Nacht, denn er wusste, eine solche Nacht würde nie wiederkommen, zugleich spürte er, dass er der Mutter etwas abgerungen hatte, das nicht hätte sein dürfen.
Ich ging die Treppe wieder hinunter.
Im orientalischen Zimmer zeichnete das Fenster mit dem farbigen Glas ein buntes Trapez auf das Parkett. Über dem Kamin hingen das Bild einer Orientalin und Fotos von bärtigen Herren. Eine blaue Keramiklampe mit aufgemaltem Blumenmuster baumelte über dem Spieltisch. Auf der schwarzen Kommode stand eine Likörflasche. Wenn die Großmutter nach dem Abendessen noch in den Garten ging und den Rosen, die der Gärtner etwas zu steif angeordnet hatte, eine Spur Natürlichkeit zurückgab, verführte eine der Tanten den Großvater zu einem Gläschen Cognac. Sobald der Großvater, dem der Arzt Alkohol verboten hatte, das Glas an die Lippen hob, rief die Tante nach der Großmutter, damit sie auf ihren Mann aufpasse.
Ich betrat das „rote Zimmer“, wo Sofa, Sessel, Tischdecke und Tapete in einem schweren, dunklen Rot gehalten waren. Die Fenster sind so tief angebracht, dass man durch sie bequem auf die Straße hinaussteigen konnte. Auf dem Sofa saß der feingliederige und empfindsame Junge. Er trug eine breite Schleife um den Hals, ein Samtjackett, Kniebundhosen, helle Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe. Er war ganz vertieft in seine Lektüre. Ich ging still wieder hinaus. Ich wollte ihn nicht stören. Denn der Roman handelt schließlich auch vom Glück des Lesens.
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